wenn wir genügsam wären und mit dem, was wir haben und sind zufrieden wären
Frieden wäre möglich
wenn wir auf Macht verzichten würden wo wir sie nicht brauchen und da, wo wir sie brauchen mit Liebe und Achtung vor Schöpfung und Mensch gepaart dem Wohle widmen würden und nicht unsere eigenen Machtgelüste zu befriedigen suchten
Friede wäre möglich
wo das Bewusstsein und die Überzeugung ist dass wir alle Gebende und Nehmende sind und gemeinsam an eine gute Welt bauen wollen die die Freiheit des anderen achtet und fördert
Frieden wäre möglich
wo wir ehrlich gegenüber uns selber und unsere Motive wären die unser Denken und Handeln bestimmen wollen
Frieden wäre möglich
wo wir den anderen ebenso groß sein lassen würden wie wir selber sein wollen
„Ein guter Mensch bringt Gutes hervor, weil in seinem Herzen Gutes ist;
und ein böser Mensch bringt Böses hervor, weil in seinem Herzen Böses ist:
Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund.“
https://www.bibleserver.com/LUT/Lukas6%2C45
Dieses Wort finden wir heute im Evangelium des 8. Sonntags. Und wem jetzt die gegenwärtige Situation mit dem Angriffskrieg Putins gegen die Ukraine in den Sinn kommt, dem sei gesagt: auch ich habe daran direkt denken müssen.
Ja, ich weiß, dass es sich eigentlich verbietet, vorschnell mit dem Finger auf andere zu zeigen. Aber zeigt nicht gerade diese Situation, dass Wort und Taten oft Hand in Hand gehen?
Putin hat noch nach Beginn des Angriffskrieges unverhohlene Drohungen nicht nur gegen die Ukraine sondern gegen die gesamte westliche Welt ausgesprochen.
Diesen Drohungen sind in seinem Fall aber schon Taten vorausgegangen.
Das Problem, über das ‚Böse‘ zu reden
Ja, wir müssen vorsichtig sein, wenn wir über ‚das Böse‘ reden.
Viel zu lange wurde in unserer abendländisch-christlichen Kulturgeschichte ‚das Böse‘ personifiziert und zwar derart, dass es etwas Personales außerhalb von uns Menschen sei. Infolge dessen wurden Begrifflichkeiten wie „Satan“, „Teufel“ oder „Dämonen“ in ‚einen Sack geworfen‘, wobei man bei genauerem Hinsehen und Bibelstudium sehr leicht erkennen könnte, dass es da doch gravierende Unterschiede gibt.
Der Missbrauch mit diesen Begrifflichkeiten, der seinen Höhepunkt sicherlich in solchen Phasen wie denen der sogenannten ‚Hexenverfolgung‘ gefunden hat, hat in der Geistesgeschichte der Theologie und auch der Philosophie zu einem Umdenken geführt.
Exkurs: Der 'Satan' in der Bibel
Der Satan in der Bibel tritt als der 'Verführer' auf.
Schon in der Schöpfungsgeschichte im Bild der Schlange, die Eva verführt. Aber sowohl bei Hiob als auch bei Jesus erfahren wir vom Satan, der als der Verführer auftritt.
In der Schöpfungsgeschichte ist die teleologische Aussage nicht so ganz einfach.
Bei Hiob und Jesus ist der Satan quasi 'Werkzeug' göttlichen Heilswillens. Der Satan bei Hiob muss sich von Gott die Erlaubnis holen, Hiob in Versuchung führen zu können. Das göttliches Wissen, dass es sich bei Hiob um einen 'Gerechten' vor den Augen Gottes handelt, lässt Gott zustimmen, damit der Satan seine Versuchungsattacken starten darf.
Bei Jesus ist die teleologische Dimension auch klar: Jesus wird in der Wüste in Versuchung geführt, aber er unterliegt der Versuchung nicht, weil und indem er sich als der Sohn Gottes offenbart. Er ist der 'neue' Gerechte in den Augen Gottes und erweist sich sichtbar durch die misslungene Verführung als der 'Gerechte Gottes' und Gottes Sohn.
Die heutige Lesung richtet also das Phänomen des Bösen auf den Menschen selber. Das ‚Böse‘ ist in den Menschen selber vorhanden. Es kommt also nicht von außen auf uns zu und nimmt von uns ‚Besitz‘. Das Böse ist keine Besessenheit, sondern Teil unseres menschlichen Seins.
Dieses Feststellung macht den Umgang mit diesem Thema dadurch nicht leichter, führt es doch zu der Frage, wie dann das Gute möglich ist, wenn das Böse in uns ist?
Ich bin der Überzeugung, dass das Böse, das in uns ist, keine ‚Zutat‘ unserer menschlichen Existenz ist. Der Mensch ist nicht so zu sehen, als sei er im Hinblick auf das Gute und Böse, quasi wie ein definiertes Gefäß, in dem sich ein fester Teil ‚Gutes‘ und ein fester Teil ‚Böses‘ findet; also so gesagt: der Mensch besteht nicht aus x% Gutem und x% Bösem. Im Hinblick auf ‚gut‘ und ‚böse‘ ist der Mensch also nicht determiniert.
Mir persönlich hilft es, das ‚Böse‘ anders zu sehen. Wenn ich annehmen kann, dass das Böse in mir ist, ich aber als Mensch auch die Möglichkeit habe, etwas ‚gegen das Böse zu tun‘, dann ist das Böse Folge von etwas. Mir erscheint es die Folge mangelhaften Seins zu sein, genauer gesagt, die Folge ‚mangelhafter Liebe‘. So ist also das Böse Resultat mangelhafter Liebe. Oder anders ausgedrückt: da wo in meinem Lebensgefäß nicht 100% Liebe ist, da ist in dem Teil, wo keine Liebe ist das Böse. In dieser Hinsicht finden wir, dass der Mensch indeterminiert ist. Das Böse ist also die Restmenge nicht vorhandener Liebe in mir. Im Deutschen kennen wir dafür ein hilfreiches Wort: ‚Lieblosigkeit‘. Da, wo Lieblosigkeit ist, ist der Raum für das Böse.
Oder, wie es in der heutigen Lesung heißt: „… ein böser Mensch bringt Böses hervor, weil in seinem Herzen Böses ist…“
Raum für Gestaltung und Verantwortung
Dieses Sichtweise auf ‚das Böse‘ zeigt uns demnach auch einen Raum für Gestaltung auf und lässt uns verantwortlich sein für das Gute oder das Böse, das wir tun. Denn, wenn das Böse nicht von außen auf uns zu kommt, uns quasi nicht von außen her ‚überfällt‘ und wir uns nicht auf unsere Ohnmacht zurückziehen und das Böse damit entschuldigen können, sondern das Böse als der Mangel an Liebe in uns selber zu finden ist, dann sind wir auch dafür verantwortlich.
Aber das Beste daran ist: wir sind dem Bösen nicht machtlos ausgeliefert, sondern können mit dem Bösen in uns umgehen. Wir halten das Heft des Handelns in der Hand, wie das Böse aus uns heraus sichtbar und wirksam werden kann.
Das ist das große göttliche Geschenk der Freiheit, von dem zugleich so viel Leid und Tod ausgehen kann, wie z.B. der Krieg in der Ukraine zeigt!
Aus Putin heraus ist die Idee erwachsen, diesen Angriffskrieg zu beginnen, Verhandlungen abzubrechen, unzumutbare Bedingungen für ‚Verhandlungen in Minsk‘ aufzustellen (da wir wissen, dass der Diktator von Belarus ein Scherge Putins ist) und ein Gerüst von Lügen, Manipulationen und Infiltrationen zu erstellen.
Putin hätte auch andere Wege gehen können: Wege des Friedens und der Verhandlung. Mit Empathie und Liebe für das eigene Volk aber auch für die Menschen in der Ukraine wäre es oberstes Ziel gewesen, einen solchen Angriffskrieg zu verhindern.
Und Instrumente, vermeintlich berechtigte russische Interessen ohne kriegerische Gewalt zu verfolgen, hätte es genügend gegeben und gibt es immer noch. Ich erinnere da nur an die verschiedenen internationalen und bilateralen Organisationen oder Beziehungen, angefangen von OSZE, UN-Sicherheitsrat, UNO, G7, und wie die ganzen bestehenden Formate alle heißen.
Aber: Putin hat sich bewusst dagegen entschieden, Wege des Friedens und der Diplomatie zu gehen. Er hat dem Bösen in ihm den Raum gegeben, in dem sich dann diese menschenverachtende Sichtweise und die böse Entscheidung für einen Krieg entwickeln konnte.
Ja, ich bin mir sicher, dass es jetzt einige geben wird, die mir vorhalten, ich hätte nicht das Recht so den Stab über Putin zu brechen. Manche würden hinterfragen, ob meine Haltung und meine Äußerungen hier christlich seien und es wird sicherlich auch jene geben, die whatsaboutism nutzen werden, so nach dem Motto: „Den Splitter im Auge deines Bruders siehst du, aber den Balken in deinem einen Auge nicht“.
All denen möchte ich sagen: Die kriegerischen Verbrechen, die in diesen Tagen in der Ukraine stattfinden, sind so eklatant, dass sich eine Verharmlosung, Relativierung oder falsche Zurückhaltung verbietet!
Das Böse aufzudecken und es beim Namen zu nennen, ist für mich eine christliche Pflicht.
Denn der Preis, den unschuldige Menschen durch dieses Böse, das von Putin ausgeht, zahlen müssen ist zu hoch.
Wenn wir uns als Christen für den Schutz jeglichen Lebens einsetzen, dann darf unsere Stimme in dieser Situation nicht weniger deutlich sein, als in anderen Bereichen, wo wir auf der Seite des Lebens und der Liebe stehen und die Macht des Todes und des Bösen brechen versuchen.
Sich gegen das Böse zu wenden, heißt, für die Liebe zu kämpfen! Gegen das Böse die Stimme zu erheben, heißt, dem Guten Raum zu verschaffen!
Viele meiner seelsorglichen Kolleginnen und Kollegen haben es vor mit unternommen, sich in den letzten Tagen zu dem alles dominierenden Thema in meiner Kirche zu äußern: dem Gutachten über den Umgang des Erzbistums München-Freising mit Fällen von sexualisierter Gewalt durch Geistliche in den letzten Jahrzehnten.
Braucht es da auch noch Äußerungen von mir? Wird sie überhaupt gewünscht, gewollt, wahrgenommen oder gelesen?
Viele Gedanken und Gefühle prägen meinen Alltag in diesen Tagen und eigentlich ist alles noch so chaotisch, unstrukturiert und wenig stringend.
Gefühle …
Da gibt es diese Gefühle von tiefer Traurigkeit, wenn ich an das Leiden der Opfer und Betroffenen denke, da gibt es Wut und Zorn, Ohnmacht und Ratlosigkeit und zugleich ein inneres Verlangen, nicht weiter zuschauen zu wollen. Wie gerne würde ich auf den Tisch hauen …!!!
… und Gedanken
Und dann gibt es viele Gedanken:
Was ist mit den Opfern und Betroffenen? Was ist jetzt zu tun, damit nicht nur geredet, geredet und zerredet wird, sondern tatsächlich etwas geschieht, das auch zeitnah Entlastung und Hilfe bringt?
Was ist mit unseren Schwestern und Brüdern in den Gemeinden, in der Kirche vor Ort? Wo haben sie Gelegenheit und Räume und Orte, so sie ihre Gedanken und Befindlichkeiten, ihren Frust, ihre Wut, ihre Ratlosigkeit lassen können; und wo wir sie mit ihnen teilen?
Wo und wie kann ich mich geistlich festmachen, damit mich die Wut und der Zorn nicht herunter zieht und mich nicht so sehr bindet und lähmt und ich dadurch unfähig bleibe, mit dieser Situation umzugehen und aktiv bleiben kann? Lethargie kann kein angemessener professioneller Umgang sein!
Worauf kann ich in dieser Zeit vertrauen und hoffen?
Wie kann ich anderen behilflich sein: den Betroffenen und Opfern, den Schwestern und Brüdern, denen, die mich tagtäglich als Seelsorger beanspruchen und ich eben nicht immer oder mehr um mich selber kreise, weil es mir „mit dieser ganzen Situation doch sooo schlecht geht.“ ? – [ Ohne Zweifel: ich würde mich eher wundern, wenn es mit oder anderen meiner Kolleg:innen in dieser Zeit gut geht. Und ich finde es auch wichtig, dass wir das öffentlich machen, damit andere spüren, dass diese Thematik auch uns nicht unberührt lässt. Aber zugleich möchte ich vermeiden, dass wir bei aller Selbstwahrnehmung nur öffentliche Nabelschau betreiben. Ich möchte, dass wir wieder darauf zurück kommen, was unsere Aufgaben sind: als Seelsorger:innen auch Seelsorge zu leisten; und dies natürlich in aller Offenheit und Bereitschaft, nötige Veränderungen voran zu treiben.]
Meine Sprachlosigkeit lässt mich schweigen. Doch mein Schweigen darf nicht endlos sein und mich von der Verantwortung und Verpflichtung befreien, dort zu reden und zu agieren, wo es nötig ist und wie es meinem Auftrag entspricht. Die Herausforderung ist, sich dieser Thematik mit aller Dringlichkeit zu stellen, ihr den Platz zuzubilligen, den sie jetzt haben muss und zugleich auch die anderen Aufgaben nicht aus den Augen zu verlieren.
Das ist ein Spagat und unsere Herausforderung in dieser Zeit.
Wer sich ernsthaft mit sexualisierter Gewalt auseinandersetzt, sich wirklich intensiv mit dem Leiden der Opfer und Betroffenen beschäftigt und das alles auch wirklich an sich heran lässt, ist in Gefahr angesichts des Grauens solcher Taten und ihrer Folgen sprachlos zu werden.
Doch gerade das darf nicht passieren: Sprachlosigkeit darf nicht in unendliches Schweigen oder gar in Lethargie münden! Das wäre Wasser auf die Mühlen derer, die nach wie vor vertuschen und relativieren wollen; die noch immer nicht verstanden haben oder wollen …!
Was es jetzt braucht …
In dieser Zeit suche ich selber nach geistlichen Impulsen, die mir helfen, nicht (mehr) sprachlos zu sein, nicht in Lethargie und Untätigkeit zu verfallen, nicht zu resignieren oder gar weg zu laufen. Ich spüre in mir die Aufforderung, zu bleiben und die Notwendigkeit, das zu tun, was ich tun muss, auch wenn es nicht viel ist.
In meiner Suche stieß ich – mal wieder – auf die Regel des heiligen Benedikt, des Vaters des abendländischen Mönchstums.
Im Prolog gibt es einen Absatz, der mir in dieser Zeit ein hilfreicher Impuls ist:
„… Stehen wir also endlich einmal auf! Die Schrift rüttelt uns wach und ruft: „Die Stunde ist da, vom Schlaf aufzustehen.“ Öffnen wir unsere Augen dem göttlichen Licht und hören wir mit aufgeschrecktem Ohr, wozu uns die Stimme Gottes täglich mahnt und aufruft: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht!“ Und wiederum: „Wer Ohren hat zu hören, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!“ Und was sagt er? „Kommt, ihr Söhne, hört auf mich! Die Furcht des Herrn will ich euch lehren. Lauft, solange ihr das Licht des Lebens habt, damit die Schatten des Todes euch nicht überwältigen.“ Und der Herr sucht in der Volksmenge, der er dies zuruft, einen Arbeiter für sich und sagt wieder: „Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?“ Wenn du das hörst und antwortest: „Ich“, dann sagt Gott zu dir: „Willst du wahres und unvergängliches Leben, bewahre deine Zunge vor Bösem und deine Lippen vor falscher Rede! Meide das Böse und tu das Gute; suche Frieden und jage ihm nach! Wenn ihr das tut, blicken meine Augen auf euch, und meine Ohren hören auf eure Gebete; und noch bevor ihr zu mir ruft, sage ich euch: Seht, ich bin da.“…“
aus: Regel des heiligen Benedikt, Prolog
Aus diesem Prolog nehme ich Worte wahr, die mir nachgehen und mich buchstäblich heraus-fordern. Eine Kollegin und Freundin von mir, Sr. Bonifatia Keller OP, (sie war Dominikanerin und ich habe mit ihr lange in der Gefängnisseelsorge gearbeitet) hatte ein fast schon geflügeltes Wort, wenn es nicht so lief, wie wir es erhofft hatten: „Lass es uns noch mal versuchen!“
Immer wieder konnte sie diesen Satz sagen und ich hatte nie den Eindruck, dass es eine hohle Floskel war, sondern das dieser Satz aus ihrem Mund etwas Energisches und Kraftvolles hatte. Hinter diesem Satz stand noch ganz viel Motivation, weiter zu machen, trotz Rückschlägen oder vermeintlicher Erfolglosigkeit.
Sie hat mir vorgelebt, was Benedikt in seinem Prolog schreibt: unsere (geistigen und geistlichen) Augen dem göttlichen Licht in unserem Leben zu öffnen, d.h. danach Ausschau zu halten, was Gottes Geist uns in dieser Zeit sagen und zeigen will!
Dass gerade in dieser Zeit ich wieder mehr an Pfingsten und Geistsendung denken muss, scheint mir kein Zufall zu sein. Kann nicht gerade diese Zeit eine Hoch-Zeit des Heiligen Geistes sein? Muss sie es nicht sogar sein? Angesichts der Turbulenzen, der emotionalen Betroffenheit und der Notwendigkeit einer moralischen und geistlichen Reinigung können wir uns nicht auf uns allein verlassen: auf unseren (heiligen) Zorn, auf unsere Empathie!
Das alles kann Antrieb und Motivation sein, aber darin liegt selbst nicht die Antwort auf das, was jetzt von uns getan werden kann und muss.
„Ohne SEIN lebendig Weh’n, kann im Menschen nichts besteh’n, kann nichts heil sein und gesund…“ – so heißt es in der Pfingstsequenz.
Ich spüre in dieser Zeit, dass wir auch wieder mehr nach dem Heiligen Geist rufen müssen, dass wir durch sein Wirken unsere Augen dem göttlichen Licht öffnen können und mit aufgeschreckten Ohren hören, was Gottes Stimme uns in dieser Zeit mahnt; dass wir unsere Herzen in dieser Zeit nicht verhärten unter dem Eindruck von Trauer, Wut, Schmerz, Zorn sondern zu hören, was SEIN Geist uns und unseren Gemeinden sagen will.
Geist Gottes, du Heilige, Geistkraft! Mein Sprechen, meine Worte, sie scheinen nicht ausdrücken zu können, was in mir vorgeht. Trauer, Wut und Ratlosigkeit bestimmen mein Dasein; ich kann und mag meinen Blick und meine Gedanken nicht abwenden von dem Leid und der Gewalt unter dem Deckmantel kirchlichen Lebens durch jene, die eigentlich die frohe Botschaft bezeugen sollen. Mein Glaube von einer Kirche, die das Gute und der Liebe Raum geben will, ist erschüttert.
Ich möchte mich halten, klammern an das, was mich hält und nicht ab-hält weiter zu wirken an das, was ich glaube:
dass Jesus Christus
Liebe und Befreiung
nicht nur gepredigt, sondern gelebt hat
damit diese Liebe und Befreiung auch heute noch Wirk-lichkeit ist.
Geist Gottes, ruach du Heilige, Geistkraft atme du in mir wo mir die Luft weg bleibt;
deine Geistkraft durchdringe mich wo ich mich nicht aufraffen kann;
lass es mich aushalten an der Seite der Opfer und Betroffenen stehen zu können
und an einer Kirche mitwirken von der ich glaube, dass du sie SO nicht gewollt hast.
Befähige uns zu einer Geschwisterlichkeit, in der wir uns gegenseitig stützen und bestärken
im Einsatz für eine Kirche
nach DEINEM Willen.
(05.02.2022, Gerd Wittka)
Schwarze Nacht
Was heute, am 20.01.2022, durch das sogenannte „Münchener Gutachten“ an Fehlverhalten in meiner Kirche zutage tritt, auch insbesondere der Umgang des Papst em. Benedikt XVI., alias Joseph Kard. Ratzinger (seinerzeit Erzbischof von München-Freising), dass kann ich – voller Erschütterung – nicht anders benennen, als „Schwarze Nacht“.
Dieses Gutachten bestätigt das System der Vertuschung und auch noch die offenbare Realitätsverzerrung oder den Realitätsverlust von kirchlichen Würdenträgern auch bei der Frage, was „sexualisierte Gewalt“ bzw. „sexueller Missbrauch“ ist.
Das Gutachten, so Berichterstatter, verwendet nicht das Wort „Lüge“, aber macht deutlich, dass offenbar auch heute noch die früheren Verantwortungsträger weiterhin die Wahrheit leugnen und sie abstreiten.
Als Bild zu diesem Beitrag habe ich ein dunkles Bild gewählt, aber mit einem hellen Spalt einer sich öffnenden Tür. Ja, ich bin sprachlos – bisweilen verzweifelt – aber in erster Linie daran, was den Opfern und Betroffenen an unsäglichem Leid weiter zugemutet wird! Allein aus deren Sicht muss die Frage gestellt werden, wie es weiter gehen kann?
Der öffentliche Druck trägt sicherlich einen großen Teil dazu bei, dass Vieles nun in der Öffentlichkeit und auch in der Kirche sichtbar wird und diskutiert wird. Eine Vielzahl von Katholik:innen verlassen aber auch die Kirche – wer würde es ihnen verdenken können.
Matthias Katsch, der Sprecher der Opfer-Initiative „Eckigen Tisch“ hat heute bei Phönix TV im Tagesgespräch einen wichtigen Aspekt benannt, warum die hohen Austrittszahlen in der Kirche aber auch kontraproduktiv sein könnten. Hören wir da mal rein:
Das ist nämlich die Crux, dass die Kräfte, die in der Kirche – aufgrund ihrer berechtigten kritischen Haltung – von innen heraus die Flammen für nötige Veränderungen brennen lassen könnten – diesen Flammen den Sauerstoff nehmen, damit von innen her sich auch was bewegt.
Ich weiß von einigen Menschen, die bereit sind, trotz allen Leidens an und in der Kirche, dabei zu bleiben und von innen her an einer Veränderung zu arbeiten. Solche Menschen brauchen wir; solche Menschen brauche auch ich, als amtlicher Vertreter meiner Kirche.
Ich würde gerne alle jene bitten, die überlegen zu gehen, ob sie nicht vielleicht doch bleiben können? Ich möchte sie gerne ermutigen: vernetzt euch mit Euresgleichen, vernetzen wir uns untereinander und sehen diesen inneren Kampf auch als eine Herausforderung unseres Glaubens an.
Denn ich bin davon überzeugt, wer sich in dieser Frage auf die Seite der Opfer stellt, an dessen Seite steht Christus selber.
Haben wir den Mut, in Christi Namen diesen Weg der inneren Erneuerung und Reformation zu gehen?!
Über drei Stunden lang habe ich das Gutachten studiert, insbesondere den Sonderband zu dem Essener Priester H.! Es zeigt, wie sich damals Verantwortliche verhalten haben; es zeigt aber auch, wie damals Verantwortliche sich heute dazu noch positionieren.
Ein besonderes Schlaglicht liegt natürlich auch auf den damaligen Erzbischof von München-Freising, Kard. Joseph Ratzinger, nachfolgend Benedikt XVI.! Er kommt nicht gut weg. Seine Einlassungen sind für mich nicht wirklich glaubwürdig, er widerspricht sich und macht Ausflüchte formaler Art.
Mir hat dieser Sonderband aber auch gezeigt, dass ab 2010 das Bistum Essen und auch unser Bischof eine klare Linie gefahren haben; dass es zum Beispiel darum ging, den Priester H. aus dem Klerikerstand zu entlassen, was aber leider wegen Formalitäten von Rom aus verhindert wurde.
Genieße den Reichtum
Gedanken zum 2. Sonntag im Jahreskreis – 16. Januar 2022
Am vergangenen Montag, den 10.01.2022 hat in unserem Bistum Essen der „Tag der pastoralen Dienste“ stattgefunden. Wegen der Corona-Pandemie aber nur als online-Veranstaltung.
Gut zweihundertundvierzig Kolleg:innen, die in unserem Bistum in der Seelsorge tätig sind, haben daran teilgenommen: Frauen und Männer, Gemeindereferent:innen, Pastoralreferent:innen, Diakone, Priester und Bischöfe.
Entstanden ist dieses Treffen aus dem früheren „Priestertag im Bistum Essen“ – damals noch ein erlauchter, klerikaler Kreis. Uns wurde als Seminaristen vermittelt, dass es eine Ehre sei, daran schon teilnehmen zu dürfen. Doch für mich war das damals eine ‚fremde‘ Veranstaltung: Kleriker, von denen die meisten untereinander wussten, dass sie Kleriker sind, fanden sich in ‚geballtem klerikalen Schwarz‘ zusammen. Darunter auch einige, von denen ich wusste, dass sie sonst selten so klerikal in Erscheinung traten.
Ich war auf jeden Fall froh, als diese Veranstaltung geweitet wurde und nun alle Seelsorger:innen unseres Bistums zu diesem Tag einlud: Ungeweihte und Geweihte, Frauen und Männer.
Für mich ist diese ‚bunte Mischung‘ wohltuend und erfrischend.
An den vergangenen Montag musste ich denken, als ich jetzt die Lesung aus dem Neuen Testament des heutigen Sonntags las.
Darin lese ich die Worte: „Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: ER bewirkt alles in allen.“
An solchen Tagen, bei solchen Begegnungen, wie dem „Tag der pastoralen Dienste im Bistum Essen“ erlebt man diese verschiedenen Gnadengaben, die verschiedenen Dienste und verschiedenen Kräfte in geballter Form, an einem Ort, zu ein und derselben Zeit.
Aber wir erleben diese Vielfalt der Gnadengaben, der Dienste und Kräfte auch ‚vor Ort‘, in unseren Gemeinden und Gemeinschaften, in unseren Lebensbezügen und -beziehungen.
Spannende Verschiedenheit
Diese Verschiedenheit ist spannend und manchmal auch anstrengend. Das merken wir besonders bei ganz aktuellen und strittigen Themen in unseren Pfarreien und Gemeinden und in unserer ganzen Kirche.
Manchen scheint es zu anstrengend zu sein und sie sehnen sich nach einfachen, eindeutigen und klaren Aussagen, die leider manchmal auch einseitig sind. Sie vermögen es nicht, der tatsächlichen Vielfalt an Menschen, Charakteren und Überzeugungen gerecht zu werden. Damit besteht die Gefahr, dass Viele, die dazu gehören, sich ausgegrenzt fühlen; manche davon ziehen sich dann ins Private zurück, tauchen in der Gemeinde nicht mehr auf. Schlimmstenfalls verlassen sie ganz die kirchliche Gemeinschaft.
Dass das geschieht, ist jedoch ein großes Versagen in unserer Kirche. Sowohl in den Evangelien aber auch in der heutigen Lesungen finden wir viele biblische Beispiele und Zeugnisse, die immer wieder betonen, dass die Gemeinschaft der Glaubenden eine vielfältige Gemeinschaft ist.
Vielfalt ist Reichtum
Ich persönliche Empfinde diese Vielfalt grundsätzlich als Reichtum. Doch dafür muss mindestens eine Bedingung erfüllt sein.
Dieser Reichtum muss gewollt, angenommen und geschätzt werden. Geschätzt wird er in dem Maße, in dem diese Vielfalt, dieser Reichtum zum Zuge kommen kann.
Dazu ein ganz triviales Beispiel:
In den Seelsorgebereichen, in denen ich mit Kolleg:innen zusammenarbeite gab und gibt es immer wieder folgende Übereinkunft: Wenn sich jemand mit einem seelsorglichen Anliegen an mich wendet und diese Person oder ich in der Begegnung feststelle, dass ‚die Chemie zwischen uns nicht stimmt‘ und deshalb nicht segensreich für die Begegnung und Beziehung sein kann, konnte und kann ich auch heute immer noch das Angebot machen, die anderen Kolleg:innen ins Spiel zu holen. Wenn dann diese neue Konstellation hilf- und segensreich ist, kann man sehr leicht erkennen, wie wertvoll diese Vielfalt ist.
Diese Vielfalt gilt auch in vielen anderen Bereichen des kirchlichen Lebens. Nicht nur mir, sondern auch Ihnen, fallen sicherlich bei einiger Überlegung viele Beispiele ein.
Ich möchte Sie und auch mich selber an diesem Sonntag ermuntern, den Blick auf die Vielfalt in unserer Kirche aber auch in unserer Gesellschaft, in unserem Staat zu richten. Ich möchte ermutigen, diese Vielfalt auch in einer multikulturellen Vielfalt zu entdecken, wo die anderen Kultur, die andere Geisteshaltung und Weltanschauung für mich zu einer Chance wird, sich mit der eigenen Kultur und Geisteshaltung neu zu beschäftigen und vielleicht auch wertvolle Aspekte der anderen zu entdecken, die den eigenen Horizont weitet und mein Leben bereichert.
Wenn in allem „der eine Geist“ wirkt, dann ist mir nicht bange, dass unsere Vielfalt auch unser Reichtum ist, den wir genießen können und dürfen.