diese innere Traurigkeit, die emotionale Entwurzelung, das innere Zittern und eisige Kälte, die meine Herzwand berührt und den Schmerz verursacht, des Abschieds, des endgültigen….
Fast 50 Jahre war ich mit Rainer befreundet, wir lernten uns in unserer Berufausbildung 1978 kennen. Er war Auszubildender bei der Handwerkskammer Münster, ich bei der Kreishandwerkschaft Gelsenkirchen. Im Januar 1981 machten wir beide vorzeitig unsere Abschlussprüfung. Später arbeiteten wir oft zusammen und daraus entstand eine sehr persönliche Freundschaft, die bis zu seinem Tod Bestand hatte. Wir trafen uns, bis zum Beginn meines Long-Covid, mindestens ein Mal im Jahr, manchmal auch zwei Mal. Alle drei bis vier Monate führten wir lange, ausführliche Telefonat (selten unter 90 Minuten!). Rainer las auch regelmäßig meine Blog-Beiträge und teilte mir dazu auch seine Gedanken.
Obwohl in der (relativen) Ferne, waren wir uns persönlich immer sehr nah. Sein Tod erschüttert mich, denn ich hätte nie gedacht, dass er so früh stirbt. Er war sportlich, lief seit Jahren Marathon, in Münster, anderorts aber auch im Ausland. Er reiste gerne und liebte die Stadt Wien. In den letzten Jahren wuchs auch seine Liebe für Osteuropa, besonders auch für Polen. Mit ihm starb ein Teil meines eigenen Lebens und meiner Biographie. Ich bin unendlich traurig und bin zugleich so dankbar für das große Geschenk dieser langjährigen, sehr persönlichen Freundschaft.
Rainer war – wie ich ihm häufiger persönlich bekannte – eine durch und durch „treue Seele“.
Nun ist er Ende August von uns gegangen.
Lieber Rainer, ich werde dich nie vergessen, die gemeinsamen Unternehmungen, die vielen tiefgehenden Gespräche und die ellenlangen Telefonate, die wir mehrmals im Jahr geführt haben.
Mir bleibt nur ein stilles und schmerzlich-trauriges: „Adieu!“
Du, treue Seele, guter Freund, fast fünfzig Jahre lang …! Dein Lebensbuch schloss sich zu früh! Adieu! Ich weine um dich!
„Advent ist im Dezember“ – so lautete eine Initiative der Evangelischen Kirche in Deutschland aus dem Jahr 2004. Diese Aktion wollte darauf hinweisen, dass der Dezember in erster Linie vom Advent her geprägt ist; nicht schon von Weihnachten her. Vorfreude und Vorbereitung, der Stille und der Erwartung – das sind die Begriffe, die die Zeit des Advents prägen.
Doch in unserem Alltag sieht es längst anders aus: schon vor dem Ewigkeitssonntag (auch Totensonntag, bei uns KatholikInnen „Christ-König-Sonntag“) sind viele Vorgärten, Häuser und Wohnungen schon explizit weihnachtliche geprägt und gestaltet, mit den typischen Symbolen von Weinachten, wie Tannenbaum und Sternen, weniger die christliche Krippe, dafür mehr der kommerzialisierte ‚Weihnachtsmann‘.
Nun könnte man sagen: ‚Ja, das hängt auch mit der Kommerzialisierung von Weihnachten zusammen. Die Geschäfte müssen für den Einkauf für Weihnachten werben – und das geht nur mit weihnachtlichen Attributen.‘ Aber das stimmt nicht so ganz!
Ich erinnere mich noch an Zeiten, auch gerade aus Kindertagen, wo bei den großen Kaufhäusern vor dem Geschäft und in den Geschäften traditionelle Adventskränze hingen, und jede Woche eine (elektrische) Kerze mehr eingeschaltet wurde. Weihnachtsgeschäft ging damals auch mit adventlicher Symbolik.
Doch wenn die Geschäftswelt uns in der adventlichen Weihnachtszeit mit weihnachtlichen Symbolen und weihnachtlicher Musik lockt und in Einkaufsstimmung versetzen will, ist das das Eine!
Das andere aber ist, wenn wir in der christlichen Religion und in unseren christlichen Kirchen selber den Unterschied zwischen Advents- und Weihnachtszeit (noch dazu ungezwungen!) aufgeben!
So in diesen Tagen geschehen in einer katholischen Pfarrei, die schon wenige Tage nach dem 1. Adventssonntag (!) ihre hauptamtlichen Mitarbeitenden in der Seelsorge zu einer „Weihnachtsfeier“ einlädt!
Da fehlt es mir an Verständnis und Akzeptanz! Denn es wird völlig unglaubwürdig, wenn wir in diesen Tagen des beginnenden Adventes in unseren Gottesdiensten die Themen: „Wachsamkeit“, „Vorbereitung“, „Sammlung, Besinnung und Stille“, und alle anderen erdenklichen adventlichen Themen und Motive in den Mittelpunkt unserer christlich-spirituellen Verkündigung stellen, aber zugleich schon zum Beginn dieser Vorbereitungszeit selber zu einer „Weihnachtsfeier“ einladen!
Was ist mit der guten, alten und sinnvollen Tradition der „Adventsfeiern“, bei denen adventliche Texte vorgetragen und adventliche Lieder gesungen werden, wo es einen Tannenzweig auf dem Tisch gibt (gerne auch mit einer Kerze) und es (hoffentlich jetzt erst!) die ersten vorweihnachtlichen und weihnachtlichen Gebäckspezialitäten gibt?!
Wir berauben uns einer wertvollen christlichen Tradition und vor allem einer wertvollen geistlichen Vorbereitungszeit, wenn wir völlig unsensibel und unüberlegt die kommerziellen und weltlichen Tendenzen und neuzeitlichen Bräuche übernehmen, die diametral unserer christlichen Verkündigung entgegen stehen, denn:
Wie man es auch dreht und wendet: Der heutige Sonntag ist so ein sogenanntes „Ideen-Fest“, ähnlich wie das Herz-Jesu- oder das Herz-Mariä-Fest. Das Problem bei diesen Festen sind die Bilder, mit denen sie arbeiten. Die stammen aus einer anderen Zeit, in der solche Symbole noch leicht zu verstehen waren. Heute versteht das kaum noch jemand — und wenn man Missverständnisse vermeiden will, taugen sie oft nicht viel.
Besonders sichtbar wird es beim heutigen Christ-Königs-Fest.
Denn echte Könige gibt es kaum noch, und wo von Herrschaft die Rede ist, denken wir bestenfalls an Demokratien oder – dort, wo es sie nicht gibt – an Diktaturen, Autokratien und Komitees, die nur vorgeben, demokratisch zu sein.
Gerade deshalb wirkt das Bild des Königs heute missverständlich.
Es ruft Bilder von Machtstrukturen auf, die für den christlichen Glauben problematisch sind.
Und selbst wenn das im politischen Alltag nicht so wäre: Auch innerhalb der Kirche hat die dunkle Seite der Macht in den letzten Jahren eine bedrückende Klarheit bekommen.
Ich denke an vielfältigen Machtmissbrauch – geistliche und an sexualisierte Gewalt –, der endlich stärker ins Bewusstsein gerückt ist und deshalb bekämpft werden kann.
All das zeigt: Das Christ-Königs-Fest lässt sich heute nicht einfach als frohe Botschaft von einer heilsamen Herrschaft Christi hören.
Zumal das Verhalten Jesu, wie es die Evangelien zeigen, dem Königtumsbild radikal widerspricht:
Sein Weg war geprägt von Hingabe, Liebe, Dienen, Heilen und der Bereitschaft zur Aufopferung bis ans Kreuz.
Johannes fasst das zusammen mit Jesu Wort an Pilatus: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“
Es gibt also Momente, in denen alte Bilder nicht mehr selbsterklärend sind.
Das Wort „König“ weckt in unserer Zeit Macht- und Herrschaftsvorstellungen, die weder zu Jesus passen noch unserem Glauben dienen.
Deshalb sage ich es deutlich:
Für unsere Zeit taugt dieses Bild nicht mehr viel, wenn wir ausdrücken wollen, wer Christus für uns ist und wie er wirkt.
Doch wie dann sprechen?
Welches Sprechen kann das Unvergleichliche ausdrücken, wenn wir gerade unverständliche Vergleiche vermeiden wollen?
In meiner Suche bin ich bei einem abstrakten, vielleicht sperrigen Begriff gelandet – aber einem, der das Wesentliche meinem Glauben nach – deutlicher macht:
Wirkmächtigkeit.
Dieses Wort sagt:
Christus herrscht nicht – aber er wirkt.
Er regiert nicht – aber er verwandelt.
Er steht nicht über der Welt – und doch bringt er eine Kraft in sie hinein, die aus keiner Weltordnung stammt. Sein Reich ist nicht von dieser Welt, aber sein Wirken ist für diese Welt.
Wie wirkt Christus?
Nicht wie ein König auf einem Thron, sondern wie ein Licht, das Wege sichtbar macht.
Wie ein Mittelpunkt, der verbindet.
Wie eine Quelle, an der erschöpfte Menschen sich laben und erfrischen können.
Wie ein Resonanzraum eines Musikinstruments, der das Gute im Menschen zum Klingen bringt.
Christus ist kein Herrscher.
Er ist eine Gegenwart, die Wirklichkeit verändert – eine Kraft, die nichts erzwingt und dennoch vieles möglich macht.
Eine Wirkmacht, die Menschen aufrichtet, Versöhnung schenkt, Hoffnung nährt und die Liebe ins Leben ruft.
Vielleicht ist das „Reich Christi“ genau das:
kein Gebiet, kein System, kein Thron,
sondern eine Dynamik, die Menschen neu sehen lässt und neu glauben lässt, dass Heil möglich ist, Gerechtigkeit wachsen kann und aus Brüchen Neues entstehen darf.
Und überall dort, wo das geschieht, wirkt Christus.
Nicht als König über uns, sondern als Kraft in uns und als Licht unter uns.
So wird dieser Festtag, ohne Herrschaftssprache, zu einem Bekenntnis:
Christus ist da. ER lebt und wirkt – in uns!
Er wirkt – leise, aber wirkmächtig; unsichtbar, und doch unübersehbar.
Und wer sich dieser Wirkmächtigkeit öffnet, findet Wege, die er vorher nicht sah, und eine Hoffnung, die stärker ist als die Welt.
Musik für’s reine Sein
Innehalten mit Musik – Meine persönliche Long-Covid-Ressource
Wenn man mit Long-Covid lebt – und bei mir gehört das Chronische Erschöpfungssyndrom (ME/CFS) leider dazu – verändert sich der Alltag grundlegend. Vieles, was früher selbstverständlich war, kostet heute Kraft. Und manchmal gibt es einfach keine Therapie außer dem, was wir „Pacing“ nennen: das sorgfältige Einteilen der eigenen Energie und das bewusste Schaffen von Ruheinseln.
In diesen Ruhephasen brauche ich etwas, das mich nicht fordert, mich nicht reizüberflutet und mich nicht „aktiv“ werden lässt. Etwas, das mich trägt, ohne dass ich etwas dazu tun muss. Für mich ist das Musik.
Hören ist ein Geschenk – es geschieht von selbst, ohne unser Zutun. Und wenn die richtige Musik läuft, dann kann ich mich ein Stück weit fallenlassen, spüre, wie mein Körper zur Ruhe kommt und die Gedanken leiser werden. Aber: Nicht jede Musik wirkt für jeden gleich. Was für mich wohltuend ist, kann bei anderen völlig anders sein. Jede*r muss hier das eigene „Richtige“ finden.
Meine Playlist für Ruheinseln
Damit ich zwischendurch immer wieder in eine kleine Oase der Erholung eintauchen kann, habe ich mir eine hochwertige Playlist aus Meditations- und Entspannungsmusik zusammengestellt – aus der Reihe Solitudes von Dan Gibson.
Vielleicht kennt ihr seine Aufnahmen: warm klingende Klavierstücke, ruhige Flöten, sanfte Harfenklänge (teilweise mit irischem Folk-Charakter) und perfekt integrierte Naturgeräusche – Vogelstimmen, Wellenrauschen, Quellen, Bäche … all das, ohne kitschig oder künstlich zu wirken. Gerade für erschöpfte Körper und überreizte Nervensysteme kann diese besondere Mischung wie ein kleiner Atemraum sein.
Und falls ihr Amazon Prime Music habt und hochwertige Entspannungsmusik mögt, dann teile ich gerne meine öffentliche Playlist mit euch:
Vielleicht hilft sie euch ebenso wie mir – vielleicht aber auch nicht. Und das ist völlig in Ordnung. Musik wirkt so individuell wie unsere Symptome.
Wer war Dan Gibson?
Dan Gibson (1922–2006) war ein kanadischer Fotograf, Kameramann und Tontechniker, der sein Leben der Natur gewidmet hat. Er hat unzählige Tonaufnahmen von Landschaften, Wetterstimmungen und Tierstimmen produziert. Sein Lebenswerk mündete in der Reihe „Dan Gibson’s Solitudes“, die Naturklänge und sanfte Instrumentalmusik auf einzigartige Weise verbindet.
Für mich ist seine Musik zu einem verlässlichen Begleiter geworden – besonders an den Tagen, die schwer sind und an denen der Körper nach reiner Schonung verlangt.
Wenn ihr auch mit Long-Covid oder ME/CFS lebt: Ich wünsche euch, dass ihr eure ganz persönliche Art findet, zur Ruhe zu kommen – ob durch Musik oder durch etwas ganz anderes. Und wenn meine Playlist euch ein paar gute Minuten schenkt, freut mich das von Herzen.
Alle Bilder von: www.pixabay.com
Werde wesentlich …
Ansprache zum Impuls: „… macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle …“ (Joh 2, 13–22)
Wunderbar passt das heutige Evangelium zu dem Wochenende, an dem in unseren Pfarreien die Wahlen zum Pfarrgemeinderat und zum Kirchenvorstand stattfinden.
Diese Szene aus dem Johannesevangelium ist eine der eindrücklichsten im ganzen Neuen Testament: Jesus, der mit Nachdruck die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel vertreibt. Es ist eine heftige, fast verstörende Geste – und zugleich eine zutiefst prophetische. Sie rüttelt auf, sie stellt in Frage, sie legt den Finger in eine Wunde.
Denn das, was damals geschah, ist auch heute aktuell: Das Haus Gottes wird kommerzialisiert. Orte, die eigentlich dazu bestimmt sind, Innerlichkeit und Gottesbezug zu fördern, werden nicht selten zum Schauplatz geschäftiger Betriebsamkeit. Da werden Devotionalien, die oft kaum mehr als billiger Ramsch sind, zu überhöhten Preisen verkauft. Und noch größer ist der Markt der Esoterik und des vermeintlich Spirituellen – ein riesiger Markt der Sehnsucht, auf dem fragwürdige Produkte und Praktiken Hoffnung und Heil versprechen. Die Sehnsucht nach dem Heiligen wird kommerzialisiert. Stattdessen müssten wir uns fragen, wie wir unsere Gottesdienste und Kirchen wieder mehr zu Orten der Gotteserfahrung, zu geistlichen, zu wahrhaft ‚heiligen‘ Orten werden lassen können.
Denn Jesus sagt: „Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!“
Und dieses Wort lässt sich nicht nur auf Kirchengebäude anwenden.
Paulus erinnert uns: „Euer Leib ist der Tempel des Heiligen Geistes.“ (vgl. 1 Kor 6, 19) Das bedeutet: Auch wir selbst sind Wohnstätten Gottes. Und so dürfen wir uns fragen:
Wo haben wir aus uns selbst eine Räuberhöhle gemacht? Wo ist das Heilige, das Spirituelle, das Gebet, die Andacht an den Rand gedrängt worden? Wo lassen wir Gott keinen Raum mehr, Wohnung in uns zu nehmen?
In der Orthodoxie gibt es ein wunderbares Gebet an den Heiligen Geist, das genau das in den Blick nimmt: „Himmlischer König, Tröster, Geist der Wahrheit, Allgegenwärtiger und alles Erfüllender, Schatz der Güter und Lebenspender, komm und nimm Wohnung in uns, reinige uns von aller Befleckung und errette, Gütiger, unsere Seelen.“
Was für ein starkes und zugleich inniges Gebet. Es erinnert uns daran, dass der Heilige Geist Raum braucht – in uns, in unseren Gemeinden, in unserer Kirche.
Doch wie oft scheint es, als wären andere Dinge wichtiger: Geld, Gebäude, Strukturen. Wir erleben massive Umbrüche in unseren Kirchen – vielerorts wird beraten, debattiert, gerungen:
• Wie geht es weiter?
• Was ist zu erhalten?
• Was muss sich ändern?
Und wenn man genau hinschaut, dann stehen oft zuerst Finanzen und Immobilien auf der Tagesordnung. Erst viel später kommen Themen wie Seelsorge, Glaubensvertiefung, Gebet, Caritas, das lebendige Zeugnis unseres Glaubens.
Aber christliches Leben wird auf den Kopf gestellt, wenn wir zuerst über Geld, Steine und Strukturen sprechen – und nicht zuerst über den Glauben. Denn dieser Glaube ist es, der uns trägt, der uns Sinn und Halt gibt in all den Fragen und Herausforderungen des Lebens.
Hinterlässt unser Glaube auch einen ‚Fingerabdruck‘? – Bild von Gordon Johnson auf Pixabay
Dieser Glaube, der uns im wahrsten Sinn des Wortes beseelt, sollte auch in der Gestaltung und Atmosphäre unserer Gottesdienste spürbar werden. Kirchen sind nicht allein Erfahrungsräume und Kulissen für spirituelle Erlebnisse. Doch gerade Kirchen und gottesdienstliche Räume, wie unsere Kapelle hier, dürfen nie aufhören, Orte zu sein, an denen die Begegnung mit Gott möglich bleibt – Orte lebendiger Gottesbeziehung, die Herz und Seele berühren.
Vor einigen Wochen hatte ich ein sehr interessantes Gespräch. Da erzählte mir jemand, dass er regelmäßig Gottesdienste ganz unterschiedlicher Konfessionen und Gemeinden besucht – immer auf der Suche nach einem Ort, an dem seine Seele zur Ruhe kommen kann. Ein Ort, an dem er geistliche Gemeinschaft erfährt und sich in vertraute Rituale fallen lassen kann; eine Atmosphäre, die ihm hilft, innerlich aufzutanken, geistlich zu werden, spirituell zu sein. Er sucht nach einer Quelle, aus der er schöpfen kann – um dann gestärkt und neu gesammelt wieder in den Alltag zurückzukehren.
Denn, auch das gehört dazu: Unser praktizierte Glaube öffnet Fenster und Türen, damit wir nicht in uns selbst kreisen, sondern hinausgehen in die Welt – als ‚Salz der Erde‘ und ‚Licht der Welt‘.
Unsere Welt dürstet nach Sinn, nach Tiefe, nach Orientierung – nach etwas, das über all die Krisen, Konflikte und Veränderungen hinausweist. Nach einer Hoffnung, die trägt und die, wie der Morgenstern uns den Weg in der Dunkelheit zeigt.
Am Weihetag der Lateranbasilika, der „Mutter aller Kirchen Roms“, dürfen wir uns neu fragen, was Kirche heute wirklich ausmacht?!
Denn darum geht es in unserem Glauben: nicht um den Erhalt von toten Steinen oder vergänglichem Geld, sondern um die lebendige Beziehung zu Gott, um das Hören auf seine befreiende Botschaft, damit die Kraft des Heiligen Geistes in uns und unter uns wirken kann, die uns verwandelt – und die Welt mit uns.
Die deutlichen Worte der Tempelreinigung sind keine Drohung, sondern eine Einladung – eine Einladung zur Erneuerung.
Die Zukunft unserer Kirche hängt daran, worauf wir unser Fundament bauen: auf toten Stein – oder auf den lebendigen Glauben, auf vergängliches Geld – oder auf die unvergängliche Beziehung zu Gott im Heiligen Geist?!
Hingabe
Wenn der Weg unbequem wird – über innere Überzeugung und geistliche Standhaftigkeit
„Ich glaube, dass die großen Propheten unseres Jahrhunderts ihren Kampf in großer Einsamkeit vor Gott und ihrem Gewissen haben durchstehen müssen – ohne auch nur ein Hauch eines Applauses von Seiten ihrer Umwelt zu verspüren.“ (Fritz Köster, 1934–2014, Pallottiner und katholischer Theologe, aus: TE DEUM, Oktober 2025, 307)
Diese Worte fand ich heute Morgen am Ende der Laudes. Sie haben mich tief berührt – vielleicht, weil sie mich an Situationen aus dem Leben anderer Menschen erinnerten, die ich begleiten darf, aber auch an Momente meines eigenen Lebens.
Da gibt es Zeiten, in denen man von ganzem Herzen von einer Sache überzeugt ist. Man spürt eine innere Stärke, die einen ermutigt, sich einzusetzen, Zeit und Energie zu investieren, weil man weiß: Das ist es wert. Gerade, wenn man mit Menschen zu tun hat, wenn man für Menschen arbeitet, ist dieses innere Bewusstsein entscheidend – es ist der Motor, der unentwegt läuft, die Wurzeln, die Halt und Stand geben, wenn die äußeren Umstände schwierig werden.
Für mich persönlich entspringt diese Motivation meinem Glauben. Mein Christsein ist für mich keine Theorie, sondern eine lebendige Wirklichkeit – eine Botschaft für das Leben, hier und jetzt, und zugleich mit Blick auf das ewige Leben.
Auch wenn mein Wirkungsfeld klein ist, geht es mir darum, dass die Menschen, mit denen ich zu tun habe, gestärkt und ermutigt werden. Ich wünsche mir, dass ihr Leben gelingt und sie es als sinnvoll erfahren. Dabei spielen Werte wie Menschenwürde, Gerechtigkeit, Ethik, Moral, Sinn, Glück und Liebe eine zentrale Rolle.
Doch wer sich für andere stark macht, wer Missstände benennt oder sich für Gerechtigkeit und Teilhabe einsetzt, der wird manchmal unbequem. Man eckt an. Man wird zum sogenannten „Störenfried“, gerade dann, wenn man das eigene System kritisch betrachtet, in dem man sich engagiert. Das kostet Kraft – emotional, geistlich, menschlich.
Und dann kommt unweigerlich die Frage: Warum mache ich das eigentlich?
Diese Frage ist keine Schwäche, sondern eine wichtige Form der Selbstreflexion. Sie wirkt wie ein innerer Kompass, der hilft zu erkennen, ob man noch auf dem richtigen Weg ist. Äußerer Widerstand kann dabei sogar hilfreich sein – weil er einen zwingt, die eigenen Motive und Wege neu zu prüfen.
Leider geschieht diese selbstkritische Auseinandersetzung heute viel zu selten – auch in kirchlichen Strukturen. Ich erlebe manchmal, dass Menschen in höheren kirchlichen Positionen meinen, sie müssten sich weniger der Kritik stellen. Doch genau das Gegenteil ist wahr: Je höher die Verantwortung, desto größer sollte die Bereitschaft zur Selbstprüfung sein. Gerade dort, wo Macht und Einfluss bestehen, braucht es die Demut, auch Impulse „von außen“ anzunehmen. Darin zeigt sich wahre geistliche Reife.
Wenn ich auf die Geschichte unserer Kirche schaue, denke ich an Persönlichkeiten wie Hildegard von Bingen. Sie waren unbequem, mutig, kritisch – und gerade deshalb prophetisch. Sie „störten“ einen Frieden, der mehr einer Totenruhe glich, und entfachten mit ihren Worten das Feuer des Evangeliums neu: das Feuer der Liebe, der Gerechtigkeit, des Lebens.
Ihre Störfeuer waren keine Zerstörung, sondern heilsame Impulse – Impulse, die wachrütteln, damit das Evangelium nicht verlischt.
Darum: Wenn du aneckst, wenn du spürst, dass deine Überzeugung andere herausfordert, dann prüfe, aus welcher Quelle du deine Kraft schöpfst. Bitte Gott um seinen Heiligen Geist – dass er dich führt, stärkt und dir die nötige Standhaftigkeit schenkt, wenn es unbequem wird.
Ich erinnere mich an eine Zeile aus einem Neuen Geistlichen Lied, das mich schon in meiner Jugend begleitet hat:
„… den Weg wollen wir gehen, die Liebe geht mit uns, auf dem langen und steinigen, auf dem weiten und unbequemen, auf dem Weg, der die Mühe lohnt …“ (aus der Erinnerung zitiert)
Vielleicht ist das die entscheidende Frage: Lohnt sich dein Weg der Mühe, die du aufwendest? Was ist die Quelle, aus der du deine Kraft und deinen Mut schöpfst – den Mut, auch dann standhaft zu bleiben, wenn der Weg steinig wird?
Möge Gott dir – und uns allen – immer wieder diese Quelle lebendig halten. Denn dort, wo unsere Überzeugung aus der Liebe Gottes fließt, dort geschieht Segen – auch mitten im Widerstand.