Impuls zum 7. Sonntag der Osterzeit – Lesejahr C – 2025
Wenn wir heute beim Lesen der Apostelgeschichte und im Evangelium beobachten, wie Stephanus und Jesus beide ihren Blick zum Himmel heben, dann sehen wir mehr als ein frommes Symbol. Ihr Blick, himmelwärts, zeigt uns einen Weg: Er führt uns hinaus aus dem reinen Alltag, hinein in die weite Perspektive des Glaubens und der Hoffnung.
Stephanus, erfüllt vom Heiligen Geist, sieht im Angesicht seines Martyriums die Herrlichkeit Gottes und den Menschensohn zur Rechten des Vaters. Sein Blick sagt uns: Es gibt mehr als das, was wir sehen und anfassen können. Wenn wir – mitten in einer Welt voller Eilmeldungen und Unsicherheiten – selbst unsere Augen zum Himmel heben, bewahren wir uns die Zuversicht, dass Gott auch im Undurchsichtigen und Dunkel bei uns ist. Diese Hoffnung ist keine Flucht in eine rosarote Wolke, sondern eine feste Gewissheit: Unser Leben ist getragen von einer Verheißung, die weit über das Hier und Jetzt hinausreicht.
Dieses himmelwärts Sehen verbindet sich in beiden Erzählungen untrennbar mit dem Gebet.
Jesus betet im Johannesevangelium mit erhobenen Augen zum Vater und bittet um die Einheit aller Glaubenden. Gebet ist dabei aber mehr als eine Liste von Bitten: Es ist Kontemplation und Gemeinschaft, in der wir lernen, auf Gottes Wort zu hören.
Wenn wir im stillen Gebet innehalten und unsere inneres Auge himmelwärts ausrichten, öffnen wir uns der göttlichen Gegenwart und erkennen: Unser Glaube ruft uns gleichzeitig dazu auf, Brücken zu bauen – innerhalb unserer Gemeinschaft und darüber hinaus, zwischen Konfessionen und Kulturen.
Und das „zum Himmel blicken“ darf nicht daran hindern, die Not um uns herum zu sehen und zu handeln. Stephanus war Diakon, half Armen, Kranken, Witwen und Waisen. Sein Blick nach oben entfachte seinen Einsatz für Gerechtigkeit und Nächstenliebe.
Genauso sind wir heute gerufen, aktiv zu werden: Ein freundliches Wort, helfende Hände, unser Einsatz für Umwelt- und Klimaschutz sind konkrete Ausdrucksformen unseres Glaubens. Wer den Schöpfer im Himmel sieht, lernt die Schöpfung hier unten wertzuschätzen und zu bewahren.
Das Reich Gottes, von dem Jesus spricht, ist nicht erst in der Zukunft zu finden, sondern schon hier und jetzt erfahrbar. Wenn wir in unserem Alltag Versöhnung leben, echte Gemeinschaft stiften und Barmherzigkeit üben, kommt dieses Reich sichtbar zum Vorschein.
Unser himmelweiter Blick macht uns frei von Engstirnigkeit und öffnet unser Herz für alle Menschen – Fremde, Andersdenkende und Verletzte eingeschlossen.
Am Ende ist „zum Himmel blicken“ keine Flucht in Illusionen, sondern eine Herausforderung: Wir messen die Wirklichkeit an Gottes Maßstäben und finden darin Wegweisung für unser Handeln.
Im Gebet schöpfen wir Kraft, im Blick auf die ewige Verheißung gewinnen wir Weitblick, im Dienst am Nächsten zeigen wir unseren Glauben, und im Brückenbauen erfüllen wir Jesu Gebetswunsch nach Einheit.
So führt uns der Blick gen Himmel nicht weg, sondern mitten hinein in eine Welt, die von Gottes Liebe berührt und verwandelt wird.
Kirche: anschlussfähig bleiben
Auf dem „Tag der pastoralen Dienste“ unseres Bistums am vergangenen Donnerstag, haben sich Seelsorgende der verschiedenen Berufsgruppen getroffen, um über die Herausforderungen der Seelsorge in dieser Zeit zu diskutieren und zu beraten. Der Referent dieses Tages, Herr Andreas Feige, prägte den Satz:
„Wir müssen anschlussfähig bleiben für die verschiedenen Gottesbilder und für verschiedene Sozialformen der Kirche!“
Mag. Theol. Andreas Feige, Freiburg
Diese Aussage verbindet sich gut zu den Lesungen des 6. Sonntag der Osterzeit, zu dem der nachfolgende Impuls ist:
Der Heilige Geist – Wegweiser in Zeiten des Wandels
Wir leben in einer Zeit, in der sich vieles verändert – in der Politik, in der Gesellschaft und auch in der Kirche. Manche Dinge, die uns früher Sicherheit gegeben haben, verschwinden. Gewohnheiten, an denen unser Herz hängt, geraten ins Wanken.
Neue Lebensweisen, viele Kulturen und unterschiedliche Meinungen prägen unsere Welt. Das spüren wir auch in unseren Kirchengemeinden, im Glaubensleben – und vielleicht sogar in unserem eigenen Herzen.
Aber: Solche Zeiten des Wandels gab es immer schon.
Wenn wir in die Bibel schauen, sehen wir: Auch die ersten Christinnen und Christen standen vor großen Veränderungen. Nach Jesu Auferstehung und Himmelfahrt mussten sich die jungen Gemeinden neu orientieren. Sie hatten viele Fragen:
• Wer gehört zur Gemeinde?
• Können Menschen, die keine Juden sind, auch Christen werden?
• Müssen sie sich beschneiden lassen oder sich an jüdische Speisevorschriften halten?
• Was tun mit Menschen, die anders leben oder glauben?
Es ging also nicht nur um Regeln, sondern um die Frage: Wer sind wir als Kirche? Und es gab damals heftige Meinungsverschiedenheiten.
Kommt uns das bekannt vor?
Auch wir heute haben schwierige Fragen:
• Dürfen Menschen, die nach einer Scheidung wieder geheiratet haben, zur Kommunion gehen?
• Wie gehen wir mit homosexuellen Menschen in der Kirche um?
• Dürfen gleichgeschlechtliche Paare gesegnet oder sogar kirchlich getraut werden?
• Können wir gemeinsam mit Christinnen und Christen anderer Konfessionen das Abendmahl feiern?
• Und: Können Frauen zu Diakoninnen geweiht werden?
Diese Fragen sind nicht leicht. Sie betreffen unseren Glauben ganz direkt. Und oft sind Ängste damit verbunden – die Angst, dass wir unsere Identität verlieren. Die Angst, dass der Glaube verwässert wird. Oder dass wir mit unseren Traditionen brechen.
Und trotzdem: Jede Zeit hat ihre Fragen. Jede Gemeinde hat ihre Herausforderungen. Immer wieder geht es darum, diese Fragen im Licht des Evangeliums zu betrachten – und im Vertrauen auf den Heiligen Geist.
In der Apostelgeschichte (Kapitel 15) lesen wir von einem wichtigen Moment: dem sogenannten Apostelkonzil. Die Gemeinde in Jerusalem überlegte, wie sie mit den vielen Nichtjuden umgehen sollte, die Christen wurden.
Am Ende sagten sie: „Der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch nur wenige Dinge aufzuerlegen: Ihr sollt kein Götzenfleisch essen, kein Blut, nichts Ersticktes und keine Unzucht treiben.“ (Apg 15,28)
Man könnte sagen: Die ersten Christinnen und Christen fanden einen Kompromiss. Aber nicht aus Angst, sondern aus Vertrauen. Sie vertrauten darauf, dass Gott durch seinen Geist wirkt – nicht durch äußere Regeln. Sie schlossen niemanden aus. Sie öffneten die Tür.
Auch nach dieser ersten Einigung blieb es nicht friedlich: In Antiochia gerieten Paulus und Petrus in Streit, weil Petrus sich aus Angst vor streng gesetzestreuen Juden-Christen plötzlich von der Mahlgemeinschaft mit Heiden-Christen zurückzog. Paulus kritisierte dieses Verhalten im Galaterbrief als unehrlich, da für ihn alle Christen gleich waren – unabhängig von ihrer religiösen Herkunft.
Es ging wieder in erster Linie nicht nur ums Essen – sondern um die Frage: Wie weit reicht unser Glaube? Trauen wir Gott zu, dass er größer ist als unsere Grenzen?
Petrus musste erst mühsam lernen, was Gott ihm in einer Vision zeigte, die im 11. Kapitel der Apostelgeschichte berichtet wird: „Was Gott für rein erklärt hat, das nenne du nicht unrein.“ (Apg 11,9)
All das zeigt uns: Die Kirche ist kein festes, unbewegliches Gebäude. Sie ist etwas Lebendiges.
Menschen diskutieren, machen Fehler, kehren um, lernen dazu. Und mitten in allem ist der Heilige Geist – damals wie heute.
Jesus hat uns diesen Geist versprochen. Er sagte: „Der Heilige Geist wird euch lehren und euch erinnern an alles, was ich euch gesagt habe.“ (Joh 14,26) Und: „Meinen Frieden gebe ich euch – nicht wie die Welt ihn gibt.“ (Joh 14,27)
Dieser Friede ist kein Zustand, in dem alles ruhig ist. Sondern ein Weg – ein Weg des Zuhörens, des Miteinanders, des Vertrauens.
Frieden wächst nicht durch Verbote oder Machtworte. Frieden entsteht, wenn der Heilige Geist unsere Herzen bewegt – und unsere Gemeinden.
Darum: Bleiben wir offen für diesen Geist. Stellen wir unsere Fragen. Hören wir einander zu. Gehen wir miteinander.
Nicht alles müssen wir sofort lösen. Aber wir können losgehen. Im Vertrauen auf Gott. Gemeinsam.
Liebe – Macht – Frieden
An diesem 5. Sonntag der Osterzeit hören wir im Johannes‑Evangelium (13, 35) das zentrale Gebot Christi:
„Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger*innen seid: wenn ihr einander liebt.“
Dieses Liebesgebot ist die alles umfassende Klammer der Frohen Botschaft! Ohne die gegenseitige Liebe zerfällt das Evangelium in Einzelteile und wird wirkungslos; erst im Miteinander und im Dienen wird es lebendig.
Unmittelbar nach seiner Auferstehung schenkt Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern als erstes Wort den Frieden: „Friede sei mit euch!“
Eben dieses Wort hat unser neuer Papst Leo XIV. in seinem ersten Wort an die Weltgemeinde erneut aufgegriffen:
„Der Friede sei mit euch allen! – dies ist der erste Gruß des auferstandenen Christus, des Guten Hirten, der sein Leben für die Herde Gottes hingegeben hat. Auch ich wünsche mir, dass dieser Friedensgruß in eure Herzen eingeht, eure Familien erreicht, alle Menschen, wo immer sie auch sind, alle Völker, die ganze Erde. … Dies ist der Friede des auferstandenen Christus, ein unbewaffneter und entwaffnender Friede, demütig und beharrlich. Er kommt von Gott, dem Gott, der uns alle bedingungslos liebt.“ Quelle: https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2025-05/papst-leo-erste-worte-auf-der-loggia-des-petersdoms.html
Frieden geht als Frucht aus der göttlichen Liebe hervor. Er ist nicht das Ergebnis politischer Macht oder militärischer Stärke, sondern das Geschenk dessen, der uns zuerst liebt. Wer diese Liebe nicht annimmt und nicht selbst versucht zu leben, wird auch keinen echten Frieden wollen können.
Wer andere Menschen nicht liebt, schafft Zwietracht und Hass – sei es im persönlichen Umgang oder im großen Maßstab: wenn Mächtige Angriffskriege führen, wie wir es derzeit schmerzlich vor Augen haben im Krieg Russlands gegen die Ukraine.
Und wer getauft ist, sich mit hohen kirchlichen Würdenträgern abgibt, Gottesdienste besucht, aber verkennt, dass ohne Liebe die Glaubwürdigkeit und der Kern des Christentums verloren gehen, der verrät die christliche Botschaft.
Margot Friedländer, 2025 – Von Martin Kraft – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=164982314
Ganz anders aber verhalten sich jene, die selbst unter größter Gewalt nicht den Gedanken an Versöhnung und Frieden aufgegeben haben. Sie sind wahrlich die „Großen“ unter den Menschen. Eine von ihnen war Margot Friedländer. Als Überlebende der ‚shoa‘ kehrte sie im hohen Alter zurück nach Deutschland – jenes Deutschland, das unzählige Mitglieder ihrer Familie und ihrer Gemeinde bestialisch ausrotten wollte.
Sie kam aber nicht nach Deutschland zurück,um moralisierend den drohenden Zeigefinger zu heben, sondern dieMenschenliebe und Menschheitsliebetrieb sie an: Sie wollte den Nachgeborenen in Deutschland die Vergebung anbieten und suche mit ihnen die Begegnung und das Gespräch.
Mit persönlicher und natürlicher Souveränität lehrte Margot Friedländer: Vergebung ist keine Schwäche, sondern ein Akt tiefer Liebe. Sie hat uns in Deutschland die Gnade der Versöhnung geschenkt – bedingungslos.
Ihre Botschaft lautete:
„Ich sage, seid Menschen. Wir sind alle gleich. Es gibt kein christliches, kein muslimisches, kein jüdisches Blut. Es gibt nur menschliches Blut. Alles ist gleich.“
Damit griff sie den Leitgedanken des Apostels Paulus Gleichheit aller Menschen auf, der im Galaterbrief (3, 28) schrieb:
„Es hat darum auch nichts mehr zu sagen, ob ein Mensch Jude ist oder Nichtjude, ob im Sklavenstand oder frei, ob Mann oder Frau. Durch eure Verbindung mit Jesus Christus seid ihr alle zu einem Menschen geworden.“
Aus dieser heilsamen Wahrheit erwächst der Auftrag Christi an uns:
Liebt einander, schenkt Frieden, lebt Versöhnung!
Dann wird unser Glaube mehr als ein frommer Anspruch. Er wird zu lebendiger Gegenwart dessen, der uns zuerst geliebt, uns den Frieden zugesprochen und uns die Kraft geschenkt hat, selbst zu verzeihen und neu zu beginnen.
Ich habe am vergangenen Samstag im Gottesdienst angekündigt, zu erzählen, was mich für meinen Dienst am Pontifikat von Papst Franziskus inspiriert hat.
1. Abschaffung überflüssiger Ehrentitel
Im Jahr 2014 hat Franziskus entschieden, die Ehrentitel „Apostolischer Protonotar“ und „Ehrenprälat“ nicht mehr zu vergeben. Auch der Monsignore-Titel wird heute nur noch ganz zurückhaltend an verdiente Priester ab 65 Jahren verliehen. Diese Entscheidung ist auch uns Einladung, jene Haltung Jesu zu leben, der Seine Jünger ermahnte: „Ihr sollt nicht Rabbi genannt werden, denn einer ist euer Meister“ (Mt 23,8). In meiner Seelsorge ermutigt mich das, Menschen nicht über Titel zu definieren, sondern der Mensch bekommt seine ganze und einzigartige Würde allein aus dem Umstand, dass er Mensch ist. So verstanden bin ich auch einfach ‚Bruder‘ unter den Geschwistern unserer Kirche.
2. Kritik am Klerikalismus
Franziskus spricht offen an, dass Kleriker sich nicht abheben dürfen. Er verwendet das Bild des „Stallgeruchs“, den auch Kleriker anzunehmen bereit sein müssen, um uns daran zu erinnern, uns dort aufzuhalten, wo Leben geschieht: in den Familien, auf den Straßen, in den Sorgen und Freuden der Menschen. Ich erlebe immer wieder, wie wertvoll es ist, im Krankenhaus, bei Hausbesuchen oder im Gespräch einfach präsent zu sein, ohne jeden klerikal-geistlichen Firlefanz, denn wir alle sind ‚Geschwister‘! Klerikalismus gibt es aber nicht nur bei Klerikern, sondern bei allen Gläubigen, die manchmal die Kleriker ‚in den Himmel heben‘. Formulierungen wie „Hochwürden“ sind für mich ein Beispiel dafür.
3. Öffnung des innerkirchlichen Diskurses
Selten wurde es in der Kirchengeschichte so offen geduldet, verschlossene Türen aufzutreten und auch schwierige Fragen der Kirche und in der Kirche zur Sprache zu bringen. Diese Einladung zu ehrlichem Austausch hat für mich immer wieder neue Horizonte geöffnet, denn dort, wo wir miteinander ringen, wird Gottes Geist kreativ.
4. Aufwertung der Frau in der Kirche
a) Maria Magdalena, die erste Zeugin der Auferstehung, wird von Franziskus als „Apostelin der Apostel“ gefeiert. Ihr Gedenktag ist nun ein Fest, und in der Präfation heißt es: „Du hast sie zur Verkünderin gemacht, die alle Menschen zur Begegnung mit Dir führt.“ Das gibt uns zu denken: Wer in unserer Gemeinde übernimmt eigentlich den Platz der Verkünderin und Verkündiger – und erkennen wir ihre Sendung an?
b) Erstmals leitet eine Frau ein Dikasterium im Vatikan. Für mich zeigt das: Gottes Ruf geht nicht nach Geschlecht, sondern nach Liebe und Kompetenz. In unserer Gemeinde und Gemeinschaft ermutige ich Frauen, Verantwortung zu übernehmen – sei es im Dienst als Lektorin, Kommunionhelferin, Gottesdienstleiterin oder im Leitungsteam von gemeindlichen Gemeinschaften. Sie erinnern sich daran, dass ich mich z.B. auch dafür stark gemacht habe, dass bei der Lesung der Passion, eine Frau den Part Jesu übernommen hat, so selbstverständlich, wie ein Mann den Part der Frauen in der Passion übernommen hat, wo es um die Verleugnung des Petrus geht.
5. Erneute Schritte bei der Aufarbeitung von Missbrauch
2015 richtete Papst Franziskus Gericht ein, das Bischöfe bei Missbrauchsvertuschung bestraft; 2016 weitete er dies auf alle Pflichtverletzungen mit Amtsverlust aus. Diese entschiedene Haltung erinnert mich daran, stets aufmerksam und sensibel zu bleiben, Betroffene mutig zu begleiten und jede Form von sexuellem oder geistlichem Missbrauch — auch bei bestehendem Priester- und Personalmangel — klar und ohne Relativierung zu verurteilen.
6. Zulassung zur Beichte und Kommunion für wiederverheiratet Geschiedene
Mit seinem päpstlichen Schreiben ‚Amoris laetitia‘ öffnete der Papst 2017 die Tür für eine Einzelfallentscheidung: im pastoralen Begleitgespräch wird in den Blick genommen und gewürdigt, ob Gewissen und Lebenssituation die Zulassung möglich machen. Das geschieht nicht pauschal, sondern in liebevoller Einzelfallbegleitung. In meiner Seelsorge habe ich schon einige Gespräche geführt, in denen Menschen durch diesen Weg neu die Nähe Jesu erfahren durften.
7. Segnung von Lebensgemeinschaften
In einer Erklärung des Glaubens-Dikasteriums, die Franziskus ausdrücklich befürwortet hat, ist die Segnung unverheirateter und gleichgeschlechtlicher Paare erlaubt. Dabei betonte er: Es geht nicht um ein Sakrament und nicht um Ersatz für die Ehe, sondern um das Anerkennen einer auf Liebe und Verantwortung gegründeten Lebensform.
Ich mache mich persönlich seit vielen Jahren für diese Segnung stark und habe erlebt, wie diese Segnungen Menschen tief bewegen und sie neu von dieser göttlichen Zusage erfüllt und gestärkt werden, auf ihrem Weg.
8. Stärkung der Laien im kirchlichen Engagement
In Deutschland werden heute schon Laien an der Leitung einer Pfarrei beteiligt, und in unserem Bistum probieren wir verschiedene Leitungs-Modelle im Team aus. Diese Entwicklung spiegelt das biblische Bild wider, dass jeder Getaufte eine Sendung besitzt, mit priesterlicher Würde:
„Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.“ (vgl. 1 Pt 2,9).
Ich nenne unsere Helferinnen und Helfer bewusst „ehrenamtliche Mitarbeitende“, weil sie mit persönlichen und teils beruflichen Fachwissen und Herzblut die Kirche mitgestalten – nicht nebenbei, sondern als lebendiger Teil des Leibes Christi. Ihr Engagement müssen wir deshalb mehr wertschätzen und unterstützen.
9. Sorge um Ausgegrenzte und die Bewahrung der Schöpfung
Franziskus ruft uns auf: „Die Armen warten nicht!“. Er fordert uns auf, den Blick zu weiten: für Flüchtlinge, für Menschen in wirtschaftlicher Not, für Opfer politischer Gewalt – und gleichzeitig für die bedrohte Schöpfung.
Zugleich ermutigt er uns, die sozial-karitative Dimension unseres Glaubens stärker in Staat und Gesellschaft einzufordern, damit wir als Gesellschaft solidarischer sind mit jenen, die unsere tatkräftige Hilfe brauchen.
Schon in der früheren Pfarrei „St. Hippolytus“ habe ich mich an einem Ökologie-Projekt „Der grüne Hahn“ beteiligt, das die ökologische Verantwortung unseres Christseins stärker in den Blick nimmt. Und die seine Ermutigung um die Sorge der Zukunft und Bewahrung der Schöpfung treibt mich auch heute weiter an.
10. Bekenntnis zur Demokratie
Obwohl die Kirche selbst keine Demokratie im inneren Aufbau hat, bekennt sich Franziskus klar zu zivilen demokratischen Werten. Im Sommer 2024 schrieb er: „Demokratie lebt vom Konsens und bekundet die Würde jedes Einzelnen im Miteinander.“ Das ermutigt mich, mich auch persönlich und in politischen Gesprächen für Demokratie, Freiheit, Gleichberechtigung, unsere freiheitliche-demokratische Grundordnung und gegen Diskriminierung, Ausländerhass, Vorurteile und Stigmatisierung von Menschen einzusetzen.
Ich bin sicher, dass wir erst richtig erkennen werden, was Franziskus uns gegeben hat, wenn sein Amt von seinem Nachfolger ausgefüllt wird. (Gerd A. Wittka)
Heute stehen wir am See von Tiberias. Hier treffen menschliches Bemühen und Gottes Kraft auf besondere Weise zusammen.
Die Jünger sind nach einer langen, anstrengenden Nacht aufs Wasser hinausgefahren. Sie haben gefischt – und nichts gefangen. Ihre Netze bleiben leer. Ihre Hände sind müde, ihre Hoffnungen enttäuscht.
Am Ufer aber steht Jesus. Er sagt nur: „Werft das Netz auf der rechten Seite aus!“ (Joh 21,6) Dieses eine Wort ändert alles. Die Jünger folgen, und plötzlich ziehen sie so viele Fische ins Boot, dass das Netz fast reißt. Aus Leere wird Fülle, aus Mühe Überfluss.
Ähnlich geht es uns oft: Wir arbeiten hart und sehen keinen Erfolg. Dann kann ein einziger Hinweis von außen uns eine neue Perspektive geben. Wir merken, dass wir nicht allein kämpfen. Das Netz, das wir auswerfen, ist ein Bild dafür, wie wir mit Jesus zusammenarbeiten – auch wenn es uns seltsam vorkommt.
Nach diesem reichen Fang wendet sich Jesus an Simon Petrus. Er fragt ihn dreimal: „Liebst du mich?“ (Joh 21,15–17) Dreimal erklingt die Frage – fast wie ein Echo auf Petrus’ dreimaliges Verleugnen.
Doch hier geht es nicht um Schuld, sondern um Heilung und Nähe.
So auch in dem Film „Die zwei Päpste“ aus dem Jahr 2019 mit Anthony Hopkins als Papst Benedikt und Jonathan Pryce als Kardinal Bergoglio, dem späteren Papst Franziskus. Dort begegnen sich Papst Benedikt XVI. und Kardinal Bergoglio. In einem eindrücklichen Gespräch sprechen sie über Schuld, Sünde und Vergebung – vor dem Hintergrund des Versagens der Kirche auch im Umgang mit sexuellem Missbrauch. Besonders bewegend ist Bergoglios Einsicht, dass Sünde mehr ist als ein Fleck, der sich einfach abwischen lässt. Er sagt:
„Sünden sind keine Flecken, die man einfach entfernt, sondern Wunden; sie müssen geheilt werden.“
Diese Worte führen uns mitten in das Herz unseres Glaubens: Wahre Heilung beginnt dort, wo wir Schuld nicht verdrängen, sondern sie ansehen, anerkennen – und heilen lassen.
Dies geschieht heute im Evangelium mit Petrus.
Diese Szene im heutigen Evangelium zeigt uns noch ein anderes:
Nachfolge ist keine einmalige Entscheidung.
Jedes „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe“ lässt Petrus sein Herz neu entdecken. In jeder Wiederholung spürt er, wie seine Liebe zu Jesus wächst. Und immer wieder hört er den Auftrag: „Weide meine Schafe.“
Unser Weg führt immer wieder ans Ufer – zu unseren leeren Netzen: wir sehen keinen Erfolg, in unserem Bemühen der Nachfolge. Aber jedes Mal, wenn wir auf Jesus hören und unser Netz ein zweites, drittes Mal auswerfen, kann unser Leben neuen Sinn und neue Fülle bekommen.
Auch wir haben Phasen, in denen unsere Netze leer bleiben: in Freundschaften, in Projekten, in unserem Glauben. Vielleicht erinnert uns dann eine kleine Stimme daran, wie Gott uns schon einmal geholfen hat. Vielleicht war es ein Wort, das uns neuen Mut gab, oder ein Moment, in dem wir Trost spürten.
Wenn wir ohne großen Plan aber mit offenem Herzen unser Netz erneut auswerfen, merken wir oft: Gehorsam im Glauben ist manchmal schwer, kann aber auch befreiend sein.
Die gute Nachricht durchdringt unser Leben. Sie füllt unsere leeren Räume und schenkt Überfluss.
So lädt uns die Geschichte am See und das Gespräch zwischen Jesus und Petrus ein, nicht an unserem Scheitern festzuhalten. Vielmehr dürfen wir offen sein für Jesu behutsames Fragen und seine sanfte Führung. In dieser Offenheit liegt Lebendigkeit. Sie verbindet uns mit Christus – und untereinander. Gemeinsam werfen wir unser Netz aus – um den Reichtum Gottes immer wieder neu zu entdecken.
Ein expressionistisches Gemälde voller Leben: Wir sehen eine moderne Großstadt im Frühling. Es geht geschäftig und bunt zu. Autos in leuchtenden Farben rollen durch die Straßen, Radfahrer flitzen dazwischen hindurch, und Menschen eilen zu Fuß – einige mit dem Blick fest auf ihr Handy geheftet. Die Farben der Stadt sind intensiv, grell, fast überwältigend – als wolle das Bild uns sagen: Hier passiert etwas.
Es ist Frühling. Die Bäume entlang der Straßen blühen, einige in strahlenden Farben, andere tragen frisches, sattes Grün. Es ist die Zeit des Neuanfangs, des Aufatmens, der Hoffnung. Alles wirkt wie ein leiser Hinweis: Hier beginnt neues Leben. Doch erkennen wir es? Oder ist es für uns schon zu alljährlich geworden, um es als etwas Besonderes zu empfinden?
Und da – mitten in diesem Trubel, ganz am Rand, steht jemand, der nicht ins Bild zu passen scheint: Jesus Christus, der Auferstandene.
Nicht wie aus einem alten Gemälde, sondern ganz heutig. Er trägt eine kurze, moderne Jeanshose, seine Narben von der Kreuzigung sind deutlich zu sehen – an Händen, Füßen, an der Seite. Ein stilles Zeichen für all das Leid, das er durchlebt hat. Und doch: Er steht dort ganz ruhig. Kein Schmerz in seinem Gesicht, sondern Frieden. Er wirkt gelöst, als hätte er das Schwere hinter sich gelassen: er-löst!
Aber niemand bemerkt ihn. Die Menschen gehen an ihm vorbei: zu sehr mit sich selbst beschäftigt, mit Gedanken, Terminen, Sorgen. Es scheint, als hätte niemand Zeit für das Wunderbare, mitten unter ihnen.
Und wir?! -Würden wir es glauben, wenn wir IHN sehen würden, dass ER – der Auferstandene – es wirklich ist, wenn Jesus plötzlich vor uns stünde – lebendig, gegenwärtig, echt?!
Das Bild verbindet die schnelle Welt unserer Zeit mit tiefer geistlicher Bedeutung. Es erinnert an die Geschichte der Jünger auf dem Weg nach Emmaus: Auch sie sahen Jesus doch erkannten ihn nicht. Erst als er mit ihnen sprach, ihre Fragen ernst nahm und das Brot mit ihnen brach, ging ihnen ein Licht auf.
Vielleicht ist es heute ähnlich. Vielleicht braucht es Menschen, die wie Jesus zuhören, fragen, Gespräche möglich machen; Menschen, die anderen helfen, ihre Sorgen und Zweifel auszusprechen; Menschen, die nicht gleich eine Antwort parat haben, sondern Raum schaffen für echte Begegnung.
Denn dann kann etwas in Bewegung kommen. Dann kann Auferstehung ganz real erfahrbar werden – nicht nur als alte Geschichte, sondern als neues Leben,als neue Lebensmöglichkeiten und als neue Sichtweisen: hier und jetzt.
Wir Christinnen und Christen haben heute die Möglichkeit, anderen Jesus erfahrbar zu machen: Indem wir Anteil nehmen. Indem wir einladen, zuhören, mittragen.
Wenn wir das tun, können Menschen wieder aufatmen, neue Kraft finden, neuen Sinn entdecken. Dann verwandelt sich vielleicht Ratlosigkeit in Hoffnung, Traurigkeit in Lebensfreude, Stillstand in Bewegung.
Das wäre heute Auferstehung mitten in unserem Alltag.
Bild: copyright by Gerd Wittka, 2025, erstellt mit KI