Es ist Sonntag, der 17.5.2026, 4.30 Uhr. Ich werde wach – werde geweckt … vom Gesang einer einzelnen Amsel. Draußen ist es still – mucksmäuschenstill … und dunkel dunkelste Nacht
Aber warum fängt die Amsel jetzt schon an zu singen? Ahnt sie etwas vom anbrechenden Licht? Ahnt sie etwas von der Wärme der Sonne, die bald über dem Horizont ihre ersten Strahlen erhebt?
Oder singt sie an – gegen die Nacht? Ist ihr die Nacht zu lang, so dass sie mit ihrem ersten Gesang mitten in der Dunkelheit ihren liedhaften Protest gegen das Dunkel erhebt? Ist ihr das Dunkel zu viel? Singt ihr Lied von der Hoffnung auf das kommende Licht?
Alle Assoziationen sind erlaubt. Erlaubt ist auch, dieses Bild der singenden Amsel mitten in der Nacht und scheinbar mitten in der Dunkelheit auch als Bild des Glaubens zu sehen.
So jedenfalls hat es Rabindranath Tagore einst wohl verstanden, als er folgende Worte verfasste:
Glaube ist der Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist.
Es gibt Menschen, die durch ihren Glauben und gestärkt im Glauben mitten in der Dunkelheit der Welt
singen
den Gesang der Hoffnung der Sehnsucht der tief empfundenen Überzeugung dass nach dem Dunkel der Nacht das Licht des neuen Tags unser Leben erhellen wird.
Übrigens: es wird wohl heute kein so sonniger und warmer Tag werden, eher kühl und später auch ziemlich nass
…
und dennoch singt die Amsel und TROTZ-dem singt die Amsel!
Was kann dieses Bild dir und mir über den Glauben und die Hoffnung sagen?
Nun ist es gerade 05.00 Uhr … und ich sehe am Horizon ein erstes bläulich schimmerndes Licht.
Hat die Amsel gegen 4.30 Uhr schon eher das heranbrechende Licht gesehen als ich?
So tauchen wir ein, in die Szene, die uns heute in diesem Impuls beschäftigt.
Philippus spricht diesen Satz – und mit ihm sprechen wir alle, die wir uns fragen: Wie können, dürfen, sollen wir uns Gott vorstellen?
Manche Religionen verbieten Bilder von Gott, weil sie die Versuchung fürchten, Gott zu vergegenständlichen.
Auch das Christentum kennt die Auseinandersetzung um Bilderkult und Bilderverbot.
Und doch bleibt die Sehnsucht:
Wir wollen Gott sehen, wir wollen ihn finden, wir wollen eine persönliche Beziehung zu ihm.
Das ist kein abstraktes Problem.
Viele Menschen heute ringen damit: Gott als „Vater“, und zugleich betonen immer mehr Menschen die mütterliche Seite Gottes – „sorgender Vater und liebende Mutter“.
Gott als Schöpfer, als personaler Gott, und doch so unbegreiflich.
Manche tun sich schwer, eine persönliche Beziehung zu einem Gott aufzubauen, der zugleich so groß und so fern erscheint.
Genau diese Spannung steckt in Philippus’ Bitte: Zeig uns den Vater.
Mach ihn sichtbar, mach ihn erfahrbar.
Jesus antwortet nicht mit einer theologischen Definition, sondern mit einer überraschend konkreten Aussage: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“
Das ist nicht nur ein Hinweis auf ein historisches Gesicht, das man einst gesehen hat.
Es ist eine Einladung, Jesus zu erkennen – seine Haltung, seine Lebensweise, seine Zuwendung.
Wer Jesus versteht, wer seine Art zu leben und zu handeln erkennt, der erkennt etwas vom Wesen Gottes.
Wenn wir das genauer bedenken, wird klar:
Jesus ist kein Bild, das man an die Wand hängt.
Er ist das lebendige Abbild Gottes.
In ihm sehen wir den Menschen, wie Gott ihn gedacht hat: frei, zugewandt, barmherzig, und doch nicht bloß ein Spiegel unserer Wünsche.
In Jesus begegnet uns Gottes Zuwendung, Gottes Erbarmen, seine Souveränität gegenüber unseren Projektionen.
Jesus zeigt, wie Gott handelt – nicht als Idee, sondern als gelebte Wirklichkeit.
In Jesus sehen wir den Menschen, wie ihn Gott gedacht hat.
Das heißt nicht, dass Jesus ein Idealbild ist, das wir nur bewundern sollen. Es heißt: In seinem Leben wird sichtbar, was möglich ist, wenn ein Mensch in Freiheit und in Liebe lebt, ohne sich von Gott zu lösen.
Und das ist zugleich ein Bild davon, wie Gott ist: zugewandt, heilend, herausfordernd, und doch unabhängig von unseren Wunschträumen.
Jesus geht noch einen Schritt weiter: Er verspricht, dass die, die an ihn glauben, die Werke vollbringen werden, die er vollbringt – und sogar größere.
Das klingt groß und kann leicht überfordern.
Vielleicht ist es hilfreich, das nicht als Leistungsauftrag zu lesen, sondern als Verheißung:
Wenn wir in Beziehung zu Jesus treten, wenn wir seine Worte und Werke in unser Leben lassen, dann wirkt Gottes Kraft durch uns.
Nicht weil wir stärker sind, sondern weil wir verbunden sind.
Was heißt das konkret für unser Leben heute?
Ich möchte drei einfache Wege vorschlagen, die aus deiner Überlegung folgen:
– Schau auf Jesus. Nicht als historische Figur, die weit weg ist, sondern als Mensch, dessen Worte und Taten uns heute ansprechen. Lies seine Worte, hör auf seine Art zu handeln, achte auf seine Nähe zu den Ausgegrenzten, seine Geduld, seine Klarheit.
– Übe die Freundschaft mit Christus. Freundschaft wächst durch Zeit, durch kleine Gesten, durch Vertrauen. Das kann im Gebet sein, im Hören auf die Schrift, im Gespräch mit anderen, im Tun, das seinem Geist entspricht.
– Lass dich von seinen Werken prägen. Wenn Jesus heilt, versöhnt, tröstet, dann sind das keine abgeschlossenen Taten der Vergangenheit. Sie sind Muster, nach denen wir unser Handeln ausrichten können – nicht um zu beweisen, dass wir gut sind, sondern um Raum zu schaffen, in dem Gottes Liebe sichtbar wird.
All das ist keine Garantie für einfache Antworten.
Es bleibt ein Suchen, ein Fragen, ein Tasten, ein Ringen.
Aber gerade dieses Suchen ist Teil des Glaubenslebens.
Philippus’ Frage ist eine ehrliche Frage – und Jesus’ Antwort ist eine Einladung: Komm näher, schau hin, erkenne mich – und du wirst den Vater erkennen.
So können wir Schritt für Schritt in eine tiefere, vertrautere Beziehung zu Christus hineinwachsen – und dadurch auch in die Beziehung zu dem Gott, der für Jesus „sorgender Vater und liebende Mutter“ ist.
Es ist ein Weg, der Zeit braucht, der Geduld verlangt und der immer wieder neu beginnt.
Zwischen Selbsthingabe und Selbstaufgabe
Bild: Gerd A. Wittka, 2026, erstellt mittels KI/AI
Wenn Hingabe an ihre Grenzen kommt
Manchmal stolpert man über einen Satz, der sich im Kopf festsetzt wie ein Stein im Schuh. So ging es mir gestern mit einer Zeile über die Biographie Katharina von Siena: „In ihrem Kampf für die eine Kirche und das Papsttum zehrte sich Katharina auf, sodass sie, erst 33‑jährig, in Rom starb.“ (Te Deum beten, April 2026, S. 361)
Solche Sätze lassen mich oft innehalten und mich fragen: Wie weit würde ich selbst gehen? Was ist mir so wichtig, dass ich dafür Kraft, Zeit, vielleicht sogar Gesundheit einsetze? Und wo beginnt der Punkt, an dem Hingabe in Selbstverlust kippt?
Ein altes Bild, das in die Gegenwart hineinragt
Katharina ist dafür nur der Auslöser, nicht die ganze Geschichte. Ihr Leben steht wie ein altes Gemälde im Museum: eindrucksvoll, intensiv, aber aus einer anderen Zeit. Man kann davorstehen und staunen — und gleichzeitig spüren, dass dieses Bild nicht eins zu eins in unser heutiges Leben passt.
Nur: die Frage, die sich dahinter verbirgt, ist zeitlos! Ist es wirklich ein geistliches Ideal, sich selbst zu verzehren? Oder ist es vielmehr ein Missverständnis des Glaubens, wenn Hingabe mit Selbstvernichtung verwechselt wird?
Zwischen Feuer und Flamme
Es gibt Menschen, die brennen für etwas. Und es gibt Menschen, die daran verbrennen. Der Unterschied ist oft fließend, kaum sichtbar.
Hingabe kann leuchten, wärmen, inspirieren. Sie kann Menschen zusammenbringen, Mut schenken, Veränderung anstoßen. Aber sie kann auch fordern, ziehen, auslaugen — bis man sich selbst kaum noch spürt.
Vielleicht ist das die eigentliche Spannung: Wie bleibt das Feuer ein Feuer — und wird nicht zur Flamme, die alles verzehrt, auch mich selbst?
Das Leben als Gabe
In vielen spirituellen Traditionen klingt ein anderer Ton mit: Das Leben ist nicht nur Aufgabe, sondern auch Geschenk. Nicht nur Einsatz, sondern auch Empfang.
Wenn man das ernst nimmt, entsteht ein anderes Bild von Spiritualität: Eines, das nicht nur fragt, wofür ich mich hingebe, sondern auch, woher ich lebe. Eines, das nicht nur Opfer sieht, sondern auch Würde. Eines, das nicht nur fordert, sondern auch schützt.
Vielleicht ist das die tiefere Einladung: Das eigene Leben nicht zu verschwenden — weder in Selbstsucht noch in Selbstaufgabe.
Ein Blick nach innen
Dieser Gedanke führt nicht zu schnellen Antworten. Er führt eher zu einer Art innerem Gespräch:
Was trägt mich wirklich? Was ist mir so wichtig, dass ich dafür etwas von mir gebe? Und was ist mir so heilig, dass ich es nicht verlieren möchte — auch nicht im Namen einer guten Sache?
Es sind Fragen, die nicht vor aller Welt beantwortet werden müssen und die Fragen bleiben dürfen, ohne eine endgültige Antwort. Sie wirken im Hintergrund, während man weitergeht, weiterlebt, weiter sucht.
Am Ende bleibt eine Einladung
Die Geschichten der Heiligen — und auch die der Überforderten, der Erschöpften, der Mutigen — können uns berühren. Aber sie müssen uns nicht fesseln.
Vielleicht geht es heute weniger darum, sich aufzureiben, und mehr darum, wach zu bleiben für das, was das eigene Leben kostbar macht.
Nicht aus Bequemlichkeit. Nicht aus Angst. Sondern aus einer tiefen Ahnung heraus, dass Gott nicht nur unseren Einsatz will, sondern auch unser Leben.
Manchmal zerbrechen Träume wie Glas. Hoffnungen platzen wie Seifenblasen. Pläne, an denen wir festgehalten haben, verbrennen plötzlich wie Papier in der Glut. Viele kennen das: eine Diagnose, eine Nachricht, ein Abschied — und plötzlich ist nichts mehr so, wie es war. Dann bleibt oft nur der Gedanke: „Jetzt ist alles aus.“
Auf dem Weg nach Emmaus
Die beiden Jünger sind müde, enttäuscht, verängstigt. Alles, was sie mit Jesus verbunden hatte, scheint verloren. Sie wollen nur noch weg. Dieses Weggehen ist kein Abenteuer, es ist ein Rückzug: weg von dem Ort, der schmerzt; weg von den Erinnerungen, die zu schwer sind. Und doch gehen sie nicht schweigend. Sie reden miteinander. Sie teilen Frust, Enttäuschung und Angst. Das Reden ändert nicht sofort die Welt, aber es verändert die Last: sie wird teilbar, weniger erdrückend.
Ein Dritter, der bleibt
In ihre Unterhaltung tritt ein Fremder. Er hört zu, ohne zu urteilen. Er nimmt ihre Not ernst. Er kommt nicht mit schnellen Antworten, sondern bleibt bei ihnen, fragt nach, erklärt behutsam. Diese Art des Zuhörens nimmt nicht die Ohnmacht, aber sie befreit davon, allein gegen das Unabänderliche ankämpfen zu müssen.
Wenn wir unsere Sorgen aussprechen dürfen und jemand wirklich zuhört, verändert das etwas — nicht weil die Umstände sofort besser werden, sondern weil das Leid nicht mehr nur in uns liegt.
Genau das habe ich vor wenigen Tagen erlebt: Angehörige eines sterbenden Menschen suchten das Gespräch. Ich hörte ihnen zu, ließ sie erzählen von der Situation, von den Aussichten und Prognosen und von den noch ungeklärten Fragen, die sie belasteten. Ich hörte zu, versuchte behutsam, dass sie ihre Lage und ihre Gefühle ins Wort bringen konnten, damit sie Antworten für sich finden konnten. Mehr als zuhören und Impulse geben konnte ich nicht.
Und doch geschah etwas Konkretes:
indem sie selber ihre Anliegen und Belastungen aussprachen, konnten sie der Wahrheit der belastenden Situation ins Auge sehen und mit ihr umgehen. Sie gewannen mehr Selbstsicherheit und konnten auf einmal viel besser mit der schweren Situation umgehen. In meinem Da‑und‑Mit‑Sein entstand ein Feld, auf dem sie selbst Orientierung und Klarheit finden konnten.
Die Jünger erkennen Jesus erst beim gemeinsamen Brotbrechen. Dieses einfache, vertraute Zeichen öffnet ihnen die Augen: Er ist da. Er lebt. Wichtig ist hier ein weiterer Gedanke: Das Brotbrechen knüpft an das an, was sie schon einmal erlebt hatten — an das Abendmahl im Saal, bevor alles in Passion und Tod mündete. Dort, beim letzten gemeinsamen Mahl, war Gemeinschaft schon einmal erfahrbar, als Jesus noch unter ihnen war. Das Brot erinnert an diese Gemeinschaft und macht sie wieder gegenwärtig. Es ist kein großes Spektakel, sondern eine alltägliche Geste, die Verbindung stiftet.
Vielleicht ist das ein Hinweis für uns: Gottes Gegenwart zeigt sich oft nicht in großen Wundern, sondern in kleinen, geteilten Momenten — beim Teilen einer Mahlzeit, beim Händedruck, beim stillen Nebeneinandersitzen. Solche alltäglichen Zeichen können Augen öffnen und Herzen wärmen, weil sie an frühere Erfahrungen von Nähe und Verbundenheit anknüpfen.
Kleine Gesten, konkrete Formen des Da‑Seins
Manchmal reicht eine einfache Geste, damit etwas ins Rollen kommt. Eine Tasse Kaffee zusammen trinken, fünf Minuten still nebeneinandersitzen, eine kurze Nachricht mit den Worten „Ich denke an dich“ — das sind keine großen Lösungen, aber oft die ersten Schritte, damit Leben wieder weitergehen kann. Ein offenes Ohr, ein behutsames Nachfragen, das Aushalten von Schweigen: das sind konkrete Formen des Da‑Seins, die einen Raum schaffen, in dem Menschen ihre Lage anschauen, benennen und neu ordnen können. Ein Wort, das sagt: „Ich bleibe bei dir“, kann mehr bedeuten als jede Erklärung.
Zurückgehen statt Fliehen
Die Begegnung verändert die Jünger. Sie bleiben nicht in Trauer und Angst stehen. Sie finden Kraft, weiterzugehen — und sogar die Kraft, zurückzugehen an den Ort, der ihnen Angst gemacht hat. Dieses Zurückkehren ist kein Rückfall in alte Sicherheit, sondern ein mutiger Schritt. Die Erfahrung, getragen zu sein, macht handlungsfähig; sie macht uns nicht unverwundbar, aber sie lässt uns Dinge tun, die wir vorher nicht für möglich gehalten hätten. Die Jünger werden zu Menschen, die erzählen, die berichten, die anderen von dem erzählen, was ihnen geschenkt wurde.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Im Alten Testament heißt Gott JHWH — Ich bin der: ich‑bin‑da. Manchmal zeigt sich dieses Da‑Sein nicht in großen Worten, sondern in einem Lächeln, einem ehrlichen „Dankeschön“, einer rücksichtsvollen Geste im Alltag. Solche kleinen Zeichen können genügen, damit Hoffnung und Lebensfreude wieder spürbar werden.
Weiß
Manchmal hängen die besten Predigtimpulse tatsächlich im eigenen Kleiderschrank. Bei mir sind es ein paar weiße Kleidungsstücke – Hemden, T‑Shirts, Sommerhosen. Ich trage sie gern, besonders wenn es warm ist. Weiß fühlt sich leicht an, frisch, frei.
Und jedes Mal, wenn ich eines dieser Stücke in die Hand nehme, erinnere ich mich an einen besonderen Moment: Als unser Chor bei einem Konzert in Gladbeck sang (s. Bild unten!) . Wir standen alle in Weiß auf der Bühne. Unter den bunten Lichtern der Bühnenbeleuchtung und in Kombination mit dem Schwarzlicht begann dieses Weiß fast zu leuchten – als hätte es ein eigenes Strahlen. Es fiel auf. Es wirkte. Es hatte etwas Heiteres und zugleich etwas Magisches.
Aber wir wissen auch: Weiß ist empfindlich. Ein kleiner Fleck – und schon ist die Reinheit dahin. Und das verändert unser Verhalten: Man setzt sich vorsichtiger hin, man passt besser auf, wohin man geht. Weiß lädt ein zur mehr Achtsamkeit.
Heute, am Weißen Sonntag, ist mir diese Alltagserfahrung wieder in den Sinn gekommen.
In der frühen Kirche haben die erwachsenen Taufbewerber nach ihrer Taufe in der Osternacht ein weißes Gewand empfangen – und eine Woche später wieder abgelegt. Eine ganze Woche lang trugen die Neugetauften dieses Gewand. Und ich frage mich: ‚Wie mag es nach sieben Tagen ausgesehen haben?‚
Sicher nicht mehr so makellos wie in der Osternacht. Und doch war es ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass die Getauften – wie Paulus sagt – „Christus angezogen haben“.
Können wir diese Symbolik auf uns und unseren Glauben heute übertragen?
Vielleicht zuerst: Weiß steht für Reinheit – aber nicht für Perfektion. Durch die Taufe sind wir hineingenommen in Gottes Liebe, die uns rein macht, nicht im chemischen Sinn, sondern im Herzen. Wir sind nicht makellos und nicht fehlerfrei, aber geliebt.
Weiß steht auch für Würde. Wir tragen – unsichtbar, aber real – ein königliches Gewand. Gott traut uns zu, Licht zu sein und Anteil zu haben an Christus: an seinem Königtum, seinem Priesterdienst, seinem Prophetenamt. Das ist keine Last, sondern eine Würde, die aufrichtet.
Und Weiß steht für Leichtigkeit. Glaube kann schwer sein, ja. Aber er kann auch leicht sein. Leicht wie Sommerstoff, der sich im Wind wiegt. Leicht wie der Gedanke: ‚Ich muss nicht alles allein tragen‘. Leicht wie die Erfahrung: ‚Ich bin erlöst – nicht durch meine Leistung, sondern durch Gottes Liebe.‘
Und schließlich: Weiß fällt auf. Ein überzeugtes Christsein kann leuchten. Es kann neugierig machen – nicht auf uns, sondern auf Christus. Es kann Menschen anziehen, weil es etwas ausstrahlt, das nicht von uns selbst kommt.
Und doch kennen wir die Flecken. Wir kennen die Momente, in denen unser inneres Weiß dunkler wird: wenn wir lieblos sind, wenn Sorgen uns die Leichtigkeit rauben, wenn wir griesgrämig werden statt erlöst zu wirken, wenn wir uns mehr um das kümmern, was uns belastet, als um das, was uns befreit.
Aber der christliche Glaube ist kein Wettbewerb um das leuchtenste Gewand. Er ist kein Schönheitswettbewerb der Seelen. Er ist ein Weg.
Auf diesem Weg gibt es Staub. Es gibt Stolpern. Es gibt Flecken. Das Entscheidende ist nicht die Fleckenfreiheit – sondern die Haltung, wie wir damit umgehen.
So wie wir mit weißer Kleidung achtsamer umgehen, so dürfen wir auch mit unserem Glauben achtsam sein und mit dem, was er ausstrahlt:
Nicht ängstlich, nicht verkrampft, sondern wach. Wach für das, was uns gut tut. Wach für das, was uns schadet. Wach für das, was uns wieder aufrichtet.
Dabei dürfen wir immer im Hinterkopf behalten: Wir müssen diese Reinheit nicht aus eigener Kraft bewahren. Wir dürfen sie uns schenken lassen. Immer wieder neu.
Dieser Sonntag will uns daran erinnern, wie schön es ist, Christus „anzuziehen“ – nicht als Pflicht, sondern als Geschenk. Nicht als Last, sondern als Leichtigkeit. Nicht als steife Uniform, sondern als ein Gewand der Würde und der wieder erlangten Freiheit.
Osterimpuls 2026
Manchmal hat ein Tag einen eigenen Klang. Der Karsamstag zum Beispiel – der klingt wie ein leerer Raum. Fast nichts ist zu hören. Nur dieses Schweigen, wenn man nicht weiß, wie es weitergeht.
Und dann kommt die Osternacht. Ganz leise zuerst. Und plötzlich ist da ein anderer Ton: Leben. Licht. Hoffnung. Und – erstaunlich genug – Lachen.
Das Osterlachen – ein alter Brauch Früher erzählten Prediger in der Osternacht einen Witz. Nicht zur Unterhaltung, sondern als mutiges Zeichen: Wir lachen dem Tod ins Gesicht.
Der Brauchtumsforscher Manfred Becker-Huberti sagt: Lachen heißt nicht, den Tod zu leugnen. Es heißt: Du, Tod, hast nicht das letzte Wort.
Darum heute ein kleiner Osterwitz:
Zwei Theologen stehen am Ostermorgen vor dem leeren Grab. Sagt der eine: „Der Tod hat wirklich nicht das letzte Wort.“ Der andere: „Eigentlich logisch. Das letzte Wort hat immer der, der wieder aufsteht.“
Ostern macht uns nicht unverwundbar
Wir wissen: Der Glaube schützt uns nicht vor Krankheit, Angst oder Verlust. Und manchmal fragt man sich: Wo ist Gott jetzt? Warum fühlt sich Hoffnung so weit weg an?
Gerade dann ist dieses Osterlachen wichtig. Es ist kein Weglaufen. Es ist ein Dagegenhalten. Ein kleines Aufatmen mitten im Ernst. Ein Moment, der sagt: Ich bin dem Dunkel nicht ausgeliefert.
Vielleicht kennen Sie das nach einem Begräbnis: Man sitzt zusammen, das Herz schwer – und plötzlich erzählt jemand eine liebevolle, schräge Erinnerung. Und auf einmal lacht der ganze Tisch. Nicht, weil die Trauer weg wäre. Sondern weil das Leben sich meldet und sagt: Ich bin auch noch da.
Das ist für mich eine österliche Haltung: mit Tränen in den Augen lachen zu können. mit Wunden am Herzen trotzdem aufzustehen. dem Tod nicht das letzte Wort zu geben – im Großen wie im Kleinen.
Vielleicht klingt Ostern genau so: „Ich bin traurig – aber ich gebe die Hoffnung nicht her.“ „Ich habe Angst – aber ich lasse mir das Lachen nicht nehmen.“ „Ich bin gefallen – aber ich will nicht liegen bleiben.“
Nicht, weil wir so stark wären. Sondern weil Gott das Leben gewählt hat. Und dieses Leben findet seinen Weg – durch verschlossene Türen, durch schwere Tage, manchmal sogar durch unser Schweigen hindurch.
Deshalb ist es heute Nacht gut und richtig, dass wir uns das Lachen erlauben – gerade im Ostergottesdienst. Einfühlsam und sensibel, aber echt. Ein Lachen, das sagt: Es geht weiter. Das Leben hat noch etwas vor mit uns.