Es gibt Momente am Tag, in denen ich auftreten kann wie jeder andere. Für kurze Zeit kann ich arbeiten, mit Menschen sprechen und unter ihnen sein. Dann wirkt alles normal, und niemand sieht, welche Prozesse in mir ablaufen, die mir Kraft rauben und mich Energie kosten.
Doch wenig später kann alles kippen: Die Erschöpfung kommt, die Müdigkeit breitet sich aus, und plötzlich schaffe ich kaum noch einen Schritt. Ich muss mich zurückziehen, hinlegen, verschwinden – aus dem Wahrnehmungsfeld meiner Umwelt.
So entsteht dieser Zwiespalt meines Alltags: Wenn man mich sieht, sieht man meine Krankheit nicht. Und wenn meine Krankheit sich zeigt, sieht man mich nicht.
Wachsamkeit und ‚guter Schlaf‘
Impuls zum 1. Advent 2025
Vielleicht erinnern Sie sich an einen der ersten Adventssonntage Ihrer Kindheit: Draußen war es noch dunkel, auf dem Esstisch brennt schon eine Kerze, und es duftet noch nach etwas Süßem, was am Vortag im Backofen buk. Man war noch müde, ein bisschen verschlafen – und trotzdem war da dieses Gefühl:
Heute beginnt etwas Besonderes.
Vielleicht gingen wir auch voller Spannung zum Adventskalender, der damals noch lediglich aus Papier bestand und bei dem sich hinter jedem Türchen ein neues Bildchen verbarg. Mehr war damals nicht.
Damals nannte es niemand „Wachsamkeit“. Und doch waren wir es: wachsam und aufmerksam für jedes Geräusch, für heimelige Düfte von Kerzen, Tannen und Backwerk, für jedes Licht, für jedes kleine Zeichen von Nähe und Wärme. Wir waren wach – nicht, weil wir nicht geschlafen hatten, sondern weil unser Herz und unsere Sinne offen und ganz neu sensibilisiert waren.
„Seid wachsam!“, ruft Jesu uns im heutigen Evangelium zu. Und der Prophet Jesaja lädt uns ein, sich eine Welt vorzustellen, in der Schwerter zu Pflugscharen werden – eine Zukunft, die Frieden möglich macht. Beides zusammen bildet den Herzschlag des Advents: wach sein für das, was werden kann.
Aber Wachsamkeit hat nichts mit Schlaflosigkeit zu tun. Seitdem ich seit drei Jahren unter Long-Covid leide, kenne ich das nur zu genüge.
Ich gehe abends hundemüde ins Bett, doch ich finde einfach keinen Schlaf. Wenn ich dann endlich eingeschlafen bin, endet die Nacht viel zu früh – oft schon gegen fünf Uhr bin ich wieder wach. In solchen Nächten liege ich lange wach, aber wachsam bin ich deswegen noch lange nicht. Im Gegenteil: Diese Schlaflosigkeit erschöpft mich, lässt mich müde bleiben und raubt mir die Kraft für echte Aufmerksamkeit, für Wachsamkeit.
Manchmal ist es gerade die Erschöpfung und Müdigkeit, die unsere Augen und unseren Geist trübt und unseren Blick verengt.
Ich bin mittlerweile mehr und mehr davon überzeugt:
guter Schlaf und und echte Wachsamkeit sind sich näher, als wir manchmal meinen – wie zwei Geschwister, die einander brauchen.
Wachsam wird, wer Raum schafft: weniger Lärm im Kopf, weniger Ablenkung, weniger dieses rastlose Hin-und-Her; dafür mehr Momente, in denen wir wirklich anwesend sind. Ein paar Minuten Stille am Morgen. Ein Gespräch, das nicht oberflächlich bleibt. Ein Gebet – allein oder gemeinsam -, das uns erdet; kleine geistliche Pausen, die uns wieder spüren lassen, was wirklich wichtig ist.
Und zugleich: Der Advent lebt auch von dem, was uns seit Kindertagen trägt: vom Ritual des Kerzenanzündens, von Liedern, die man auswendig kann, vom Plätzchengeruch, der sofort innere Bilder weckt.
Diese einfachen Dinge haben uns damals geholfen, die Zeit bis Weihnachten zu „spüren“, ohne dass wir vom Verstand her erfasst hätten, was die Menschwerdung Gottes bedeutet. Vielleicht dürfen wir sie heute wieder neu zulassen – nicht aus Nostalgie, sondern weil sie unser Herz empfänglich machen für das, was Gott sagen will.
Wenn wir beides verbinden – die bewusste Wachsamkeit der Erwachsenen und das staunende Herz unserer Kindheit –, dann kann dieser Advent mehr sein als nur Vorweihnachtstrubel.
Er kann eine Zeit werden, in der wir entdecken, wie Gott mitten in unserem Alltag leise Schritte macht. Eine Zeit, in der wir lernen, zu horchen, zu hoffen und uns berühren zu lassen. Eine Zeit, in der wir wach werden – für das Licht, das unterwegs ist zu uns.
Musik für’s reine Sein
Innehalten mit Musik – Meine persönliche Long-Covid-Ressource
Wenn man mit Long-Covid lebt – und bei mir gehört das Chronische Erschöpfungssyndrom (ME/CFS) leider dazu – verändert sich der Alltag grundlegend. Vieles, was früher selbstverständlich war, kostet heute Kraft. Und manchmal gibt es einfach keine Therapie außer dem, was wir „Pacing“ nennen: das sorgfältige Einteilen der eigenen Energie und das bewusste Schaffen von Ruheinseln.
In diesen Ruhephasen brauche ich etwas, das mich nicht fordert, mich nicht reizüberflutet und mich nicht „aktiv“ werden lässt. Etwas, das mich trägt, ohne dass ich etwas dazu tun muss. Für mich ist das Musik.
Hören ist ein Geschenk – es geschieht von selbst, ohne unser Zutun. Und wenn die richtige Musik läuft, dann kann ich mich ein Stück weit fallenlassen, spüre, wie mein Körper zur Ruhe kommt und die Gedanken leiser werden. Aber: Nicht jede Musik wirkt für jeden gleich. Was für mich wohltuend ist, kann bei anderen völlig anders sein. Jede*r muss hier das eigene „Richtige“ finden.
Meine Playlist für Ruheinseln
Damit ich zwischendurch immer wieder in eine kleine Oase der Erholung eintauchen kann, habe ich mir eine hochwertige Playlist aus Meditations- und Entspannungsmusik zusammengestellt – aus der Reihe Solitudes von Dan Gibson.
Vielleicht kennt ihr seine Aufnahmen: warm klingende Klavierstücke, ruhige Flöten, sanfte Harfenklänge (teilweise mit irischem Folk-Charakter) und perfekt integrierte Naturgeräusche – Vogelstimmen, Wellenrauschen, Quellen, Bäche … all das, ohne kitschig oder künstlich zu wirken. Gerade für erschöpfte Körper und überreizte Nervensysteme kann diese besondere Mischung wie ein kleiner Atemraum sein.
Und falls ihr Amazon Prime Music habt und hochwertige Entspannungsmusik mögt, dann teile ich gerne meine öffentliche Playlist mit euch:
Vielleicht hilft sie euch ebenso wie mir – vielleicht aber auch nicht. Und das ist völlig in Ordnung. Musik wirkt so individuell wie unsere Symptome.
Wer war Dan Gibson?
Dan Gibson (1922–2006) war ein kanadischer Fotograf, Kameramann und Tontechniker, der sein Leben der Natur gewidmet hat. Er hat unzählige Tonaufnahmen von Landschaften, Wetterstimmungen und Tierstimmen produziert. Sein Lebenswerk mündete in der Reihe „Dan Gibson’s Solitudes“, die Naturklänge und sanfte Instrumentalmusik auf einzigartige Weise verbindet.
Für mich ist seine Musik zu einem verlässlichen Begleiter geworden – besonders an den Tagen, die schwer sind und an denen der Körper nach reiner Schonung verlangt.
Wenn ihr auch mit Long-Covid oder ME/CFS lebt: Ich wünsche euch, dass ihr eure ganz persönliche Art findet, zur Ruhe zu kommen – ob durch Musik oder durch etwas ganz anderes. Und wenn meine Playlist euch ein paar gute Minuten schenkt, freut mich das von Herzen.
Klare und frustrierenden Ansage heute von meinem Hausarzt zu meinem Long-Covid: Es gibt keine evidenzbasierte wirksame Therapie.
Es gibt auch keine wissenschaftlich gesicherte Ursache für Long-Covid.
Deshalb habe ich nur die Möglichkeit des Pacings und möglichst crashs zu vermeiden.
Ich habe gemerkt, dass es nichts davon hält irgendetwas ‚auszuprobieren‘, ohne wissenschaftliche Grundlage, ob bei bei der klassischen Schulmedizin oder auch bei der Naturheilkunde. ‚A und O‘ sind für ihn wissenschaftlich bewiesene Wirksamkeit. Das verstehe ich und dem stimme ich auch zu. Nur: So stehe ich nun ziemlich im Regen. Es ist frustrierend. Und ich muss überlegen, wie ich damit privat und beruflich weiter umgehen kann.
07.10.2025
Die Welt der Tipps und Ratschläge – in Hülle und Fülle
Die nachfolgend verlinkte Kolumne aus der „Apotheken Umschau“ bringt es auf den Punkt! Bei Gelegenheit gerne mal lesen!
Von vielen Seiten bekomme auch ich – sicherlich auch wohlmeinende – Ratschläge. Aber keiner weiß so genau, was eigentlich zu tun ist. Und so wird es für mich manchmal auch stressig, mir diese vielen – gut gemeinten – Ratschläge anzuhören. Mittlerweile ist es sogar soweit, dass ich Sorge habe, zu meinem Hausarzt zu gehen und dann doch nur wieder in ein ratloses Gesicht zu blicken.
Bitte nicht persönlich nehmen! Ich verstehe ja, dass viele sich um mich sorgen und gerne helfen und unterstützen können. Aber wahr ist auch der Satz in der Kolumne: „Unheilbar heißt nicht unbehandelbar – gegen einzelne Symptome kann man hier und da etwas tun.„
Bei mir gibt es noch eine kleine ‚Hoffnung‘: bislang steht auf meiner Diagnose noch nicht ME/CFS, sondern ’nur‘ Post-Covid. Das liegt auch daran, dass die Diagnose von ME/CFS sehr schwierig ist und mitunter mehrere Jahre vergeht. Und ich habe nicht alle – Gott sei Dank – und nicht so gravierende Symptome, wie sie bei ME/CFS benannt werden. Das lässt mich hoffen, dass ‚dieser Kelch an mir vorübergehen‘ wird.
Also kann ich nur den mühsamen Weg gehen und schauen, was mir hilft, dass die Symptome nicht so stark werden und ich halbwegs gut durch den Tag, durch die Woche und die Monate komme und dabei nicht vollends deprimiert durchs Leben gehe.
Und wenn ich dann Menschen in meinem Umfeld habe, die das versuchen, mit mir auszuhalten, die akzeptieren, wenn ich – aus mittlerweile mehreren Monaten Erfahrungen – deutlich mache, was ich wohl schaffen und leisten kann und wann ich mir eine Ruhe- und Erholungsphase gönnen muss, dann wäre das das Größte und Schönste, was mir passieren kann: Menschen, die mich so akzeptieren und nehmen, wie ich bin und was ich kann!
Schön, dass ich solche Menschen um mich habe, die das immer wieder zeigen. Ja, ich weiß, dass meine und eure Hilflosigkeit auch frustrierend ist. Aber: gemeinsam auszuhalten ist schon großartig und vielleicht das Einzige, was ihr tun könnt.
Danke dafür!
05.10.2025
Unberechenbar
Ich muss meinem Herzen Luft machen. Ich bin völlig deprimiert und den Tränen nahe. Heute habe ich wieder einen Crash – obwohl ich so vorsichtig war und meine Pacing-Strategie eingehalten habe.
Ich wusste, dass der gestrige Tag anstrengend sein würde und habe mich gut vorbereitet. Trotzdem war er kräftezehrend.
Gestern standen zwei schöne, aber fordernde Termine an: um 14 Uhr eine Taufe, um 16 Uhr die hl. Messe im Krankenhaus. Schon mittags besorgte ich Blumen und bereitete die Kapelle vor. Auf die Taufe hatte ich mich gefreut – die Familie war sehr nett –, doch solche Feiern verlangen viel Energie. Man leitet, moderiert, muss flexibel reagieren und zugleich sensibel bleiben, vor allem bei Kindern und unvorhersehbaren Situationen.
Nach der Taufe wieder alles aufräumen, durchlüften, kurz ausruhen und die Predigt für die Messe vorbereiten. Schon da fühlte ich Müdigkeit und schwere Beine. Bei der Messe dann erste Wortfindungsstörungen, am Ende sogar ein Fauxpas, weil mir mitten im Satz die Worte fehlten – Brainfog in seiner reinsten Form. Peinlich und für alle sichtbar.
Zu Hause nur noch Abendessen, Vesper beten und früh ins Bett – selbst eine empfohlene Serie konnte ich nicht mehr anschauen.
Heute dann der nächste Schlag: Unser Chor sollte in der Gemeindemesse singen. Ich war früh wach, aber völlig erschöpft, bleiern müde und kraftlos. Tränen, Ohnmacht, das Gefühl zu versagen – obwohl ich weiß, dass es nicht meine Schuld ist. Ich musste absagen.