Prävention ist SO nötig!

Bild von RUBENS FRANCA auf Pixabay

Erwiderung zu einem Kommentar von Pfr. Gereon Alter

Dieser Erwiderung liegt folgender Kommentar zugrunde:

https://www.kirche-und-leben.de/artikel/missbrauch-katholische-kirche-skandal-praevention-pfarreien-ehrenamt-auswuechse-kommentar-gereon-alter

Prävention bleibt unverzichtbar – eine fachliche Erwiderung

Der Kommentar von Pfarrer Gereon Alter zur Präventionsarbeit in der katholischen Kirche hat eine wichtige Diskussion angestoßen.

Da er seine Position öffentlich formuliert hat, erscheint es angemessen, einige seiner Aussagen ebenfalls öffentlich einzuordnen und zu ergänzen.

Ziel dieser Erwiderung ist es, die Bedeutung der Prävention aus fachlicher Perspektive zu verdeutlichen – nicht, eine Person zu kritisieren.

Persönlicher Hintergrund und Motivation

Ich kenne Gereon Alter seit unserer gemeinsamen Ausbildungszeit und schätze seine differenzierte und reflektierte Art. Gerade deshalb nehme ich seine Einwände ernst und möchte sie konstruktiv aufgreifen.

Meine eigene Motivation, mich zu Präventionsthemen zu äußern, ist biografisch geprägt.

Erst in den vergangenen Jahren wurde mir bewusst, dass es in meinem damaligen Umfeld Betroffene sexualisierter Gewalt gab – ohne dass ich dies als junger Mensch hätte erkennen können.
Dieses Wissen führt heute zu einem starken Verantwortungsgefühl gegenüber Opfern und Betroffenen und zu dem Anliegen, Prävention konsequent zu unterstützen.

Zur Frage der „reinen Weste“

Gereon Alter schreibt:
„Denn auch bei der Präventionsarbeit geht es zunehmend darum, die eigene Weste rein zu halten.“

Diese Wahrnehmung teile ich nicht.

In Gesprächen mit Verantwortlichen in Pfarreien erlebe ich ein hohes Maß an Sensibilität für die Perspektive der Betroffenen.

Präventionsmaßnahmen werden dort nicht als Selbstschutz der Institution verstanden, sondern als bewusste Fokussierung auf die Bedürfnisse und die Sicherheit derjenigen, die besonders verletzlich sind.

In der öffentlichen Debatte wird häufig über Täterinnen und Täter gesprochen – weniger über die Opfer.

Prävention setzt bewusst einen anderen Schwerpunkt: Sie stellt die Betroffenen in den Mittelpunkt.

Aus dieser Perspektive erscheint die Deutung, Prävention diene primär der institutionellen Absicherung, nicht ausreichend belegt.

Zum Beispiel der Sternsingerküche

Gereon Alter führt als Beispiel an, dass selbst Personen, die bei einer Sternsingeraktion kochen, eine dreistündige Präventionsschulung absolvieren sollen.
„… ob jemand für eine Sternsingeraktion kochen darf … wenn er nicht die … dreistündige Präventionsschulung absolviert hat.“

Das zugrunde liegende Präventionskonzept arbeitet bewusst mit abgestuften Anforderungen.

Es unterscheidet zwischen verschiedenen Rollen und Kontaktintensitäten.
Auch Personen in der Küche nehmen Kinder und Jugendliche wahr – ihre Stimmung, ihr Verhalten, mögliche Auffälligkeiten.
Sie sind Teil des sozialen Raums einer Veranstaltung.

Gerade deshalb ist eine kurze Basisschulung sinnvoll und verhältnismäßig.
Drei Stunden Schulung stehen in keinem Verhältnis zu dem Leid, das Betroffene erfahren, wenn frühe Warnsignale übersehen werden.

Zur Formulierung eines „Überwachungsapparates“

Besonders herausfordernd ist die Aussage:
„Das Ziel von Prävention ist doch nicht, einen möglichst perfekten Überwachungs- und Entschuldigungsapparat aufzubauen.“

Diese Formulierung kann – vermutlich unbeabsichtigt – Argumentationsmuster verstärken, die in Pfarreien häufig von Gegnerinnen und Gegnern der Präventionsarbeit genutzt werden. Dort wird Prävention mit Generalverdacht oder Kontrolle gleichgesetzt.

Fachlich betrachtet geht es jedoch nicht um Überwachung, sondern um Sensibilisierung, Schutzkonzepte und klare Verantwortlichkeiten.

Prävention soll Menschen befähigen, achtsam und respektvoll miteinander umzugehen. Sie schafft Transparenz, nicht Misstrauen.

Einordnung

Die kirchliche Präventionsarbeit wird von vielen engagierten Fachkräften getragen, die sich intensiv mit Schutzkonzepten, Schulungen und Standards auseinandersetzen.

Vor diesem Hintergrund können einzelne Formulierungen – wie im Kommentar von Gereon Alter – den Eindruck erwecken, die Arbeit dieser Menschen werde nicht ausreichend gewürdigt oder missverständlich dargestellt.

Eine sachliche Diskussion über die Weiterentwicklung von Prävention ist notwendig und willkommen.

Gleichzeitig ist es wichtig, die Grundintention der Präventionsarbeit klar zu benennen: den Schutz von Kindern, Jugendlichen und schutzbefohlenen Erwachsenen.


Update:

Ich ergänze hier um ein Gebet, ein aufrichtiges Gebet für die Opfer dieser unsäglichen Gewalt und dieser Greueltaten:

Ein Gebet für die Opfer und Überlebenden von Missbrauch
herausgegeben vom Nationalen Dienst zum Schutz von Minderjährigen und schutzbedürftigen Erwachsenen der Italienischen Bischofskonferenz

Vater, Quelle des Lebens,
in Demut und Erdemut legen wir dir die Scham und die Reue dar
für das Leid, das wir den Kleinsten und Schwächsten der Menschheit zugefügt haben, und bitten dich um Vergebung. 

Herr Jesus, Sohn, der du gekommen bist, um die Barmherzigkeit des Vaters zu offenbaren,
wir vertrauen dir alle an, die
Machtmissbrauch erlitten haben – geistlichen und gewissensbezogenen, körperlichen und sexuellen –,
mögen ihre Wunden durch den Balsam deines und unseres Mitgefühls geheilt werden, mögen sie Aufnahme und brüderliche Hilfe finden, mögen ihre Herzen von Zärtlichkeit umhüllt und von Hoffnung erfüllt sein. 

Heiliger Geist, Feuer der Liebe,
wir bitten dich für unsere kirchlichen Gemeinschaften,
die dazu berufen sind, sich einer tiefgreifenden Selbstprüfung hinsichtlich ihrer Versäumnisse und Verfehlungen zu unterziehen,
dass sie einladende und sichere Häuser seien und dass das Engagement aller für den Schutz der Kleinsten und Schwächsten gestärkt werde. 

Heilige Dreifaltigkeit, Quelle der Gemeinschaft und der Zärtlichkeit,
hilf uns, die Ketten der Gewalt und der Schuld zu sprengen, durchbrich unser Schweigen und lass uns die Schmerzensschreie der Missbrauchsopfer und ihrer Familien hören,
hilf uns, sie zu begleiten und die Wahrheit bis zum Äußersten zu suchen
auf dem Weg der Gerechtigkeit und der Wiedergutmachung,
damit auch aus der Dunkelheit der Erde, die von der Sünde bedroht, aber vom Licht des Osterfestes umhüllt ist,
Samen der Heilung und der Wiedergeburt sprießen.

Amen. 

Übersetzung ins Deutsche mittels KI




Glaube – Würde oder Bürde?

Kurzpredigt zum 17. Sonntag im Jahreskreis – A – 2026
Lesungstext: Römerbrief 8,28-30

Der deutsch-italienische Theologe Romano Guardini war ein wichtiger Vordenker der Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil.
Er hat einmal gesagt, dass er – wenn er vor Gott stehen werde – ihn etwas fragen möchte.
Nämlich, warum er selbst die Gnade des Glaubens bekommen habe, aber manche seiner Freunde nicht?
Diese Frage klingt auch im heutigen Römerbrief an.
Warum glauben manche – und andere nicht.

Eine schnelle Antwort gibt es nicht.
Aber Paulus deutet etwas an, das uns weiterhelfen kann.

Er sagt: Gott hat Menschen berufen, „damit sie an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilhaben“.
Das heißt: Glaube ist nicht zuerst ein persönlicher Vorteil und kein spiritueller Besitz.

Glaube ist Teilhabe.
Teilnahme.
Mitgehen mit Christus.

Thomas von Kempen nannte das die Imitatio Christi: ein Leben, das sich an Jesus orientiert – im Denken, Reden, Handeln und Beten.

‚ICH habe keine anderen Hände,
als die euren!‘

– Bild: www.pixabay.com

Wenn man das ernst nimmt, wird klar:
Glaube ist nicht nur Würde, sondern auch Bürde.
Nicht nur Geschenk, sondern auch Aufgabe.
Nicht nur Trost, sondern auch Verantwortung.

Vielleicht zeigt sich darin, warum nicht alle Menschen berufen sind, diesen Weg zu gehen.
Nicht jeder kann diese Nachfolge tragen, und nicht jeder möchte es.
Aber wer glaubt, dem traut Gott zu, ein Stück Christus in die Welt zu bringen.

Jesus benutzt dafür ein ganz einfaches Bild:
Sauerteig.
Oder Salz.
Beides braucht man nur in kleinen Mengen.
Ein wenig genügt, damit etwas Größeres entstehen kann.

Bild von Thomas Bock auf Pixabay

Vielleicht liegt darin der tiefste Sinn von Berufung:
Nicht alle müssen glauben.

Aber einige sollen so glauben und leben, dass andere durch sie spüren, wie gut es tut, wenn Liebe und Güte Raum bekommen.

Darum ist es auch irreführend, wenn manche Menschen den Glauben zur reinen Privatangelegenheit erklären wollen.
Glaube hat immer eine Wirkung nach außen.
Er ist Verantwortung gegenüber der Welt und den Menschen – und deshalb nie nur „privat“.

Und damit sind wir bei einer kleinen Geschichte:

Ein Bäcker in einem kleinen Dorf hatte die Angewohnheit, jeden Morgen ein Stück Sauerteig an seine Nachbarn zu verschenken.
„Damit euer Brot gelingt“, sagte er.
Manche nahmen es dankbar an, manche winkten ab, manche vergaßen es auf der Fensterbank.
Aber in fast jedem Haus gab es irgendwann ein Brot, das ein wenig von diesem Sauerteig in sich trug – und die Menschen sagten:
„Es schmeckt anders. Irgendwie wärmer und heimeliger.“

Der Bäcker lächelte nur.
Er wusste: Der Sauerteig war nicht für ihn allein.
Er war dafür da, dass das Dorf ein wenig mehr nach Heimat schmeckte.

So gesehen ist mein Glaube, unser Glaube etwas Kleines, das Größeres möglich macht.
Er ist nicht, was uns in erster Linie zu Ehre gereicht.
Sondern: Ein bisschen wie ein Stück Sauerteig, das Gott uns zutraut – und das die Welt ein wenig freundlicher werden lässt.




‚Leihmutterschaft‘

Bild von Tumisu auf Pixabay

ethische Fragen und Aspekte


Hintergrund:

In diesen Tagen wurde bekannt, dass der Fraktionsvorsitzende der CDU Jens Spahn und sein Ehepartner ein Kind über eine Leihmutterschaft bekommen haben.
Abgesehen von der ablehnenden Haltung der CDU/CSU ein solches Recht auf Leihmutterschaft in Deutschland zu verankern, führt dies zu einer öffentlichen Debatte über die sogenannte ‚Leihmutteschaft‘:
Mit meinen nachfolgenden Fragen möchte ich einen konstruktiven Beitrag zum öffentlichen Diskurs leisten.


Grundsätzliches

Die ethischen Fragen zur Leihmutterschaft müssen unabhängig davon gestellt werden, ob die zukünftigen Eltern Mutter und Vater, zwei Mütter oder zwei Väter sind.

Die Leihmutter

  • Darf der Körper einer Frau allein wegen seiner biologischen Fähigkeit, ein Kind auszutragen, genutzt werden?
    Ist es ethisch vertretbar, dass eine Frau ihren Körper für eine Schwangerschaft zur Verfügung stellt, nur weil sie dazu biologisch in der Lage ist?
  • Was bedeutet es, wenn finanzielle Not eine Rolle spielt?
    Viele Leihmütter bieten diesen Dienst an, weil sie in wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen leben. Sie tun es, um ihren Lebensunterhalt zu sichern.
  • Ist es ethisch gerechtfertigt, dass finanzielle Not zu einer solchen Entscheidung führt?

Biologische Mutterschaft und Rechte

Genetisch ist die Leihmutter in den meisten Fällen zu 50 % die biologische Mutter des Kindes.
In manchen Fällen ist es sogar möglich, dass eine Frau lediglich austragende Frau ist, insofern ihr eine bereits befruchtete Eizelle implantiert wird.

  • Welche ethische Bedeutung hat die frühe Bindung des Kindes zu seiner biologischen Mutter, die schon im Mutterleib entsteht?

  • Was bedeutet es für das Kind, wenn ihm diese Mutter entzogen wird und es später keine Möglichkeit hat, sie kennenzulernen?
    Ist dieses Recht veräußerlich?
  • Kann man das Recht eines Kindes auf seine biologische Mutter einfach „übertragen“ oder „verkaufen“?

Emotionale Bindung während der Schwangerschaft

Eine Frau baut während der Schwangerschaft nachweislich eine emotionale Bindung zu dem Kind auf, das in ihr wächst.

  • Hat diese Bindung keine Bedeutung?
  • Können wir einfach darüber hinwegsehen und sagen: „Geld regiert die Welt“?
  • Dürfen wir emotionale Bindungen ignorieren, nur weil ein Vertrag oder eine Bezahlung vorliegt?

Das Kind

Das Recht des Kindes auf seine Elter

Unser Familienrecht betont das Recht des Kindes auf seine Eltern.

  • Welche ethische Bedeutung hat die frühe Bindung des Kindes zu seiner biologischen Mutter, die schon im Mutterleib entsteht?
  • Was bedeutet es für das Kind, wenn ihm diese Mutter entzogen wird und es später keine Möglichkeit hat, sie kennenzulernen?
  • Ist dieses Recht veräußerlich?
  • Kann man das Recht eines Kindes auf seine biologische Mutter einfach „übertragen“ oder „verkaufen“?

Biogenetische Selektion vor der Befruchtung

Bei der Leihmutterschaft wird oft schon im Vorfeld eine Auswahl getroffen: Welche Frau kommt als Leihmutter infrage?
Dabei spielen biologische, genetische und sogar optische Kriterien eine Rolle:

  • Welche Haut‑, Haar‑ oder Augenfarbe soll das Kind haben?
  • Welche genetischen Eigenschaften soll es haben – oder nicht haben?
  • Gibt es genetische Vorerkrankungen bei der Leihmutter oder in ihrer Familie? • Wie ist dieses selektive „Bio‑Design“ ethisch zu bewerten?

Das „Recht“ auf Elternschaft

  • Gibt es ein natürliches Recht auf Elternschaft?
    Diese Frage wurde lange diskutiert – zunächst vor allem bei heterosexuellen Paaren, die keine Kinder bekommen konnten oder aus gesundheitlichen Gründen keine Schwangerschaft riskieren wollten.
    Durch die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehe betrifft die Frage nun auch gleichgeschlechtliche Paare.
    Ein einfaches „Ja“ oder „Nein“ greift zu kurz.
    Für Paare, die sich nach der Eheschließung eine Familie wünschen und dann erfahren, dass sie keine eigenen Kinder bekommen können, bedeutet das oft großes Leid. • Sollten solche Paare ein Recht auf Elternschaft haben?
  • Und würde dieses Recht dann auch ein Recht auf Leihmutterschaft oder Samenspende einschließen? • Was ist mit den oben genannten ethischen Fragen?

Sie verschwinden ja nicht. Sie bleiben bestehen – unabhängig davon, wie sehr sich ein Paar ein Kind wünscht.

Gibt es Alternativen?

Adoption als Möglichkeit

  • Ist es wirklich abwegig, auf Adoption hinzuweisen?
  • Durch Adoption können Kinder, die sonst keine Chance auf liebevolle Eltern hätten, in eine Familie kommen.
  • Ist es nicht auch ethisch wertvoll, solchen Kindern eine menschliche und liebevolle Entwicklung zu ermöglichen – vom Kind zum Erwachsenen?
Bild von Paii Zurii auf Pixabay

Weitere interessante Kommentare und Berichte:
Leihmutterschaft und der Fall Spahn: Die Frau als Brutkasten | taz.de

Umstrittene Leihmutterschaft: Sorgerecht für Leihmütter | taz.de

Theater Lübeck verhandelt Kinderwunsch: Das Drama geliehener Mutterschaft | taz.de




Der Geist wird euren Leib lebendig machen

Bild: www.pixabay.c0m

Impuls zum 14. Sonntag – Lesejahr A – 2026 in Verbindung mit Röm 8, 9.11-13

Die heutige Lesung aus dem Römerbrief spricht eine große Zusage aus:
Der Geist Gottes, der Jesus von den Toten auferweckt hat, wohnt in uns.
Und dieser Geist schafft Leben – nicht erst am Ende der Zeiten, sondern schon jetzt.

Paulus beschreibt damit eine Hoffnung, die das Herz des christlichen Glaubens bildet:
• Gott lässt das Leben nicht im Tod enden.
• Er führt es zur Vollendung.
• Und er beginnt damit bereits hier, mitten im Alltag.

Diese Hoffnung kann man nicht einfach voraussetzen.
Viele Menschen stellen sich – bewusst oder leise – die Frage:
Was wäre, wenn es das Ewige Leben nicht gäbe?
Was bliebe dann vom Glauben?

Diese Frage ist kein Ausdruck von Unglauben.
Sie ist ein ehrlicher Versuch, den Glauben von innen her zu prüfen.
Der Theologe Hans Küng hat das einmal so formuliert:
„Selbst wenn ich die Wette, dass es Gott gibt, im Tod verlöre, hätte ich für mein Leben nichts verloren.“

Dieser Gedanke zeigt:
Der christliche Glaube ist nicht nur eine Hoffnung für das Jenseits.
Er ist eine Lebensform, die schon jetzt trägt.

Was schenkt dieser Glaube?
Er lehrt die Liebe – zu sich selbst und zum Nächsten.
Er erinnert daran, dass jeder Mensch Würde hat, unabhängig von Leistung.
Er eröffnet die Möglichkeit des Neubeginns, weil Fehler nicht das letzte Wort haben.
Er schafft Frieden durch Vergebung.
Er ruft zur Freiheit, die aus der inneren Würde kommt.
Und er verbindet uns mit der ganzen Schöpfung und weckt Verantwortung für sie.

All das ist Ausdruck des Geistes Gottes, der in uns wohnt.
Dieser Geist macht lebendig – auch in Situationen, die schwer sind, auch in Zeiten der Unsicherheit.

Darum ist die christliche Hoffnung mehr als eine Wette auf das Ewige Leben.
Sie ist eine Kraft, die das Leben verwandelt.

Und wer die Frage „Was wäre, wenn…?“ zulässt, kann entdecken:
Der Glaube ist sinnvoll.
Er trägt.
Er macht das Leben menschlicher.
Er öffnet Wege, die ohne ihn vielleicht verschlossen blieben.

Paulus sagt:
Gottes Geist macht lebendig.
Das ist die Zusage, die uns heute geschenkt wird.
Sie gilt für das Leben nach dem Tod – und sie gilt für das Leben davor.

Darum halten wir fest:
Dieser Glaube ist Hoffnung für die Zukunft und Kraft für die Gegenwart.
Er führt in die Freiheit der Kinder Gottes.




Erinnere dich …

… an das, was dich trägt

Impuls zum 11. Sonntag im Jahreskreis – A –

Das nachfolgende Lied von Peter Maffay und Noa erzählt von einem Menschen, der sich wie in einer inneren Wüste fühlt: erschöpft, ausgetrocknet, orientierungslos.
Er ruft Gott als seinen Retter an — den, der sich zu ihm verströmt und ihn trägt.
Und mitten in dieser Leere spricht Gott ein einziges Wort: „Erinnere dich.“
Erinnere dich an das Heilige, an die Quelle, die bleibt, auch wenn alles andere versiegt.

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube (öffnet in neuem Tab).


Die Worte aus der heutigen Lesung sind eine solche Erinnerung.
Gott lässt durch Mose sein Volk zurückschauen: auf den Weg, den es gegangen ist, auf die Katastrophen, die es überstanden hat, und auf den, der es durch all das hindurchgeführt hat.
Gott hat einen Plan, und er weiß, was er will.
Er will dieses Volk als sein auserwähltes Volk, als einen heiligen Priesterstamm, damit ER in seiner Nähe lebt.

Bild von Roger Casco auf Pixabay

Doch dieses Auserwähltsein, diese besondere Stellung in den Augen Gottes, kann im Alltag leicht verblassen.
Wenn Sorgen uns in Anspruch nehmen, wenn Ablenkungen uns zerstreuen, wenn wir uns selbst dabei ertappen, wie wir Zeit verlieren an Dinge, die uns eigentlich gar nicht guttun.

Ich kenne das aus meinem eigenen Leben.
Ich nutze das Internet viel – beruflich, aber auch zur Unterhaltung.
Und nicht alles, was da aufploppt, ist harmlos.
Manches ist banal, manches nur darauf ausgelegt, mich festzuhalten, meine Aufmerksamkeit zu binden, um daraus Profit zu schlagen.
Und manchmal erschrecke ich richtig, wie schnell ich wieder hineingeraten bin.

Aber es gibt diese Ablenkungen nicht nur digital.
Auch im analogen Leben gibt es genug, was uns wegzieht von dem, was wirklich zählt.

Und manchmal, so empfinde ich es, ist es wie ein kleiner Stoß des Heiligen Geistes, wenn ich plötzlich merke, womit ich gerade wieder meine Lebenszeit vergeude.

Ich bin sicher, dass das früher nicht anders war.
Auch das Volk Israel war in Gefahr, Gott aus dem Blick zu verlieren – nicht nur wegen der widrigen Umstände, sondern auch wegen all der kleinen Dinge, die sich zwischen Gott und das Herz schieben können.
Und so wird Mose zum Erinnernden, fast wie eine Stimme, die ruft:
„Hallo… ich bin auch noch da! Ich war immer da. Und ich möchte nicht nur helfen und retten, sondern eine Beziehung mit euch leben.“

Gott hat es nicht leicht mit uns.
Immer wieder wirbt er um uns, um unser Vertrauen, um unser Herz.
Und wir?
Mitten im Alltag, mitten in unseren Beschäftigungen und Zerstreuungen – nehmen wir dieses Werben wahr?

Auch Jesus spürt später, dass die Menschen seiner Zeit Gott aus dem Blick verlieren.
Er verurteilt sie nicht.
Er sieht ihre Müdigkeit, ihre Erschöpfung, ihre Lasten.
Und er sieht auch ihre Sehnsucht.
Denn sonst wären sie nicht in solcher Zahl zu ihm gekommen, um ihn zu hören, um etwas von Gott zu spüren.

Und heute?
Wir kennen diese Müdigkeit.
Wir kennen die Erschöpfung.
Wir kennen die Ablenkungen, die uns wegziehen von dem, was uns eigentlich trägt.
Und wir sehen sie auch bei anderen.

Doch Jesus bleibt nicht bei der Diagnose stehen.
Er sendet seine Jüngerinnen und Jünger in genau diese Welt hinein – in die Müdigkeit, in die Erschöpfung, in die Zerstreuung.
Nicht als Moralapostel, nicht als Besserwisser, sondern als Menschen, die etwas von Gottes Nähe spürbar machen.
Als Menschen, die die Sehnsucht nach Gott wahrnehmen und behutsam wachhalten.

Bild von Ben auf Pixabay

Dafür braucht es nicht zuerst Hauptamtliche.
Dafür braucht es uns alle, die wir glauben.
Menschen, die sich selbst und andere daran erinnern, was Gott schon getan hat, wo er Halt war, wo er uns durchgetragen hat.
Menschen, die erzählen können, dass dieses Angebot Gottes allen gilt.

Und wenn wir im Evangelium hören, dass Jesus seine Jüngerinnen und Jünger zunächst nur „zu den verlorenen Schafen Israels“ sendet, dann wissen wir zugleich:
Er hat später erkannt, dass Gottes Liebe größer ist als jede Grenze.
Dass sie allen Menschen gilt.
Auch denen, die damals „Heiden“ genannt wurden.
Wäre das nicht so, säßen wir heute nicht hier.

Das ist die eigentliche Erinnerung dieses Sonntags:
dass Gott uns nicht aus den Augen verliert – auch dann nicht, wenn wir ihn aus den Augen verlieren.
Und dass er uns immer wieder anrührt, damit wir uns erinnern können.




Dreifaltigkeit

Eine Annäherung für unseren alltäglichen Glauben

Bildquelle: Autor/-in unbekanntUnknown author, Public domain, via Wikimedia Commons, Bildquelle!

Wenn wir heute das Fest der Dreifaltigkeit feiern, stehen wir vor einem der größten Geheimnisse unseres Glaubens. Und vielleicht fragen Sie sich – wie ich auch immer wieder –: Was kann man darüber eigentlich sagen, ohne sich zu verrennen?

Wir glauben an einen Gott, der uns auf drei verschiedene Weisen begegnet:

– als Vater, der Himmel und Erde geschaffen hat, alles Sichtbare und Unsichtbare,

– als Sohn, der wirklich Mensch geworden ist und uns erlöst hat,

– und als Heilige Geistkraft, die uns begleitet, stärkt und führt.

Das klingt vertraut. Und doch spüren wir: Ganz fassen können wir dieses Geheimnis nicht.

Ein Bild aus der Natur – und ein kleines Wunder der Physik

Wir suchen oft nach Bildern, die uns helfen, der Dreifaltigkeit näherzukommen.

Eines davon ist das Wasser: Es kann fest sein wie Eis, flüssig wie Wasser und gasförmig wie Dampf. Drei Erscheinungsweisen – und doch bleibt es immer Wasser.

Als ich einmal mit einem befreundeten Professor und Naturwissenschaftler über das Thema ‚Dreifaltigkeit‘ sprach, erzählte er mir von einem faszinierenden Experiment:

Unter ganz bestimmten Bedingungen kann Wasser alle drei Aggregatzustände gleichzeitig haben. Eis, Wasser und Dampf – nebeneinander, im selben Augenblick. Die Physik nennt das den Tripelpunkt.

Das hat mich beeindruckt. Denn es zeigt:

Manchmal gibt es in dieser Welt Dinge, die gleichzeitig verschieden und doch eins sind. Dinge, die wir nicht erklären müssen, um sie staunend wahrzunehmen.

Vielleicht hilft uns dieses Bild, wenn wir weiter über die Dreifaltigkeit nachdenken.

Ein Gott der Beziehung

    In den Evangelien der letzten Wochen haben wir gehört, wie eng Vater, Sohn und Geist miteinander verbunden sind. Jesus sagt:

    – „Ich und der Vater sind eins.“

    – „Wer mich sieht, sieht den Vater.“

    – „Ich lasse euch nicht allein – ich sende euch den Beistand.“

    Unser Gott ist ein Gott der Beziehung.

    Die drei Personen sind miteinander verbunden – und jede von ihnen sucht Beziehung zu uns.

    Unser Glaube an die Dreifaltigkeit zeigt sich also nicht darin, dass wir alles erklären können, sondern darin, wie wir mit Gott leben.

    Augustinus am Strand – und die Grenzen unseres Verstandes

      Denn eine Legende aus dem Leben des heiligen Augustinus macht mir etwas deutlich:

      Eines Tages spazierte Augustinus am Strand entlang, während er mitten in den Vorbereitungen für sein Buch über die Heilige Dreifaltigkeit stand. Plötzlich entdeckte er einen Jungen, der mit einem Löffel immer wieder Meerwasser in ein kleines, selbst-gegrabenes Loch schaufelte.

      Neugierig hielt Augustinus an und fragte den Knaben, was er da tue. Der Junge erklärte, er wolle das Meer austrocknen, indem er es in dieses Loch gieße.

      Amüsiert und ein wenig mitleidig lächelnd, wies Augustinus darauf hin, dass das Meer dafür viel zu groß sei. Doch der Junge konterte: „Wahrscheinlicher wirst du das Meer auf diese Weise leer bekommen, als du mit deinem Verstand das Geheimnis der Dreifaltigkeit auch nur annähernd ergründen kannst. Es ist einfach zu groß.“

      Dabei verglich der Knabe das Meer mit der Dreifaltigkeit, sein Loch, das er aushob, mit Augustinus’ entstehendem Buch und den Löffel mit dessen Verstand.

      Diese Geschichte zeigt:

      Wir können Gott nicht in unser kleines Denk-Loch schaufeln.

      Und das ist völlig in Ordnung.

      Was bedeutet die Dreifaltigkeit für mein Leben?

        Ich habe im Studium die Trinitätslehre nie vollständig verstanden.

        Aber ich habe etwas anderes verstanden:

        Die Dreifaltigkeit hat mit meinem Leben zu tun. Mit meiner Beziehung zu Gott.

        Ich glaube an Gott, den Vater.

        Wenn ich staune über die Natur, über die Vielfalt des Lebens, über die Geheimnisse der Biologie, Physik und Chemie – dann spüre ich:

        Da ist ein Ursprung.

        Da ist einer, der uns geschaffen hat und uns Verantwortung für diese Welt anvertraut.

        Ich glaube an Gott, den Sohn.

        Jesus hat uns gezeigt, wie Gottes Liebe aussieht – menschlich, nahbar, verletzlich.

        Er kennt unsere Schwächen und unsere Schuld.

        Und er zeigt uns:

        Gottes Liebe lässt uns nicht fallen.

        Ich glaube an die Heilige Geistkraft.

        Sie ist die Kraft, die mich tröstet, wenn ich zweifle.

        Die mich stärkt, wenn ich müde bin.

        Die mich führt, wenn ich nicht weiß, wohin.

        Sie ist Gottes Nähe in meinem Alltag.

        So glaube ich an den dreifaltigen Gott

        An den Vater, der mich geschaffen hat.

        An den Sohn, der mich erlöst.

        An die Heilige Geistkraft, die mich begleitet.

        Ein Gott – drei Weisen, wie er mir begegnet.

        Ein Geheimnis – und doch ganz nah.

        Ein Gott, der mein Leben umgibt, vom Anfang bis zur Vollendung.

        Foto: Gerd A. Wittka, 2025