Dreifaltigkeit

Eine Annäherung für unseren alltäglichen Glauben

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Wenn wir heute das Fest der Dreifaltigkeit feiern, stehen wir vor einem der größten Geheimnisse unseres Glaubens. Und vielleicht fragen Sie sich – wie ich auch immer wieder –: Was kann man darüber eigentlich sagen, ohne sich zu verrennen?

Wir glauben an einen Gott, der uns auf drei verschiedene Weisen begegnet:

– als Vater, der Himmel und Erde geschaffen hat, alles Sichtbare und Unsichtbare,

– als Sohn, der wirklich Mensch geworden ist und uns erlöst hat,

– und als Heilige Geistkraft, die uns begleitet, stärkt und führt.

Das klingt vertraut. Und doch spüren wir: Ganz fassen können wir dieses Geheimnis nicht.

Ein Bild aus der Natur – und ein kleines Wunder der Physik

Wir suchen oft nach Bildern, die uns helfen, der Dreifaltigkeit näherzukommen.

Eines davon ist das Wasser: Es kann fest sein wie Eis, flüssig wie Wasser und gasförmig wie Dampf. Drei Erscheinungsweisen – und doch bleibt es immer Wasser.

Als ich einmal mit einem befreundeten Professor und Naturwissenschaftler über das Thema ‚Dreifaltigkeit‘ sprach, erzählte er mir von einem faszinierenden Experiment:

Unter ganz bestimmten Bedingungen kann Wasser alle drei Aggregatzustände gleichzeitig haben. Eis, Wasser und Dampf – nebeneinander, im selben Augenblick. Die Physik nennt das den Tripelpunkt.

Das hat mich beeindruckt. Denn es zeigt:

Manchmal gibt es in dieser Welt Dinge, die gleichzeitig verschieden und doch eins sind. Dinge, die wir nicht erklären müssen, um sie staunend wahrzunehmen.

Vielleicht hilft uns dieses Bild, wenn wir weiter über die Dreifaltigkeit nachdenken.

Ein Gott der Beziehung

    In den Evangelien der letzten Wochen haben wir gehört, wie eng Vater, Sohn und Geist miteinander verbunden sind. Jesus sagt:

    – „Ich und der Vater sind eins.“

    – „Wer mich sieht, sieht den Vater.“

    – „Ich lasse euch nicht allein – ich sende euch den Beistand.“

    Unser Gott ist ein Gott der Beziehung.

    Die drei Personen sind miteinander verbunden – und jede von ihnen sucht Beziehung zu uns.

    Unser Glaube an die Dreifaltigkeit zeigt sich also nicht darin, dass wir alles erklären können, sondern darin, wie wir mit Gott leben.

    Augustinus am Strand – und die Grenzen unseres Verstandes

      Denn eine Legende aus dem Leben des heiligen Augustinus macht mir etwas deutlich:

      Eines Tages spazierte Augustinus am Strand entlang, während er mitten in den Vorbereitungen für sein Buch über die Heilige Dreifaltigkeit stand. Plötzlich entdeckte er einen Jungen, der mit einem Löffel immer wieder Meerwasser in ein kleines, selbst-gegrabenes Loch schaufelte.

      Neugierig hielt Augustinus an und fragte den Knaben, was er da tue. Der Junge erklärte, er wolle das Meer austrocknen, indem er es in dieses Loch gieße.

      Amüsiert und ein wenig mitleidig lächelnd, wies Augustinus darauf hin, dass das Meer dafür viel zu groß sei. Doch der Junge konterte: „Wahrscheinlicher wirst du das Meer auf diese Weise leer bekommen, als du mit deinem Verstand das Geheimnis der Dreifaltigkeit auch nur annähernd ergründen kannst. Es ist einfach zu groß.“

      Dabei verglich der Knabe das Meer mit der Dreifaltigkeit, sein Loch, das er aushob, mit Augustinus’ entstehendem Buch und den Löffel mit dessen Verstand.

      Diese Geschichte zeigt:

      Wir können Gott nicht in unser kleines Denk-Loch schaufeln.

      Und das ist völlig in Ordnung.

      Was bedeutet die Dreifaltigkeit für mein Leben?

        Ich habe im Studium die Trinitätslehre nie vollständig verstanden.

        Aber ich habe etwas anderes verstanden:

        Die Dreifaltigkeit hat mit meinem Leben zu tun. Mit meiner Beziehung zu Gott.

        Ich glaube an Gott, den Vater.

        Wenn ich staune über die Natur, über die Vielfalt des Lebens, über die Geheimnisse der Biologie, Physik und Chemie – dann spüre ich:

        Da ist ein Ursprung.

        Da ist einer, der uns geschaffen hat und uns Verantwortung für diese Welt anvertraut.

        Ich glaube an Gott, den Sohn.

        Jesus hat uns gezeigt, wie Gottes Liebe aussieht – menschlich, nahbar, verletzlich.

        Er kennt unsere Schwächen und unsere Schuld.

        Und er zeigt uns:

        Gottes Liebe lässt uns nicht fallen.

        Ich glaube an die Heilige Geistkraft.

        Sie ist die Kraft, die mich tröstet, wenn ich zweifle.

        Die mich stärkt, wenn ich müde bin.

        Die mich führt, wenn ich nicht weiß, wohin.

        Sie ist Gottes Nähe in meinem Alltag.

        So glaube ich an den dreifaltigen Gott

        An den Vater, der mich geschaffen hat.

        An den Sohn, der mich erlöst.

        An die Heilige Geistkraft, die mich begleitet.

        Ein Gott – drei Weisen, wie er mir begegnet.

        Ein Geheimnis – und doch ganz nah.

        Ein Gott, der mein Leben umgibt, vom Anfang bis zur Vollendung.

        Foto: Gerd A. Wittka, 2025



        Pfingsten 2026

        Fresco s.X. Iglesia de San Jakobus en Urschalling, Alta Baviera Alemania -Unbekannter Autor – Unknown author, Public domain, via Wikimedia Commons

        Impuls: (Bezug – 2. Lesung vom Pfingstsonntag, 1 Kor 12ff)

        Wir schreiben das Jahr 1 der Großpfarrei St. Clemens Oberhausen.
        Heute feiern wir Pfingsten, das Fest, das oft als Geburtsfest der Kirche bezeichnet wird. Die Lesung, die wir gehört haben, macht deutlich, was Kirche im Kern ausmacht. Ohne diese Wesenszüge, so möchte ich behaupten, gibt es keine Kirche.

        Christus als Mitte

        Paulus nennt zuerst das Bekenntnis zu Jesus als dem Herrn.
        Kirche entsteht dort, wo Menschen an Jesus Christus glauben und ihn als Herrn ihres Lebens bekennen.

        Das heißt nicht nur, ein Gedanke oder eine Theorie zu teilen, sondern Christus den Mittelpunkt von Denken, Reden und Handeln werden zu lassen. Christus soll in unserem Leben groß werden dürfen.

        Für uns hier in Oberhausen heißt das konkret: Bei allen Fragen, wie wir als Kirche vor Ort sichtbar sein wollen, müssen wir uns immer wieder vergewissern, ob Christus wirklich das Zentrum bleibt?

        Diese Frage ist die wichtigste:
        Was bedeutet es für uns hier in Oberhausen, an Christus zu glauben und allein ihn zu verkündigen?
        Alles andere ist mindestens zweitrangig.

        Kirche ist Vielfalt

        Bild: Gerd Altmann auf www.pixabay.com

        Paulus spricht von verschiedenen Gnadengaben, verschiedenen Diensten, verschiedenen Kräften. Vielfalt ist kein bloßes Schlagwort; sie fordert uns heraus.
        Sind wir bereit, diese Vielfalt in unserem Gemeindeleben zu akzeptieren?
        Oder lassen wir zu oft bestimmte Vorstellungen, Vorlieben einzelner Gruppen oder Gremien bestimmen, wie Gemeinde zu sein hat?

        Ich erlebe, dass in manchen Zirkeln intensiv darüber nachgedacht wird, was in unserer Pfarrei geschehen kann und sollte. Gleichzeitig gibt es schon viele Initiativen und Formen des Glaubenslebens, die oft nicht ausreichend wahrgenommen oder gewürdigt werden. Vielfalt möglich zu machen, bedeutet Mut: den Mut, das Fremde zuzulassen und ihm eine Daseinsberechtigung zu geben.

        Vielfalt heißt nicht Beliebigkeit. Ein zentrales Kriterium bleibt das Glaubensbekenntnis zu Jesus Christus. Alles, was wir tun, muss an diesem Maßstab gemessen werden.

        Nutzen und Auferbauung der Gemeinde

        unbekannter Autor – www.pixabay.com

        Ein weiteres, für mich sehr wichtiges Kriterium ist: Alles, was die Gemeinde tut, muss anderen nützen. Diese Einsicht hat mich in meiner Studienzeit tief geprägt. Paulus betont, dass besonders Gottesdienste und alles Gemeindliche der Auferbauung der Gemeinde dienen sollen.
        (vgl. 1.Korinther 14,12)

        Das ist ein klares Prüfmaß: Dient eine Initiative, ein Angebot, ein Projekt dem Nutzen der anderen und der Stärkung unserer Gemeinschaft?
        Wenn nicht, dann ist es nicht im Sinne des Paulus und nicht im Sinne des Heiligen Geistes. Der Geist weht, wo er will — nicht dort, wo wir ihn gerne hätten.

        Für Oberhausen bedeutet das: Wir brauchen Kriterien, an denen wir messen, was wir fördern und was wir lassen.
        Und wir brauchen den Mut, Neues wachsen zu lassen und seine Früchte abzuwarten.

        Mut zur Förderung guter Früchte

        Es reicht nicht, Initiativen nur zu dulden.
        Wenn wir erkennen, dass etwas gute Früchte trägt, dann sind wir gefordert, diese Initiativen aktiv zu unterstützen und wertzuschätzen.
        Das heißt: Entscheidungen treffen, die den Fortbestand fördern.
        Nicht aus Besitzstandswahrung, sondern aus Sorge um das Gemeinwohl.

        (vgl. Matthäus 7,16-20, https://www.bibleserver.com/EU/Matth%C3%A4us7%2C16-20 )

        Gleichzeitig gilt:
        Nichts in der Kirche ist für alle Ewigkeit unverändert festgeschrieben; das Zweite Vatikanische Konzil hat dies mit dem Grundsatz ‚ecclesia semper reformanda‚ bekräftigt: Die Kirche muss sich fortwährend an der Botschaft des Evangeliums messen und sich erneuern.
        Erneuerung heißt auch, Vergangenes loszulassen, das seine Zeit gehabt hat; Reform ist kein passives Geschehen und darf nicht zum Selbstzweck werden.
        Reformieren bedeutet nicht, Neues um des Neuen willen einzuführen, sondern dort lebendig Neues zu wagen, wo das Alte dem Leben nicht mehr dient, sondern nur noch sich selbst erhält — und solche Selbstzwecke gibt es in der Kirche noch genug.

        Praktische Konsequenzen für Oberhausen

        Was folgt daraus konkret für uns?

        • Zentrum klären: Immer wieder neu fragen, ob Christus das Zentrum unseres Handelns ist.
        • Vielfalt ermöglichen: Räume schaffen, in denen unterschiedliche Gaben und Dienste wachsen können.
        • Nützlichkeit prüfen: Angebote daran messen, ob sie der Auferbauung der Gemeinde dienen.
        • Fördern statt nur dulden: Gute Initiativen nicht nur zulassen, sondern aktiv unterstützen.
        • Bereit sein zu verändern: Altes loslassen, wenn es dem Evangelium nicht mehr dient.

        Diese Schritte verlangen Entscheidungen, manchmal auch Unbequemes. Sie verlangen Mut, Geduld und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

        Ein persönliches Wort

        Ich habe in meinem Leben oft erlebt, wie zarte Pflänzchen des Glaubens erst Zeit und Raum brauchten, um Früchte zu tragen. Manchmal genügte ein ermutigendes Wort, eine kleine finanzielle Unterstützung oder die Zusage, einen Raum zur Verfügung zu stellen. Solche Gesten sind keine großen politischen Manöver — sie sind Ausdruck der Sorge füreinander und der Bereitschaft, das Reich Gottes konkret werden zu lassen.

        Wenn wir in Oberhausen Kirche sein wollen, dann nicht als Festung des Bewahrens, sondern als Feld, auf dem der Heilige Geist weht und Leben hervorbringt. Das verlangt, dass wir uns immer wieder fragen: Wem nützt das, was wir tun? Baut es die Gemeinde auf? Ehrt es Christus?

        Schluss

        Pfingsten erinnert uns daran: Kirche lebt vom Geist, von der Mitte in Christus, von der Vielfalt der Gaben und vom Dienst am Nächsten. Wenn wir diese Grundwahrheiten beherzigen, dann können wir mit Zuversicht in die Zukunft unserer Großpfarrei gehen.

        Lassen wir den Heiligen Geist wehen.
        Lassen wir Christus wachsen.
        Und lassen wir die guten Früchte reifen, damit wir als Gemeinde in Oberhausen sichtbar und lebendig Zeugnis geben können.




        Nacht.Glaube.Gesang

        Es ist Sonntag, der 17.5.2026, 4.30 Uhr.
        Ich werde wach – werde geweckt …
        vom Gesang einer einzelnen Amsel.
        Draußen ist es still – mucksmäuschenstill …
        und dunkel
        dunkelste Nacht

        … scheinbar

        Bild von Rhea Yaw Ching auf Pixabay

        Aber warum fängt die Amsel jetzt schon an zu singen?
        Ahnt sie etwas vom anbrechenden Licht?
        Ahnt sie etwas von der Wärme der Sonne, die bald über dem Horizont
        ihre ersten Strahlen erhebt?

        Oder singt sie an – gegen die Nacht?
        Ist ihr die Nacht zu lang,
        so dass sie mit ihrem ersten Gesang
        mitten in der Dunkelheit
        ihren liedhaften Protest gegen das Dunkel erhebt?
        Ist ihr das Dunkel zu viel?
        Singt ihr Lied von der Hoffnung auf das kommende Licht?

        Alle Assoziationen sind erlaubt.
        Erlaubt ist auch, dieses Bild
        der singenden Amsel
        mitten in der Nacht
        und
        scheinbar mitten in der Dunkelheit
        auch als Bild des Glaubens
        zu sehen.

        So jedenfalls hat es
        Rabindranath Tagore
        einst wohl verstanden,
        als er folgende Worte verfasste:

        Glaube ist der Vogel, der singt,
        wenn die Nacht noch dunkel ist.

        Rabindranath Tagore (1861 – 1941), in Bengali. Ravindranath Thakur, indischer Dichter und Philosoph, Nobelpreisträger für Literatur 1913, Quelle: https://www.aphorismen.de/zitat/194964

        Es gibt Menschen,
        die durch ihren Glauben
        und gestärkt im Glauben
        mitten in der Dunkelheit der Welt

        singen

        den Gesang
        der Hoffnung
        der Sehnsucht
        der tief empfundenen Überzeugung
        dass nach dem Dunkel der Nacht
        das Licht des neuen Tags
        unser Leben erhellen wird.

        Übrigens:
        es wird wohl heute kein so sonniger
        und warmer Tag werden,
        eher kühl
        und später auch
        ziemlich
        nass

        …

        und dennoch singt die Amsel
        und TROTZ-dem singt die Amsel!

        Was kann dieses Bild
        dir und mir
        über den Glauben
        und die Hoffnung
        sagen?


        Nun ist es gerade 05.00 Uhr … und ich sehe am Horizon ein erstes bläulich schimmerndes Licht.

        Hat die Amsel gegen 4.30 Uhr schon eher das heranbrechende Licht gesehen als ich?




        „Herr, zeig uns den Vater.“

        Symbolbild, Bild von Chil Vera auf Pixabay

        Impuls zum 5. Sonntag der Osterzeit – 2026

        Schriftstelle: Johannes-Evangelium Kapitel 14, 1-12

        So tauchen wir ein, in die Szene, die uns heute in diesem Impuls beschäftigt.

        Philippus spricht diesen Satz – und mit ihm sprechen wir alle, die wir uns fragen: Wie können, dürfen, sollen wir uns Gott vorstellen?

        Manche Religionen verbieten Bilder von Gott, weil sie die Versuchung fürchten, Gott zu vergegenständlichen.

        Auch das Christentum kennt die Auseinandersetzung um Bilderkult und Bilderverbot.

        Und doch bleibt die Sehnsucht:

        Wir wollen Gott sehen, wir wollen ihn finden, wir wollen eine persönliche Beziehung zu ihm.

        Das ist kein abstraktes Problem.

        Viele Menschen heute ringen damit: Gott als „Vater“, und zugleich betonen immer mehr Menschen die mütterliche Seite Gottes – „sorgender Vater und liebende Mutter“.

        Gott als Schöpfer, als personaler Gott, und doch so unbegreiflich.

        Manche tun sich schwer, eine persönliche Beziehung zu einem Gott aufzubauen, der zugleich so groß und so fern erscheint.

        Genau diese Spannung steckt in Philippus’ Bitte: Zeig uns den Vater.

        Mach ihn sichtbar, mach ihn erfahrbar.

        Jesus antwortet nicht mit einer theologischen Definition, sondern mit einer überraschend konkreten Aussage: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“

        Das ist nicht nur ein Hinweis auf ein historisches Gesicht, das man einst gesehen hat.

        Es ist eine Einladung, Jesus zu erkennen – seine Haltung, seine Lebensweise, seine Zuwendung.

        Wer Jesus versteht, wer seine Art zu leben und zu handeln erkennt, der erkennt etwas vom Wesen Gottes.

        Wenn wir das genauer bedenken, wird klar:

        Jesus ist kein Bild, das man an die Wand hängt.

        Er ist das lebendige Abbild Gottes.

        In ihm sehen wir den Menschen, wie Gott ihn gedacht hat: frei, zugewandt, barmherzig, und doch nicht bloß ein Spiegel unserer Wünsche.

        In Jesus begegnet uns Gottes Zuwendung, Gottes Erbarmen, seine Souveränität gegenüber unseren Projektionen.

        Jesus zeigt, wie Gott handelt – nicht als Idee, sondern als gelebte Wirklichkeit.

        In Jesus sehen wir den Menschen, wie ihn Gott gedacht hat.

        Das heißt nicht, dass Jesus ein Idealbild ist, das wir nur bewundern sollen. Es heißt: In seinem Leben wird sichtbar, was möglich ist, wenn ein Mensch in Freiheit und in Liebe lebt, ohne sich von Gott zu lösen.

        Und das ist zugleich ein Bild davon, wie Gott ist: zugewandt, heilend, herausfordernd, und doch unabhängig von unseren Wunschträumen.

        Jesus geht noch einen Schritt weiter: Er verspricht, dass die, die an ihn glauben, die Werke vollbringen werden, die er vollbringt – und sogar größere.

        Das klingt groß und kann leicht überfordern.

        Vielleicht ist es hilfreich, das nicht als Leistungsauftrag zu lesen, sondern als Verheißung:

        Wenn wir in Beziehung zu Jesus treten, wenn wir seine Worte und Werke in unser Leben lassen, dann wirkt Gottes Kraft durch uns.

        Nicht weil wir stärker sind, sondern weil wir verbunden sind.

        Was heißt das konkret für unser Leben heute?

        Ich möchte drei einfache Wege vorschlagen, die aus deiner Überlegung folgen:

        – Schau auf Jesus. Nicht als historische Figur, die weit weg ist, sondern als Mensch, dessen Worte und Taten uns heute ansprechen. Lies seine Worte, hör auf seine Art zu handeln, achte auf seine Nähe zu den Ausgegrenzten, seine Geduld, seine Klarheit.

        – Übe die Freundschaft mit Christus. Freundschaft wächst durch Zeit, durch kleine Gesten, durch Vertrauen. Das kann im Gebet sein, im Hören auf die Schrift, im Gespräch mit anderen, im Tun, das seinem Geist entspricht.

        – Lass dich von seinen Werken prägen. Wenn Jesus heilt, versöhnt, tröstet, dann sind das keine abgeschlossenen Taten der Vergangenheit. Sie sind Muster, nach denen wir unser Handeln ausrichten können – nicht um zu beweisen, dass wir gut sind, sondern um Raum zu schaffen, in dem Gottes Liebe sichtbar wird.

        All das ist keine Garantie für einfache Antworten.

        Es bleibt ein Suchen, ein Fragen, ein Tasten, ein Ringen.

        Aber gerade dieses Suchen ist Teil des Glaubenslebens.

        Philippus’ Frage ist eine ehrliche Frage – und Jesus’ Antwort ist eine Einladung: Komm näher, schau hin, erkenne mich – und du wirst den Vater erkennen.

        So können wir Schritt für Schritt in eine tiefere, vertrautere Beziehung zu Christus hineinwachsen – und dadurch auch in die Beziehung zu dem Gott, der für Jesus „sorgender Vater und liebende Mutter“ ist.

        Es ist ein Weg, der Zeit braucht, der Geduld verlangt und der immer wieder neu beginnt.




        gehen – mitgehen – zurückgehen

        Impuls zum 3. Sonntag der Osterzeit – A – 2026

        Schriftstelle: Lukas-Evangelium 24, 13-25

        Bild von Silvia auf Pixabay

        Manchmal zerbrechen Träume wie Glas. Hoffnungen platzen wie Seifenblasen. Pläne, an denen wir festgehalten haben, verbrennen plötzlich wie Papier in der Glut. Viele kennen das: eine Diagnose, eine Nachricht, ein Abschied — und plötzlich ist nichts mehr so, wie es war. Dann bleibt oft nur der Gedanke: „Jetzt ist alles aus.“

        Auf dem Weg nach Emmaus

        Die beiden Jünger sind müde, enttäuscht, verängstigt. Alles, was sie mit Jesus verbunden hatte, scheint verloren. Sie wollen nur noch weg. Dieses Weggehen ist kein Abenteuer, es ist ein Rückzug: weg von dem Ort, der schmerzt; weg von den Erinnerungen, die zu schwer sind.
        Und doch gehen sie nicht schweigend. Sie reden miteinander. Sie teilen Frust, Enttäuschung und Angst. Das Reden ändert nicht sofort die Welt, aber es verändert die Last: sie wird teilbar, weniger erdrückend.

        Ein Dritter, der bleibt

        In ihre Unterhaltung tritt ein Fremder.
        Er hört zu, ohne zu urteilen.
        Er nimmt ihre Not ernst.
        Er kommt nicht mit schnellen Antworten, sondern bleibt bei ihnen, fragt nach, erklärt behutsam.
        Diese Art des Zuhörens nimmt nicht die Ohnmacht, aber sie befreit davon, allein gegen das Unabänderliche ankämpfen zu müssen.

        Wenn wir unsere Sorgen aussprechen dürfen und jemand wirklich zuhört, verändert das etwas — nicht weil die Umstände sofort besser werden, sondern weil das Leid nicht mehr nur in uns liegt.

        Genau das habe ich vor wenigen Tagen erlebt:
        Angehörige eines sterbenden Menschen suchten das Gespräch.
        Ich hörte ihnen zu, ließ sie erzählen von der Situation, von den Aussichten und Prognosen und von den noch ungeklärten Fragen, die sie belasteten. Ich hörte zu, versuchte behutsam, dass sie ihre Lage und ihre Gefühle ins Wort bringen konnten, damit sie Antworten für sich finden konnten.
        Mehr als zuhören und Impulse geben konnte ich nicht.

        Und doch geschah etwas Konkretes:

        indem sie selber ihre Anliegen und Belastungen aussprachen, konnten sie der Wahrheit der belastenden Situation ins Auge sehen und mit ihr umgehen.
        Sie gewannen mehr Selbstsicherheit und konnten auf einmal viel besser mit der schweren Situation umgehen.
        In meinem Da‑und‑Mit‑Sein entstand ein Feld, auf dem sie selbst Orientierung und Klarheit finden konnten.

        Das Brot als Erinnerung und Verbindung

        Bild zeigt ein Gobelin, dass die beiden Emmaus-Jünger zusammen mit dem auferstandenen Christus bei Tisch. Jesus segnet das Brot und gibt es ihnen - da erkennen sie IHN als den Auferstandenen.
        Bild von Robert Cheaib auf Pixabay

        Die Jünger erkennen Jesus erst beim gemeinsamen Brotbrechen. Dieses einfache, vertraute Zeichen öffnet ihnen die Augen:
        Er ist da. Er lebt.
        Wichtig ist hier ein weiterer Gedanke:
        Das Brotbrechen knüpft an das an, was sie schon einmal erlebt hatten — an das Abendmahl im Saal, bevor alles in Passion und Tod mündete.
        Dort, beim letzten gemeinsamen Mahl, war Gemeinschaft schon einmal erfahrbar, als Jesus noch unter ihnen war.
        Das Brot erinnert an diese Gemeinschaft und macht sie wieder gegenwärtig.
        Es ist kein großes Spektakel, sondern eine alltägliche Geste, die Verbindung stiftet.

        Vielleicht ist das ein Hinweis für uns:
        Gottes Gegenwart zeigt sich oft nicht in großen Wundern, sondern in kleinen, geteilten Momenten — beim Teilen einer Mahlzeit, beim Händedruck, beim stillen Nebeneinandersitzen.
        Solche alltäglichen Zeichen können Augen öffnen und Herzen wärmen, weil sie an frühere Erfahrungen von Nähe und Verbundenheit anknüpfen.

        Kleine Gesten, konkrete Formen des Da‑Seins

        Manchmal reicht eine einfache Geste, damit etwas ins Rollen kommt.
        Eine Tasse Kaffee zusammen trinken, fünf Minuten still nebeneinandersitzen, eine kurze Nachricht mit den Worten
        „Ich denke an dich“ — das sind keine großen Lösungen, aber oft die ersten Schritte, damit Leben wieder weitergehen kann. Ein offenes Ohr, ein behutsames Nachfragen, das Aushalten von Schweigen: das sind konkrete Formen des Da‑Seins, die einen Raum schaffen, in dem Menschen ihre Lage anschauen, benennen und neu ordnen können. Ein Wort, das sagt: „Ich bleibe bei dir“, kann mehr bedeuten als jede Erklärung.

        Zurückgehen statt Fliehen

        Die Begegnung verändert die Jünger.
        Sie bleiben nicht in Trauer und Angst stehen.
        Sie finden Kraft, weiterzugehen — und sogar die Kraft, zurückzugehen an den Ort, der ihnen Angst gemacht hat.
        Dieses Zurückkehren ist kein Rückfall in alte Sicherheit, sondern ein mutiger Schritt.
        Die Erfahrung, getragen zu sein, macht handlungsfähig; sie macht uns nicht unverwundbar, aber sie lässt uns Dinge tun, die wir vorher nicht für möglich gehalten hätten.
        Die Jünger werden zu Menschen, die erzählen, die berichten, die anderen von dem erzählen, was ihnen geschenkt wurde.

        Ein Gedanke zum Mitnehmen

        Im Alten Testament heißt Gott
        JHWH — Ich bin der: ich‑bin‑da.
        Manchmal zeigt sich dieses Da‑Sein nicht in großen Worten, sondern in einem Lächeln, einem ehrlichen „Dankeschön“, einer rücksichtsvollen Geste im Alltag.
        Solche kleinen Zeichen können genügen, damit Hoffnung und Lebensfreude wieder spürbar werden.




        Weiß

        Manchmal hängen die besten Predigtimpulse tatsächlich im eigenen Kleiderschrank.
        Bei mir sind es ein paar weiße Kleidungsstücke – Hemden, T‑Shirts, Sommerhosen.
        Ich trage sie gern, besonders wenn es warm ist.
        Weiß fühlt sich leicht an, frisch, frei.

        Und jedes Mal, wenn ich eines dieser Stücke in die Hand nehme, erinnere ich mich an einen besonderen Moment: Als unser Chor bei einem Konzert in Gladbeck sang (s. Bild unten!) .
        Wir standen alle in Weiß auf der Bühne.
        Unter den bunten Lichtern der Bühnenbeleuchtung und in Kombination mit dem Schwarzlicht begann dieses Weiß fast zu leuchten – als hätte es ein eigenes Strahlen.
        Es fiel auf. Es wirkte.
        Es hatte etwas Heiteres und zugleich etwas Magisches.

        Quelle: Fotos | Junger Chor

        Aber wir wissen auch: Weiß ist empfindlich.
        Ein kleiner Fleck – und schon ist die Reinheit dahin.
        Und das verändert unser Verhalten:
        Man setzt sich vorsichtiger hin, man passt besser auf, wohin man geht. Weiß lädt ein zur mehr Achtsamkeit.

        Heute, am Weißen Sonntag, ist mir diese Alltagserfahrung wieder in den Sinn gekommen.

        In der frühen Kirche haben die erwachsenen Taufbewerber nach ihrer Taufe in der Osternacht ein weißes Gewand empfangen – und eine Woche später wieder abgelegt.
        Eine ganze Woche lang trugen die Neugetauften dieses Gewand.
        Und ich frage mich: ‚Wie mag es nach sieben Tagen ausgesehen haben?‚

        Sicher nicht mehr so makellos wie in der Osternacht.
        Und doch war es ein Zeichen.
        Ein Zeichen dafür, dass die Getauften – wie Paulus sagt – „Christus angezogen haben“.

        Können wir diese Symbolik auf uns und unseren Glauben heute übertragen?

        Bild von WikimediaImages auf Pixabay

        Vielleicht zuerst: Weiß steht für Reinheit – aber nicht für Perfektion.
        Durch die Taufe sind wir hineingenommen in Gottes Liebe, die uns rein macht, nicht im chemischen Sinn, sondern im Herzen.
        Wir sind nicht makellos und nicht fehlerfrei, aber geliebt.

        Weiß steht auch für Würde.
        Wir tragen – unsichtbar, aber real – ein königliches Gewand.
        Gott traut uns zu, Licht zu sein und Anteil zu haben an Christus: an seinem Königtum, seinem Priesterdienst, seinem Prophetenamt.
        Das ist keine Last, sondern eine Würde, die aufrichtet.

        Und Weiß steht für Leichtigkeit.
        Glaube kann schwer sein, ja.
        Aber er kann auch leicht sein.
        Leicht wie Sommerstoff, der sich im Wind wiegt.
        Leicht wie der Gedanke: ‚Ich muss nicht alles allein tragen‘.
        Leicht wie die Erfahrung: ‚Ich bin erlöst – nicht durch meine Leistung, sondern durch Gottes Liebe.‘

        Und schließlich: Weiß fällt auf.
        Ein überzeugtes Christsein kann leuchten.
        Es kann neugierig machen – nicht auf uns, sondern auf Christus.
        Es kann Menschen anziehen, weil es etwas ausstrahlt, das nicht von uns selbst kommt.

        Und doch kennen wir die Flecken.
        Wir kennen die Momente, in denen unser inneres Weiß dunkler wird: wenn wir lieblos sind, wenn Sorgen uns die Leichtigkeit rauben, wenn wir griesgrämig werden statt erlöst zu wirken, wenn wir uns mehr um das kümmern, was uns belastet, als um das, was uns befreit.

        Aber der christliche Glaube ist kein Wettbewerb um das leuchtenste Gewand.
        Er ist kein Schönheitswettbewerb der Seelen.
        Er ist ein Weg.

        Bild von friday2022 auf Pixabay

        Auf diesem Weg gibt es Staub.
        Es gibt Stolpern.
        Es gibt Flecken.
        Das Entscheidende ist nicht die Fleckenfreiheit – sondern die Haltung, wie wir damit umgehen.

        So wie wir mit weißer Kleidung achtsamer umgehen, so dürfen wir auch mit unserem Glauben achtsam sein und mit dem, was er ausstrahlt:

        Nicht ängstlich, nicht verkrampft, sondern wach.
        Wach für das, was uns gut tut.
        Wach für das, was uns schadet.
        Wach für das, was uns wieder aufrichtet.

        Dabei dürfen wir immer im Hinterkopf behalten:
        Wir müssen diese Reinheit nicht aus eigener Kraft bewahren.
        Wir dürfen sie uns schenken lassen.
        Immer wieder neu.

        Dieser Sonntag will uns daran erinnern, wie schön es ist, Christus „anzuziehen“ –
        nicht als Pflicht, sondern als Geschenk.
        Nicht als Last, sondern als Leichtigkeit.
        Nicht als steife Uniform, sondern als ein Gewand der Würde und der wieder erlangten Freiheit.