HEUTE Priester sein …

Realitäten wahrnehmen – Konsequenzen tragen
Heute Priester zu sein,
bedeutet, in einer Wirklichkeit zu stehen,
die sich tiefgreifend verändert hat.
Viele Bilder, Erwartungen und Vorstellungen
stammen aus einer Zeit,
in der Kirche anders funktionierte,
in der mehr Menschen, mehr Ressourcen,
mehr Verfügbarkeit selbstverständlich waren.
Doch diese Zeit ist vorbei.
Die Welt hat sich gewandelt,
Kirche hat sich gewandelt,
und der priesterliche Dienst
steht mitten in diesem Wandel.
Die Zahl der Priester sinkt,
Aufgaben wachsen,
und die Grenzen des Machbaren
werden enger – nicht aus mangelndem Willen,
sondern aus schlichter Realität.
Trotzdem halten viele
an Bildern,
Vorstellungen und Erwartungen fest,
die längst nicht mehr tragen.
Theoretisch wird anerkannt,
dass sich vieles verändert hat.
Doch sobald es konkret wird,
sobald es das eigene Leben berührt,
scheint diese Einsicht zu verblassen.
Dann zählen oft nur noch
die eigenen Erwartungen,
die eigenen Vorstellungen,
die eigenen Maßstäbe.
Dabei wird selten gefragt,
ob diese Erwartungen realistisch sind,
ob sie den heutigen Möglichkeiten entsprechen,
ob sie einem Menschen gerecht werden können,
der seinen Dienst treu und ehrlich tut,
aber nicht allgegenwärtig sein kann.
Denn Priester sind Menschen.
Mit Grenzen,
mit Bedürfnissen,
mit Zeiten des Rückzugs,
mit Momenten der Erschöpfung.
Sie sind keine Maschinen,
keine Dienstleistungsautomaten,
keine Wesen, die rund um die Uhr
verfügbar sein können.
Selbst Jesus
war nicht immer erreichbar.
Er zog sich zurück,
er wählte aus,
er heilte nicht alle,
er war nicht überall.
Wenn ER als Mensch Grenzen hatte,
wie viel mehr gilt das
für jene, die in seinem Namen handeln.
Darum braucht es heute
mehr als nostalgische Bilder
und alte Erwartungen.
Es braucht die Bereitschaft,
Realitäten wahrzunehmen
und anzunehmen.
Es braucht die Einsicht,
dass Begrenzungen
kein Zeichen von Schwäche sind,
sondern Ausdruck von Menschlichkeit.
Und vielleicht auch die Offenheit,
dass die Begrenztheit eines Priesters
nicht gegen mich gerichtet ist,
sondern Teil einer gemeinsamen Wirklichkeit,
die uns alle betrifft –
heute und in Zukunft.


