„Wollt auch ihr weggehen?!“

21. Sonntag im Jahreskreis – C – 2021

Ansprach zur Schriftstelle: Johannes 6,60-69

Liebe Schwestern und Brüder,

es würde mich sehr wundern, würden viele von uns, die wir das heutige Evangelium gehört haben, irgendwann nicht auch auf das Thema „Kirchenaustritt“ und die neuesten Entwicklungen kommen.

Wir könnten leicht versucht sein, dieses Evangelium oberflächlich und 1:1 auf die heutige Zeit zu übertragen.
Wir könnten leicht versucht sein, zu sagen: „Heute ist es ja nicht viel anders als damals. Auch heute verlassen Menschen die Kirche und wollen scheinbar nicht mehr mitgehen.“

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Aber Vorsicht!
Vielleicht ist das genau zu kurz gedacht.

Schauen wir uns den Text etwas genauer an:
Da gibt es wieder diesen einen Satz, den wir als Schlüsselsatz verstehen dürfen, der uns die Vorzeichen benennt, unter denen wir diesen Text ent-schlüsseln müssen:
„Der Geist ist es, der lebendig macht. Das Fleisch nützt nichts!“

Damit spricht Jesus einen Punkt bei den Juden an, der mit der Frage zusammenhängt, wie ein Mensch Jude bzw. Jüdin wird.
Wesentlich und in erster Linie spielt da die Rolle, ob Mutter oder Vater jüdisch ist. Die Geburt, die Abstammung von den Eltern ist hier also primär maßgeblich. Durch die anschließende Beschneidung tritt ein Junge dann dieser Bundesgemeinschaft bei.

Es gibt also mehr oder weniger einen „Automatismus“ bei der Zugehörigkeit zum Judentum: die Geburt, also „das Fleisch“ ist maßgeblich.

Doch dieses Verständnis kratzt Jesus im heutigen Evangelium an. Nach ihm ist nicht die Herkunft für die Zugehörigkeit maßgeblich, sondern die Gesinnung, der Glaube und die damit einhergehende Entscheidung für den Glauben und für eine Nachfolge Christi.

Diese Tradition des ‚entschiedenen‘ Christen hat sich im Laufe der Kirchengeschichte verfestigt, auch wenn es Zeiten gab, wo der/die einzelne nicht zum Christentum übertrat, sondern: wenn der „pater familias“ zum christlichen Glauben übertrat, dann trat mit ihm „das ganze Haus“ zum christlichen Glauben über, also alle Familienangehörigen, selbst die Sklaven im Haus.

Beziehen wir das heutige Evangelium aber auf die Frage nach Kirchenaustritt und Zugehörigkeit zu Christus, dann lohnt sich ein genauerer Blick auf die Entwicklung in diesem Bereich.

Das veränderte Austritt-Szenario in der Kirche

Als ich vor über 25 Jahren Priester wurde, konnte man im großen und ganzen berechtigterweise die These vertreten: Wer aus der Kirche austritt, vollzieht damit nur den letzten Schritt. Vorausgegangen waren zumeist schon eine längere innere und äußere Loslösung von der Kirche und evtl. sogar auch vom christlichen Glauben.
Der Kirchenaustritt erschien damals zumeist als logischer Schritt einer inneren oder auch geistlichen Entfernung von christlichem Glauben und von der Kirche.
Für uns Seelsorger:innen hieß das auch zumeist: „Der Zug ist abgefahren!“. So schnell würde man diese Menschen nicht wieder zurück gewinnen können. Mit diesen Menschen müsste man den Glaubensweg wieder neu starten.

In den letzten Jahren können wir – auch unter dem Einfluss des Skandals über sexuellen Missbrauch in der Kirche und durch kirchliche Mitarbeitende und auch das starre hierarchische Handeln der Kirche – aber eine andere Entwicklung feststellen.
Menschen sind verärgert, frustriert und verletzt, wie unsere Kirche mit bestimmten Themen umgehen.
Darunter sind sogar Menschen, die sich bis zum eigentlichen Austritt teilweise persönlich und sehr engagiert in der Kirchengemeinde eingebracht haben, z.T. in verantwortlichen Aufgaben und Positionen in Gremien oder als Ehrenamtliche in der Verkündigung (Kommunionhelfer:innen, Lektor:innen, Messdiener:innen, ….).

So höre ich in letzter Zeit häufiger folgende oder ähnliche Statements: „Ich trete aus der Kirche aus, aber ich bleibe ‚katholisch‘!“ oder „Ich trete aus der Kirche aus, aber ich bleibe nach wie vor überzeugte/r Christ:in!“

Christ:in sein – ohne Kirche?

Ich will jetzt gar nicht die theologische Frage stellen zwischen überzeugtem Christentum und ‚Zugehörigkeit zur Kirche‘. Aber diese Beobachtungen lassen eine weitere Frage aufscheinen:

Bedeutet Zugehörigkeit zu Christus gleichzeitig Zugehörigkeit zur Kirche? Oder: kann ich auch als ausgetretene/r Katholik/in auch weiterhin katholisch und Christ:in sein?

Viele von denen, die formal aus der Kirche ausgetreten sind, beantworten diese Fragen sehr klar, entschieden und eindeutig mit: „Ja!“

Ich finde, dass ist ernst zu nehmen. Denn sie sagen damit: Mein Christsein und mein Kirchesein wird nicht in erster Linie geprägt von einer formalen Mitgliedschaft zu einer Kirche, zu der ich vielleicht sogar eher unfreiwillig, d.h. durch die Entscheidung der Eltern (also dem „Fleische nach“?) gekommen bin.
Mein Verständnis von Christsein und Kirchesein ist entscheidend von meiner eigenen Entscheidung her zu verstehen, also von dem, was meinem Geiste als freie Entscheidung entspringt.

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Mir ist klar, dass manche Dogmatiker:innen jetzt heftig die Stirn runzeln werden. Aber das ist für mich zweitrangig.
Für mich ist viel wichtiger, diese Geisteshaltung dieser Menschen ernst zu nehmen, denn dahinter verbirgt sich was ganz Wertvolles: sie haben nicht abgeschlossen mit dem christlichen Glauben, sie haben nicht abgeschlossen mit der christlichen Gemeinschaft. Sie haben oft nur abgeschlossen mit einer organisatorischen Institution, die ihnen oft so widersinnig erscheint: widersinnig im Hinblick auf den christlichen Glauben.

Und: sie haben ihr Bekenntnis zu Jesus Christus dadurch erneuert.
Sie sagen damit: Christus und der Glaube an ihn und seine Botschaft spielen in meinem Leben weiterhin ein große Rolle. Die Worte Jesu und seine Botschaft sind für diese Menschen weiterhin „Geist und sind Leben“.
Ihr Leben würde ohne den christlichen Glauben, ohne die Zugehörigkeit zu Christus, ohne christliche Nachfolge, leer sein.

„walking to the sky“ – Bild von Zorro4 auf Pixabay

Sie antworten auf die Frage des Herrn: „Wollt auch ihr gehen!“ auch heute wieder: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Wortes des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes.“

Wenn wir diesen Gedanken an uns heranlassen und ihn zulassen, dann wird aber zwangsläufig eine weitere Frage auftauchen:

Wie ist es mit uns, die wir (noch) in der Kirche geblieben sind?
Wo sind wir (nur noch) „dem Fleische nach“ Christ:innen? Und wo und wie könnten wir mehr und bewusster „dem Geiste nach“ Christ:innen sein und glaubwürdiger werden; dem Geiste nach, der uns (wieder) lebendig macht?

Formales Christentum, formale Zugehörigkeit zur Kirche ist wertlos.

Dem Geiste nach zu Christus zu gehören ist wesentlich, ob als Mitglied der Kirche oder nicht (mehr).




Labyrinth

Foto: www.pixabay.com

Labyrinth

Ein Labyrinth ist

kein Irrweg

es gibt keine ‚falschen‘ Wege
man wird sich nicht verlaufen
es gibt keine Sackgassen.

Vieles an einem Labyrinth ist

scheinbar

scheinbar führt der Weg manchmal direkt zum Ziel
scheinbar bewege ich mich kein Stückchen weiter auf das Ziel zu
scheinbar entferne ich mich sogar manchmal vom Ziel

scheinbar

Labyrinth von Chartres, Quelle: www.pixabay.com

sicher ist

der Weg eines Labyrinths
führt
immer
zum

Ziel!

( © Gerd Wittka, 16.08.2021)




LIEBE – segenswert!

Ansprache zum ökumenischen Gottesdienst zum Ruhrpride in Essen am 06.08.2021 in der evangelischen Marktkirche in Essen.

Predigtgrundlage bilden der Psalm 67 und 1. Johannes 4, 7-13

Vor dem Beginn des ökumenischen Gottesdienstes, Foto: Gerd Wittka, 2021

Das diesjährige Thema dieses ökumenischen Gottesdienstes zum Ruhrpride 2021 ist nicht neu, aber brandaktuell.
Nicht zuletzt auch wegen einer Entscheidung aus dem Vatikan, also meiner Kirche, dass nicht alle Paargemeinschaften, darunter auch homosexuelle Paare in einer kirchlichen Feier gesegnet werden dürfen.
Zu Recht hat es deshalb einen regelrechten Aufstand gegen diese Erklärung gegeben.

Wir hier in Essen wissen, dass der Bischof von Essen Franz-Josef Overbeck und sein Generalvikar Klaus Pfeffer zu den Äußerungen aus Rom eine deutlich ablehnende Haltung einnehmen. So können auch in der römisch-katholischen Kirche des Bistums Essen Segensfeier für homosexuelle Paare stattfinden.

Wir aus dem Vorbereitungskreis sagen ohne Abstriche und einmütig: „Liebe ist segenswert“

Und ich finde, die Gründe dafür sind auf unserer Seite.

Aus dem Vatikan verlautete, dass die Kirche homosexuelle Paare nicht segnen könne.

Provokant möchte ich sagen: in gewisser Hinsicht stimmt es sogar.
Denn: Gott segnet!

In den kirchlichen Segensfeiern bitten wir Gott um SEINEN Segen.
Dies wird auch sehr schön in dem Psalm 67 deutlich, den wir ziemlich zum Anfang gehört haben.

Da bittet der Beter Gott darum, dass ER SEINEN Segen spenden möge: „Gott schenke uns seine Gnade…“ so heißt es da gleich am Anfang.
Und diese Gnade besteht darin, dass er sein Angesicht bei uns leuchten möge.
Das bedeutet nichts anderes, als dass Gott selber bei uns bleiben möge und mit seiner Gegenwart unser Leben erhellt und zum Leuchten bringt.

Gottes Gnade ist Segen für uns. Und dieser Segen sorgt dafür, dass wir leben und lieben können. Im Alten Testament steht dafür der Begriff „Recht“. Dieses Recht ist aber göttliches Recht, welches nur eine Absicht verfolgt: dem Menschen Heil und Heilung zu spenden.

Der Segen Gottes, den wir also immer wieder erbitten, ist der Segen darum, dass die lebensspendende und lebenssichernde Ordnung Gottes auch für uns wahr wird.

Vor der evangelischen Marktkirche – Rainbow-Flags laden zum Gottesdienst ein. Foto: Gerd Wittka, 2021

Konkret drückt der Beter das im Bild der reichen Ernte aus.
Dies ist sicherlich sehr konkret auf die Landwirtschaft bezogen.

Heute dürfen wir dieses Bild der Ernte umfassender verstehen: all das ist damit gemeint, wo wir in unserem Leben etwas neu beginnen, wo wir an etwas mitwirken wollen, wo wir uns mit Liebe einbringen in Beziehungen:
in alltäglichen Begegnungen und deren Beziehungen,
in Beziehungen zu Familienangehörigen, zu Freund:innen
aber auch in exklusiven Beziehungen einer Partnerschaft.

Sie alle stehen unter der Gnade Gottes. Der Wille Gottes, dass allen Menschen Heil widerfährt, ist grenzenlos; dafür gibt es viele Hinweise im Alten Testament.

Unsere Welt wird da heil, wo wir in einer liebevollen Welt leben und in liebevollen Beziehungen.
Liebevoll heißt hier für mich, dass es nicht an uns allein hängt, ob diese Liebe gelingt. Sie ist auch Wirken Gottes, des Heiligen Geistes. Insofern dürfen wir Gott auch darum bitten, wie wir es in Segensfeiern fröhlich tun.

Weil die Liebe heilsam sein kann, deshalb lädt uns der 1. Johannes-Brief ein, einander zu lieben.

Denn, wer liebt, ist ganz eng im Bunde mit Gott.
Der Verfasser des Johannesbriefes ist felsenfest davon überzeugt, dass alle Formen der Liebe in Gott ihren Ursprung haben, „denn die Liebe kommt von Gott“ und später sagt er sogar: „Denn Gott ist LIEBE.“

Wo Menschen lieben, wird also diese göttliche Liebe sichtbar, gegenwärtig.
Das erhebt jede liebende, respektvolle und fürsorgliche Partnerschaft auf Augenhöhe zu einer besonderen Würde.

Immer wieder wird versucht, der Liebe diese Würde abzusprechen, wo man sich weigert, für diese Liebe den Segen Gottes zu erbitten.

Das ist völlig absurd, denn anstatt sich zu freuen, auch sich mit diesen Paaren zu freuen, die sich in Liebe binden wollen, wird versucht, diese Liebe zu degradieren und diese Verbindungen schlecht zu reden, oder sie sogar mit Attributen wie „Gottlosigkeit“ zu diffamieren.

Gegen solches Gedankengut steht das Wort der heutigen Lesung, welches uns zusagt: wir sind und bleiben mit Gott verbunden, wenn wir einander lieben.

Mir ist es wichtig, noch einmal diese wertschätzenden Worte aus dem Johannes-Brief am Ende der Lesung zu zitieren:

„Aber wenn wir einander lieben, bleibt Gott mit uns verbunden.
Dann hat seine Liebe in uns ihr Ziel erreicht.
Gott hat uns Anteil gegeben an seinem Geist.
Daran erkennen wir, dass wir mit ihm verbunden sind und er mit uns verbunden bleibt.“

Deshalb gilt unverbrüchlich, was wir als Thema dieses Gottesdienstes gewählt haben:
„Liebe (ist) segenswert“ – nicht ‚Punkt‘ sondern ‚Ausrufezeichen‘.


Es gilt das gesprochene Wort.




Neue Lektion in Dankbarkeit

Bild von lucasvieirabr auf Pixabay

Vielleicht bin ich in den letzten Jahren sensibler geworden; vielleicht habe ich auch durch meine Arbeit in der Krankenhaus-Seelsorge einen anderen Blick darauf bekommen, wie zerbrechlich das Leben und unsere Existenz ist.

Fakt ist: mehr als früher rühren mich die Bilder der Umweltkatastrophe im Herzen Europas in diesen Tagen an.

Ich wache auf mit meinen Gedanken an die Menschen dort und wenn ich mich zum Schlafen niederlege, widme ich den letzten Gedanken des Tages und mein letztes Stoßgebet an unseren Herrn und Bruder Jesus Christus diesen Menschen, die so bedrängt sind in ihrer Not.

Und ich spüre eine große Dankbarkeit; dafür, dass ich sicher wohnen und schlafen kann.
Ich spüre eine große Dankbarkeit für Vieles, was mir manchmal so selbstverständlich vorkommt, denn mir wird vor Augen geführt, dass eigentlich NICHTS EINE SELBSTVERSTÄNDLICHKEIT ist.

Herr, ich werfe meine Freude, wie Vögel an den Himmel.
Die Nacht ist verflattert. Ein neuer Tag, von deiner Liebe, Herr. Ich danke dir.“
(frei zitiert nach einem Gebet aus Afrika)

Eine solche Sicht, dass nichts selbstverständlich ist und die daraus wachsende Dankbarkeit treibt mich auch um in der Frage, was ich tun kann, um Leiden zu mindern und zu helfen.




Im Zeichen der Katastrophe

16. Sonntag im Jahreskreis (18.7.2021)

Ich möchte heute die Einleitung und meine Predigt zum kommenden Sonntag hier veröffentlichen.

Der Evangelienstext, der der Predigt zugrunde liegt, findet sich im Markus-Evangelium Kap. 6, Verse 30-34.

Symbolbild: www.pixabay.com



Einleitung:

Schreckschockerstarrt nehmen wir, – teilweise – fassungslos, die Meldungen der Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz, in Nordrhein-Westfalen, aber auch in den Niederlanden, in Belgien und Luxemburg in diesen Tagen wahr.
Was seit fast zwanzig Jahren prognostiziert wurde, ist eingetreten: die unberechenbaren Folgen der Klimakrise haben auch uns erreicht.
Was sonst so weit weg war, berührt uns nun in der nächsten Nachbarschaft, sogar in unserem eigenen Bistum.

Zugleich bekommen wir heute im Evangelium die Einladung Jesu zu hören, zur Ruhe zu kommen, mal Pause zu machen.
Wie sehr würden sich tausende Menschen in den betroffenen Gebieten danach sehnen; doch für Wochen und Monate wird ihr Leben auf dem Kopf stehen, geprägt durch Verluste lieber Menschen, durch den Verlust von Haus und Hof und der ganzen Existenz.

Sind wir also an Beginn dieses Gottesdienstes zuallererst in Gedanken und im stillen Gebet bei den Opfern dieser Katastrophe: bei jenen, die ihr Leben lassen mussten, bei jenen, die immer noch vermisst werden, bei jenen, die ihre ganze Existenz verloren haben. Seien wir aber auch bei den unermütlichen und mutigen Helfer:innen, die mit aller Kraft versuchen, Hilfe zu leisten, wo sie scheinbar unmöglich zu sein scheint.
Seien wir aber auch bei uns und fragen uns, wo und wie wir konkrete Hilfe und Solidarität leisten können.

Kyrie:
Herr Jesus Christus, auch in den dunkelsten Stunden unserer Existenz bist du bei uns. Herr, erbarme dich unser.
Du willst uns stärken und Halt geben, wo wir haltlos zu sein scheinen. Christus, erbarme dich unser.
In deiner unendlichen Liebe erbarme dich aller, die Leid erfahren. Herr, erbarme dich unser.

Ansprache:

Liebe Schwestern und Brüder,

in diesen Tagen sind wir ZeitzeugInnen einer Umweltkatastrophe unbekannten Ausmaßes geworden. Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen wurden von sintflutartigen Regengüssen getroffen, die ganze Ortschaften unter meterhohen Wassermassen begraben haben.
Bis Freitag Abend wurden mehr als 100 Todesopfer gezählt.

Nach der langen und immer noch anhaltenden Corona-Pandemie nun eine weitere Ausnahmesituation für die Menschen in den betroffenen Gebieten.

Da fällt es mir schwer, zur Tagesordnung überzugehen und ohne diese Bilder im Hinterkopf zu haben, auf die Lesungen des heutigen Sonntags einzugehen.

Wenn ich mich so in die dortige Situation hineinversetze, dann sehe ich Menschen, die am Rande ihrer Belastungsfähigkeit, am Ende ihrer Kräfte gekommen sind.

Körperlich und seelisch extrem gefordert, müssen wir uns auch sorgenvoll fragen, was die Menschen jetzt und in nächster Zeit brauchen?

Gefragt ist eine unbedingte Solidarität von uns als Gesellschaft und Staat.
Nötig ist, dass diese Menschen finanzielle Hilfen für den Wiederaufbau erhalten und auch bewohnbare Wohnungen.

Sie brauchen auch Ruhe und Erholung. Sind wir realistisch, wird das noch länger auf sich warten lassen. Es werden vielleicht Wochen oder Monate vergehen, bis diese Menschen halbwegs zurück können in ihren Alltag.
Um so wichtiger ist es aber, dass sie in dieser langen Zeit Inseln der Ruhe und Erholung finden.

Vielleicht steckt da doch eine brauchbare Botschaft im heutigen Evangelium, dass gerade Jesus denen, die an die Grenzen ihrer Belastbarkeit kommen, sagt: „Kommt zur Ruhe!“ – „Ruht ein wenig aus!“

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Dieses Kräftetanken ist nicht nur geboten, wenn wir in Urlaub fahren. Dieses Kräftetanken ist gerade im Alltag geboten und da besonders in Zeiten hoher Belastungen.

Die Belastungsfähigkeit und die Kraft, mit Krisen umzugehen, bezeichnen wir als Resilienz.
Eine solche Resilienz wird einerseits geprägt von den eigenen Erfahrungen, wie wir persönlich in der Vergangenheit mit Krisen umgegangen sind und sie gemeistert haben.
Resilienz wird zudem geprägt von den Erfahrungen von Solidarität durch andere, die wir in Krisen erfahren haben; sie wird geprägt von dem Vertrauen, dass wir nicht allein sind.
Sie wird darüberhinaus geprägt von den Möglichkeiten, bei aller Belastung und Anstrengung immer wieder – zumindest – ‚Inseln‘ der Ruhe und Entlastung zu finden.

Jesus lädt uns heute dazu ein: zu bestimmten Zeiten der Ruhe, in der wir zum Beispiel ins persönliche Gebet gehen oder uns vom Wort Gottes durch das Lesen von Bibelabschnitten inspirieren lassen.

Martin Luther soll einmal den Satz getan haben: „Ich habe viel zu tun, deshalb habe ich viel zu beten!“

Damit lehnt er sich an das „ora et labora“ des heiligen Benedikt in seiner Ordensregel: bete und arbeite!

In dieses Gleichgewicht zu kommen, damit wir auftanken und zur Ruhe kommen können, das ist Herausforderung und Aufgabe in unserem Leben, sei es im gewohnten Alltag und in besonders belastenden Krisenzeiten.

Quelle: www.pixabay.com

Ein Symbol, mal zur Ruhe zu kommen, die eigene Seele „parken“ zu lassen, möchte ich Ihnen heute nach diesem Gottesdienst mit geben.
Es ist keine gewöhnliche Parkscheibe.
Auf der Rückseite findet sich ein Angebot für eine kurzweilige Beschäftigung mit der Bibel.
Lassen Sie sich überraschen und im Alltag von dieser Parkscheibe zu einer kleinen Auszeit verführen.