13.02.2026

Pacing ist leicht – bis es schwer wird

Gestern habe ich mir wieder einmal selbst ein Bein gestellt.
Der Tag fing eigentlich gut an: Arbeit im Krankenhaus mit Krankensalbung und zwei Gesprächen,
ein bisschen Arbeit für den diesjährigen Ostergruß, die Planung der Bestellung von Osterkerzen – alles in einem Rahmen, der sich gut anfühlte.

Doch dann kam der Moment, in dem ich dachte: Ach, eine kleine Aufgabe geht noch.

Also habe ich mich noch an ein paar organisatorische unverzichtbare private Aufgaben gesetzt, die schon länger darauf warteten, erledigt zu werden. Es dauerte nur etwas über eine Stunde, aber die hat den Ausschlag gegeben.

Das Ergebnis kenne ich inzwischen nur zu gut.

Erst wurde mir schwindelig, dann war der Kopf wie Watte. Ich sage dann immer: „Ich habe Matsche im Kopp!“

Am Ende des Tages ging gar nichts mehr – nicht einmal fernsehen oder Musik hören.

Die Nacht war entsprechend unruhig.

Es ist frustrierend, weil ich eigentlich weiß, wie gut Pacing funktioniert, wenn ich mich konsequent daran halte.

Aber die Versuchung, „nur noch schnell“ etwas wegzuarbeiten, ist manchmal größer als die Vernunft.

Die Quittung kam prompt.

Heute steht deshalb ein Ruhetag an.

Hoffentlich reicht das, damit morgen zwei Gottesdienste möglich sind.

Jetzt heißt es erst einmal: langsam in den Tag kommen, zuhause bleiben, Kräfte sammeln.

Später reicht die Energie vielleicht für ein Telefonat – mehr aber auch nicht.

Long Covid bleibt ein strenger Lehrmeister. Und ich lerne immer noch.




atem.los.singen

Ich habe heute über eine Mitsänger in unserem Junger Chor Beckhausen ein Video geteilt bekommen, das mir echt unter die Haut geht.
Ich verlinke es hier mal:

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Ja, wir nehmen gerade dieses Lied in einer geänderten Fassung in unser Repertoire auf.
Aber das ist es nicht, was mir nahe geht.

Mir geht es nahe, dass dieser Sänger mich an PatientInnen in unserer Lungenklinik erinnert, die ebenfalls solche Sauerstoffgeräte brauchen.
Ich weiß, wie anstrengend für sie oft das Atmen bzw. die Sauerstoffversorgung ist.

Dieses Lied im Video zeigt mir, dass es auch bei solchen Erkrankungen Lieder gibt, die mit solchen Einschränkungen gesungen werden können!

Ich wünsche allen PatientInnen, die an verschiedensten Lungenerkrankungen leiden und denen oft die Luft bzw. der Sauerstoff zum Atmen fehlt, dass sie dennoch entdecken, wozu sie vielleicht noch fähig sind, und wenn es nur ein gehauchtes Lied ist, das aus dem Herzen kommt und zu Herzen geht.




25.01.2026: Beistand

Gestern durfte ich erleben, wie eine dritte Person mir zur Seite sprang, als es wieder um meinen Umgang mit Long-Covid ging.

Landläufig gilt ja die Regel, dass man Leistungsfähigkeit antrainieren kann, und zwar durch regelmäßige Belastung, die man bewusst allmählich steigert.
Das ist bei gesunden Menschen so.

Nur:
Mein Problem ist, dass die meisten Menschen meinen, ich könnte mir mit meinem Long-Covid bessere Leistungsfähigkeit antrainieren. Das funktioniert bei Long-Covid mit dem Erschöpfungssyndrom aber nicht.
Ich kann nur hoffen, dass ich, wenn ich bis zu meinen Grenzen gehe und sie nicht permanent überschreite, allmählich so gesunden kann, dass ich peu a peu wieder mehr leisten kann.

‚Pacing‘, um das es hier geht, bedeutet: nicht zu wenig zu tun, aber auch nicht zu viel!
Und ich muss – wirklich – jeden neuen Tag in mich hineinspüren und abzuschätzen versuchen, welche Ressourcen ich jeweils am Tagesanfang zur Verfügung habe.
Diese Ressourcen muss ich mit meinen dienstlichen und privaten Verpflichtungen abgleichen und dann daraufhin meinen Tag gestalten.
Habe ich einen Fehlgriff getan und mich falsch eingeschätzt folgt die Reaktion meines Körpers auf dem Fuße und erleide einen ‚crash‘.
Erst über Wochen und Monate bekam ich ein besseres Gespür für die richtige Einschätzung.

Es ist gut, dass das Wissen um Long-Covid und Pacing auch bei nicht betroffenen Menschen mehr und mehr zunimmt.

Und wer sich dafür interessiert, aber sich damit noch nicht so auskennt, der/dem empfehle ich sehr dieses leicht lesbare und verständliche Buch von Maria A. Sinning: Peer’s Körperfabrik!




16.01.2026

Laudes gebetet
Gottesdienst final beendet und ausgedruckt
Einige dienstliche Emails und Anfragen beantwortet
Etwas in der Küche ‚klar Schiff gemacht‘
Spülmaschine angestellt
runter in den Keller: Wäschetrockner angestellt
neue Ladung in die Waschmaschine
etwas ausgeruht
dann weiter in der Küche etwas gemacht
wieder geruht
aber weiter hoch motiviert
ab in den Keller: Wäsche erledigen.
wieder hoch
und

k a p u t t!

Es ist 14.30 Uhr und mein Tagespensum habe ich schon erreicht.

Das frustriert, weil ich noch wollte

Wollen, aber nicht können!
Long-Covid




Vortasten

Bild: randomhh – Pixabay

Trauern

ist das
behutsame
Vortasten
an eine Wirklichkeit

die unabänderlich
einen Schlusspunkt
in
meinem Leben
gesetzt hat

unbeantwortbare Fragen
bleiben stehen
in einem Raum
der
plötzlich
kalt und leer

und
nach und nach
mit Erinnerungen
gefüllt wird.

( Gerd A. Wittka, 13.01.2026)




Eiskalte Traurigkeit

Zum Tod meines Freundes Rainer Dubberstein, Münster –

Da ist sie wieder,

diese innere Traurigkeit,
die emotionale Entwurzelung,
das innere Zittern und eisige Kälte, die meine Herzwand berührt
und den Schmerz verursacht,
des Abschieds,
des endgültigen….


Fast 50 Jahre war ich mit Rainer befreundet, wir lernten uns in unserer Berufausbildung 1978 kennen.
Er war Auszubildender bei der Handwerkskammer Münster, ich bei der Kreishandwerkschaft Gelsenkirchen.
Im Januar 1981 machten wir beide vorzeitig unsere Abschlussprüfung.
Später arbeiteten wir oft zusammen und daraus entstand eine sehr persönliche Freundschaft, die bis zu seinem Tod Bestand hatte.
Wir trafen uns, bis zum Beginn meines Long-Covid, mindestens ein Mal im Jahr, manchmal auch zwei Mal.
Alle drei bis vier Monate führten wir lange, ausführliche Telefonat (selten unter 90 Minuten!).
Rainer las auch regelmäßig meine Blog-Beiträge und teilte mir dazu auch seine Gedanken.

Obwohl in der (relativen) Ferne, waren wir uns persönlich immer sehr nah.
Sein Tod erschüttert mich, denn ich hätte nie gedacht, dass er so früh stirbt.
Er war sportlich, lief seit Jahren Marathon, in Münster, anderorts aber auch im Ausland.
Er reiste gerne und liebte die Stadt Wien. In den letzten Jahren wuchs auch seine Liebe für Osteuropa, besonders auch für Polen.
Mit ihm starb ein Teil meines eigenen Lebens und meiner Biographie.
Ich bin unendlich traurig und bin zugleich so dankbar für das große Geschenk dieser langjährigen, sehr persönlichen Freundschaft.

Rainer war – wie ich ihm häufiger persönlich bekannte – eine durch und durch „treue Seele“.

Nun ist er Ende August von uns gegangen.

Lieber Rainer, ich werde dich nie vergessen, die gemeinsamen Unternehmungen, die vielen tiefgehenden Gespräche und die ellenlangen Telefonate, die wir mehrmals im Jahr geführt haben.

Mir bleibt nur ein stilles und schmerzlich-trauriges: „Adieu!“

Du,
treue Seele,
guter Freund,

fast fünfzig Jahre lang …!
Dein Lebensbuch
schloss sich zu früh!
Adieu!
Ich weine um dich!

Foto: Bild von Daria Głodowska auf Pixabay, Text: Gerd Wittka