„Herr, zeig uns den Vater.“

Symbolbild, Bild von Chil Vera auf Pixabay

Impuls zum 5. Sonntag der Osterzeit – 2026

Schriftstelle: Johannes-Evangelium Kapitel 14, 1-12

So tauchen wir ein, in die Szene, die uns heute in diesem Impuls beschäftigt.

Philippus spricht diesen Satz – und mit ihm sprechen wir alle, die wir uns fragen: Wie können, dürfen, sollen wir uns Gott vorstellen?

Manche Religionen verbieten Bilder von Gott, weil sie die Versuchung fürchten, Gott zu vergegenständlichen.

Auch das Christentum kennt die Auseinandersetzung um Bilderkult und Bilderverbot.

Und doch bleibt die Sehnsucht:

Wir wollen Gott sehen, wir wollen ihn finden, wir wollen eine persönliche Beziehung zu ihm.

Das ist kein abstraktes Problem.

Viele Menschen heute ringen damit: Gott als „Vater“, und zugleich betonen immer mehr Menschen die mütterliche Seite Gottes – „sorgender Vater und liebende Mutter“.

Gott als Schöpfer, als personaler Gott, und doch so unbegreiflich.

Manche tun sich schwer, eine persönliche Beziehung zu einem Gott aufzubauen, der zugleich so groß und so fern erscheint.

Genau diese Spannung steckt in Philippus’ Bitte: Zeig uns den Vater.

Mach ihn sichtbar, mach ihn erfahrbar.

Jesus antwortet nicht mit einer theologischen Definition, sondern mit einer überraschend konkreten Aussage: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“

Das ist nicht nur ein Hinweis auf ein historisches Gesicht, das man einst gesehen hat.

Es ist eine Einladung, Jesus zu erkennen – seine Haltung, seine Lebensweise, seine Zuwendung.

Wer Jesus versteht, wer seine Art zu leben und zu handeln erkennt, der erkennt etwas vom Wesen Gottes.

Wenn wir das genauer bedenken, wird klar:

Jesus ist kein Bild, das man an die Wand hängt.

Er ist das lebendige Abbild Gottes.

In ihm sehen wir den Menschen, wie Gott ihn gedacht hat: frei, zugewandt, barmherzig, und doch nicht bloß ein Spiegel unserer Wünsche.

In Jesus begegnet uns Gottes Zuwendung, Gottes Erbarmen, seine Souveränität gegenüber unseren Projektionen.

Jesus zeigt, wie Gott handelt – nicht als Idee, sondern als gelebte Wirklichkeit.

In Jesus sehen wir den Menschen, wie ihn Gott gedacht hat.

Das heißt nicht, dass Jesus ein Idealbild ist, das wir nur bewundern sollen. Es heißt: In seinem Leben wird sichtbar, was möglich ist, wenn ein Mensch in Freiheit und in Liebe lebt, ohne sich von Gott zu lösen.

Und das ist zugleich ein Bild davon, wie Gott ist: zugewandt, heilend, herausfordernd, und doch unabhängig von unseren Wunschträumen.

Jesus geht noch einen Schritt weiter: Er verspricht, dass die, die an ihn glauben, die Werke vollbringen werden, die er vollbringt – und sogar größere.

Das klingt groß und kann leicht überfordern.

Vielleicht ist es hilfreich, das nicht als Leistungsauftrag zu lesen, sondern als Verheißung:

Wenn wir in Beziehung zu Jesus treten, wenn wir seine Worte und Werke in unser Leben lassen, dann wirkt Gottes Kraft durch uns.

Nicht weil wir stärker sind, sondern weil wir verbunden sind.

Was heißt das konkret für unser Leben heute?

Ich möchte drei einfache Wege vorschlagen, die aus deiner Überlegung folgen:

– Schau auf Jesus. Nicht als historische Figur, die weit weg ist, sondern als Mensch, dessen Worte und Taten uns heute ansprechen. Lies seine Worte, hör auf seine Art zu handeln, achte auf seine Nähe zu den Ausgegrenzten, seine Geduld, seine Klarheit.

Übe die Freundschaft mit Christus. Freundschaft wächst durch Zeit, durch kleine Gesten, durch Vertrauen. Das kann im Gebet sein, im Hören auf die Schrift, im Gespräch mit anderen, im Tun, das seinem Geist entspricht.

Lass dich von seinen Werken prägen. Wenn Jesus heilt, versöhnt, tröstet, dann sind das keine abgeschlossenen Taten der Vergangenheit. Sie sind Muster, nach denen wir unser Handeln ausrichten können – nicht um zu beweisen, dass wir gut sind, sondern um Raum zu schaffen, in dem Gottes Liebe sichtbar wird.

All das ist keine Garantie für einfache Antworten.

Es bleibt ein Suchen, ein Fragen, ein Tasten, ein Ringen.

Aber gerade dieses Suchen ist Teil des Glaubenslebens.

Philippus’ Frage ist eine ehrliche Frage – und Jesus’ Antwort ist eine Einladung: Komm näher, schau hin, erkenne mich – und du wirst den Vater erkennen.

So können wir Schritt für Schritt in eine tiefere, vertrautere Beziehung zu Christus hineinwachsen – und dadurch auch in die Beziehung zu dem Gott, der für Jesus „sorgender Vater und liebende Mutter“ ist.

Es ist ein Weg, der Zeit braucht, der Geduld verlangt und der immer wieder neu beginnt.