„Siehe, ich mache alles neu!“

Quelle: https://www.jahreslosung.eu/downloads/2026/VaB_JL2026-720×300@2x.jpg

  1. allgemeiner Impuls zur Jahreslosung 2026

„Siehe, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21,5)

„Siehe, ich mache alles neu!“ – dieses Wort aus der Offenbarung des Johannes (21,5) steht als ökumenische Jahreslosung über dem neuen Jahr 2026.
Wer diese Losung liest, wird sie unwillkürlich im Licht der eigenen Biographie und vielleicht auch des vergangenen Jahres verstehen.

Für manche klingt diese Losung wie eine Lösung.
Besonders dann, wenn das bisherige Leben oder das vergangene Jahr so verlaufen ist, dass man spontan sagen könnte: „Es kann ja nur noch besser werden!“

Für andere dagegen hat dieser Satz etwas Bedrohliches.
Das gilt für Menschen, die in ihrem Leben oder im vergangenen Jahr etwas erreicht haben, worauf sie lange hingearbeitet haben, die von sich sagen können, dass es ein erfolgreiches Leben oder zumindest ein erfolgreiches Jahr war. Für sie ist es deutlich schwerer, sich darauf einzulassen, dass „alles neu werden wird“. Denn der alte Satz gilt immer noch: „Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach.“

Daneben gibt es Menschen, die dieser Losung mit Argwohn begegnen.
Ihnen ist zwar vom Verstand her klar, dass alles – oder doch zumindest vieles – neu werden müsste.
Aber aus Bequemlichkeit oder festgefahrenen Routinen heraus möchten sie lieber alles beim Alten lassen.
Auch für diese Haltung gibt es ein Sprichwort: „Watt der bur net kennt, dat frett er net!“
Das beschreibt sehr gut, dass man zwar die Notwendigkeit von Veränderungen erkennt, dass einen das Neue und Unbekannte aber gleichzeitig ängstigt.
Und aus Angst – die schon immer ein schlechter Ratgeber war und es bis heute ist – verweigern sie sich dem Neuen.

Doch an dieser Stelle ist die Reihe der möglichen Reaktionen auf die Losung noch längst nicht zu Ende.

Es gibt auch jene, die tief im Inneren, vielleicht sogar unbewusst, spüren, dass es etwas Neues braucht, um ein besseres Leben führen zu können.
Damit ist sowohl das eigene Leben gemeint als auch das Leben unserer Gesellschaft und unser Leben als Teil der Schöpfung, zu der wir in Verantwortung stehen. Trotzdem stehen diesem Empfinden häufig eingefahrene Verhaltensmuster, vermeintliche Sachzwänge, Konventionen oder Erwartungen entgegen.
Diese Erwartungen kommen nicht nur von außen, sondern sind uns – bildlich gesprochen – wie mit der Muttermilch eingeflößt worden.
Und wir wollen sie manchmal „auf Gedeih und Verderb“ nicht aufgeben.

Das ist tragisch, manchmal beinahe dramatisch: Es gibt Lebensweisen oder Zustände, die uns oder anderen nicht guttun.
Dennoch klammern wir uns daran fest.
Wir wissen es zwar vielleicht nicht klar mit dem Kopf, aber wir spüren es innerlich. Manche Menschen treiben diese innere Ablehnung und der Kampf mit sich selbst so weit, dass sie schließlich in einer psychiatrischen Klinik landen.
Gott sei es geklagt: In den letzten 15 Jahren habe ich einige solcher Menschen kennengelernt.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ergibt sich aus der Quelle dieser Losung – der Bibel.
Es ist der Aspekt der Verheißung.
Dabei geht es nicht in erster Linie darum, ob wir diesen Satz als Einladung oder als Bedrohung empfinden.
Vielmehr werden wir auf etwas hingewiesen, das sich unserer eigenen Verfügung entzieht und nicht in unserer Hand liegt.

In diesem Zusammenhang lohnt es sich, noch einmal auf das Wort „neu“ zu schauen.

Was könnte dieses „neu“ bedeuten?

Ist es im Sinn einer Restaurierung gemeint – also so, wie ein altes Objekt oder Gebäude in seinen ursprünglichen historischen Zustand zurückversetzt wird?

Oder geht es um Modernisierung, wenn etwa ein bestehendes Gebäude auf den neuesten Stand gebracht wird, zum Beispiel bei Wärmedämmung oder technischer Ausstattung?

Oder meint es eine Sanierung, bei der Mängel behoben und die Bausubstanz verbessert wird, ohne die eigentliche Struktur zu verändern? Handelt es sich also um eine Transformation?
Wird das ursprüngliche Werk dabei nur so verändert, dass es in neuer Form weiterbesteht?
Oder entsteht etwas völlig Neues, das mit dem alten Werk nichts mehr zu tun hat und es nicht mehr benötigt?

An dieser Stelle möchte ich den heutigen Impuls zur Jahreslosung 2026 unterbrechen.
In einem ersten Schritt wollte ich zeigen, wie ein scheinbar einfacher Satz auf ganz unterschiedliche Weise betrachtet und bedacht werden kann.
Im Laufe dieses Jahres möchte ich einige der heute angedeuteten Gedanken noch vertiefen.

„Siehe, ich mache alles neu!“ –
Grundgütiger, was gibst du uns damit auf den Weg!




Jahre.Wechseln

Impuls zur Jahresschlussmesse 2025

Bild von Robert Balog auf Pixabay

Sie halten eine kleine Zeichnung in der Hand: es zeigt ein Buch und eine brennende Kerze.
Zwei einfache Objekte – und doch erzählen sie viel über uns und über diesen besonderen Moment am Ende eines Jahres.

Wenn wir ein Buch aufschlagen, sehen wir Seiten voller Worte, voller Spuren.
So ist es auch mit dem Jahr, das hinter uns liegt.
Wir tragen seine Zeilen in uns: helle und dunkle, leichte und schwere.
Da sind Begegnungen, die uns froh gemacht haben, Augenblicke, die uns gestärkt haben.
Und da sind andere Seiten – mit Schmerz, Enttäuschung, Verlust.
Nichts davon lässt sich ausradieren.
Und nichts davon müssen wir verleugnen.

Das vergangene Jahr ist wie ein Buch, das wir jetzt – ganz behutsam – schließen.
Nicht, weil es uns egal wäre, sondern weil seine Zeit erfüllt ist.
Es gehört zu unserer Geschichte, aber es liegt nicht mehr in unserer Hand. Wir können es nicht noch einmal leben, nicht verändern, nicht festhalten. Aber wir können es segnen.
Wir können sagen: „Ja, so war mein Jahr.“
Und wir dürfen es Gott zurückgeben – Seite für Seite, so wie es ist.


Und dann ist da die Kerze. Sie brennt im Jetzt.
Ihr Licht ist warm und ruhig. Es erzählt von dem einzigen Moment, der uns wirklich gehört: dem Augenblick.

Nicht gestern, nicht morgen – nur dieser kleine Abschnitt Zeit im Hier und Jetzt, den wir gerade durchschreiten.
Wir stehen an einer Schwelle, und an Schwellen der Zeit wird das Leben still.
Da ist Raum zum Atmen, zum Rückschauen, zum Loslassen.

Die Kerze erinnert uns: Gott ist nicht nur der Gott unserer Geschichte, er ist auch der Gott dieses einen Moments.
Er hält das Vergangene in seiner Hand, und er trägt das Kommende.
Aber der Augenblick – den erfüllt er mit seiner Gegenwart.
Hier und jetzt.


So lade ich Sie ein, in diesem Moment drei kleine Gedankengänge zu wagen:

Das Vergangene loslassen.
Nicht verdrängen – aber in Gottes Hände legen.
Alles, was gelungen ist, und alles, was schmerzt.
Gott nimmt es auf, und er hält es fest.

Dem Kommenden vertrauen.
Wir wissen nicht, was das neue Jahr bringen wird – Herausforderungen, Geschenke, Überraschungen.
Aber wir gehen nicht in etwas dunkles Unbekanntes.
Wir gehen mit dem, der „Jahr und Ewigkeit gemacht hat“.

Den Augenblick hüten.
Diesen Moment hier.
Er ist wie eine Kerze, die brennt.
Er ist das kleine Licht, das uns zeigt: Gott ist da. Jetzt und auch in 2026.

Vielleicht war dieses Jahr für manche von Ihnen besonders schwer.
Vielleicht gibt es Wunden, die offen sind, Worte, die ungesagt blieben, Chancen, die verloren gingen.
Alles das dürfen Sie heute ablegen.
Nicht, um es wegzuschieben, sondern um es aufgehoben zu wissen.

Vielleicht tragen Sie auch Dank in sich: Menschen, die Ihnen gutgetan haben, Erfahrungen, die Sie getragen haben, Augenblicke der Freude.
Auch das hat Platz in Gottes Händen.

Wenn wir also das neue Jahr betreten, dann gehen wir nicht einfach weiter in eine neue Reihe von Tagen.
Wir gehen begleitet.
Wir gehen von Licht berührt.
Und wir gehen mit einem Gott, der auch unsere vergangene Geschichte kennt – und weiter-schreibt.

So lassen Sie das Bild noch einmal auf sich wirken:
Ein Buch, das geschlossen wird und einen Platz findet in Gottes Bibliothek.
Und eine Kerze, die brennt – für diesen Augenblick, der uns geschenkt ist.

Möge Gott unser neues Jahr mit seinem Licht erfüllen.
Möge ER unsere Wege segnen, unsere Wunden heilen, unsere Hoffnung stärken.
Und möge ER Seite für Seite mit uns beschreiben – heute, morgen, und jederzeit, wie es auch kommen mag.

Gott hält auch unser Buch des Lebens 2025 in SEINEN Händen –
Bild von StockSnap auf Pixabay



Abschied(e)

Dieses Jahr ist bei mir von vielen Abschieden geprägt.

Emotional am meisten belastet mich der Abschied eines guten Freundes, den ich seit fast 50 Jahren kannte und wir regelmäßig in Kontakt waren.

Aber auch der Abschied meiner evangelischen Kollegin aus der Krankenhaus-Seelsorge belastet mich emotional sehr.

Mit ihr verliere ich eine sehr geschätzte, profilierte und hochqualifizierte Seelsorge-Kollegin, mit der ich überaus wertvoll eng und ökumenisch zusammen gearbeitet habe.
Sie schloss sich nahtlos an die sehr gute ökumenische Zusammenarbeit mit ihrem Vorgänger, Pfarrer Nerenz, an.
Frau Gehrke-Marolt verfügt über überaus reiche Qualifikationen für die Seelsorge in einer Psychiatrie und bringt – quasi als Handwerkszeug – auch ihre Qualifikation als Supervisorin mit.
Mit ihrem Abschied geht eine über 20 Jahre lang bestehende engste ökumenische Zusammenarbeit in diesem Krankenhaus, insbesondere zum Nutzen der PatientInnen, aber auch der Mitarbeitenden zu Ende.
Der Grund liegt darin, dass das zuständige Klinikum, die evangelische Seelsorge ‚auf eigene Beine stellen‘ will und nun eigene SeelsorgerInnen zur Einstellung sucht.

Insbesondere die PatientInnen in der Psychiatrie profitierten bislang sehr von dieser Beständigkeit in der ökumenischen Seelsorge.
Sie stellte auch eine kontinuierliche Begleitung von PatientInnen sicher, die wochen- oder sogar monatelang in diesem Krankenhaus behandelt wurden.

Über die konfessionellen Grenzen und Zuständigkeiten hinweg, haben wir uns – einvernehmlich mit unseren kirchlichen Verantwortlichen und Dienstvorgesetzten – gegenseitig vertreten.
Das begann schon mit der Absprache unserer Urlaubs- und Abwesenheitsplanungen.
Eine solche Absprache, Koordination und Zusammenarbeit geht weit über das hinaus, was man hinlänglich an ökumenischer Zusammenarbeit in anderen Bereichen kirchlichen Wirkens erleben kann.
Insofern war diese gelebte Ökumene ein Meilenstein in der kirchlichen Geschichte Oberhausens.

Demnächst – und das ist für die nächsten Wochen schon absehbar – kann es geschehen, dass es für Tage und wenige Wochen wahrscheinlich überhaupt keine(n) seelsorglichen AnsprechpartnerIn geben wird.
Dies alles ist jetzt radikal beendet, ja zerstört, worden und ich persönlich bezweifle stark, dass so etwas Zukunftsweisendes fortgeführt werden wird.

Zudem kommt, – wie immer auch die Gestaltung der evangelischen Seelsorge durch das Klinikum aussehen wird – dass für die Seelsorge in einer Psychiatrie, hohe persönliche und fachlich qualifizierte Fähigkeiten nötig sind.
So haben Krankenhaus-SeelsorgerInnen in einer Psychiatrie neben der für alle Krankenhaus-Seelsorgenden verpflichtenden KSA-Ausbildung auch noch eine zusätzliche Qualifizierung über zwei Jahre: „Psychiatrieseelsorgeausbildung“ gemacht.

Es werden also, wenn mögliche NachfolgerInnen nicht schon diese Qualifikationen mitbringen, Jahre vergehen, bevor es einen adäquaten Ersatz für meine Kollegin geben wird.

Ich selber kann beim besten Willen nicht verstehen, was die überzeugende Idee sein könnte, die hinter dieser Unternehmensentscheidung steht.

Als Seelsorgende, die auch noch selber diese gravierenden Veränderungen im Haus kommunizieren mussten, haben wir auf Seiten der Mitarbeitenden und der PatientInnen fast durchweg in erstaunte, frustrierte Gesichter gesehen, die diese Entwicklung ebenso nicht verstehen und nachvollziehen können.

Was mich aber ermutigt ist, dass die Seelsorge im betroffenen Krankenhaus selber große Wertschätzung genießt, die mich hoffen lässt, dass wir mit viel Geduld und Kompromissbereitschaft auch in Zukunft eine katholische Seelsorge anbieten können, die – entsprechend ihrem kirchlichen Auftrag und Anspruch – unabhängig von Unternehmensentscheidungen segensreich für PatientInnen, ihren engsten Zugehörigen und den Mitarbeitenden wirken kann.

Denn: die Menschen brauchen uns als Seelsorgende!
Sie ist unverzichtbar in einem Krankenhaus, neben den therapeutischen Angeboten und keineswegs ein Nischenprodukt!
Wir haben oft die Zeit und können die Menschen ganzheitlich seelsorglich, religiöse und spirituell begegnen und begleiten, wie es sonst kein anderer Dienst im Krankenhaus leistet.
DAS ist UNSER ALLEINSTELLUNGSMERKMAL!

Die ökumenische Jahreslosung für das Jahr 2026 ist für mich persönlich daher Motivation und Ermutigung, dass mit dem Wirken des Heiligen Geistes das gute Werk, das Gott in uns und in der Krankenhaus-Seelsorge dort begonnen hat, segensreich weitergeführt werden kann, entgegen allen äußeren Umständen und Einwirkungen:

„Siehe, ich mache alles neu!“




Weihnachten.Leuchten.Sterne

Bild von Hello Cdd20 auf Pixabay

Ein Stern für unseren Alltag

Es ist Weihnachten.
Eine Nacht, in der wir innehalten dürfen.
Draußen ist es dunkel, die Welt kommt zur Ruhe, und irgendwo leuchtet ein Stern.
Vielleicht über einer Krippe. Vielleicht am Fenster eines Hauses.
Vielleicht auch nur in der Erinnerung.

Weihnachten erzählt von einem Licht, das nicht laut ist.
Kein blendender Glanz, kein Feuerwerk.
Ein Stern reicht.
Ein stilles Zeichen am Himmel, das sagt: Die Dunkelheit hat nicht das letzte Wort.

Dieser Stern von Bethlehem ist mehr als eine schöne Geschichte.
Er erzählt davon, dass Gott nicht auf Abstand bleibt.
Dass er sich nicht aus dem Leben heraushält, wenn es schwierig wird.
Im Gegenteil: Gott kommt mitten hinein.
In eine arme Familie. In einen Stall. In eine Nacht voller Unsicherheit.
Weihnachten heißt: Gott ist da – genau dort, wo das Leben zerbrechlich ist.

Vielleicht ist das der Grund, warum uns dieses Fest bis heute berührt.
Weil wir die Dunkelheit kennen.
Weil wir wissen, wie sich Müdigkeit anfühlt, Sorge, Angst vor dem Morgen.
Weil unser Alltag oft mehr fordert, als wir geben können.
Und weil wir uns danach sehnen, dass uns jemand begleitet.

Der Stern von Bethlehem war ein Wegweiser.
Er führte Menschen, die sich aufmachten, ohne den ganzen Weg zu kennen.
Die Weisen folgten ihm nicht, weil sie alles verstanden hatten,
sondern weil sie hofften.
Weihnachten beginnt mit diesem Vertrauen:
dass ein kleines Licht genügt, um weiterzugehen.

So ist es auch mit dem Glauben im Alltag.
Er ist nicht immer stark.
Manchmal ist er brüchig wie ein alter Papierstern am Fenster.
Doch wenn es dunkel wird, beginnt er zu leuchten.
Nicht perfekt, aber tragend.

Weihnachten sagt uns:
Gott ist Immanuel – Gott mit uns.

Nicht über uns, nicht fern von unserem Leben,
sondern mitten in unseren Tagen, unseren Beziehungen, unseren Fragen.
Wir müssen nichts vorweisen, nichts leisten.
Wir kommen mit dem, was wir haben:
Liebe und Sehnsucht, Hoffnung und Schmerz.
Das ist genug.

Der Stern über der Krippe zeigt bis heute den Weg.
Nicht hinaus aus der Welt,
sondern hinein in unser Leben.
Er erinnert uns daran, dass Gott uns begleitet –
leise, treu und voller Licht.

Das ist der Zauber von Weihnachten.
Ein Stern.
Und die Zusage: Du bist nicht allein.

Und es geht noch weiter.
Denn das Schöne an Weihnachten ist auch:
Weihnachten endet nicht an der Krippe.
Der Stern bleibt nicht am Himmel stehen.
Er will unseren Weg berühren.

Denn wenn Gott in diese Welt kommt,
dann verändert das etwas.
Nicht auf einmal, nicht spektakulär.
Aber leise, von innen heraus.

Weihnachtlicher Glaube heißt zuerst:
Wir müssen die Dunkelheit nicht verdrängen.
Wir dürfen sie ansehen – und trotzdem hoffen.
Der Stern leuchtet nicht, weil alles gut ist,
sondern weil Gott mitten im Unfertigen da ist.
Das schenkt Vertrauen für den nächsten Schritt.

Und dieses Vertrauen bleibt nicht privat.
Wer unter dem Stern lebt, sieht die Welt anders.
Wir beginnen, Menschen wahrzunehmen:
die Müden, die Einsamen, die Übersehenen.
So wie Gott hinsieht – ohne Vorbehalt.

Weihnachten erinnert uns daran,
dass Gott klein geworden ist.
Verletzlich. Angewiesen auf Nähe.
Darum zeigt sich christlicher Glaube nicht zuerst in großen Worten,
sondern in offenen Augen und offenen Händen.
Im Zuhören. Im Teilen. Im Dableiben.

Der Stern weist auch heute Wege des Friedens.
Nicht den schnellen Frieden,
sondern den geduldigen.
Den, der im Kleinen beginnt:
wenn wir nicht zurückschlagen,
wenn wir versöhnen statt verhärten,
wenn wir den Mut haben, Brücken zu bauen.
Weihnachtliche Hoffnung glaubt: Frieden wächst dort,
wo Menschen sich vom Licht leiten lassen.

Und der Stern leuchtet über die ganze Schöpfung.
Über Felder und Tiere, über Himmel und Erde.
Das Kind in der Krippe liegt nicht fern von der Natur,
sondern mitten in ihr.
Weihnachten sagt uns: Diese Welt ist Gott nicht egal.

Darum tragen wir Verantwortung für das,
was lebt, in dem wir dafür dankbar sind
und es achtsam bewahren.

Christlich leben heißt dann:
Spuren des Sterns im Alltag hinterlassen,
damit auch die Dunkelheit woanders
durch das Licht unseres Sterns etwas heller wird.

Wir können die Welt nicht retten.
Aber wir können leuchten.
Nicht grell, nicht perfekt –
sondern wie ein Stern:
still, beständig, hoffnungsvoll.

So wird Weihnachten mehr als ein Fest.
Es wird eine Haltung.
Ein Vertrauen, das trägt.
Ein Licht, das wir weitergeben.

Und vielleicht ist das das Schönste:
Dass Gott uns zutraut,
selbst ein wenig Stern zu sein –
für andere.
Für diese Welt.


Bild: www.pixabay.com



Eiskalte Traurigkeit

Zum Tod meines Freundes Rainer Dubberstein, Münster –

Da ist sie wieder,

diese innere Traurigkeit,
die emotionale Entwurzelung,
das innere Zittern und eisige Kälte, die meine Herzwand berührt
und den Schmerz verursacht,
des Abschieds,
des endgültigen….


Fast 50 Jahre war ich mit Rainer befreundet, wir lernten uns in unserer Berufausbildung 1978 kennen.
Er war Auszubildender bei der Handwerkskammer Münster, ich bei der Kreishandwerkschaft Gelsenkirchen.
Im Januar 1981 machten wir beide vorzeitig unsere Abschlussprüfung.
Später arbeiteten wir oft zusammen und daraus entstand eine sehr persönliche Freundschaft, die bis zu seinem Tod Bestand hatte.
Wir trafen uns, bis zum Beginn meines Long-Covid, mindestens ein Mal im Jahr, manchmal auch zwei Mal.
Alle drei bis vier Monate führten wir lange, ausführliche Telefonat (selten unter 90 Minuten!).
Rainer las auch regelmäßig meine Blog-Beiträge und teilte mir dazu auch seine Gedanken.

Obwohl in der (relativen) Ferne, waren wir uns persönlich immer sehr nah.
Sein Tod erschüttert mich, denn ich hätte nie gedacht, dass er so früh stirbt.
Er war sportlich, lief seit Jahren Marathon, in Münster, anderorts aber auch im Ausland.
Er reiste gerne und liebte die Stadt Wien. In den letzten Jahren wuchs auch seine Liebe für Osteuropa, besonders auch für Polen.
Mit ihm starb ein Teil meines eigenen Lebens und meiner Biographie.
Ich bin unendlich traurig und bin zugleich so dankbar für das große Geschenk dieser langjährigen, sehr persönlichen Freundschaft.

Rainer war – wie ich ihm häufiger persönlich bekannte – eine durch und durch „treue Seele“.

Nun ist er Ende August von uns gegangen.

Lieber Rainer, ich werde dich nie vergessen, die gemeinsamen Unternehmungen, die vielen tiefgehenden Gespräche und die ellenlangen Telefonate, die wir mehrmals im Jahr geführt haben.

Mir bleibt nur ein stilles und schmerzlich-trauriges: „Adieu!“

Du,
treue Seele,
guter Freund,

fast fünfzig Jahre lang …!
Dein Lebensbuch
schloss sich zu früh!
Adieu!
Ich weine um dich!

Foto: Bild von Daria Głodowska auf Pixabay, Text: Gerd Wittka




Gaudete

Bild von Herbert auf Pixabay

Besinnliche Texte zum dritten Adventssonntag – Lesejahr A –

Wo die Wüste zu singen beginnt – Zur Lesung von Jesaja 35, 1-6b.10

Die Wüste atmet auf.
Dort, wo Staub die Sonne schluckte
und Stille schwer auf dem Horizont lag,
regt sich ein erstes Grün –
zart wie ein Flüstern,
das noch nicht weiß,
dass es ein Lied werden wird.

Vertrocknete Hände heben sich,
müde Knie richten sich auf.
Ein Mut wächst,
der längst vergessen schien.
Denn einer spricht: „Fürchtet euch nicht.“
Und dieses Wort geht wie Wasser
über dürre-rissige Erde.

Dann kommt es –
wie ein Licht, das niemand festhalten kann:
Augen öffnen sich,
Ohren hören wieder,
Zungen lösen sich
und finden den Ton der Freude.
Die Lahmen tanzen
und tragen die Hoffnung vor sich her
wie ein frisch entzündetes Feuer.

Bild von AZArtist auf Pixabay

Die Steppe blüht,
als hätte sie auf diesen Moment gewartet
seit Anbeginn der Welt.

Und die Heimkehrenden gehen los –
auf einem Weg, der heilig genannt wird,
weil er zurückführt
in das Herz Gottes.

Kein Räuber hält sie auf,
kein Schatten legt sich ihnen in den Weg.
Freude holt sie ein,
und Schmerz und Seufzen
fallen von ihnen ab
wie altes Laub.

Am Ende ist nur noch Jubel,
der Himmel und Erde füllt –
und eine Wüste,
die endlich weiß,
dass auch sie
für die Blumen geschaffen ist.

© Gerd Wittka, Dezember 2025


Zum ‚Gaudete‘-Sonntag

Foto: Gerd Wittka, 2024

Der dritte Advent trägt eine andere Farbe als die Tage zuvor:
ein zartes Rosa, das wir hier wirklich nur an der Farbe der Hintergrundbeleuchtung und an dieser rosafarbenen Kerze auf dem Altar erkennen und das
aufscheint wie das erste Licht des Morgens
am Rand einer langen Nacht, wie wir es auch am vergangenen Montag und Dienstag draußen erleben konnten.

„Gaudete – Freuet euch!“
So klingt es an diesem Sonntag im Advent –

und doch scheint die Welt ringsum es eher lauter zu übertönen:
volle Straßen, eilende Schritte,
Listen, Termine, Erwartungen;
als müssten wir Weihnachten herbeischaffen,
anstatt es zu empfangen.

Doch gerade hier,
mitten in der Geschäftigkeit,
beginnt die Freude,
von der die kirchliche Verkündigung heute spricht.

Es ist keine laute Freude,
keine, die übertönt oder überstrahlt.

Es ist die Freude der leisen Töne, die dort wächst,
wo wir still werden, wo wir uns Auszeiten nehmen,
zum Innehalten in diesen dunklen Tagen und wir darüber nachdenken, was es für uns heißen kann, dass Gott in Christus zu uns kommt und uns für seine frohe Botschaft begeistern möchte.

Diese leise Freude kann dort aufbrechen, wo ein Mensch für einen Augenblick in sich hinein horcht und die Worte meditiert:
„ER kommt.“

Der Verheißene,
der Retter,
der unser Herz berühren und bewegen wird
wie eine Hand, die sanft Türen öffnet.

„Machet die Tore weit“,
singt der Psalm,
„und die Türen in der Welt hoch, damit der König einziehe …“

Das ist keine praktische Bauanleitung, jetzt in der kalten Jahreszeit tatsächlich Türen und Tore zu öffnen.
Das wäre energetisch auch ziemlich widersinnig!

Und die wir diese Zeilen aus dem Psalm lesen und beten, wissen das selbstverständlich und verstehen darin die Bild-Sprache, die eine Einladung an unsere Seele ist:

• Schaffe Raum in dir und um dich herum, der dir Befreiung und Weite schenkt, 
• Leere in deinem Leben, was vollgestopft ist.
• Verliere dich nicht in dem,

was angeblich jetzt so wichtig ist.

Denn der König, oder besser: dein Erlöser, der kommen will,
tritt nicht ein
durch geschmückte Eingangshallen,
sondern durch die stille Kammer deines Herzens.

Er findet Wege,
wo du ihm Wege freigibst,
durch Ruhe,
durch Einkehr,
durch das stille Hoffen auf seine Wohltaten,
die er der „aufgescheuchten Seele schenken möchte, für das Heil, das er uns bereitet hat“, wie Dietrich Bonhoeffer in seinem bekannten Lied schrieb.

Gaudete –
Freut euch!

Weil die Freude nicht das Ziel,
sondern die Frucht des Wartens ist.
Weil Gott selbst im Kommen begriffen ist,
auch wenn wir es noch nicht sehen.

Weil ein leises, unscheinbares Licht
bereits den Horizont berührt
und uns zuflüstert:
Die Nähe Gottes wächst –
und mit ihr
die wahre Freude.