Manche Menschen essen allein. Sie wohnen allein, gehen ihre Wege allein, entdecken die Welt mit ihren eigenen Augen und wachsen still, Schritt für Schritt, in der Gesellschaft ihrer selbst.
Alleinsein ist kein Mangel. Es ist kein leiser Ruf nach fehlender Nähe. Oft ist es vielmehr ein Raum, weit und offen, in dem ein Mensch sich selbst begegnet.
Allein zu sein heißt: bei sich anzukommen, die eigene Stimme zu hören, das eigene Tempo zu finden.
Nicht jeder, der allein ist, ist einsam. Aber fast jeder, der allein ist, hat die Chance, sich selbst nicht zu verlieren.
(Gerd A. Wittka, 07.02.2026)
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Ich habe heute über eine Mitsänger in unserem Junger Chor Beckhausen ein Video geteilt bekommen, das mir echt unter die Haut geht. Ich verlinke es hier mal:
Ja, wir nehmen gerade dieses Lied in einer geänderten Fassung in unser Repertoire auf. Aber das ist es nicht, was mir nahe geht.
Mir geht es nahe, dass dieser Sänger mich an PatientInnen in unserer Lungenklinik erinnert, die ebenfalls solche Sauerstoffgeräte brauchen. Ich weiß, wie anstrengend für sie oft das Atmen bzw. die Sauerstoffversorgung ist.
Dieses Lied im Video zeigt mir, dass es auch bei solchen Erkrankungen Lieder gibt, die mit solchen Einschränkungen gesungen werden können!
Ich wünsche allen PatientInnen, die an verschiedensten Lungenerkrankungen leiden und denen oft die Luft bzw. der Sauerstoff zum Atmen fehlt, dass sie dennoch entdecken, wozu sie vielleicht noch fähig sind, und wenn es nur ein gehauchtes Lied ist, das aus dem Herzen kommt und zu Herzen geht.
christlich.leben.mittendrin – 2
Impuls zum 5. Sonntag – A – 2026
Christlich leben – mittendrin.
Dieses Leitwort begleitet die Veränderungen in unserer Kirche hier in Oberhausen und im ganzen Bistum Essen. Es ist ein schönes Wort. Und zugleich ein anspruchsvolles.
Denn „mittendrin“ heißt: nicht am Rand stehen. Nicht zuschauen. Sondern leben – in einer Welt, die sich spürbar verändert.
Vieles, was früher selbstverständlich war, trägt nicht mehr. Sicherheiten bröckeln. Routinen lösen sich auf. Das gilt für die große Weltpolitik ebenso wie für das Leben vor Ort – hier bei uns im Pott. Alles ist in Bewegung. Und wir sind es auch.
Alles Leben ist Veränderung. Und wir stehen nicht außerhalb davon. Wir stehen mittendrin.
Da stellt sich ganz automatisch eine Frage: Was ist meine Berufung – heute?
Paulus hat uns am letzten Sonntag eingeladen, auf unsere Berufung zu schauen. Nicht im Sinne eines einmaligen Moments, der irgendwann abgeschlossen wäre. Sondern als etwas Lebendiges. Als etwas, das sich mit unserem Leben mitentwickelt.
Ich merke das sehr deutlich in meinem eigenen priesterlichen Dienst. Als ich mich Ende der 1980er Jahre entschied, Theologie zu studieren und Priester zu werden, hatte ich ein Bild vor Augen. Ein Bild davon, wie meine Berufung aussehen könnte. Wie Kirche für mich war und wie ich mir meinen Dienst in ihr vorgestellt habe. Heute, viele Jahre später, schaue ich auf mein damaliges Bild zurück, mit der Erkenntnis, dass Berufung wachsen darf und sich mit dem Leben verändert.
Heute weiß ich: Berufung erschöpft sich nicht in einer Entscheidung von damals. Ich musste und muss immer wieder neu hinschauen. Immer wieder neu fragen: Was hat Gott jetzt mit mir vor? In dieser Zeit. Mit diesen Erfahrungen. Mit diesen Grenzen.
[Heute, am 10.02.2026, möchte ich noch eine Ergänzung hinzufügen: Mir sind heute noch mal wieder Menschen in Erinnerung gekommen, die eine frühere Entscheidung zu einer bestimmten Form der Berufung im kirchlichen Dienst revidiert haben. Manchmal denke ich auch bei mir: es hätte so viele Stellen gegeben in meiner Biographie, wo meine frühere Berufungsentscheidung angefragt wurde, wo ich selber mich gefragt habe: ‚Kannst du noch bleiben? – Ist das System Kirche wirklich dein Ort, wo du deinen Dienst glaubwürdig verrichten kannst?‘ – Das meine ich damit, wenn ich oben geschrieben habe, dass ich immer wieder neu „Ja“ sagen können muss, auch wenn es manche Gründe dagegen gibt. Und ich kann es immer nur wiederholen, was mir hilft, zu dieser gewählten Entscheidung auch heute noch ‚Ja‘ sagen zu können: Es ist der HERR und meine tiefste Überzeugung, dass ER mich ruft. Und so, wie damals die Berufung seiner Jünger nicht an einem Ort stattgefunden hat, an dem die Jünger verweilt haben, gleichsam eine ’stabilitas loci‘ aufgebaut haben, sondern mit dem Herrn mit gezogen sind, unterwegs waren und später auch allein oder zu zweit unterwegs waren, so ist auch mein Weg der Berufung und Nachfolge geprägt von dem ständigen Unterwegssein. Ich spüre für mich: ich kann nicht Berufen sein, ohne zugleich auch immer wieder unterwegs zu sein. Dazu gehört, mich ständig an neuen Orten oder in neuen Umständen meines Dienstes zu sehen und auch den Mut und die Bereitschaft zu haben, mich darauf einzulassen – auch wenn es oft Kraft und Nerven kostet. Doch: ER ist es mir wert!]
Paulus bringt es in der heutigen Lesung auf den Punkt. In aller Klarheit. Fast schon ernüchternd einfach. „Ich hatte mich entschlossen, nichts zu wissen außer Jesus Christus – und zwar den Gekreuzigten.“
Das ist der Kern jeder Berufung: Jesus Christus immer im Blick. Verwundbar. Hingebend. Ganz auf den Menschen hin.
Das Evangelium greift diesen Gedanken auf und führt ihn weiter. „Ihr seid das Salz der Erde.“ „Ihr seid das Licht der Welt.“
Oder mit Angelus Silesius: „Mensch, werde wesentlich.“
„Wesentlich“ hat im Deutschen zwei Bedeutungsebenen Zum einen meint es das, was zum Wesen einer Sache gehört. Das Unverzichtbare. Das, ohne das alles andere seinen Sinn verliert.
Zum anderen ist es eine Steigerung: Etwas ist „wesentlich“ spürbarer, wirksamer, bedeutsamer.
Beides passt gut zu diesem Evangelium.
Eine Kerze zum Beispiel. Sie kann wunderschön sein. Kunstvoll gestaltet. Aber sie erfüllt ihren Sinn erst, wenn sie angezündet wird. Wenn sie Licht gibt. Wenn sie sich ein Stück weit verzehrt. Bleibt sie nicht entzündet, bleibt sie un-wesentlich.
Oder denken wir an Salz. Niemand isst es pur. Es drängt sich nicht in den Vordergrund. Aber fehlt es, merkt man es sofort. Es macht den Unterschied – behutsam dosiert.
Dazu ein paar ganz konkrete Beispiel aus unserem möglichen Alltag:
Christen sind wesentlich, wenn sie im Krankenhaus, im Pflegeheim oder zu Hause Zeit schenken, wo Zeit knapp ist. Nicht nur medizinisch korrekt. Sondern menschlich, herzlich, aufmerksam. Ein Blick. Ein Name. Ein: „Ich bin später noch einmal bei Ihnen.“
Christinnen und Christen sind wesentlich, wenn sie im Verein, in der Schule oder im Stadtteil nicht fragen: Was habe ich davon? Sondern: Was wird hier gerade gebraucht? Wenn jemand Verantwortung übernimmt, obwohl es mühsam ist und niemand dafür applaudiert.
Christen sind wesentlich, wenn sie bei all den großen Krisen unserer Zeit – Krieg, Klimawandel, soziale Spaltung – nicht abstumpfen. Wenn sie spenden, teilen, verzichten. Nicht aus schlechtem Gewissen. Sondern aus Überzeugung.
Und Christen sind wesentlich, wenn sie in ihrer eigenen Verletzlichkeit ehrlich bleiben. Wenn sie nicht so tun, als hätten sie alles im Griff. Sondern sagen können: Ich weiß es gerade auch nicht. Aber im Vertrauen auf Gott, mache ich weiter.
Das ist Salz. Das ist Licht. Das ist wesentliches Leben.
Christlich leben heißt nicht, alles im Griff zu haben. Sondern sich immer wieder neu senden zu lassen. Mitten in eine Welt im Wandel. Mitten ins eigene Leben.
christlich.leben.mittendrin
schweigen.hören.öffnen
„Der Neuanfang eines Dialogs entsteht nicht durch Worte, sondern durch Schweigen, dadurch, dass man nicht stur bleibt, sondern geduldig wieder anfängt, dem anderen zuzuhören, seinen Schwierigkeiten, dem, was er auf dem Herzen hat. Die Heilung des Herzens beginnt mit dem Zuhören.“
Dieses Wort habe ich heute Morgen nach der Laudes gelesen.
Es traf mitten in meine Erfahrungen als Seelsorger in einer Psychiatrie.
Immer wieder erlebe ich, dass die Augenblicke, wo wir – beide Gesprächspartner – im Gespräch schweigen, keine leeren Augenblicke sind. Es ist ein Verweilen, ein Hineinhorchen bei dem, was die andere Person gesagt hat. Und in diesem Verweilen und Hineinhorchen geschieht auch etwas bei mir. Die gehörten Worte bewegen bestenfalls etwas in mir. Gedankliche Reaktionen, aber auch Gefühle und Bilder steigen in mir auf.
Das sind alles GESCHENKE, die mein Gegenüber mir durch seine Worte schenkt. Dieses Geschenk wertschätzend anzunehmen, das ist eine Übung, die manchmal nicht leicht ist, vor allem, wenn das Gehörte mich persönlich innerlich bewegt, erregt, verärgert. Und dieses Bewegung, Erregung und Verärgerung kommen nicht in erster Linie als Reaktion auf mein Gegenüber sondern als Reaktion auf das, was ich gehört habe. Solche Verärgerung ist bei mir nämlich oft auch empathische Solidarisierung mit dem, was ich von meinem Gesprächspartnern erfahren habe. Ihre Erzählungen, ihre Erfahrungen und Lebensgeschichte lassen mich nicht unberührt. Natürlich ergeben sich auch Augenblicke von solidarisierender Freude oder auch Traurigkeit.
All dieses Dinge dürfen bei mir sein – ich muss mich ihrer nur bewusst werden!
Denn diese Reaktionen, die ein Gespräch bei mir auslösen, müssen weiterhin hilfreich sein für unser Gespräch, für unsere Begegnung. Sie dürfen mich nicht blockieren, oder – wie Papst Franziskus es formuliert – zur „Sturheit“ führen.
Meine Aufgabe als Seelsorger ist es, dass das Gespräch und die Begegnung möglichst im Fluss bleiben kann. Und ja: das ist nicht immer einfach, manchmal sogar unmöglich. Auch das ist erst einmal nicht schlimm.
Schlimm wird es nur für das Gespräch und die Begegnung, wenn ich es als professioneller Seelsorger nicht merke.
Deshalb ist auch das Schweigen, von dem Franziskus spricht, in solchen Gesprächen existentiell wichtig. Denn das Schweigen ist nicht nur einfach eine Zäsur, sondern es gibt mir Zeit, von mir und meinen Reaktionen etwas Abstand zu nehmen, auf sie zu schauen, sie zu betrachten und zu reflektieren.
Die Kunst der Reflexion, besonders der Selbstreflexion, innerhalb eines Gespräches ist immens wichtig. Dafür bedarf es Gesprächspausen und auch gemeinsames Schweigen.
Es steckt – wenn man es recht bedenkt – ganz viel Wahrheit in dem Sprichwort:
Mit diesem Satz trifft Paulus einen Nerv – damals wie heute. Er erinnert uns daran, worum es im Kern unseres Christ*in-Seins geht: um Berufung.
Nicht um Zuständigkeiten, nicht um Rollen, nicht um Titel. Und schon gar nicht um die Unterscheidung zwischen „denen da vorne“ und „denen da hinten“, zwischen Haupt- und Ehrenamt, zwischen Klerus und Laien.
Paulus kennt diese Trennlinien nicht. Er kennt nur eines: Jede und jeder ist berufen.
Diese Berufung ist uns mit der Entscheidung für den Glauben anvertraut worden – in Taufe und Firmung. Und genau deshalb darf sie in all unseren Beratungen über die Zukunft von Kirche und Pfarreien nicht nachgeordnet sein. Sie ist der Ausgangspunkt. Nicht die Struktur, nicht die Finanzierung, nicht die Frage nach Gebäuden. All das ist wichtig – aber es ist Mittel, nicht Ziel. Mittel, um unserer Berufung gerecht zu werden. Nicht mehr und nicht weniger.
Darum braucht es in jeder Beratung, in jedem Strategiepapier, in jedem Reformprozess zuerst und immer wieder diese eine Frage: Wozu sind wir berufen – als Einzelne und als Pfarrei?
Paulus geht noch einen Schritt weiter.
Er traut die Antwort auf diese Frage nicht allein den „Fachleuten“ zu. Nicht nur denen, die rechnen können, verwalten, analysieren, theologisch argumentieren. Er setzt bewusst einen Kontrapunkt und schreibt provozierend: „Das Törichte in der Welt hat Gott erwählt … das Schwache … das Niedrige … das Verachtete.“
Warum diese Radikalität? Weil genau diese Menschen oft näher dran sind am Wesentlichen. Sie wissen, was es heißt, angewiesen zu sein – auf andere, auf Solidarität, auf Hoffnung. Sie wissen, was ein gutes Leben wirklich braucht: nicht nur materiell, sondern menschlich, sozial, geistlich. Und sie wissen – oft wortlos –, was der Mensch von Gott her braucht.
Wer das weiß, kann sich hineinversetzen in die Sehnsüchte anderer. Und wer die Sehnsüchte anderer versteht, entdeckt leichter die eigene Berufung: nämlich dazu beizutragen, dass Menschen leben können – anständig, erfüllt, menschenwürdig. Sozial und caritativ. Religiös und spirituell. Mit Hoffnung, mit Sinn, mit Würde.
Wenn wir also ernsthaft an einer Kirche der Zukunft bauen wollen, dann sollten wir den Mut haben, unsere Perspektive zu wechseln. Die Sichtweise der vermeintlich „Törichten“, „Schwachen“ und „Niedrigen“ nicht nur anzuhören, sondern zu unserer eigenen zu machen.
Denn erst von dort aus wird klar, wofür wir Strukturen brauchen, warum wir Immobilien erhalten oder aufgeben und wohin unsere finanziellen Mittel fließen sollen.
Nicht um Kirche zu verwalten – sondern um unserer Berufung treu zu bleiben: christlich.leben.mittendrin.
worte.heilen.bedeutsam
Dieser Impuls ist für den 4. Sonntag im Jahreskreis im Lesejahr A, den wir am 31.01./01.02.2026 begehen. Wir hören im Evangelium die Bergpredigt und nach dem Gottesdienst wird – im Vorgriff auf den 03.02., dem Gedenktag des hl. Blasius – der Blasius-Segen gespendet.
Der nachfolgende Impuls versucht eine Verbindung der Bedeutung aus der Bergpredigt zu dem Blasius-Segen zu schaffen.
„How many roads must a man walk down …?“ Viele kennen dieses Lied von Bob Dylan, „Blowing in the Wind“. In einer deutschen Übertragung heißt es an einer Stelle: „Wie viele Worte macht heut mancher Mann und lindert damit keine Not?“
Diese Zeile hat nichts von ihrer Aktualität verloren – vielleicht ist sie heute sogar noch treffender als damals. Auch heute wird viel geredet. Sehr viel. Aber oft wird dabei erstaunlich wenig gesagt.
Und das sage ich nicht ohne eine gewisse Selbstkritik. Auch ich selbst merke, wie schnell ich mich im Reden verliere, wie Worte produziert werden, ohne wirklich etwas zu verändern.
Vieles bleibt folgenlos. Und genau damit sind wir wieder bei diesem Lied.
Ganz anders die Worte, die wir heute in der Bergpredigt hören. Sie sind von einem anderen Kaliber. Keine langen Erklärungen, keine ausschweifenden Reden – sondern kurze, klare, zugespitzte Sätze.
Es sind relevante Worte. Worte, die vielleicht nicht sofort äußere Umstände verändern, aber die innere Haltung, die Sicht auf das eigene Leben, die Art, wie ich mit dem umgehe, was mir zugemutet ist.
Die Worte der Bergpredigt tun gut. Sie können stärken, geduldig machen, helfen auszuhalten. Sie lehren, nicht vor der Wirklichkeit des eigenen Lebens zu fliehen – weder in eine Traumwelt noch in eine virtuelle Scheinwelt. Sie machen widerstandsfähiger, weil sie Hoffnung zusprechen.
Darum sind diese Worte für mich relevant: weil sie Worte der Hoffnung sind, Worte einer heilsamen Zusage.
Eine solche heilsame Zusage begegnet uns heute auch im Blasius-Segen, den Sie am Ende des Gottesdienstes empfangen können. Er steht nicht in Konkurrenz zur medizinischen Heilkunde – sondern ergänzt sie. Er legt uns die Verheißung auf den Kopf: Du bist nicht allein. Dein Leben wird gesegnet sein, weil GOTT es so will!
Vielleicht ist das die Einladung dieses Sonntags an uns: den wirklich relevanten Worten mehr Raum zu geben als dem belanglosen Geschwafel. Worten, die tragen. Worten, die heilen. Worten, die Leben verändern – mitunter leise, aber nachhaltig.