die unabänderlich einen Schlusspunkt in meinem Leben gesetzt hat
unbeantwortbare Fragen bleiben stehen in einem Raum der plötzlich kalt und leer
und nach und nach mit Erinnerungen gefüllt wird.
( Gerd A. Wittka, 13.01.2026)
12. Januar 2026
Crash – the day after
These: Crashes bei Long-Covid weisen mich fast immer darauf hin, dass ich zu wenig für mich gesorgt und eingestanden bin
Die vergangene Nacht war von massiven Albträumen geprägt. Gegen 02.00 Uhr wachte ich auf, mit unkontrollierten Muskelzuckungen am ganzen Körper. Ein untrügliches Zeichen, dass ich mich total übernommen hatte.
Müde und erschöpft, fand ich dann erst wieder nach 04.00 Uhr in den Schlaf (‚tired and wired‘).
‚Nachher ist man immer schlauer‘ – das Wort gilt auch in diesem Fall
Am Tag vorher hatte ich mich übernommen und überfordert. Aber das wollte ich erst zu spät wahr haben. Da waren Aktivitäten, die über das Maß hinaus gingen, was ich erfahrungsgemäß gut leisten kann, ohne mich zu überfordern. Da war Freude und auch Ehrgeiz an Aktivitäten, die mir viel bedeuten und in meinem Leben wichtig sind. Sie machen mein Leben freundlich, hell und lassen meine kreative Seite zur Geltung kommen. (Sowas nennt man gemeinhin auch *Eu-Stress*, wobei das ebenfalls Stress in dem Sinne ist, dass dabei Energie verbraucht wird. Dazu kamen aber auch Reizüberflutungen und Energieverbrauch durch Menschenansammlungen, durch auditive und visuelle Reize. Ich mag nicht einfach von ‚Lärm‘ schreiben, denn das klingt so negativ.
[Exkurs:
Es gibt auch auditive Reize, die man durchaus als angenehm oder im Normalfall sogar als wünschenswert betrachtet. Ein Beispiel: Abgesehen von Diskotheken für Menschen mit Hörbehinderungen würde wohl niemand in eine Diskothek gehen, wo nicht ‚ordentlich aufgedreht‘ wird, damit man bei toller Musik abtanzen kann. Oder niemand würde viel Geld für ein Konzertbesuch ausgeben, dann aber kaum was hören können. Es gibt also bestimmten Lärm, der erwünscht ist.
„Wo kann ich übermäßigen ‚Energieverbrauch‘ einsparen?!“ – Bild von Alexandra_Koch auf Pixabay
Nur: bei Long-Covid-PatientInnen wirkt sich auch der Lärm, der von anderen gewünscht oder zumindest nicht als belastend empfunden wird, negativ aus. Denn Reize jedweder Art zehren an der Kraft und sind auch Energiefresser. Nur merken Menschen mit Long-Covid das deutlicher als ‚gesunde‘ Menschen.]
Die Herausforderung: Crashes zu vermeiden, erfordert eine hohes Maß an Konsequenz und Ich-Stärke
Die alltäglichen Arbeiten, ob im Beruf oder im eigenen Haushalt, die Aktivitäten in Freizeit und Hobby, alles, was ein normales und gesundes Leben ausmacht und was einem selber nicht nur Pflicht, sondern auch Kür ist, all das wirkt sich auf die Energiebilanz eines Menschen aus. Besonders gravierend ist die Beachtung dieser Energiebilanz bei Menschen mit Long-Covid und jenen die an ME/CFS erkrankt sind. Denn sie verfügen erstens nur über ein reduziertes Maß an täglichem Energievorrat und dieser wird meist auch noch viel schneller aufgebraucht.
Ein Bild – ein Beispiel: Mir scheint es so, als würde ich einen Lebensmotor betreiben, der eher 10-12 Ltr. Sprit auf 100 Kilometer verbraucht, als ein sparsamerer Motor, der mit 3-5 Liter auf 100 Kilometer hinkommt. Dabei ist mein Motor nicht unbedingt älter. Aber mein Motor scheint sich durch meine Corona-Erkrankung 2022 verändert zu haben, nämlich der Art, dass ‚mein Motor‘ nun deutlich mehr Sprit verbraucht als früher, aber die Ursache ist nicht zu finden!
Wie gut man selber aber für sich sorgen kann, hängt wesentlich auch von der sogenannten ‚Ich-Stärke‘ ab. Das meint die Fähigkeit, stringent und konsequent den eigenen Weg zu gehen und auch die Fähigkeit gut für sich selber sorgen zu können.
Doch hier beginnen oft andere Herausforderungen. Da werden wir mit Erwartungen konfrontiert, mit Erwartungen von außen (vermeintlichen oder tatsächlichen Erwartungen), aber auch Erwartungen von innen, also durch uns selbst, die wiederum doch anerzogene Konventionen oder aber auch durch Selbstansprüche gesteuert werden.
„Wie stehe ich da, wenn ich mich jetzt so anders verhalte, als es (von mir selber) erwartet wird?“ – „Wenn ich mein Ding durchziehe (von dem ich weiß, dass es für mich gut ist), dann falle ich wieder auf und bin vielleicht jemand mit seiner eigenen Choreographie, die als ‚da tanzt er wieder aus der Reihe‘ wahrgenommen wird.“
Solche oder ähnliche Gedanken machen es einem dann noch schwerer, manchmal sogar unmöglich, wirklich gut für sich zu sorgen.
Und da ist jetzt nicht einmal ‚guter Rat teuer‘, denn meistens wissen meinesgleichen schon selber sehr gut, welcher Rat nun befolgt werden sollte. An guten Ratschlägen mangelt es nicht, beileibe nicht!
‚Wer gut für sich selber sorgt, fällt auf, wie ein unangepasst wirkender Mensch! – Aber die Richtung ist eigentlich ganz klar!“ – Bild von Cord Allman auf Pixabay
Nein, es mangelt oft an ausreichend Selbstbewusstsein und Ich-Stärke auch sein eigenes Ding durchzuziehen, das für mich selber heilsam und gut ist.
In solchen Situationen brauchen wir als Umgebungen, in denen es uns leicht(er) fällt, gut für uns zu sorgen.
Und dass bringt mich zur einer weiteren erschreckenden Beobachtung: gestern gab es sogar bei mir diese ‚gute Umfeld‘. Dort ist meine Erkrankung bekannt und ich weiß definitiv, dass man für mich Verständnis hat, wenn ich gut für mich sorge.
Deshalb bin ich um so bestürzter über mein eigenes Verhalten.
Es macht mir deutlich, dass ich gut beraten bin, bei mir an einem stärkeren Selbstbewusstsein zu arbeiten! Diese Einsicht mag einige meiner LeserInnen überraschen, die mich sonst ganz anders kennen, besonders auch aus beruflichen Zusammenhängen und die mich vielleicht dort als selbstbewusst, stringent und konsequent erleben. Doch im Kern wütet manchmal eine kritische Selbstreflexion, die auch das Potential hat, die Ich-Stärke anzugreifen.
Das ist ein weiteres Leiden, dass zu der Komplexität von Long-Covid bei mir dazu kommt.
Nun mag man sich fragen, warum ich damit hier so offen umgehe? Weil ich glaube und fest davon überzeugt bin, dass ich nicht der einzige Mensch auf der Welt und unter denen bin, die an Long-Covid erkrankt sind. Auch den anderen Leidensgenossinnen möchte ich dadurch ermutigen, sich auf dieser Seite der eigenen Persönlichkeit zu stellen, weil sie kein Makel ist, aber wohl eine Herausforderung, die wir – vielleicht auch gemeinsam in unseren Selbsthilfegruppen – bearbeiten können.
Mit dem heutigen Fest „Taufe des Herrn“ endet die Weihnachtszeit. Wir blicken ein letztes Mal auf die Krippe, aber unser Blick geht vor allem nach vorne: auf den Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu.
Dieses Fest stellt uns eine ganz persönliche Frage, die uns ein Leben lang begleitet:
Was bedeutet es eigentlich für mich, getauft zu sein?
Die meisten von uns haben diese Entscheidung nicht selbst getroffen. Damals waren wir klein; unsere Eltern haben stellvertretend „Ja“ gesagt, weil sie sich für uns den Segen und die Gemeinschaft der Kirche wünschten. Seitdem sind Jahrzehnte vergangen. Wir sind mit diesem Glauben durch das Leben gegangen und haben dabei eigene Erfahrungen gemacht.
Da gab es die hellen Momente: Augenblicke, in denen der Glaube uns Hoffnung gab und uns durch schwere Zeiten trug. Wir haben Gemeinschaft erlebt – in Jugendgruppen, Chören oder im Ehrenamt – und gespürt, wie gut Solidarität tut.
Aber zur Wahrheit gehört auch: Viele von uns haben die Schattenseiten erlebt. Vielleicht standen Sie vor Herausforderungen, bei denen Ihr Glaube an seine Grenzen stieß. Vielleicht ließen schwere Schicksalsschläge Sie an Gottes Güte zweifeln. Und vielleicht haben Sie Enttäuschung in der Kirche erlebt und sich gerade dann allein gelassen gefühlt, als Sie Beistand am nötigsten hatten. Es ist kein Wunder, dass sich heute viele abwenden und sagen: „Der Glaube hält nicht, was er verspricht.“
Ich möchte heute niemanden schelten, der geht oder zweifelt. Aber wir müssen ehrlich sein: Der christliche Glaube hat uns nie einen „Rosengarten“ versprochen, in dem alles mühelos blüht. Schon das Neue Testament berichtet von harten Anfechtungen. Sogar die ersten Apostel wie Paulus und Barnabas hatten so heftige Differenzen, dass sich ihre Wege trennten.
Wenn wir unser Christsein allein auf die Institution oder nur auf die zwischenmenschliche Gemeinschaft stützen, werden wir früher oder später enttäuscht. Menschen sind fehlbar. Gemeinschaften können versagen.
Was also ist das Tragende?
Was ist der Urgrund, auf dem wir heute – als Erwachsene – unser „Ja“ zur Taufe erneuern können?
Die Antwort finden wir bei Johannes dem Täufer. Er schaute nie auf sich selbst, sondern wies immer auf Jesus Christus hin. Er wusste: Das Fundament ist die eigene, ganz persönliche Christus-Hinwendung.
Im Johannesevangelium sagt Jesus einen Satz, der alles verändert:
„Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern Freunde.“ (Joh 15,15)
Das ist der Dreh- und Angelpunkt: Christsein ist zuallererst Beziehung. Eine Freundschaft zu Gott, der uns in Jesus ein menschliches Gesicht geschenkt hat. Vielen ist Gott oft zu abstrakt oder fern. Doch Jesus lädt uns ein, ihm einen konkreten Platz als Freund in unserem Leben zu geben.
Diese Freundschaft können wir auf zwei Wegen pflegen:
Im Mitmenschen: Wie der heilige Martin, der im Bettler Christus erkannte. Solidarität ist gelebte Christus-Beziehung.
In der Stille: Im Gebet oder im vertrauten „Du“, mit dem wir Gott ansprechen.
Ich werbe heute für diese persönliche Beziehung, weil sie das Einzige ist, was wirklich trägt.
Vielleicht kennen Sie das Gefühl: Die schlechten Nachrichten nehmen kein Ende – ein Anruf vom Arzt, ein Streit, der alles infrage stellt, oder die Erkenntnis, dass man sich in der eigenen Gemeinde fremd fühlt. Man fühlt sich dann wie Petrus auf dem See Gennesaret: Der sicher geglaubte Boden gibt nach. Das Wasser ist kalt, und die Wellen der Angst schlagen über einem zusammen. In solchen Momenten nützen kluge Bücher oder theologische Erklärungen gar nichts. Auch die anderen im Boot sind weit weg – sie kämpfen mit ihren eigenen Stürmen.
In dieser absoluten Einsamkeit des Sturms gibt es nur noch zwei Dinge: mich und IHN.
Petrus hält keine lange Rede. Er betet keinen formelhaften Text. Er schreit nur: „Herr, rette mich!“
Genau das ist der Kern der Christusfreundschaft: Es ist die Hand, die im Dunkeln zupackt, noch bevor wir wissen, ob wir schwimmen können. Es ist das Wissen: Da ist jemand, der mich nicht untergehen lässt, selbst wenn ich an mir selbst zweifle. Dieser „Rettungsring“ ist kein theoretisches Konzept – es ist das Vertrauen, dass am Ende des Schreiens nicht die Leere kommt, sondern ein Gegenüber, das mich hält.
Um uns so sehr auf diesen Jesus von Nazareth einzulassen, braucht es eine aktive Christushinwendung.
„Siehe, ich mache alles neu!“ – dieses Wort aus der Offenbarung des Johannes (21,5) steht als ökumenische Jahreslosung über dem neuen Jahr 2026. Wer diese Losung liest, wird sie unwillkürlich im Licht der eigenen Biographie und vielleicht auch des vergangenen Jahres verstehen.
Für manche klingt diese Losung wie eine Lösung. Besonders dann, wenn das bisherige Leben oder das vergangene Jahr so verlaufen ist, dass man spontan sagen könnte: „Es kann ja nur noch besser werden!“
Für andere dagegen hat dieser Satz etwas Bedrohliches. Das gilt für Menschen, die in ihrem Leben oder im vergangenen Jahr etwas erreicht haben, worauf sie lange hingearbeitet haben, die von sich sagen können, dass es ein erfolgreiches Leben oder zumindest ein erfolgreiches Jahr war. Für sie ist es deutlich schwerer, sich darauf einzulassen, dass „alles neu werden wird“. Denn der alte Satz gilt immer noch: „Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach.“
Daneben gibt es Menschen, die dieser Losung mit Argwohn begegnen. Ihnen ist zwar vom Verstand her klar, dass alles – oder doch zumindest vieles – neu werden müsste. Aber aus Bequemlichkeit oder festgefahrenen Routinen heraus möchten sie lieber alles beim Alten lassen. Auch für diese Haltung gibt es ein Sprichwort: „Watt der bur net kennt, dat frett er net!“ Das beschreibt sehr gut, dass man zwar die Notwendigkeit von Veränderungen erkennt, dass einen das Neue und Unbekannte aber gleichzeitig ängstigt. Und aus Angst – die schon immer ein schlechter Ratgeber war und es bis heute ist – verweigern sie sich dem Neuen.
Doch an dieser Stelle ist die Reihe der möglichen Reaktionen auf die Losung noch längst nicht zu Ende.
Es gibt auch jene, die tief im Inneren, vielleicht sogar unbewusst, spüren, dass es etwas Neues braucht, um ein besseres Leben führen zu können. Damit ist sowohl das eigene Leben gemeint als auch das Leben unserer Gesellschaft und unser Leben als Teil der Schöpfung, zu der wir in Verantwortung stehen. Trotzdem stehen diesem Empfinden häufig eingefahrene Verhaltensmuster, vermeintliche Sachzwänge, Konventionen oder Erwartungen entgegen. Diese Erwartungen kommen nicht nur von außen, sondern sind uns – bildlich gesprochen – wie mit der Muttermilch eingeflößt worden. Und wir wollen sie manchmal „auf Gedeih und Verderb“ nicht aufgeben.
Das ist tragisch, manchmal beinahe dramatisch: Es gibt Lebensweisen oder Zustände, die uns oder anderen nicht guttun. Dennoch klammern wir uns daran fest. Wir wissen es zwar vielleicht nicht klar mit dem Kopf, aber wir spüren es innerlich. Manche Menschen treiben diese innere Ablehnung und der Kampf mit sich selbst so weit, dass sie schließlich in einer psychiatrischen Klinik landen. Gott sei es geklagt: In den letzten 15 Jahren habe ich einige solcher Menschen kennengelernt.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ergibt sich aus der Quelle dieser Losung – der Bibel. Es ist der Aspekt der Verheißung. Dabei geht es nicht in erster Linie darum, ob wir diesen Satz als Einladung oder als Bedrohung empfinden. Vielmehr werden wir auf etwas hingewiesen, das sich unserer eigenen Verfügung entzieht und nicht in unserer Hand liegt.
In diesem Zusammenhang lohnt es sich, noch einmal auf das Wort „neu“ zu schauen.
Was könnte dieses „neu“ bedeuten?
Ist es im Sinn einer Restaurierung gemeint – also so, wie ein altes Objekt oder Gebäude in seinen ursprünglichen historischen Zustand zurückversetzt wird?
Oder geht es um Modernisierung, wenn etwa ein bestehendes Gebäude auf den neuesten Stand gebracht wird, zum Beispiel bei Wärmedämmung oder technischer Ausstattung?
Oder meint es eine Sanierung, bei der Mängel behoben und die Bausubstanz verbessert wird, ohne die eigentliche Struktur zu verändern? Handelt es sich also um eine Transformation? Wird das ursprüngliche Werk dabei nur so verändert, dass es in neuer Form weiterbesteht? Oder entsteht etwas völlig Neues, das mit dem alten Werk nichts mehr zu tun hat und es nicht mehr benötigt?
An dieser Stelle möchte ich den heutigen Impuls zur Jahreslosung 2026 unterbrechen. In einem ersten Schritt wollte ich zeigen, wie ein scheinbar einfacher Satz auf ganz unterschiedliche Weise betrachtet und bedacht werden kann. Im Laufe dieses Jahres möchte ich einige der heute angedeuteten Gedanken noch vertiefen.
„Siehe, ich mache alles neu!“ – Grundgütiger, was gibst du uns damit auf den Weg!
Sie halten eine kleine Zeichnung in der Hand: es zeigt ein Buch und eine brennende Kerze. Zwei einfache Objekte – und doch erzählen sie viel über uns und über diesen besonderen Moment am Ende eines Jahres.
Wenn wir ein Buch aufschlagen, sehen wir Seiten voller Worte, voller Spuren. So ist es auch mit dem Jahr, das hinter uns liegt. Wir tragen seine Zeilen in uns: helle und dunkle, leichte und schwere. Da sind Begegnungen, die uns froh gemacht haben, Augenblicke, die uns gestärkt haben. Und da sind andere Seiten – mit Schmerz, Enttäuschung, Verlust. Nichts davon lässt sich ausradieren. Und nichts davon müssen wir verleugnen.
Das vergangene Jahr ist wie ein Buch, das wir jetzt – ganz behutsam – schließen. Nicht, weil es uns egal wäre, sondern weil seine Zeit erfüllt ist. Es gehört zu unserer Geschichte, aber es liegt nicht mehr in unserer Hand. Wir können es nicht noch einmal leben, nicht verändern, nicht festhalten. Aber wir können es segnen. Wir können sagen: „Ja, so war mein Jahr.“ Und wir dürfen es Gott zurückgeben – Seite für Seite, so wie es ist.
Und dann ist da die Kerze. Sie brennt im Jetzt. Ihr Licht ist warm und ruhig. Es erzählt von dem einzigen Moment, der uns wirklich gehört: dem Augenblick.
Nicht gestern, nicht morgen – nur dieser kleine Abschnitt Zeit im Hier und Jetzt, den wir gerade durchschreiten. Wir stehen an einer Schwelle, und an Schwellen der Zeit wird das Leben still. Da ist Raum zum Atmen, zum Rückschauen, zum Loslassen.
Die Kerze erinnert uns: Gott ist nicht nur der Gott unserer Geschichte, er ist auch der Gott dieses einen Moments. Er hält das Vergangene in seiner Hand, und er trägt das Kommende. Aber der Augenblick – den erfüllt er mit seiner Gegenwart. Hier und jetzt.
So lade ich Sie ein, in diesem Moment drei kleine Gedankengänge zu wagen:
Das Vergangene loslassen. Nicht verdrängen – aber in Gottes Hände legen. Alles, was gelungen ist, und alles, was schmerzt. Gott nimmt es auf, und er hält es fest.
Dem Kommenden vertrauen. Wir wissen nicht, was das neue Jahr bringen wird – Herausforderungen, Geschenke, Überraschungen. Aber wir gehen nicht in etwas dunkles Unbekanntes. Wir gehen mit dem, der „Jahr und Ewigkeit gemacht hat“.
Den Augenblick hüten. Diesen Moment hier. Er ist wie eine Kerze, die brennt. Er ist das kleine Licht, das uns zeigt: Gott ist da. Jetzt und auch in 2026.
Vielleicht war dieses Jahr für manche von Ihnen besonders schwer. Vielleicht gibt es Wunden, die offen sind, Worte, die ungesagt blieben, Chancen, die verloren gingen. Alles das dürfen Sie heute ablegen. Nicht, um es wegzuschieben, sondern um es aufgehoben zu wissen.
Vielleicht tragen Sie auch Dank in sich: Menschen, die Ihnen gutgetan haben, Erfahrungen, die Sie getragen haben, Augenblicke der Freude. Auch das hat Platz in Gottes Händen.
Wenn wir also das neue Jahr betreten, dann gehen wir nicht einfach weiter in eine neue Reihe von Tagen. Wir gehen begleitet. Wir gehen von Licht berührt. Und wir gehen mit einem Gott, der auch unsere vergangene Geschichte kennt – und weiter-schreibt.
So lassen Sie das Bild noch einmal auf sich wirken: Ein Buch, das geschlossen wird und einen Platz findet in Gottes Bibliothek. Und eine Kerze, die brennt – für diesen Augenblick, der uns geschenkt ist.
Möge Gott unser neues Jahr mit seinem Licht erfüllen. Möge ER unsere Wege segnen, unsere Wunden heilen, unsere Hoffnung stärken. Und möge ER Seite für Seite mit uns beschreiben – heute, morgen, und jederzeit, wie es auch kommen mag.
Gott hält auch unser Buch des Lebens 2025 in SEINEN Händen – Bild von StockSnap auf Pixabay
Abschied(e)
Dieses Jahr ist bei mir von vielen Abschieden geprägt.
Emotional am meisten belastet mich der Abschied eines guten Freundes, den ich seit fast 50 Jahren kannte und wir regelmäßig in Kontakt waren.
Aber auch der Abschied meiner evangelischen Kollegin aus der Krankenhaus-Seelsorge belastet mich emotional sehr.
Mit ihr verliere ich eine sehr geschätzte, profilierte und hochqualifizierte Seelsorge-Kollegin, mit der ich überaus wertvoll eng und ökumenisch zusammen gearbeitet habe. Sie schloss sich nahtlos an die sehr gute ökumenische Zusammenarbeit mit ihrem Vorgänger, Pfarrer Nerenz, an. Frau Gehrke-Marolt verfügt über überaus reiche Qualifikationenfür die Seelsorge in einer Psychiatrie und bringt – quasi als Handwerkszeug – auch ihre Qualifikation als Supervisorin mit. Mit ihrem Abschied geht eine über 20 Jahre lang bestehende engste ökumenische Zusammenarbeit in diesem Krankenhaus, insbesondere zum Nutzen der PatientInnen, aber auch der Mitarbeitenden zu Ende. Der Grund liegt darin, dass das zuständige Klinikum, die evangelische Seelsorge ‚auf eigene Beine stellen‘ will und nun eigene SeelsorgerInnen zur Einstellung sucht.
Insbesondere die PatientInnen in der Psychiatrie profitierten bislang sehr von dieser Beständigkeit in der ökumenischen Seelsorge. Sie stellte auch eine kontinuierliche Begleitung von PatientInnen sicher, die wochen- oder sogar monatelang in diesem Krankenhaus behandelt wurden.
Über die konfessionellen Grenzen und Zuständigkeiten hinweg, haben wir uns – einvernehmlich mit unseren kirchlichen Verantwortlichen und Dienstvorgesetzten – gegenseitig vertreten. Das begann schon mit der Absprache unserer Urlaubs- und Abwesenheitsplanungen. Eine solche Absprache, Koordination und Zusammenarbeit geht weit über das hinaus, was man hinlänglich an ökumenischer Zusammenarbeit in anderen Bereichen kirchlichen Wirkens erleben kann. Insofern war diese gelebte Ökumene ein Meilenstein in der kirchlichen Geschichte Oberhausens.
Demnächst – und das ist für die nächsten Wochen schon absehbar – kann es geschehen, dass es für Tage und wenige Wochen wahrscheinlich überhaupt keine(n) seelsorglichen AnsprechpartnerIn geben wird. Dies alles ist jetzt radikal beendet, ja zerstört, worden und ich persönlich bezweifle stark, dass so etwas Zukunftsweisendes fortgeführt werden wird.
Zudem kommt, – wie immer auch die Gestaltung der evangelischen Seelsorge durch das Klinikum aussehen wird – dass für die Seelsorge in einer Psychiatrie, hohe persönliche und fachlich qualifizierte Fähigkeiten nötig sind. So haben Krankenhaus-SeelsorgerInnen in einer Psychiatrie neben der für alle Krankenhaus-Seelsorgenden verpflichtenden KSA-Ausbildung auch noch eine zusätzliche Qualifizierung über zwei Jahre: „Psychiatrieseelsorgeausbildung“ gemacht.
Es werden also, wenn mögliche NachfolgerInnen nicht schon diese Qualifikationen mitbringen, Jahre vergehen, bevor es einen adäquaten Ersatz für meine Kollegin geben wird.
Ich selber kann beim besten Willen nicht verstehen, was die überzeugende Idee sein könnte, die hinter dieser Unternehmensentscheidung steht.
Als Seelsorgende, die auch noch selber diese gravierenden Veränderungen im Haus kommunizieren mussten, haben wir auf Seiten der Mitarbeitenden und der PatientInnen fast durchweg in erstaunte, frustrierte Gesichter gesehen, die diese Entwicklung ebenso nicht verstehen und nachvollziehen können.
Was mich aber ermutigt ist, dass die Seelsorge im betroffenen Krankenhaus selber große Wertschätzung genießt, die mich hoffen lässt, dass wir mit viel Geduld und Kompromissbereitschaft auch in Zukunft eine katholische Seelsorge anbieten können, die – entsprechend ihrem kirchlichen Auftrag und Anspruch – unabhängig von Unternehmensentscheidungen segensreich für PatientInnen, ihren engsten Zugehörigen und den Mitarbeitenden wirken kann.
Denn: die Menschen brauchen uns als Seelsorgende! Sie ist unverzichtbar in einem Krankenhaus, neben den therapeutischen Angeboten und keineswegs ein Nischenprodukt! Wir haben oft die Zeit und können die Menschen ganzheitlich seelsorglich, religiöse und spirituell begegnen und begleiten, wie es sonst kein anderer Dienst im Krankenhaus leistet. DAS ist UNSER ALLEINSTELLUNGSMERKMAL!
Die ökumenische Jahreslosung für das Jahr 2026 ist für mich persönlich daher Motivation und Ermutigung, dass mit dem Wirken des Heiligen Geistes das gute Werk, das Gott in uns und in der Krankenhaus-Seelsorge dort begonnen hat, segensreich weitergeführt werden kann, entgegen allen äußeren Umständen und Einwirkungen: