Oster-Aufstand

Ostern 2026 – Friede und verschlossene Türen

Sie ist eine der prägensten Osterereignisse in der Bibel:
Der Auferstandene tritt durch verschlossene Türen.
Er sucht Menschen auf, die sich verstecken, die fliehen, die resigniert haben.
Menschen, deren Hoffnung mit dem Tod Jesu zerbrochen ist wie Glas.

Bild: (c) Gerd Wittka, 31.3.2026, erstellt mit Hilfe von KI

Und mitten hinein in ihre Angst spricht er Worte, die wie ein Wunder klingen:
„Friede sei mit euch.“

Nicht als Floskel.
Nicht als spirituelle Beruhigungstablette.
Sondern als Auftrag, als Zumutung, als Weckruf.

Ostern feiern heißt:
Dem Frieden den Vorrang geben.
Nicht theoretisch. Nicht symbolisch.
Sondern existenziell.

Vielleicht müssten wir es sogar noch schärfer sagen:
Ostern feiern geht nur mit einer echten Friedensgesinnung.
Denn wer dem Auferstandenen begegnet, begegnet dem, der den Frieden nicht nur zusagt,
sondern ihn einfordert.
„Suchet den Frieden und jaget ihm nach!“ (Psalm 34,15)
So steht es in der Schrift.
Nicht: „Wartet, bis er euch in den Schoß fällt.“
Nicht: „Hofft, dass andere ihn herstellen.“
Sondern: Jagt ihm nach.
Mit Herz. Mit Verstand. Mit Mut.

Und dann schauen wir auf unsere Welt im Jahr 2026.

Eine Welt, in der Kriege brennen wie offene Wunden.
In der Menschen sterben, weil andere ihre Macht sichern wollen.
In der Einflusszonen wichtiger sind als Tränen.

Viele Menschen sehen politische Führungsfiguren, die Konflikte anheizen oder verschärfen, die religiöse Bilder nutzen, um sich selbst zu inszenieren.
Sie sehen einen russischen Präsidenten, der einen Krieg begonnen hat
und sich zugleich in orthodoxen Kirchen zeigen lässt.
Sie sehen einen amerikanischen Präsidenten,
der politische Entscheidungen trifft, die auf dem Rücken anderer ausgetragen werden, und sich gleichzeitig öffentlich von religiösen Leitungsfiguren segnen lässt.

Das ist
eine Instrumentalisierung des Heiligen
für weltliche Machtspiele.
Und das steht diametral im Widerspruch zu dem,
was Ostern bedeutet.

Denn Ostern ist kein religiöses Dekor.
Kein spirituelles Feigenblatt.
Ostern ist Gottes Nein zur Gewalt.
Gottes Nein zur Machtgier.
Gottes Nein zur Instrumentalisierung des Glaubens.
Ostern ist Gottes Ja zum Leben – kompromisslos.

Ostern 2026

Vielleicht ist das unsere Aufgabe in diesem Jahr:
Nicht nur Eier zu bemalen, sondern Wunden zu benennen.
Nicht nur „Halleluja“ zu singen, sondern „Warum?“ zu rufen.
Nicht nur die Auferstehung zu feiern, sondern den Frieden zu suchen,
den Christus uns zumutet.
Wir dürfen – ja, wir müssen – darum bitten,
dass der Heilige Geist uns erfüllt
mit einer Sehnsucht nach Frieden,
die stärker ist als Resignation,
mutiger als Angst,
beharrlicher als die Logik der Gewalt.

Eine Sehnsucht, die ihren Ursprung hat
in jenem Satz, der durch verschlossene Türen drang
und bis heute durch die Welt hallt:
„Der Friede sei mit euch.“

Auferstehung Christi, by: Gerd A. Wittka 2026, erstellt mit ‚gemini‘



vor.ostern.auferweckt

Impuls zum Evangelium des 5. Fastensonntags: die Auferweckung des Lazarus

Ikone: Die Auferweckung des Lazarus
Bild von Dimitris Vetsikas auf Pixabay

Es gibt Evangelien, die brauchen keine große Auslegung. Sie sprechen für sich.
Das heutige gehört dazu.
Und vielleicht ist es gut, dass wir zwei Wochen vor Ostern einmal ganz bewusst mitten hineingeführt werden in das, was wir sonst gern wegschieben: Krankheit, Sterben, Tod – und die Frage, ob da wirklich noch etwas kommt.

Die Schwestern des Lazarus – und wir

Martha und Maria begegnen uns heute mit einer Mischung aus Hoffnung, Enttäuschung und einem leisen Vorwurf:
„Wärest du hier gewesen …“
Dieser Satz sitzt.
Er klingt nach: „Wir haben auf dich gesetzt – und du warst nicht da.“

Wie oft kennen wir das aus unserem eigenen Leben.
Wie oft aus der Seelsorge.
Wir können nicht überall sein.
Wir können nicht jede Erwartung erfüllen.
Und manchmal fühlen sich Menschen von uns im Stich gelassen – so wie die Schwestern sich von Jesus im Stich gelassen fühlten.

Vielleicht tut es gut zu sehen:
Selbst Jesus konnte nicht überall sein.
Selbst er musste enttäuschen.
Selbst er war nicht immer verfügbar.

Und doch bleibt er nicht draußen vor der Trauer stehen.
Er geht hinein.
Er lässt sich berühren.
Er weint.

Wenn die Fragen lauter werden

Ich finde mich selbst in dieser Geschichte wieder.
In den Schwestern.
In ihren Fragen.
In ihrem Ringen.
Ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich innerlich mit meinen Verstorbenen spreche – mit meinem Vater, meiner Mutter, einem sehr guten Freund, den ich im Sommer letzten Jahres verlor.
Und manchmal frage ich sie:
„Und? Hat sich eure Hoffnung auf Auferstehung erfüllt? Könntet ihr mir nicht ein Zeichen geben?“

Aber die Antworten bleiben aus.
Und dann bleibe ich zurück mit meinem Glauben – und mit meinen Unsicherheiten;
mit Gedanken, die ich mir als gläubiger Mensch, als Geistlicher, eigentlich nicht erlauben möchte.
Und doch kommen sie.
Und vielleicht müssen sie kommen.
Denn sie sind die Nagelprobe unseres Glaubens.

Auch Martha und Maria hielten die Auferstehung für undenkbar.
Sie hatten nur den „Vorteil“, dass sie Zeuginnen wurden.

Wir hingegen bleiben mit unseren offenen Fragen.
Mit unserem Vertrauen.
Mit unserer Hoffnung.

Ich finde es gut, dass wir heute – am Passionssonntag – eine Auferstehungsgeschichte hören.
Nicht, um das Leiden zu verdrängen.
Sondern um uns daran zu erinnern, dass der Weg durch das Leiden hindurchführt – nicht hinein und steckenbleibend.
Gerade jetzt, wo wir von Leid, Krieg, Unsicherheit und Überforderung umgeben sind, brauchen wir diese Perspektive. Leid, Not und Tod nehmen wir schon zu genüge wahr.

Deshalb brauchen wir diese Auferstehungsgeschichte.
Nicht als billigen Trost.
Sondern als Gegenkraft.
Als Korrektiv.
Als Licht, das uns hilft, den Wahnsinn dieser Zeit auszuhalten.

Vielleicht ist das Evangelium von Lazarus ein Vorgeschmack auf Ostern, weil es uns zeigt:
Gott führt uns nicht am Tod vorbei – aber hindurch.
Und auf der anderen Seite wartet Leben.
Nicht immer sichtbar.
Nicht immer sofort.
Aber verheißen.

Und getragen von einer Liebe, die stärker ist als alles, was uns Angst macht.

Wenn wir das heute mitnehmen, dann kann es uns durch die kommenden Tage tragen – hinein in die Karwoche und weiter bis zum Licht von Ostern.




1. Fastensonntag – A – 2026

Riesige Sanddünen einer Sandwüste, darin winzig klein zu sehen: ein einsamer Wanderer.
Bild von Wolfgang_Hasselmann auf Pixabay

Bibeltext: Matthäus 4, 1-11

Stellen wir uns eine Landschaft vor, in der alles Überflüssige verschwindet:

Weite. Steine. Sand. Trockenheit.
Die Sonne sticht am Tag, nachts wird es bitterkalt.
Der Himmel ist groß, der Boden hart.
Vierzig Tage – und dabei fasten.
Die Schritte werden langsam.
Kein Geräusch außer dem eigenen Atem.
Keine Ablenkung.
Nur das Nötigste zählt: Wasser, Schutz, ein Platz zum Ausruhen, der nächste Schritt.
Eine Wüste ist ein Ort, an dem nichts geschönt ist.

Ein Ort, an dem man auf sich selbst zurückgeworfen ist – mit dem, was einen lockt, mit dem, was Angst macht, mit der Frage:
Was trägt mich wirklich?

Solche Erfahrungen kennen wir alle, auch ohne echte Wüste.
Ich habe noch nie wirklichen Hunger erlebt, weiß also nicht um die existentielle Not um Nahrung und Brot.
Aber ich kenne Situationen, in denen ich mit mir selbst konfrontiert war:
mit meinen Fragen, meinen Grenzen, meinen Sehnsüchten.

Mit der Frage: Was gibt meinem Leben Halt? Was schenkt mir Kraft? Wer lässt mein Herz leicht werden?

Wir nennen solche Zeiten „Wüstenerfahrungen“.
Manche suchen sie bewusst – als Exerzitien.
Andere geraten hinein: durch Krankheit, Überforderung, Einsamkeit, einen Bruch im Leben.

In der gestrigen Sendung „Kölner Treff“ (20.02.2026) war auch Kevin Kühnert zu Gast. Nachdem er aus der Politik herausgegangen ist, hat er sich zwei Monate Auszeit genommen, um die Alpen zu durchqueren – allein.
Während dieser Zeit war er ganz auf sich zurück geworfen.
Es lohnt sich, seine Ausführungen ab Minute 58:10 zu verfolgen.


Das Evangelium erzählt heute von Jesu Wüstenerfahrung.
Und es zeigt drei Versuchungen, die auch uns betreffen – damals wie heute.

  1. Die Versuchung rund um das Existenzielle
    Mach aus diesen Steinen Brot.“

Es geht um Grundbedürfnisse: Sicherheit, Versorgung, Halt.
Die Versuchung lautet: „Sorge zuerst für dich – koste es, was es wolle.“

Heute begegnet uns das so:
– Wenn die Angst, zu kurz zu kommen, uns antreibt:
Wir sichern ab, kontrollieren, horten – nicht aus Vernunft, sondern aus innerer Unruhe.

– Wenn wir aus Erschöpfung zu vermeintlich schnellen Lösungen greifen:
zu viel Alkohol, um runterzukommen;
zu viel Ablenkung, um nicht spüren zu müssen, wie es uns wirklich geht.

– Wenn wir meinen, wir müssten alles allein schaffen, weil wir sonst „nicht genügen“.

Jesus sagt: „Der Mensch lebt nicht nur von Brot.“
Er sagt nicht: Brot ist unwichtig.
Er sagt: Es ist nicht alles.

2. Geistlich‑religiöse Versuchungen
Stürz dich hinab – Gott wird dich schon auffangen.“

Das ist die Versuchung, Gott für die eigenen Zwecke einzuspannen.
Die Versuchung, Glauben zu benutzen statt zu leben.

Heute zeigt sie sich so:

– Wenn wir meinen, wir hätten Gott „auf unserer Seite“ – und andere damit klein machen.
– Wenn wir fromme Worte benutzen, um uns selbst zu erhöhen oder Konflikten auszuweichen.
– Wenn wir Gott testen wollen: „Wenn du wirklich da bist, dann…“

Jesus antwortet: „Du sollst Gott nicht auf die Probe stellen.“
Glaube ist Beziehung, nicht Manipulation.

3. Die Versuchung von Macht, Einfluss und Geltung
All das will ich dir geben…“

Diese Versuchung kommt oft leise daher.
Sie sagt: „Du kannst groß rauskommen – du musst nur ein bisschen deine Werte beugen.“

Heute begegnet sie uns so:

Wenn wir uns wichtiger machen, als wir sind:
indem wir übertreiben, um Eindruck zu machen, oder so tun, als hätten wir alles im Griff.

Wenn wir andere übergehen, um selbst zu glänzen:
etwa wenn wir im Team die Idee eines anderen als unsere eigene verkaufen.

Wenn wir uns von Anerkennung oder Karriere treiben lassen:
wenn wir Entscheidungen nicht nach dem treffen, was richtig ist, sondern nach dem, was uns beliebt macht.

Wenn wir uns anpassen, um dazuzugehören – obwohl es uns innerlich gegen den Strich geht:
wenn wir schweigen, obwohl wir spüren: „Das ist nicht in Ordnung.“

Jesus sagt: „Nur Gott sollst du anbeten.“
Treue zu Gott und zu sich selbst – das ist das Ziel.

Was wir von Jesus lernen können

Auffällig ist: Jesus antwortet aus seinem Glauben heraus.
Er lässt sich nicht treiben, nicht locken, nicht einschüchtern.
Sein Glaube gibt ihm Klarheit und Standfestigkeit.
Er hilft ihm, Versuchungen zu durchschauen und ihnen die Macht zu nehmen.
Am Ende steht der Versucher sprachlos da.

Was heißt das für uns?

Fastenzeit heißt nicht: „Werde perfekt.“
Fastenzeit heißt: „Schau ehrlich hin.“
Schau hin auf das, was dich lockt, was dich schwächt, was dich antreibt.
Schau hin auf das, was dir wirklich wichtig ist.
Schau hin auf das, was dich trägt.

Vielleicht ist die Fastenzeit eine Einladung, die eigene „innere Wüste“ nicht zu fürchten, sondern als Chance zu sehen:
als Ort der Klärung,
als Ort der Wahrheit,
als Ort, an dem Gott uns neu begegnen kann.

Denn Jesus zeigt:

Man kann Versuchungen bestehen.
Nicht, weil man stark ist,
sondern weil man sich halten lässt
und sich gehalten weiß.




Österl. Bußzeit und Ramadan


erstellt mit KI (copilot)

Christliche Fastenzeit und Ramadan

Es gibt Jahre, in denen der Kalender uns kleine Geschenke macht. Dieses Jahr gehört dazu: Christinnen und Christen beginnen heute mit dem Aschermittwoch ihre Fastenzeit – und gleichzeitig treten Musliminnen und Muslime in den heiligen Monat Ramadan ein. Zwei Traditionen, zwei Wege, zwei Rhythmen. Und doch: ein gemeinsamer Herzschlag.

Unterschiedliche Formen – ein gemeinsamer Geist

Die christliche Fastenzeit umfasst vierzig Tage, wobei die Sonntage ausgespart bleiben. Sie sind kleine Ostertage, Tage der Freude, an denen das Fasten bewusst unterbrochen wird. Der Ramadan hingegen dauert einen Mondmonat und kennt das tägliche Fastenbrechen nach Sonnenuntergang.

Doch jenseits dieser äußeren Unterschiede verbindet beide Traditionen etwas Tiefes:
Fasten ist nie nur Verzicht. Fasten ist ein Weg der Hinwendung – zu Gott, zu den Menschen, zu sich selbst. Werke der Barmherzigkeit, Nächstenliebe, innere Erneuerung: All das gehört untrennbar dazu.

Fasten ohne finsteres Gesicht

Wir Christinnen und Christen haben uns manchmal schwergetan mit dieser Freude. Zu oft stand das äußere Fasten im Vordergrund, manchmal mit einem Hauch von moralischem Ernst, der eher belastet als befreit. Dabei sagt Jesus selbst ganz klar, worauf es ankommt:

„Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht … salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht.“

Fasten soll nicht zur Selbstdarstellung werden. Es soll nicht beschweren, sondern befreien. Es soll uns nicht enger machen, sondern weiter.

Benedikt: Fasten in der Freude des Heiligen Geistes

Der heilige Benedikt hat das wunderbar auf den Punkt gebracht. In seiner Regel lädt er dazu ein, in der Fastenzeit „in aller Lauterkeit auf unser Leben zu achten“ und Gott „in der Freude des Heiligen Geistes“ etwas darzubringen.
Nicht die Strenge steht im Mittelpunkt, sondern die geistliche Sehnsucht. Nicht der Verzicht, sondern die Beziehung. Nicht die Askese, sondern die Freude.

Beten, Lesen der Schrift, innere Sammlung – all das bekommt Vorrang vor dem rein körperlichen Fasten. Und genau darin liegt die Schönheit dieser Zeit.

Wenn die Natur aufblüht – und wir mit ihr

Die Fastenzeit fällt in jene Wochen, in denen die Natur langsam wieder erwacht. Knospen brechen auf, Licht kehrt zurück, Farben melden sich zurück. Warum nicht dieses äußere Aufblühen als Bild für unser Inneres nehmen?

Fasten kann ein Raum sein, in dem wir neu aufblühen:
in unserer Beziehung zu Gott,
in unserer Aufmerksamkeit für andere,
in unserer Dankbarkeit für das Leben.

Ein gemeinsamer Wunsch

Ich wünsche allen Menschen christlichen und muslimischen Glaubens eine gesegnete Fastenzeit und einen gesegneten Ramadan.
Mögen diese Wochen uns näher zu Gott führen – zu dem Gott Abrahams, der uns alle trägt.
Mögen sie uns inspirieren zu guten Taten, zu Frieden, zu Verständnis und zu einem liebevollen Umgang mit der ganzen Schöpfung.

Fastenzeit und Ramadan: zwei Wege, die uns einladen, leichter zu werden, freier zu werden, tiefer zu leben.
Vielleicht ist das das schönste Geschenk dieser besonderen Zeit.




„Warum?!“

Lesungstext: Jesus Sirach 15, 16-21

Es ist eine der großen offenen Fragen der Menschheit.
Die Frage nach dem Leid.
Die Frage: „Warum?!“

Bild von Tumisu auf Pixabay

Wenn Menschen – direkt oder indirekt – Leid erfahren, dann schreien sie diese Frage manchmal förmlich heraus: Warum?!

Diese Frage enthält eigentlich zwei Fragen:
Erstens: Woher kommt das Leid?
Und zweitens: Welchen Sinn hat das Leid?

Die zweite Frage ist wohl die schwierigere.
Sie ist so komplex, dass sie den Rahmen einer Predigt sprengen würde.

Darum wage ich mich heute nur vorsichtig an die erste Frage heran: nach dem Ursprung des Leids.
Nicht mit fertigen Antworten, sondern mit Gedankenanstößen.

Solche Gedanken können helfen, eigenes Leid besser einzuordnen, es vielleicht eher anzunehmen – oder zumindest zu erkennen, was wir dem Leid entgegensetzen können.

Ein erster Grund des Leidens liegt in unserer Geschöpflichkeit, also darin, dass wir vergänglich sind.
Alles, was geschaffen ist, ist dem Werden und Vergehen unterworfen.
Das können wir überall beobachten. Leben ohne Leid gibt es nicht.

Schon am Anfang des Lebens steht Schmerz: bei der Geburt.
Neues Leben entsteht – ganz natürlich – nicht ohne Schmerzen.

Und auch jetzt, wo der Frühling langsam vor der Tür steht, sehen wir es wieder: Was im Herbst und Winter abgestorben ist, beginnt neu zu wachsen.
Ohne Sterben kein neues Leben.

Doch genau in dieser Vergänglichkeit liegt auch ein Grund des Leidens der ganzen Schöpfung.
Darum sehnt sich unser Glaube nach Vollendung: nach einer Wirklichkeit, in der es kein Werden und Vergehen mehr gibt, sondern nur noch die Ewigkeit, dieses große „Jetzt“, in dem das Leid aufgehoben sein wird.

Ein zweiter, ganz entscheidender Grund des Leidens begegnet uns in der heutigen Lesung – und er betrifft etwas, das ganz wesentlich zum Menschsein gehört: die Freiheit.

Menschliche Freiheit gibt es nicht ohne Risiko.
Wo Menschen frei handeln können, da besteht immer auch die Möglichkeit von Leid und Not.
Überall dort, wo wir menschengemachtes Leid sehen, hat es seinen Ursprung in dieser Freiheit.

Und diese Freiheit ist ein Geschenk Gottes.

Wenn wir also angesichts von Leid, das Menschen verursachen, Gott fragen: „Warum lässt du das zu?“, dann sollten wir bedenken:
Wir klagen damit auch über das Geschenk der Freiheit selbst.

Freiheit ist nicht zu haben ohne die Möglichkeit, sie missbräuchlich zu nutzen.

Darum kann es hilfreich sein, bei erfahrenem Leid zuerst zu fragen:
• Welchen Anteil hat der Mensch daran?
• Und hätte es eine Möglichkeit gegeben, anders zu handeln?

Wo das der Fall ist, stehen wir vor dem Problem – oder besser: vor dem Wagnis – der Freiheit.

Der Preis der Freiheit ist hoch.
Sie ist nicht zum Nulltarif zu haben.
Das zu erkennen, kann uns auch wachsam machen, wenn Freiheit bedroht oder eingeschränkt wird – sei es offen oder schleichend.

Freiheit hat das Potential, zerstörerisch zu sein.
Sie kann Ursache von Leid und Tod werden.
Aber sie schenkt uns zugleich die Möglichkeit, für das Gute einzustehen.

Sie gibt dem Guten überhaupt erst eine Chance.

Darum ist die menschliche Freiheit für den einen Fluch, für den anderen Segen.
In jedem Fall aber eröffnet sie uns allen die Möglichkeit, immer wieder neu nach dem Guten zu streben und der Liebe zum Durchbruch zu verhelfen.

Das bringt die heutige Lesung sehr ermutigend auf den Punkt:

„Wenn du willst, wirst du die Gebote bewahren.
Er hat dir Feuer und Wasser vorgelegt –
wonach du greifst, das wird dir gehören.
Vor den Menschen liegen Leben und Tod.
(…) Keinem befahl Gott, gottlos zu sein,
und keinem erlaubte er zu sündigen.“

Auch das gehört zur Erzählung von der Erbsünde: Erst durch die Freiheit des Menschen war es möglich, dass Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis aßen.
Mit dieser Erkenntnis erhielt der Mensch die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden – und damit auch das Werkzeug für Leid und Not oder für Heil und Segen in die Hand.

Die Frage bleibt also offen – und sie richtet sich an uns selbst:

Wonach wollen wir in unserem Leben greifen,
damit Leid und Not in dieser Welt zumindest weniger werden?




christlich.leben.mittendrin – 2

Impuls zum 5. Sonntag – A – 2026

Christlich leben – mittendrin.

Dieses Leitwort begleitet die Veränderungen in unserer Kirche hier in Oberhausen und im ganzen Bistum Essen.
Es ist ein schönes Wort. Und zugleich ein anspruchsvolles.

Denn „mittendrin“ heißt: nicht am Rand stehen.
Nicht zuschauen.
Sondern leben – in einer Welt, die sich spürbar verändert.

Vieles, was früher selbstverständlich war, trägt nicht mehr.
Sicherheiten bröckeln.
Routinen lösen sich auf.
Das gilt für die große Weltpolitik ebenso wie für das Leben vor Ort – hier bei uns im Pott.
Alles ist in Bewegung.
Und wir sind es auch.

Alles Leben ist Veränderung.
Und wir stehen nicht außerhalb davon.
Wir stehen mittendrin.

Da stellt sich ganz automatisch eine Frage:
Was ist meine Berufung – heute?

Paulus hat uns am letzten Sonntag eingeladen, auf unsere Berufung zu schauen.
Nicht im Sinne eines einmaligen Moments, der irgendwann abgeschlossen wäre.
Sondern als etwas Lebendiges.
Als etwas, das sich mit unserem Leben mitentwickelt.

Ich merke das sehr deutlich in meinem eigenen priesterlichen Dienst.
Als ich mich Ende der 1980er Jahre entschied, Theologie zu studieren und Priester zu werden, hatte ich ein Bild vor Augen.
Ein Bild davon, wie meine Berufung aussehen könnte.
Wie Kirche für mich war und wie ich mir meinen Dienst in ihr vorgestellt habe.
Heute, viele Jahre später, schaue ich auf mein damaliges Bild zurück, mit der Erkenntnis, dass Berufung wachsen darf und sich mit dem Leben verändert.

Heute weiß ich:
Berufung erschöpft sich nicht in einer Entscheidung von damals.
Ich musste und muss immer wieder neu hinschauen.
Immer wieder neu fragen:
Was hat Gott jetzt mit mir vor?
In dieser Zeit.
Mit diesen Erfahrungen.
Mit diesen Grenzen.


[Heute, am 10.02.2026, möchte ich noch eine Ergänzung hinzufügen:
Mir sind heute noch mal wieder Menschen in Erinnerung gekommen, die eine frühere Entscheidung zu einer bestimmten Form der Berufung im kirchlichen Dienst revidiert haben.
Manchmal denke ich auch bei mir: es hätte so viele Stellen gegeben in meiner Biographie, wo meine frühere Berufungsentscheidung angefragt wurde, wo ich selber mich gefragt habe:
‚Kannst du noch bleiben? – Ist das System Kirche wirklich dein Ort, wo du deinen Dienst glaubwürdig verrichten kannst?‘ –
Das meine ich damit, wenn ich oben geschrieben habe, dass ich immer wieder neu „Ja“ sagen können muss, auch wenn es manche Gründe dagegen gibt.
Und ich kann es immer nur wiederholen, was mir hilft, zu dieser gewählten Entscheidung auch heute noch ‚Ja‘ sagen zu können:
Es ist der HERR und meine tiefste Überzeugung, dass ER mich ruft.
Und so, wie damals die Berufung seiner Jünger nicht an einem Ort stattgefunden hat, an dem die Jünger verweilt haben, gleichsam eine ’stabilitas loci‘ aufgebaut haben, sondern mit dem Herrn mit gezogen sind, unterwegs waren und später auch allein oder zu zweit unterwegs waren, so ist auch mein Weg der Berufung und Nachfolge geprägt von dem ständigen Unterwegssein.
Ich spüre für mich: ich kann nicht Berufen sein, ohne zugleich auch immer wieder unterwegs zu sein.
Dazu gehört, mich ständig an neuen Orten oder in neuen Umständen meines Dienstes zu sehen und auch den Mut und die Bereitschaft zu haben, mich darauf einzulassen – auch wenn es oft Kraft und Nerven kostet.
Doch: ER ist es mir wert!]


Paulus bringt es in der heutigen Lesung auf den Punkt.
In aller Klarheit.
Fast schon ernüchternd einfach.
„Ich hatte mich entschlossen, nichts zu wissen außer Jesus Christus – und zwar den Gekreuzigten.“

Das ist der Kern jeder Berufung:
Jesus Christus immer im Blick.
Verwundbar.
Hingebend.
Ganz auf den Menschen hin.

Das Evangelium greift diesen Gedanken auf und führt ihn weiter.
„Ihr seid das Salz der Erde.“
„Ihr seid das Licht der Welt.“

Oder mit Angelus Silesius:
„Mensch, werde wesentlich.“

„Wesentlich“ hat im Deutschen zwei Bedeutungsebenen
Zum einen meint es das, was zum Wesen einer Sache gehört.
Das Unverzichtbare.
Das, ohne das alles andere seinen Sinn verliert.

Zum anderen ist es eine Steigerung:
Etwas ist „wesentlich“ spürbarer, wirksamer, bedeutsamer.

Beides passt gut zu diesem Evangelium.

Eine Kerze zum Beispiel.
Sie kann wunderschön sein.
Kunstvoll gestaltet.
Aber sie erfüllt ihren Sinn erst, wenn sie angezündet wird.
Wenn sie Licht gibt.
Wenn sie sich ein Stück weit verzehrt.
Bleibt sie nicht entzündet, bleibt sie un-wesentlich.

Oder denken wir an Salz.
Niemand isst es pur.
Es drängt sich nicht in den Vordergrund.
Aber fehlt es, merkt man es sofort.
Es macht den Unterschied – behutsam dosiert.

Dazu ein paar ganz konkrete Beispiel aus unserem möglichen Alltag:

Christen sind wesentlich,
wenn sie im Krankenhaus, im Pflegeheim oder zu Hause
Zeit schenken, wo Zeit knapp ist.
Nicht nur medizinisch korrekt.
Sondern menschlich, herzlich, aufmerksam.
Ein Blick.
Ein Name.
Ein: „Ich bin später noch einmal bei Ihnen.“

Christinnen und Christen sind wesentlich,
wenn sie im Verein, in der Schule oder im Stadtteil
nicht fragen: Was habe ich davon?
Sondern: Was wird hier gerade gebraucht?
Wenn jemand Verantwortung übernimmt,
obwohl es mühsam ist
und niemand dafür applaudiert.

Christen sind wesentlich,
wenn sie bei all den großen Krisen unserer Zeit
– Krieg, Klimawandel, soziale Spaltung –
nicht abstumpfen.
Wenn sie spenden, teilen, verzichten.
Nicht aus schlechtem Gewissen.
Sondern aus Überzeugung.

Und Christen sind wesentlich,
wenn sie in ihrer eigenen Verletzlichkeit ehrlich bleiben.
Wenn sie nicht so tun, als hätten sie alles im Griff.
Sondern sagen können:
Ich weiß es gerade auch nicht. Aber im Vertrauen auf Gott, mache ich weiter.

Das ist Salz.
Das ist Licht.
Das ist wesentliches Leben.

Christlich leben heißt nicht, alles im Griff zu haben.
Sondern sich immer wieder neu senden zu lassen.
Mitten in eine Welt im Wandel.
Mitten ins eigene Leben.

christlich.leben.mittendrin