„Warum?!“

Lesungstext: Jesus Sirach 15, 16-21

Es ist eine der großen offenen Fragen der Menschheit.
Die Frage nach dem Leid.
Die Frage: „Warum?!“

Bild von Tumisu auf Pixabay

Wenn Menschen – direkt oder indirekt – Leid erfahren, dann schreien sie diese Frage manchmal förmlich heraus: Warum?!

Diese Frage enthält eigentlich zwei Fragen:
Erstens: Woher kommt das Leid?
Und zweitens: Welchen Sinn hat das Leid?

Die zweite Frage ist wohl die schwierigere.
Sie ist so komplex, dass sie den Rahmen einer Predigt sprengen würde.

Darum wage ich mich heute nur vorsichtig an die erste Frage heran: nach dem Ursprung des Leids.
Nicht mit fertigen Antworten, sondern mit Gedankenanstößen.

Solche Gedanken können helfen, eigenes Leid besser einzuordnen, es vielleicht eher anzunehmen – oder zumindest zu erkennen, was wir dem Leid entgegensetzen können.

Ein erster Grund des Leidens liegt in unserer Geschöpflichkeit, also darin, dass wir vergänglich sind.
Alles, was geschaffen ist, ist dem Werden und Vergehen unterworfen.
Das können wir überall beobachten. Leben ohne Leid gibt es nicht.

Schon am Anfang des Lebens steht Schmerz: bei der Geburt.
Neues Leben entsteht – ganz natürlich – nicht ohne Schmerzen.

Und auch jetzt, wo der Frühling langsam vor der Tür steht, sehen wir es wieder: Was im Herbst und Winter abgestorben ist, beginnt neu zu wachsen.
Ohne Sterben kein neues Leben.

Doch genau in dieser Vergänglichkeit liegt auch ein Grund des Leidens der ganzen Schöpfung.
Darum sehnt sich unser Glaube nach Vollendung: nach einer Wirklichkeit, in der es kein Werden und Vergehen mehr gibt, sondern nur noch die Ewigkeit, dieses große „Jetzt“, in dem das Leid aufgehoben sein wird.

Ein zweiter, ganz entscheidender Grund des Leidens begegnet uns in der heutigen Lesung – und er betrifft etwas, das ganz wesentlich zum Menschsein gehört: die Freiheit.

Menschliche Freiheit gibt es nicht ohne Risiko.
Wo Menschen frei handeln können, da besteht immer auch die Möglichkeit von Leid und Not.
Überall dort, wo wir menschengemachtes Leid sehen, hat es seinen Ursprung in dieser Freiheit.

Und diese Freiheit ist ein Geschenk Gottes.

Wenn wir also angesichts von Leid, das Menschen verursachen, Gott fragen: „Warum lässt du das zu?“, dann sollten wir bedenken:
Wir klagen damit auch über das Geschenk der Freiheit selbst.

Freiheit ist nicht zu haben ohne die Möglichkeit, sie missbräuchlich zu nutzen.

Darum kann es hilfreich sein, bei erfahrenem Leid zuerst zu fragen:
• Welchen Anteil hat der Mensch daran?
• Und hätte es eine Möglichkeit gegeben, anders zu handeln?

Wo das der Fall ist, stehen wir vor dem Problem – oder besser: vor dem Wagnis – der Freiheit.

Der Preis der Freiheit ist hoch.
Sie ist nicht zum Nulltarif zu haben.
Das zu erkennen, kann uns auch wachsam machen, wenn Freiheit bedroht oder eingeschränkt wird – sei es offen oder schleichend.

Freiheit hat das Potential, zerstörerisch zu sein.
Sie kann Ursache von Leid und Tod werden.
Aber sie schenkt uns zugleich die Möglichkeit, für das Gute einzustehen.

Sie gibt dem Guten überhaupt erst eine Chance.

Darum ist die menschliche Freiheit für den einen Fluch, für den anderen Segen.
In jedem Fall aber eröffnet sie uns allen die Möglichkeit, immer wieder neu nach dem Guten zu streben und der Liebe zum Durchbruch zu verhelfen.

Das bringt die heutige Lesung sehr ermutigend auf den Punkt:

„Wenn du willst, wirst du die Gebote bewahren.
Er hat dir Feuer und Wasser vorgelegt –
wonach du greifst, das wird dir gehören.
Vor den Menschen liegen Leben und Tod.
(…) Keinem befahl Gott, gottlos zu sein,
und keinem erlaubte er zu sündigen.“

Auch das gehört zur Erzählung von der Erbsünde: Erst durch die Freiheit des Menschen war es möglich, dass Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis aßen.
Mit dieser Erkenntnis erhielt der Mensch die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden – und damit auch das Werkzeug für Leid und Not oder für Heil und Segen in die Hand.

Die Frage bleibt also offen – und sie richtet sich an uns selbst:

Wonach wollen wir in unserem Leben greifen,
damit Leid und Not in dieser Welt zumindest weniger werden?




christlich.leben.mittendrin – 2

Impuls zum 5. Sonntag – A – 2026

Christlich leben – mittendrin.

Dieses Leitwort begleitet die Veränderungen in unserer Kirche hier in Oberhausen und im ganzen Bistum Essen.
Es ist ein schönes Wort. Und zugleich ein anspruchsvolles.

Denn „mittendrin“ heißt: nicht am Rand stehen.
Nicht zuschauen.
Sondern leben – in einer Welt, die sich spürbar verändert.

Vieles, was früher selbstverständlich war, trägt nicht mehr.
Sicherheiten bröckeln.
Routinen lösen sich auf.
Das gilt für die große Weltpolitik ebenso wie für das Leben vor Ort – hier bei uns im Pott.
Alles ist in Bewegung.
Und wir sind es auch.

Alles Leben ist Veränderung.
Und wir stehen nicht außerhalb davon.
Wir stehen mittendrin.

Da stellt sich ganz automatisch eine Frage:
Was ist meine Berufung – heute?

Paulus hat uns am letzten Sonntag eingeladen, auf unsere Berufung zu schauen.
Nicht im Sinne eines einmaligen Moments, der irgendwann abgeschlossen wäre.
Sondern als etwas Lebendiges.
Als etwas, das sich mit unserem Leben mitentwickelt.

Ich merke das sehr deutlich in meinem eigenen priesterlichen Dienst.
Als ich mich Ende der 1980er Jahre entschied, Theologie zu studieren und Priester zu werden, hatte ich ein Bild vor Augen.
Ein Bild davon, wie meine Berufung aussehen könnte.
Wie Kirche für mich war und wie ich mir meinen Dienst in ihr vorgestellt habe.
Heute, viele Jahre später, schaue ich auf mein damaliges Bild zurück, mit der Erkenntnis, dass Berufung wachsen darf und sich mit dem Leben verändert.

Heute weiß ich:
Berufung erschöpft sich nicht in einer Entscheidung von damals.
Ich musste und muss immer wieder neu hinschauen.
Immer wieder neu fragen:
Was hat Gott jetzt mit mir vor?
In dieser Zeit.
Mit diesen Erfahrungen.
Mit diesen Grenzen.


[Heute, am 10.02.2026, möchte ich noch eine Ergänzung hinzufügen:
Mir sind heute noch mal wieder Menschen in Erinnerung gekommen, die eine frühere Entscheidung zu einer bestimmten Form der Berufung im kirchlichen Dienst revidiert haben.
Manchmal denke ich auch bei mir: es hätte so viele Stellen gegeben in meiner Biographie, wo meine frühere Berufungsentscheidung angefragt wurde, wo ich selber mich gefragt habe:
‚Kannst du noch bleiben? – Ist das System Kirche wirklich dein Ort, wo du deinen Dienst glaubwürdig verrichten kannst?‘ –
Das meine ich damit, wenn ich oben geschrieben habe, dass ich immer wieder neu „Ja“ sagen können muss, auch wenn es manche Gründe dagegen gibt.
Und ich kann es immer nur wiederholen, was mir hilft, zu dieser gewählten Entscheidung auch heute noch ‚Ja‘ sagen zu können:
Es ist der HERR und meine tiefste Überzeugung, dass ER mich ruft.
Und so, wie damals die Berufung seiner Jünger nicht an einem Ort stattgefunden hat, an dem die Jünger verweilt haben, gleichsam eine ’stabilitas loci‘ aufgebaut haben, sondern mit dem Herrn mit gezogen sind, unterwegs waren und später auch allein oder zu zweit unterwegs waren, so ist auch mein Weg der Berufung und Nachfolge geprägt von dem ständigen Unterwegssein.
Ich spüre für mich: ich kann nicht Berufen sein, ohne zugleich auch immer wieder unterwegs zu sein.
Dazu gehört, mich ständig an neuen Orten oder in neuen Umständen meines Dienstes zu sehen und auch den Mut und die Bereitschaft zu haben, mich darauf einzulassen – auch wenn es oft Kraft und Nerven kostet.
Doch: ER ist es mir wert!]


Paulus bringt es in der heutigen Lesung auf den Punkt.
In aller Klarheit.
Fast schon ernüchternd einfach.
„Ich hatte mich entschlossen, nichts zu wissen außer Jesus Christus – und zwar den Gekreuzigten.“

Das ist der Kern jeder Berufung:
Jesus Christus immer im Blick.
Verwundbar.
Hingebend.
Ganz auf den Menschen hin.

Das Evangelium greift diesen Gedanken auf und führt ihn weiter.
„Ihr seid das Salz der Erde.“
„Ihr seid das Licht der Welt.“

Oder mit Angelus Silesius:
„Mensch, werde wesentlich.“

„Wesentlich“ hat im Deutschen zwei Bedeutungsebenen
Zum einen meint es das, was zum Wesen einer Sache gehört.
Das Unverzichtbare.
Das, ohne das alles andere seinen Sinn verliert.

Zum anderen ist es eine Steigerung:
Etwas ist „wesentlich“ spürbarer, wirksamer, bedeutsamer.

Beides passt gut zu diesem Evangelium.

Eine Kerze zum Beispiel.
Sie kann wunderschön sein.
Kunstvoll gestaltet.
Aber sie erfüllt ihren Sinn erst, wenn sie angezündet wird.
Wenn sie Licht gibt.
Wenn sie sich ein Stück weit verzehrt.
Bleibt sie nicht entzündet, bleibt sie un-wesentlich.

Oder denken wir an Salz.
Niemand isst es pur.
Es drängt sich nicht in den Vordergrund.
Aber fehlt es, merkt man es sofort.
Es macht den Unterschied – behutsam dosiert.

Dazu ein paar ganz konkrete Beispiel aus unserem möglichen Alltag:

Christen sind wesentlich,
wenn sie im Krankenhaus, im Pflegeheim oder zu Hause
Zeit schenken, wo Zeit knapp ist.
Nicht nur medizinisch korrekt.
Sondern menschlich, herzlich, aufmerksam.
Ein Blick.
Ein Name.
Ein: „Ich bin später noch einmal bei Ihnen.“

Christinnen und Christen sind wesentlich,
wenn sie im Verein, in der Schule oder im Stadtteil
nicht fragen: Was habe ich davon?
Sondern: Was wird hier gerade gebraucht?
Wenn jemand Verantwortung übernimmt,
obwohl es mühsam ist
und niemand dafür applaudiert.

Christen sind wesentlich,
wenn sie bei all den großen Krisen unserer Zeit
– Krieg, Klimawandel, soziale Spaltung –
nicht abstumpfen.
Wenn sie spenden, teilen, verzichten.
Nicht aus schlechtem Gewissen.
Sondern aus Überzeugung.

Und Christen sind wesentlich,
wenn sie in ihrer eigenen Verletzlichkeit ehrlich bleiben.
Wenn sie nicht so tun, als hätten sie alles im Griff.
Sondern sagen können:
Ich weiß es gerade auch nicht. Aber im Vertrauen auf Gott, mache ich weiter.

Das ist Salz.
Das ist Licht.
Das ist wesentliches Leben.

Christlich leben heißt nicht, alles im Griff zu haben.
Sondern sich immer wieder neu senden zu lassen.
Mitten in eine Welt im Wandel.
Mitten ins eigene Leben.

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„Seht auf eure Berufung, Geschwister!“ (1 Kor 1,26)

Bild von Tyli Jura auf Pixabay

Mit diesem Satz trifft Paulus einen Nerv – damals wie heute.
Er erinnert uns daran, worum es im Kern unseres Christ*in-Seins geht: um Berufung.

Nicht um Zuständigkeiten, nicht um Rollen, nicht um Titel.
Und schon gar nicht um die Unterscheidung zwischen „denen da vorne“ und „denen da hinten“, zwischen Haupt- und Ehrenamt, zwischen Klerus und Laien.

Paulus kennt diese Trennlinien nicht. Er kennt nur eines: Jede und jeder ist berufen.

Diese Berufung ist uns mit der Entscheidung für den Glauben anvertraut worden – in Taufe und Firmung.
Und genau deshalb darf sie in all unseren Beratungen über die Zukunft von Kirche und Pfarreien nicht nachgeordnet sein. Sie ist der Ausgangspunkt.
Nicht die Struktur, nicht die Finanzierung, nicht die Frage nach Gebäuden.
All das ist wichtig – aber es ist Mittel, nicht Ziel. Mittel, um unserer Berufung gerecht zu werden.
Nicht mehr und nicht weniger.

Darum braucht es in jeder Beratung, in jedem Strategiepapier, in jedem Reformprozess zuerst und immer wieder diese eine Frage:
Wozu sind wir berufen – als Einzelne und als Pfarrei?

Paulus geht noch einen Schritt weiter.

Er traut die Antwort auf diese Frage nicht allein den „Fachleuten“ zu.
Nicht nur denen, die rechnen können, verwalten, analysieren, theologisch argumentieren.
Er setzt bewusst einen Kontrapunkt und schreibt provozierend:
„Das Törichte in der Welt hat Gott erwählt … das Schwache … das Niedrige … das Verachtete.“

Warum diese Radikalität?
Weil genau diese Menschen oft näher dran sind am Wesentlichen.
Sie wissen, was es heißt, angewiesen zu sein – auf andere, auf Solidarität, auf Hoffnung.
Sie wissen, was ein gutes Leben wirklich braucht: nicht nur materiell, sondern menschlich, sozial, geistlich.
Und sie wissen – oft wortlos –, was der Mensch von Gott her braucht.

Wer das weiß, kann sich hineinversetzen in die Sehnsüchte anderer.
Und wer die Sehnsüchte anderer versteht, entdeckt leichter die eigene Berufung:
nämlich dazu beizutragen, dass Menschen leben können – anständig, erfüllt, menschenwürdig.
Sozial und caritativ.
Religiös und spirituell.
Mit Hoffnung, mit Sinn, mit Würde.

Wenn wir also ernsthaft an einer Kirche der Zukunft bauen wollen, dann sollten wir den Mut haben, unsere Perspektive zu wechseln.
Die Sichtweise der vermeintlich „Törichten“, „Schwachen“ und „Niedrigen“ nicht nur anzuhören, sondern zu unserer eigenen zu machen.

Denn erst von dort aus wird klar, wofür wir Strukturen brauchen, warum wir Immobilien erhalten oder aufgeben und wohin unsere finanziellen Mittel fließen sollen.

Nicht um Kirche zu verwalten –
sondern um unserer Berufung treu zu bleiben:
christlich.leben.mittendrin.




worte.heilen.bedeutsam

Dieser Impuls ist für den 4. Sonntag im Jahreskreis im Lesejahr A, den wir am 31.01./01.02.2026 begehen.
Wir hören im Evangelium die Bergpredigt und nach dem Gottesdienst wird – im Vorgriff auf den 03.02., dem Gedenktag des hl. Blasius – der Blasius-Segen gespendet.

Der nachfolgende Impuls versucht eine Verbindung der Bedeutung aus der Bergpredigt zu dem Blasius-Segen zu schaffen.


„How many roads must a man walk down …?“
Viele kennen dieses Lied von Bob Dylan, „Blowing in the Wind“.
In einer deutschen Übertragung heißt es an einer Stelle:
„Wie viele Worte macht heut mancher Mann
und lindert damit keine Not?“

Bild von Thomas G. auf Pixabay

Diese Zeile hat nichts von ihrer Aktualität verloren – vielleicht ist sie heute sogar noch treffender als damals.
Auch heute wird viel geredet. Sehr viel.
Aber oft wird dabei erstaunlich wenig gesagt.

Und das sage ich nicht ohne eine gewisse Selbstkritik.
Auch ich selbst merke, wie schnell ich mich im Reden verliere,
wie Worte produziert werden, ohne wirklich etwas zu verändern.

Vieles bleibt folgenlos.
Und genau damit sind wir wieder bei diesem Lied.

Ganz anders die Worte, die wir heute in der Bergpredigt hören.
Sie sind von einem anderen Kaliber.
Keine langen Erklärungen, keine ausschweifenden Reden –
sondern kurze, klare, zugespitzte Sätze.

Es sind relevante Worte.
Worte, die vielleicht nicht sofort äußere Umstände verändern,
aber die innere Haltung,
die Sicht auf das eigene Leben,
die Art, wie ich mit dem umgehe, was mir zugemutet ist.

Die Worte der Bergpredigt tun gut.
Sie können stärken, geduldig machen, helfen auszuhalten.
Sie lehren, nicht vor der Wirklichkeit des eigenen Lebens zu fliehen –
weder in eine Traumwelt noch in eine virtuelle Scheinwelt.
Sie machen widerstandsfähiger, weil sie Hoffnung zusprechen.

Darum sind diese Worte für mich relevant:
weil sie Worte der Hoffnung sind,
Worte einer heilsamen Zusage.

Eine solche heilsame Zusage begegnet uns heute auch im Blasius-Segen,
den Sie am Ende des Gottesdienstes empfangen können.
Er steht nicht in Konkurrenz zur medizinischen Heilkunde –
sondern ergänzt sie.
Er legt uns die Verheißung auf den Kopf:
Du bist nicht allein.
Dein Leben wird gesegnet sein, weil GOTT es so will!

Vielleicht ist das die Einladung dieses Sonntags an uns:
den wirklich relevanten Worten mehr Raum zu geben
als dem belanglosen Geschwafel.
Worten, die tragen.
Worten, die heilen.
Worten, die Leben verändern –
mitunter leise, aber nachhaltig.

Berg der Seligpreisungen – Bild von dozemode auf Pixabay



menschen.fangen ?!

Impuls zu Matthäus 4,12-23

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„Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt
Und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt
Ziehen die Fischer mit ihren Booten aufs Meer hinaus
Und sie legen im weiten Bogen die Netze aus, ….“

Quelle: https://lyrics.lyricfind.com/lyrics/rudi-schuricke-capri-fischer

Ach ja – was für ein idyllisches Bild hier in diesem Evergreen gezeichnet wird.
Sonne, Sand, Strand und Meer.
Die Fischer, deren Haut von der Sonne gegerbt ist, machen sich auf den Weg zu ihrer Arbeit, während wir – die imaginären Urlauber – sie mit unseren Blicken sehnsuchtsvoll in die Ferne begleiten.
Ein Bild von Ursprünglichkeit und maritimer Atmosphäre.

Dazu ein anderes Szenario:
Fragt der Mann, der an einem Infekt erkrankt ist, seine Frau: „Du Schatz, meinst du, ich sollte zum Arzt gehen und mir ein Antibiotikum verschreiben lassen?“
Antwortet sie: „Ich weiß es nicht, aber warte erst mal ab, ich kaufe gleich Zuchtlachs aus Aquakultur….!“

Vielleicht braucht diese Pointe einen Moment.
Aber manche ahnen den Hintergrund:
Die moderne Fischerei hat mit der Capri-Idylle oft wenig zu tun.
Enge Becken, Medikamente, Antibiotika – all das gehört heute zur Realität.
Gleichzeitig wächst unser Bewusstsein für artgerechte Haltung und für die Frage: Muss es immer Fleisch oder Fisch sein?

Bild von falco auf Pixabay

Mit diesen Gedanken hören wir heute das Evangelium, in dem Jesus sagt:
„Ich werde euch zu Menschenfischern machen.“

Ein starkes Bild – aber eines, das heute schwierig geworden ist.
Denn „Menschen fangen“ klingt für viele nach Vereinnahmung, nach Manipulation, nach Macht.
Wir kennen „Menschenfischer“, die andere ideologisch einfangen, abhängig machen oder buchstäblich gefangen nehmen.

Menschen im Netz – das ist heute kein harmloses Bild mehr.

Vielleicht brauchen wir nicht ein neues Bild, sondern mehrere.
Denn das, was Jesus will, ist vielschichtig.

Wichtig scheint mir:

Nicht fangen, sondern ermöglichen.
Nicht ziehen, sondern begleiten.
Nicht einengen, sondern befreien.

Also biete ich heute mal neue Bilder an, in dem Bewusstsein, dass sie nur ausschnitthaft bleiben können.

Da ist das Bild des Wegbegleiters:
Jesus ruft nicht in eine Gefangenschaft, sondern in eine Beziehung.
Christsein heißt, Menschen nicht zu packen, sondern mit ihnen unterwegs zu sein.
Siehe hierzu auch den kleinen Exkurs am Ende über die ‚Freundschaftsikone‘.

Oder das Bild der Hebammen des Lebens:
Hebammen machen kein Leben. Sie helfen, dass etwas zur Welt kommt, was längst angelegt ist.
Das ist ein zutiefst respektvolles Bild.
Glaube zwingt nichts auf, sondern hilft Menschen, sie selbst zu werden.

Dann die Umkehr des vertrauten Bildes mit dem Netz: Retter aus dem Netz.
Jesus befreit aus Angst, Schuld und Überforderung – er wirft keine neuen Netze aus, die uns zum Verhängnis werden sollen.

Auch das Bild der Übersetzerinnen und Übersetzer des Lebens hilft:
Viele Menschen machen Erfahrungen, finden aber keine Worte dafür.
Glaube hilft, das eigene Leben zu deuten – nicht, es zu überreden.
Das Evangelium eröffnet einen tieferen Horizont für das, was wir ohnehin erleben.

Und schließlich das Bild der Gastgeberinnen und Gastgeber am Tisch:
Einen Raum öffnen, in dem Platz ist.
Niemand wird gezwungen zu bleiben.
Essen verbindet, ohne zu belehren.

Vielleicht lässt sich all das in einem Satz bündeln:

„Jesus hat seine Jünger nicht zu Menschenfängern gemacht,
sondern zu Menschen, die Wege öffnen, Licht teilen
und andere dabei begleiten, frei zu werden.“

Können wir uns heute als seine Anhängerinnen und Anhänger diese Bilder zu eigen machen?


Exkurs: Die ‚Freundschaftsikone‘: Abt Menas und Christus

Von Anonymus – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=86364408

Diese ‚Freundschaftsikone‘, die den Abt Menas an der Seite von Jesus Christus zeigt, hängt heute im Louvre in Paris.
Sie ist ein Bild für die Beziehung, wie Christus sie mit uns pflegen möchte.
Er nennt uns seine „Freunde“.
So wie auf dieser Ikone möchte Christus an unserer Seite stehen und an unserer Seite gehen.
Er sucht unsere Nähe, er ist uns nah und lädt uns ein, IHM nah zu sein.
Beide Männer schauen in die selbe Richtung.
Gehen sie gemeinsam auf einem Weg? – Es mag so scheinen.
Nähe, Begleitung auf dem gemeinsamen weg und eine Verbindung, die nicht bindet, die nicht gefangen nimmt.
Das sieht man sehr schön in der Geste, in der Jesus seinen rechten Arm über die Schulter von Abt Menas legt:
ER, Jesus, klammert nicht, hält nicht fest.
Er berührt, es ist quasi eine freundschaftliche Umarmung.
Und sie ist von Respekt und Freiheit geprägt; denn nur mit einer leichten Rechtsdrehung könnte Abt Menas sich aus dieser Umarmung lösen.
Jesus fängt also nicht ein, hält nicht fest, fesselt die Menschen nicht.
Aber er ist auch nicht unverbindlich und unnahbar.
ER schenkt uns das Angebot seiner Nähe und seiner Freundschaft und zugleich die Freiheit, ob wir dieses Angebot annehmen möchten?

Wir selber entscheiden, ob wir in SEINER Hand geboren sein wollen.




Kairos

Foto: Gerd A. Wittka, 19.01.2026

Manchmal
braucht es den ‚richtigen Kairos‘,
den günstigen,
den entscheidenden,
den ‚richtigen‘
Augenblick.

Das lehrt mich dieses Situation,
die ich schnell im Bild festgehalten habe.

SEIN
Gesicht wird von der Sonne
fokussiert
angestrahlt.
Nur in diesem Augenblick
stehen die Ikone
und die Sonne
im richtigen Winkel,‘
um
SEIN Gesicht
zum leuchten zu bringen

… und in diesem
Moment
zieht diese Ikone
zieht ER
meine
Aufmerksamkeit
auf sich!

Und ich
antworte
entzünde eine Räucherkerze
IHM zu Ehren.

Es ist so,
als würde ER
mich lehren:

Alles zu seiner Zeit!
Hab‘ Geduld,
es kommt
der ‚richtige Kairos‘

(Gerd A. Wittka, 19.01.2026)