Gestern durfte ich erleben, wie eine dritte Person mir zur Seite sprang, als es wieder um meinen Umgang mit Long-Covid ging.
Landläufig gilt ja die Regel, dass man Leistungsfähigkeit antrainieren kann, und zwar durch regelmäßige Belastung, die man bewusst allmählich steigert. Das ist bei gesunden Menschen so.
Nur: Mein Problem ist, dass die meisten Menschen meinen, ich könnte mir mit meinem Long-Covid bessere Leistungsfähigkeit antrainieren. Das funktioniert bei Long-Covid mit dem Erschöpfungssyndrom aber nicht. Ich kann nur hoffen, dass ich, wenn ich bis zu meinen Grenzen gehe und sie nicht permanent überschreite, allmählich so gesunden kann, dass ich peu a peu wieder mehr leisten kann.
‚Pacing‘, um das es hier geht, bedeutet: nicht zu wenig zu tun, aber auch nicht zu viel! Und ich muss – wirklich – jeden neuen Tag in mich hineinspüren und abzuschätzen versuchen, welche Ressourcen ich jeweils am Tagesanfang zur Verfügung habe. Diese Ressourcen muss ich mit meinen dienstlichen und privaten Verpflichtungen abgleichen und dann daraufhin meinen Tag gestalten. Habe ich einen Fehlgriff getan und mich falsch eingeschätzt folgt die Reaktion meines Körpers auf dem Fuße und erleide einen ‚crash‘. Erst über Wochen und Monate bekam ich ein besseres Gespür für die richtige Einschätzung.
Es ist gut, dass das Wissen um Long-Covid und Pacing auch bei nicht betroffenen Menschen mehr und mehr zunimmt.
Und wer sich dafür interessiert, aber sich damit noch nicht so auskennt, der/dem empfehle ich sehr dieses leicht lesbare und verständliche Buch von Maria A. Sinning: Peer’s Körperfabrik!
„Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt Und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt Ziehen die Fischer mit ihren Booten aufs Meer hinaus Und sie legen im weiten Bogen die Netze aus, ….“ Quelle: https://lyrics.lyricfind.com/lyrics/rudi-schuricke-capri-fischer
Ach ja – was für ein idyllisches Bild hier in diesem Evergreen gezeichnet wird. Sonne, Sand, Strand und Meer. Die Fischer, deren Haut von der Sonne gegerbt ist, machen sich auf den Weg zu ihrer Arbeit, während wir – die imaginären Urlauber – sie mit unseren Blicken sehnsuchtsvoll in die Ferne begleiten. Ein Bild von Ursprünglichkeit und maritimer Atmosphäre.
Dazu ein anderes Szenario: Fragt der Mann, der an einem Infekt erkrankt ist, seine Frau: „Du Schatz, meinst du, ich sollte zum Arzt gehen und mir ein Antibiotikum verschreiben lassen?“ Antwortet sie: „Ich weiß es nicht, aber warte erst mal ab, ich kaufe gleich Zuchtlachs aus Aquakultur….!“
Vielleicht braucht diese Pointe einen Moment. Aber manche ahnen den Hintergrund: Die moderne Fischerei hat mit der Capri-Idylle oft wenig zu tun. Enge Becken, Medikamente, Antibiotika – all das gehört heute zur Realität. Gleichzeitig wächst unser Bewusstsein für artgerechte Haltung und für die Frage: Muss es immer Fleisch oder Fisch sein?
Mit diesen Gedanken hören wir heute das Evangelium, in dem Jesus sagt: „Ich werde euch zu Menschenfischern machen.“
Ein starkes Bild – aber eines, das heute schwierig geworden ist. Denn „Menschen fangen“ klingt für viele nach Vereinnahmung, nach Manipulation, nach Macht. Wir kennen „Menschenfischer“, die andere ideologisch einfangen, abhängig machen oder buchstäblich gefangen nehmen.
Menschen im Netz – das ist heute kein harmloses Bild mehr.
Vielleicht brauchen wir nicht ein neues Bild, sondern mehrere. Denn das, was Jesus will, ist vielschichtig.
Wichtig scheint mir:
Nicht fangen, sondern ermöglichen. Nicht ziehen, sondern begleiten. Nicht einengen, sondern befreien.
Also biete ich heute mal neue Bilder an, in dem Bewusstsein, dass sie nur ausschnitthaft bleiben können.
Da ist das Bild des Wegbegleiters: Jesus ruft nicht in eine Gefangenschaft, sondern in eine Beziehung. Christsein heißt, Menschen nicht zu packen, sondern mit ihnen unterwegs zu sein. Siehe hierzu auch den kleinen Exkurs am Ende über die ‚Freundschaftsikone‘.
Oder das Bild der Hebammen des Lebens: Hebammen machen kein Leben. Sie helfen, dass etwas zur Welt kommt, was längst angelegt ist. Das ist ein zutiefst respektvolles Bild. Glaube zwingt nichts auf, sondern hilft Menschen, sie selbst zu werden.
Dann die Umkehr des vertrauten Bildes mit dem Netz: Retter aus dem Netz. Jesus befreit aus Angst, Schuld und Überforderung – er wirft keine neuen Netze aus, die uns zum Verhängnis werden sollen.
Auch das Bild der Übersetzerinnen und Übersetzer des Lebens hilft: Viele Menschen machen Erfahrungen, finden aber keine Worte dafür. Glaube hilft, das eigene Leben zu deuten – nicht, es zu überreden. Das Evangelium eröffnet einen tieferen Horizont für das, was wir ohnehin erleben.
Und schließlich das Bild der Gastgeberinnen und Gastgeber am Tisch: Einen Raum öffnen, in dem Platz ist. Niemand wird gezwungen zu bleiben. Essen verbindet, ohne zu belehren.
Vielleicht lässt sich all das in einem Satz bündeln:
„Jesus hat seine Jünger nicht zu Menschenfängern gemacht, sondern zu Menschen, die Wege öffnen, Licht teilen und andere dabei begleiten, frei zu werden.“
Können wir uns heute als seine Anhängerinnen und Anhänger diese Bilder zu eigen machen?
Exkurs: Die ‚Freundschaftsikone‘: Abt Menas und Christus
Von Anonymus – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=86364408
Diese ‚Freundschaftsikone‘, die den Abt Menas an der Seite von Jesus Christus zeigt, hängt heute im Louvre in Paris. Sie ist ein Bild für die Beziehung, wie Christus sie mit uns pflegen möchte. Er nennt uns seine „Freunde“. So wie auf dieser Ikone möchte Christus an unserer Seite stehen und an unserer Seite gehen. Er sucht unsere Nähe, er ist uns nah und lädt uns ein, IHM nah zu sein. Beide Männer schauen in die selbe Richtung. Gehen sie gemeinsam auf einem Weg? – Es mag so scheinen. Nähe, Begleitung auf dem gemeinsamen weg und eine Verbindung, die nicht bindet, die nicht gefangen nimmt. Das sieht man sehr schön in der Geste, in der Jesus seinen rechten Arm über die Schulter von Abt Menas legt: ER, Jesus, klammert nicht, hält nicht fest. Er berührt, es ist quasi eine freundschaftliche Umarmung. Und sie ist von Respekt und Freiheit geprägt; denn nur mit einer leichten Rechtsdrehung könnte Abt Menas sich aus dieser Umarmung lösen. Jesus fängt also nicht ein, hält nicht fest, fesselt die Menschen nicht. Aber er ist auch nicht unverbindlich und unnahbar. ER schenkt uns das Angebot seiner Nähe und seiner Freundschaft und zugleich die Freiheit, ob wir dieses Angebot annehmen möchten?
Wir selber entscheiden, ob wir in SEINER Hand geboren sein wollen.
Kairos
Foto: Gerd A. Wittka, 19.01.2026
Manchmal braucht es den ‚richtigen Kairos‘, den günstigen, den entscheidenden, den ‚richtigen‘ Augenblick.
Das lehrt mich dieses Situation, die ich schnell im Bild festgehalten habe.
SEIN Gesicht wird von der Sonne fokussiert angestrahlt. Nur in diesem Augenblick stehen die Ikone und die Sonne im richtigen Winkel,‘ um SEIN Gesicht zum leuchten zu bringen
… und in diesem Moment zieht diese Ikone zieht ER meine Aufmerksamkeit auf sich!
Und ich antworte entzünde eine Räucherkerze IHM zu Ehren.
Es ist so, als würde ER mich lehren:
Alles zu seiner Zeit! Hab‘ Geduld, es kommt der ‚richtige Kairos‘
(Gerd A. Wittka, 19.01.2026)
16.01.2026
Laudes gebetet Gottesdienst final beendet und ausgedruckt Einige dienstliche Emails und Anfragen beantwortet Etwas in der Küche ‚klar Schiff gemacht‘ Spülmaschine angestellt runter in den Keller: Wäschetrockner angestellt neue Ladung in die Waschmaschine etwas ausgeruht dann weiter in der Küche etwas gemacht wieder geruht aber weiter hoch motiviert ab in den Keller: Wäsche erledigen. wieder hoch und
k a p u t t!
Es ist 14.30 Uhr und mein Tagespensum habe ich schon erreicht.
Würden Sie von sich selbst sagen, dass Sie „heilig“ sind?
Für viele klingt diese Frage zunächst fremd oder sogar anmaßend. Denn der Begriff „heilig“ ist in unserer katholischen Kirche stark besetzt. Wir verbinden ihn vor allem mit den großen Heiligen: mit Menschen, die als Glaubenszeugen verehrt werden und die uns durch ihre Heiligsprechung als Vorbilder empfohlen sind.
Und doch hören wir heute in der Lesung etwas Überraschendes. Der Apostel Paulus spricht nicht einzelne herausragende Personen an, sondern die ganze Gemeinde von Korinth. Er nennt sie „die Geheiligten in Christus Jesus, die berufenen Heiligen“.
Paulus macht also keinen Unterschied. Für ihn sind alle Christinnen und Christen in Korinth heilig.
Das wirft Fragen auf.
• Gab es in dieser Gemeinde wirklich nur vorbildliche Menschen?
• Waren dort keine, die egoistisch lebten oder skrupellos handelten?
• Gab es keine Christinnen und Christen, deren Leben – auch nach damaligen Maßstäben – Anlass zur Kritik gegeben hätte?
Doch, davon dürfen wir ausgehen. Und genau hier wird deutlich, was Paulus mit „heilig“ meint. Heilig zu sein bedeutet für ihn nicht, tadellos zu sein. Es heißt nicht, ohne Fehler, ohne Brüche oder ohne dunkle Seiten zu leben.
Das gilt übrigens auch für die Heiligen unserer Kirche. Auch ihre Lebensgeschichten sind nicht makellos. Sie sind nicht deshalb Vorbilder, weil sie perfekt gewesen wären, sondern weil sie in aller Menschlichkeit versucht haben, den Glauben zu leben: weil sie gerungen haben, weil sie gescheitert und wieder aufgestanden sind, weil sie im Glauben geblieben oder zu ihm zurückgekehrt sind, wenn er ins Wanken geraten war.
Mit diesem Verständnis von Heiligkeit steht Paulus ganz in der Tradition des Alten Testaments. Schon dort wird das Volk Israel als „heilig“ bezeichnet. Und das, obwohl die Bibel sehr offen auch von den dunklen Seiten dieses Volkes erzählt: von Untreue, von Abkehr von Gott, sogar von der Verehrung anderer Götter. Mehr Bruch im Glauben geht kaum.
Und dennoch bleibt Israel heilig. Warum? Nicht wegen seines Verhaltens, sondern weil Gott selbst heilig ist. Israel ist heilig, weil es von Gott erwählt ist – und diese Erwählung ist unwiderruflich. Darum ist auch seine Heiligkeit nicht aufkündbar.
Ganz ähnlich verhält es sich mit uns Christinnen und Christen. Durch die Taufe sind wir mit Christus verbunden. Paulus sagt: Wir haben Christus in der Taufe „angezogen“.
Dieses Bild ist wichtig. Christus ist kein Kleid, das man irgendwann ablegt, weil es nicht mehr passt oder weil es alt geworden ist. Durch die Taufe ist dieses „Kleid Christi“ so etwas wie eine zweite Haut geworden. Man kann sie verdecken, man kann sie überlagern mit vielem, was von außen schöner aussieht – aber man kann sie nicht abstreifen.
Vielleicht ist das ein gutes Bild für die Gnade der Taufe. Sie lässt sich nicht rückgängig machen. Getauft bleibt man Christ – unabhängig davon, wie nah oder fern man sich der Kirche oder der Glaubensgemeinschaft fühlt.
Eine Formulierung aus dem heutigen Evangelium unterstreicht diese Beständigkeit. Johannes der Täufer berichtet von einer Vision, die Gott ihm geschenkt hat. In dieser Vision sagt Gott zu Johannes über Jesus:
„Auf wen du den Geist herabkommen und auf ihm bleiben siehst, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft.“
Mir ist dabei ein Wort besonders wichtig: „und auf ihm bleiben“. An anderer Stelle heißt es: „Der Geist ruhte auf ihm.“
Der Heilige Geist ist keine vorübergehende Erscheinung. Er kommt nicht nur für einen Moment und verschwindet dann wieder. Er bleibt. Er ruht.
Einmal gesandt, lässt sich der Heilige Geist nicht abschütteln. Er macht es sich bei uns gewissermaßen bequem – so, dass man wirklich sagen kann: Er ruht auf uns.
In einem neuen geistlichen Lied meiner Kindheit heißt es:
„Du Herr, gabst uns dein festes Wort. Gib uns allen deinen Geist. Du gehst nie wieder von uns fort. Gib uns allen deinen Geist.“ zitiert nach: https://active-words.livejournal.com/51992.html
Der Gedanke dahinter ist schön, aber streng genommen ist er theologisch nicht ganz präzise. Denn wir müssen Gott nicht immer neu um seinen Geist bitten, als könnte er sich verflüchtigen wie Alkohol, der an der Luft verdunstet.
Der Heilige Geist bleibt. Auch dann, wenn wir ihn ignorieren. Auch dann, wenn unser Glaube oberflächlich geworden ist oder vernachlässigt wird.
Vielleicht sollten wir deshalb anders beten:
„Herr, lass deinen Geist in uns weiter wirken. Schenke uns die Bereitschaft, uns auf sein Wirken einzulassen. Hilf uns, nicht gegen ihn zu leben – im Denken, im Reden und im Tun.“ ( Gerd A. Wittka, 2026)
Wenn wir so aus dem Geist leben, dann wird unsere Heiligkeit sichtbar. Nicht als etwas Glänzendes oder Überhöhtes, sondern als ein Licht, das das Leben anderer Menschen heller macht. Ein Licht, das Orientierung geben kann. Ein Licht, das hilft, Leben gelingen zu lassen.
Das meint Heiligkeit – mitten im Alltag.
Segen: – (aus Psalm 121)
Der Herr ist dein Hüter, der Herr gibt dir Schatten; er steht dir zur Seite. Bei Tag wird dir die Sonne nicht schaden noch der Mond in der Nacht. Der Herr behüte dich vor allem Bösen, er behüte dein Leben. Der Herr behüte dich, wenn du fortgehst und wiederkommst, von nun an bis in Ewigkeit.