Gesegnete Ostern 2021

„frohe Ostern“ – kommt mir nicht so recht über die Lippen

Um es gleich vorweg zu nehmen: nein so richtig froh bin ich an diesem Osterfest nicht. Die „Freude“ steht mir nicht ins Gesicht geschrieben.

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Jetzt könnte ich gleich den zweiten Schritt vor dem ersten machen und von meinem Glauben an die Auferstehung, von meinem Glauben an das ewige Leben schreiben, dass bei allen Umständen dennoch mein Glaubesgrund ist.

Aber ich möchte es wagen, doch erst einmal dabei etwas zu verweilen, warum mir der Gruß „Frohe Ostern!“ in diesem Jahr doch so gar nicht durch den Kopf geht und über die Lippen kommt.
Ich finde, es ist gut, nicht darüber einfach hinweg zu gehen, macht mich doch meine heutige Stimmung auf etwas aufmerksam, was mir fehlt, wonach ich mich sehne.

Und dann kommt die Frage, welche Bedeutung es für mich hat und wie ich dennoch auch in diesem Jahr Ostern ‚feiern‘ kann?



„Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaft auferstanden!“ – dieser Zuruf gilt auch heute, Ostersonntag 2021. Die Wahrheit bleibt. Doch was sich ändert, ist, wie diese Wahrheit bei mir ankommt, mich erfüllt.

Bilder des Alten Bundes

Immer wieder kommen mir Bilder des Alten Bundes in den Sinn. Da lese ich von der Zerstörung Jerusalems und des Tempels durch die Babylonier.

Stadt und Tempel waren mehr als nur Gebäude für das Volk Israel. Ihnen wurde ihre geographisches, ihr sozial-politisches und kulturell-religiöses Glaubenszentrum genommen. Es liegt in Schutt und Asche. Große Teile des Volkes sind nach Babylon verschleppt und geraten dort in Gefangenschaft (-> Babylonisches Exil)

Der Ort des Tempels war der Raum, wo das Allerheiligste stand, wo „Gott seine Wohnstatt unter den Menschen“ hatte.

Warum, so frage ich mich, kommen mir diese alten Erzählungen in den Sinn?
Weil ich spüre, dass mir durch die Corona-Pandemie auch solche „Orte“ des Glaubens genommen worden sind. Sie sind zwar nicht endgültig verschwunden, aber sie machen das vertraute Glaubensleben schwer wenn nicht gar unmöglich.

Ich bin so kirchlich sozialisiert, dass Gottesdienste für mich wesentliche Quellen der geistlichen Zurüstung sind. Sicherlich gibt es dafür auch andere ‚Orte‘. Aber gewiss ist die Liturgie der Kar- und Ostertage in ihrer Einmaligkeit für mich ganz wichtig, das spirituelle Zentrum von Ostern zu erspüren.

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Einwand: Es gibt doch Gottesdienstangebote

Sicherlich kann man einwenden: damals war der Tempel nicht mehr. Doch heute ist das bei uns ganz anders. Wir machen unseren Glauben doch nicht an Orten fest! – Das ist richtig.

Und dennoch bringen wir unseren Glauben ritualisiert in unserer Kirche zum Ausdruck: in den verschiedensten Feiern und Formen von Gottesdiensten.

Ja, es ist richtig, dass in der Corona-Pandemie eine Vielzahl an Gottesdiensten angeboten wird: Gottesdienste ‚aus der Konserve‘, die man sich gleichsam wie aus einer Mediathek zu jeder beliebigen Zeit vorspielen lassen kann; sogenannten „livestreaming“-Gottesdienste, wo in einer Kirche ein Gottesdienst gefeiert wird und wir in Echtzeit über eine Videoschalte an diesem Gottesdienst ‚teilnehmen‘ können.

Für mich ist Letzteres aber keine wirklich Teilnahme. Meine Gottesdienstteilnahme lebt von Interaktion; ist echte personale Begegnung, wenn auch nur für eine begrenzte Zeit und ‚aus der Bank‘ heraus; ist Gemeinschafterfahrung indem ich andere Menschen mit mir in Raum und Zeit wahrnehme.

Alles das können Gottesdienste ‚aus der Konserve‘ oder sogar Livestreaming-Gottesdienste für mich nicht leisten.

Jetzt könnten noch einige einwenden: Du bist doch Priester. Kannst du nicht ausnahmsweise eine Privatmesse „missa sine populo“ feiern?
Meine Antwort ist ganz klar: NEIN!
Auch für mich ist die Teilnahme und Mitfeier der Gemeinde wesentlicher Bestandteil eines Gottesdienstes und besonders der Eucharistie. (Natürlich gibt es Gottesdienste, die ich „allein“ feiere: ich denke da nur an die Tagzeitenliturgie, …)

Aber eine Eucharistie ohne interagierende Gemeinde ist für mich nicht denkbar.

Eine Form des Gottesdienstes, die auch gerade in unserer modernen Zeit möglich ist, ist ein ‚interaktiver Online-Gottesdienste‘ z.B. mittels ZOOM-Meeting-Platform.
Am Gründonnerstag hat mein Kollege in der Krankenhaus-Seelsorge und ich einen solchen Gottesdienst vorbereitet und durchgeführt.
Bei dieser Form kam etwas wie ein Wir-Gefühl auf; wir konnten vorher miteinander reden und auch sehen (Video); während des Gottesdienstes gab es ein Predigtgespräch und auch frei formulierte Fürbitten. Und anschließend ’saßen‘ wir noch bei einer Agapefeier beisammen.
Bei entsprechender Gestaltung des Umfelds in der Nähe des PC/Laptop etc. kommt dann auch Gemeinschaftgottesdienstcharakter zustande.

Am Karfreitag und auch in der Osternacht war diese Form nicht möglich, weil uns einfach die Zeit zur sorgfältigen Vorbereitung fehlte.

Abgesehen von der Tagzeitenliturgie und einer Kreuzweg-Betrachtung am Karfreitag war es das mit Gottesdiensten für mich in den Kar- und Ostertagen.

Dies ist schade und traurig; dadurch stellt sich bei mir – auch in diesem Jahr wie im letzten – kein richtiges Osterfeeling ein, was mir sonst mit der Mitfeier der Liturgie widerfahren ist.

Daher drängt für mich die Frage:

Wie und wo kann ich mich an diesem Osterfest geistlich festmachen?

Diese Frage kann ich gar nicht jetzt schon abschließend beantworten. Ich habe nur eine Ahnung und Impulse, die mir durch den Kopf jagen:

  • dieses Ostern 2021 ist ein stilles Osterfest
  • losgelöst von vielen vertrauten Ritualen zwingt es mich, auf es einen neuen Blick zu tun
  • es ist noch mehr ein Ostern der Innerlichkeit, was sich befreien muss von äußerlichen Faktoren, Gewohnheiten und Ritualen
  • ein Ostern, das Auferstehung in gewisser Weise ganz neu erfahrbar werden will

Bei diesem Osterfest kommt es mehr noch auf die gläubige Sehnsucht an, als auf das rituelle Erleben.

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Österliches Gebet und österlicher Lobpreis wird vereinzelt und verinnerlichter vollzogen sein.

Denn: wenn sich auch äußere Umstände, die vertrauten, so radikal verändert haben: die Botschaft von Ostern ist und bleibt unveränderlich:

„Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaft auferstanden!“

Ich möchte diese Botschaft wieder einmal in meinem Leben verinnerlichen, mir ein-ver-leib-en.
Ich wünsche und hoffe, dass diese Botschaft in mir den Mut und Impuls verstärkt, mich auf das Leben einzulassen und es als „neues“ Leben zu wagen.

Wir gut, dass die Osterzeit insgesamt fünfzig Tage dauert: da bleibt mir noch etwas Zeit, mich geistlich neu einzufinden in dieses Fest!




Fest der unschuldigen Kinder?

TRIGGER-GEFAHR! — Thema: sexualisierte Gewalt — TRIGGER-GEFAHR! —

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Schreckliche Bluttat an Kindern

Schon immer war mir dieser 28. Dezember irgendwie komisch.
Da feiern wir ein „Fest der unschuldigen Kinder“ und die Bibel berichtet uns von einer abscheulichen Bluttat des Herodes.
Auf seiner Suche nach dem neugeborenen König der Juden (-> Jesus Christus), in dem er eine Bedrohung seiner Macht und Herrschaft sieht, lässt er kurzerhand alle Knaben bis zu einem Alter von zwei Jahren ermorden.

Immer wieder wurde mir diese Textstelle so ausgelegt, dass die Kirche dieser „unschuldigen Kinder“ gedenkt, die ihr Leben für Jesus Christus lassen mussten.

Aber: diese Kinder waren keine Märtyer; deren Eltern wussten wahrscheinlich noch nicht einmal von dem „Grund“ des Herodes. Ihnen wurden ihre Knaben grausam entrissen. Sie und ihre Eltern hatten keine Wahl, sich für oder gegen ein solches ‚Martyrium‘ zu entscheiden!
Ich fand das immer wieder verstörend.



Kein historischer Bericht

Dann aber wurde später eingewandt, dass dieses Ereignis ja gar nicht historisch sein wird.
Das machte es aber für mich nicht besser.

Was für ein Gottesbild steckt dahinter? Möchte ich an einem solchen Gott glauben, der grausame Bluttaten an ungezählten Knaben zulässt, nur um seinen Sohn zu retten?

Das Einzige, was ich an dieser Erzählung erkennen kann, ist, dass Gott schon von Anfang an seine rettende Hand über seinen Sohn Jesus Christus hatte.

Aber: um das deutlich zu machen, hätten die Verfasser dieses Evangeliums nicht zu so grausamen Erzählungen greifen müssen! Das ist ziemlich über das Ziel hinausgeschossen!

Ich kann deshalb mit diesem „Fest“ für meine Spiritualität im Hinblick auf Weihnachten nichts anfangen.

Aktualisierung: Macht-Wahnsinn

Aber wenn ich auf Herodes schaue, erkenne ich einen Mann, der mit allen Mitteln um seine Macht kämpft. Er missbraucht seine Macht, um ‚unschuldiges‘ Leben zu töten, zu zerstören.

Symbolbild, Quelle: www.pixabay.com

Machtmissbrauch für sexualisierte Gewalt

Wenn ich diesen Gedanken näher an mich heranlasse, dann kommen mit heute unweigerlich ganz konkrete Menschen in den Sinn: Kinder und Jugendliche, die unter Missbrauch von Macht Opfer sexueller Gewalt wurden. Kinder und Jugendliche, deren Leben durch solche Taten nachhaltig zerstört wurden, weil sie traumatische Geschehen erlebt haben, die sie ihren Lebtag nicht mehr loslassen werden.

Mit kommen Kinder, Jugendliche aber auch Erwachsene in den Sinn, die von Geistlichen meiner Kirche Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind.

Ich fühle dann Beklemmungen, Schmerz, kalte Wut und tiefe Trauer, dass selbst in unserer Kirche Menschen nicht davor gefeit sind, ihre Macht zu missbrauchen, um das Leben anderer Menschen zu zerstören.

… vier Finger auf uns zurück …

Wenn wir also heute das „Fest der unschuldigen Kinder“ feiern und versucht sind, mit unserem Finger auf Herodes zu zeigen, der – aus blindem Machtwahn – auch vor den schrecklichsten Taten nicht zurückschreckte, dann sehe ich vier Finger, die auf meine eigene Kirche zurück zeigen, wo es auch – und sicherlich immer noch – Menschen und Amtsträger gibt, die ihre Macht und ihren Einfluß missbrauchen, um physisch und psychisch über wehrlose – zumeist junge – Menschen Gewalt an Leib und Seele auszuüben.

Das „Fest der unschuldigen Kinder“ sollte eigentlich ein „Gedenktag“ sein und uns darauf verweisen, wie sehr immer noch Machtstreben in der Kirche Unheil und Verbrechen begünstigt und möglich macht.

Und solange die Kirche selber immer auch ein Institution und Organisation ist, wo Macht eine entscheidende Rolle spielt (und das ist bei einer solchen hierarchischen Organisation gar nicht anders möglich), sollte uns alle, dieses Fest Warnung und Mahnung sein.

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Wer aus diesem heutigen Gedenktag wirklich lernen will, der muss den Mut haben, zu einer Kirche ohne – oder aber nur mit minimaler – Macht zu kommen.

Die gesellschaftlichen Entwicklungen, die die Kirche(n) immer mehr ent-machten, weil sie faktisch an gesellschaftlicher und politischer Bedeutung verlieren, könnte da ein historische Chance bieten.




Weihnachten unter außergewöhnlichen Zuständen

Eine Predigt, die ich dieses Jahr nicht im Gottesdienst halten werde

Das Weihnachtsevangelium nach Lukas 2, 1-20

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Liebe Schwestern und Brüder,
unter außergewöhnlichen Umständen erblickte Jesus das Licht der Welt.
Außergewöhnlich haben Maria und Josef die Umstände der Vorbereitung Jesu Geburt managen müssen.

Die Umstände, die sie dazu gezwungen haben, lagen nicht in ihrer Macht.
Sie fanden sich in einer Realität wieder, die sicherlich nicht ihren eigenen Vorstellungen davon entsprachen, wie Jesus in die Welt kommen sollte.

Sie konnten die strapaziöse Reise nicht verschieben, konnten nicht sagen: wir warten lieber noch bis nach der Geburt und machen die Geburt hier zuhause zu einem familiären Ereignis.
Denn sie mussten jetzt das tun, was ihnen die Situation auferlegte.



Mir fällt auf, dass das Evangelium nichts darüber sagt, in welcher Stimmung sie loszogen. Es erzählt nicht, ob sie murrten oder Kritik übten.

Die Bibel erzählt relativ sachlich: Die Volkszählung fand statt, also machten sie sich auf den Weg.
Und sie konnten ihre Unterkunft in oder bei Betlehem nicht vorher buchen, keine Platzreservierung in einer Herberge. Ja schlimmer noch: als sie ankamen, war alles besetzt.

Solche Umstände will man nicht und denkt sie sich auch nicht aus.

Aber: Wieder kein Murren.

Stattdessen stellen sie sich der Situation und machen das Beste daraus.
Und das Beste war dieser Stall auf den Feldern nahe bei Betlehem.

An so einem Stall ist nichts heimelig; es ist kalt und vielleicht zugig. Es bietet einen Unterstand mit bestenfalls trockenem Heu für die Herde auf dem Felde. Sie haben buchstäblich für ihr Lager nur ein Dach über den Kopf.

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Was können wir froh sein, dass es uns heute doch viel besser geht.

Und doch: diese Weihnachten, dieses Geburtsfest Christi ist für uns auch außergewöhnlich.

Wir sind Umständen ausgesetzt, die wir nicht gemacht oder gewollt haben. Aber dennoch prägen sie unseren Alltag und das schon seit Monaten.
Auch wir müssen sehr situativ handeln; was wir uns bisweilen vorgestellt oder sogar geplant haben, wird durchkreuzt.

Liebe Schwestern und Brüder,
ich möchte keine platten Parallelen zwischen damals und heute ziehen, aber eine Gemeinsamkeit gibt es:

Weihnachten unter außergewöhnlichen Zuständen.

Doch die Zustände hindern Gott nicht dran, dass Jesus Christus zur Welt kommt.
Die Umstände können Gott nicht aufhalten, in dieser heiligen Nacht das Heil der Welt Mensch werden zu lassen.

Ja, wir dürfen sogar sagen, dass Gott gerade in diesen außergewöhnlichen Zuständen mit uns am Ball bleibt und uns sein Heil schickt.

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Wie von Gottes Hand geführt, meistern Maria und Josef ihre Situation auf dem Weg nach Betlehem und in Betlehem.
Gott lässt durch seine Engel verkündigen, dass er gerade in solchen Zeiten das Heil bringt und zwar allen Menschen.

Maria und Josef haben keine gewöhnliche Geburt ihres Sohnes erlebt und waren dennoch voller Freude.

Auch wir Christen feiern dieses Jahr kein gewöhnliches Weihnachtsfest.
Es ist verbunden mit Enttäuschung und unerfüllten Wünschen.

Doch wir Christen könnten uns darauf verstehen, es gerade deshalb mit großer Freude zu feiern.

Und seien wir mal ehrlich: unsere „Armseligkeit“, die wir heute bei diesem Weihnachtsfest 2020 hier in Deutschland erleben, ist doch nichts zu der Armseligkeit, in der Jesus geboren wurde.

Sie ist auch nichts zu der Armseligkeit, unter denen dieses Jahr Menschen weltweit Weihnachten begehen, manche sogar in buchstäblicher Todesangst, weil sie z.B. an Covid-19 erkrankt sind.

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Ich möchte Sie ermutigen:
gerade wenn Ihnen traurig zumute ist, wenn Sie an dieses Weihnachtsfest denken, mit den abgesagten Gottesdiensten usw.: besinnen Sie sich auf das geistliche Zentrum dieses Weihnachtsfestes!

Gott ist in Jesus Christus in die Welt gekommen, um das Dunkel der Welt zu erhellen:
Ihr Dunkel aber auch mein Dunkel;
Ihre Enttäuschungen, aber auch meine Enttäuschungen,
um unsere Hoffnung zu stärken,
Ihre und meine.

Ich wünsche uns allen ein wahrhaft gesegnetes Weihnachtsfest 2020!




„… damit wir frei handeln …“

Bild von prasad perfect auf Pixabay

Heute Morgen fand ich in der Schriftlesung des Tages ein abschließendes Gebet, aus dem ich gerne zitieren möchte:

„Guter Gott, es fällt uns nicht immer leicht, die richtigen Entscheidungen zu treffen. (…) Manchmal stellen wir uns auch die Frage, wie viel an Einsatz uns etwas wert ist oder ob wir doch lieber alles seinen gewohnten Gang gehen lassen (…).
Steh du uns mit deinem Heiligen Geist bei, damit wir uns gestärkt spüren und frei handeln. Amen.“

(Verfasser*in unbekannt, Quelle: TE DEUM, 12.2020, S. 185)

Dieses Gebet nimmt meines Erachtens genau die missliche Lage auf, in der sich momentan viele Seelsorger*innen befinden, die in diesen Tagen entscheiden müssen, ob nun Präsenzgottesdienste angeboten werden oder mindestens bis zum Ende des staatlichen Lockdowns ausgesetzt werden?

In dieser Phase befinde ich mich persönlich auch, da ich aus einer Gewissensentscheidung heraus die Durchführung von Präsenzgottesdienste für unverantwortlich halte.

Ich habe eine Entscheidung für mich getroffen, die in vielen Gesprächen mit Teamkollegen und Gottesdienstteilnehmer*innen gefallen ist.

Es gibt Entscheidungen, die wir uns nicht abnehmen lassen können, die wir nicht delegieren können und die auch andere für uns nicht entscheiden können, weil diese Entscheidungen zutiefst mit dem eigenen Gewissen verknüpft sind.

Und das Gewissen ist – wie auch kirchliche Dokumente (nicht zuletzt das II. Vatikanische Konzil sagt), die höchste Entscheidungsinstanz.
Die höchste Urteilsinstanz aber ist Gott allein. Er schaut auf das Herz, erschaut auf unseren wirklichen Beweggründe und ob sie aus Liebe erwachsen sind.

Ich vertraue deshalb auf die gnädige Beurteilung Gottes.
Und das macht mich innerlich frei, wenn auch nicht ohne Konflikt.




Christ-König-Sonntag

Liebe Schwestern und Brüder,
kennen Sie noch Pfarrer Heinrich Albertz?
Pfarrer Albertz war evangelischer Pfarrer in Berlin, er lebte von 1915 bis 1993 und war in den Jahren 1966-67 regierender Bürgermeister von Berlin.

Pfr. Heinrich Albertz (links) mit Heinrich Lübke (1966), Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/00/Bundesarchiv_B_145_Bild-F023743-0013%2C_Bonn%2C_L%C3%BCbke_mit_Berliner_B%C3%BCrgermeister_Albertz.jpg

Ich kenne ihn noch.
Jetzt fragen Sie sich sicher, woher?

So richtig kenne ich ihn zwar nicht, aber er ist mir in sehr guter Erinnerung.
Es muss irgendwann in den 1970er Jahren gewesen sein und Pfarrer Albertz hielt eine Fernsehansprache zum „Totensonntag“.
Bereits dort – und daran erinnere ich mich ganz gut – legte Pfarrer Albertz dar, dass der Totensonntag schon damals in der evangelischen Kirche „Ewigkeitssonntag“ heißt.
Pfarrer Albertz war es wohl sehr wichtig, einen wichtigen theologischen Akzent dieses letzten Sonntags im Jahreskreis zu erörtern.

Seit seiner TV-Ansprache beschäftige ich mich immer wieder mit der Frage, nach dem Grund dieses Festes. Und im Laufe der Jahre wurde mir immer klarer, dass der „Ewigkeitssonntag“ in der evangelischen Kirche und der „Christ-Königs-Sonntag“ in unserer katholischen Kirche sich eigentlich im Wesentlichen sehr nahe sind.



Es sind zwei Bezeichnungen für einen Sonntag, der genau das selbe in den Blick nimmt, nämlich unserer gläubige Zukunft.

Ich möchte das an einem augenfälligen Beispiel erläutern:
schauen Sie hier in diese Kirche.
Wenn ich hier am Altar stehe, sehe ich Sie, die Gemeinde vor mir (wenn auch in riesiger Entfernung) und ich sehe hier auf dem Altar ein Kreuz.
Das Kreuz erinnert mich selber in der Heiligen Messe, woher die Eucharistiefeier ihren Anfang genommen hat: in der Passion des Herrn, angefangen im Abendmahlssaal.

Sie aber, sie sehen nicht nur das Kreuz auf diesem Altar. Sie sehen buchstäblich weiter.
Sie sehen nämlich das, was sich bei meiner Zelebration in meinem Rücken befindet: dieses große Bild hier im Altarraum hinter mir.

Altarbild in St. Clemens, Oberhausen-Sterkrade, © Gerd Wittka, 21.11.2020

Es zeigt Jesus Christus, den Auferstandenen. Zu seinen Füßen das noch leicht geöffnete und überwundene Grab.
Jesus schwebt gleichsam darüber, so als wäre er schon auf dem Weg in den Himmel.
Und tatsächlich verbindet dieses Altarbild das Ostergeschehen mit der Christi-Himmelfahrt.

Da ist aber noch mehr: schauen Sie sich den Gesichtsausdruck an. Der ist friedlich, fast schon ein verschmitztes Lächeln zeigt sich auf seinen Lippen. Er blickt Sie freundlich an.
Und die Arme sind – sehr schwungvoll – erhoben.
So zeichnet sich in der Form seiner Gestalt die Form des Kreuzes nach, die sich auch hinter der Christusfigur noch mal abbildet.
Aber das ist nicht alles: Die Arme sind geöffnet – in Ihre Richtung hin geöffnet.
Dieser Auferstandene öffnet in friedlich-freundlicher Art Ihnen SEINE Arme!

Diese Darstellung des Auferstandenen erinnert mich sehr stark an dem Typus des Christus auf romanischen Kreuzen; diese Kreuze – auch Triumphkreuze genannt – zeigen den Gekreuzigten als den Auferstandenen am Kreuz.
Und nicht selten trägt dieser Auferstandene an romanischen Kreuzen eine Krone auf seinem Haupt – das Zeichen eines Königs.

REX TRIUMPHANS, Stiftskirche Innichen, Südtirol – User: A,Ocram, Public domain, via Wikimedia Commons

Sie sehen, liebe Schwestern und Brüder, wie sich hier das Ostergeschehen mit dem Namen des heutigen Sonntags verbinden.

Der Christ-König, der Auferstandene verweist uns katholische Christen wie auch die evangelischen ChristInnen am Ewigkeitssonntag auf unsere eigenen Zukunft hin:
Hinter allen Kreuzen des Lebens, hinter allen Durchkreuzungen unseres Lebens und hinter dem Tod erwartet uns nicht ein Nichts!
Sondern es erwartet uns in seiner Ewigkeit unserer auferstandene Herr Jesus Christus.

Die Ansprache von Pfarrer Albertz in den 1970er Jahren im Fernsehen hat mir den Blick geöffnet, mein Leben mehr im Licht der Ewigkeit zu sehen.
Ich bin davon überzeugt, dass (nicht nur) durch seinen damaligen Impuls auch mein Leben und mein Glaube eine religiöse Umorientierung ermöglicht hat, die mir in meinem konkreten Alltag zur Hilfe kommt.

So beschließen wir dieses Kirchenjahr 2019/2020, das uns bisher so viel zugemutet hat, mit dem Blick nicht auf den Tod, sondern mit dem Blick auf das Leben. Der Christ-Königs-Sonntag und Ewigkeits-Sonntag ist also ein Sonntag der noch einmal in ganz besonderer Weise ein wahrlich „österlicher Sonntag“ ist.

Ich wünsche uns allen, dass wir mit diesem Gedanken gut das jetzige Kirchenjahr beenden und mit dem nächsten 1. Adventssonntag hoffnungsvoll in das neue Kirchenjahr starten können.


Christkönig-Sonntag

König –
damit habe ich nicht viel am Hut
damit kann ich nichts anfangen

Könige heute
yellowpress-Prominenz

Du, Christus,
in der Gestalt des Königs
berührst mich nicht –
ich bin Demokrat und
bin in einer Republik
aufgewachsen.

Doch auch mit Funktionen
oder Posten
einer Republik
möchte ich dich nicht vergleichen

Solche Bilder sind
immer schief und
viel zu menschlich

Ich muss lernen,
dich nicht in solche Begrifflichkeiten
zu denken und
zu glauben.

Zeitlos und bedeutsam
bist du für mich
mit dem, wofür du gegangen bist
und wofür du stehst:

Der Sohn Gottes,
der gekommen ist,
nicht um den glimmenden Docht zu löschen,
nicht um das geknickte Rohr zu brechen.

Du bist gekommen,
zu befreien,
zu erlösen.

Du bist für mich,
was du gelebt und
verkündet hast:

Liebe
Demut
Güte
Barmherzigkeit
Gnade,
Freiheit,
Versöhnung,
Friede,
Leben,
Erlösung.

Ich halte dich nicht
für einen
König;
ich halte dich für den,
der mir Perspektiven
und
Zukunft
und
Leben
eröffnet.

© Gerd Wittka, 20.11.2020


Meine Predigt im Audio-Format finden Sie hier:




Nutze deine Fähigkeiten

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Schriftlesung: Mt 25, 14-30

Das Talent war eine ursprünglich altbabylonische Maßeinheit der Masse. Dieses Talent sowie davon abgeleitete kleinere Talente waren in der Antike gebräuchlich.
Wie andere antike Maßeinheiten wurde das Talent durch Aufwiegen von Silber (seltener Gold oder Kupfer) als Währung benutzt.
Ein Talent ist also eine Währungseinheit zu biblischer Zeit.

Heute benutzen wir diesen Begriff eigentlich nur noch, wenn es darum geht, Fähigkeiten oder gute Eigenschaften eines Menschen zu beschreiben: „Der oder die hat ziemlich viel Talent!“

Zum Verständnis des heutigen Evangeliums dürfen wir deshalb sehr gerne beide Bedeutungen des Begriffes heranziehen: das Talent als einen „Geld“-Betrag aber auch das oder die Talente als gute Eigenschaften des Menschen.

Eine Grundaussage dieses Evangeliums ist:
Talente können dann nur ihre vollen Möglichkeiten entfalten, wenn sie genutzt werden; wenn sie eingesetzt werden. Anderenfalls bewirken sie nichts. Sie sind zwar vielleicht (noch) da, aber sie werden buchstäblich nicht umgesetzt. Aus ihnen geschieht nichts Neues; es wächst nichts daraus, materiell aber auch immateriell.



Nicht aus *Furcht* nichts tun

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Und die Rolle, liebe Schwestern und Brüder, in der sich die Zuhörenden befinden, ist klar:
Wir sind die Dienenden, denen der Herr sein Vermögen anvertraut.
Ob da nun mehr oder weniger ist, ist gar nicht so entscheidend.
Das zeigen die beiden ersten der hier agierenden Diener.
Entscheidend ist, wie man mit den Talenten umgeht, egal wie viele es sind.
Arbeit ist angesagt für jede und jeden von uns.
Arbeit mit dem, was uns anvertraut wurde.
Dienende sein ohne einen Dienst zu tun, das geht nicht und das ist auch keine Möglichkeit.
Inaktive Mitgliedschaft in einem Verein ist hier nicht möglich.
Ein Lippenbekenntnis zur Botschaft Jesu ist kein gangbarer Weg, es braucht das Engagement in der Wirklichkeit, in der ich lebe.

Und so hält das heutige Evangelium für uns alle eine Botschaft bereit: als einzelne Person aber auch als kirchliche Gemeinschaft, als Mitglieder der Kirche aber auch als Mitarbeitende in der Kirche, insbesondere auch im seelsorglichen Dienst.

Gerade die Corona-Pandemie lädt uns ein, zu schauen, was und wo unsere Talente sind. Und diese Talente ermöglichen uns neue und ungewohnte Wege einzuschlagen.

In dieser Zeit können wir nicht so weitermachen wie bisher.
Gerade auch für die Seelsorge gilt: wir können uns nicht wegducken, die Decke über den Kopf ziehen oder gar den Kopf in den Sand stecken und meinen, wir bräuchten untätig nur auf das Ende der Pandemie zu warten.

„Skills“ (engl. = Fähigkeiten, Begabungen, Talente), Quelle: www.pixabay.com

Genau das Gegenteil ist nötig.
Die Pandemie fordert uns gerade zu heraus, eingetretene Pfade zu verlassen, andere Wege zu gehen und damit qualitative und professionelle Seelsorge zu betreiben, die angepasst ist auf die derzeitige Situation und unsere Antwort mit unseren Talenten auf diese Situation.

Aber es gilt auch für jeden Christenmenschen.
Wo kann ich mich neu engagieren? Wo kann ich Brücken bauen zu Menschen, die in dieser Zeit besonders einsam sind?
Wo kann ich – auch mit kleinen Mitteln – Unternehmen helfen, dass sie weiter arbeiten können?

Wo kann ich auch neue technische Möglichkeiten nutzen, die Generationen vor uns noch nicht einmal zur Verfügung gestanden haben?

Wenn wir das nicht tun, dann könnte uns das passieren, was im Gleichnis jenem widerfahren ist, der aus Furcht seine Talente einfach nur verbuddelt hat.
Dies ist keine Drohung! Sondern genau das Gegenteil:
Jesus sagt uns: Egal, wie streng Gott auch sei. Er wird niemals unberücksichtigt lassen, was wir mit dem angefangen haben, das uns von ihm als Begabungen und Fähigkeiten geschenkt worden ist.
Dies ist eine Ermutigung, nicht aus vermeintlicher Furcht untätig zu bleiben, sondern darauf zu vertrauen, dass Gott das Gute nicht übersehen wird, was wir tatsächlich erbracht haben, auch wenn es noch so wenig sein sollte.

Ich möchte mit einem ermutigenden Gedanken von Roger Schutz, dem Gründer und ersten Prior der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé enden, der einmal schrieb:

„Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast.
Und wenn es noch so wenig ist.
Aber lebe es.“