Osterimpuls 2026

Manchmal hat ein Tag einen eigenen Klang.
Der Karsamstag zum Beispiel – der klingt wie ein leerer Raum.
Fast nichts ist zu hören. Nur dieses Schweigen, wenn man nicht weiß, wie es weitergeht.

Und dann kommt die Osternacht.
Ganz leise zuerst.
Und plötzlich ist da ein anderer Ton:
Leben. Licht. Hoffnung.
Und – erstaunlich genug – Lachen.

Das Osterlachen – ein alter Brauch
Früher erzählten Prediger in der Osternacht einen Witz.
Nicht zur Unterhaltung, sondern als mutiges Zeichen:
Wir lachen dem Tod ins Gesicht.

Der Brauchtumsforscher Manfred Becker-Huberti sagt:
Lachen heißt nicht, den Tod zu leugnen.
Es heißt: Du, Tod, hast nicht das letzte Wort.

Darum heute ein kleiner Osterwitz:

Zwei Theologen stehen am Ostermorgen vor dem leeren Grab.
Sagt der eine: „Der Tod hat wirklich nicht das letzte Wort.“
Der andere: „Eigentlich logisch. Das letzte Wort hat immer der, der wieder aufsteht.“

Ostern macht uns nicht unverwundbar

Wir wissen: Der Glaube schützt uns nicht vor Krankheit, Angst oder Verlust.
Und manchmal fragt man sich: Wo ist Gott jetzt? Warum fühlt sich Hoffnung so weit weg an?

Gerade dann ist dieses Osterlachen wichtig.
Es ist kein Weglaufen.
Es ist ein Dagegenhalten.
Ein kleines Aufatmen mitten im Ernst.
Ein Moment, der sagt: Ich bin dem Dunkel nicht ausgeliefert.

Vielleicht kennen Sie das nach einem Begräbnis:
Man sitzt zusammen, das Herz schwer –
und plötzlich erzählt jemand eine liebevolle, schräge Erinnerung.
Und auf einmal lacht der ganze Tisch.
Nicht, weil die Trauer weg wäre.
Sondern weil das Leben sich meldet und sagt: Ich bin auch noch da.

Das ist für mich eine österliche Haltung:
mit Tränen in den Augen lachen zu können.
mit Wunden am Herzen trotzdem aufzustehen.
dem Tod nicht das letzte Wort zu geben – im Großen wie im Kleinen.

Vielleicht klingt Ostern genau so:
„Ich bin traurig – aber ich gebe die Hoffnung nicht her.“
„Ich habe Angst – aber ich lasse mir das Lachen nicht nehmen.“
„Ich bin gefallen – aber ich will nicht liegen bleiben.“

Nicht, weil wir so stark wären.
Sondern weil Gott das Leben gewählt hat.
Und dieses Leben findet seinen Weg –
durch verschlossene Türen, durch schwere Tage,
manchmal sogar durch unser Schweigen hindurch.

Bild von Pexels auf Pixabay

Deshalb ist es heute Nacht gut und richtig,
dass wir uns das Lachen erlauben – gerade im Ostergottesdienst.
Einfühlsam und sensibel, aber echt.
Ein Lachen, das sagt: Es geht weiter.
Das Leben hat noch etwas vor mit uns.

Frohe und gesegnete Ostern uns allen.




Oster-Aufstand

Ostern 2026 – Friede und verschlossene Türen

Sie ist eine der prägensten Osterereignisse in der Bibel:
Der Auferstandene tritt durch verschlossene Türen.
Er sucht Menschen auf, die sich verstecken, die fliehen, die resigniert haben.
Menschen, deren Hoffnung mit dem Tod Jesu zerbrochen ist wie Glas.

Bild: (c) Gerd Wittka, 31.3.2026, erstellt mit Hilfe von KI

Und mitten hinein in ihre Angst spricht er Worte, die wie ein Wunder klingen:
„Friede sei mit euch.“

Nicht als Floskel.
Nicht als spirituelle Beruhigungstablette.
Sondern als Auftrag, als Zumutung, als Weckruf.

Ostern feiern heißt:
Dem Frieden den Vorrang geben.
Nicht theoretisch. Nicht symbolisch.
Sondern existenziell.

Vielleicht müssten wir es sogar noch schärfer sagen:
Ostern feiern geht nur mit einer echten Friedensgesinnung.
Denn wer dem Auferstandenen begegnet, begegnet dem, der den Frieden nicht nur zusagt,
sondern ihn einfordert.
„Suchet den Frieden und jaget ihm nach!“ (Psalm 34,15)
So steht es in der Schrift.
Nicht: „Wartet, bis er euch in den Schoß fällt.“
Nicht: „Hofft, dass andere ihn herstellen.“
Sondern: Jagt ihm nach.
Mit Herz. Mit Verstand. Mit Mut.

Und dann schauen wir auf unsere Welt im Jahr 2026.

Eine Welt, in der Kriege brennen wie offene Wunden.
In der Menschen sterben, weil andere ihre Macht sichern wollen.
In der Einflusszonen wichtiger sind als Tränen.

Viele Menschen sehen politische Führungsfiguren, die Konflikte anheizen oder verschärfen, die religiöse Bilder nutzen, um sich selbst zu inszenieren.
Sie sehen einen russischen Präsidenten, der einen Krieg begonnen hat
und sich zugleich in orthodoxen Kirchen zeigen lässt.
Sie sehen einen amerikanischen Präsidenten,
der politische Entscheidungen trifft, die auf dem Rücken anderer ausgetragen werden, und sich gleichzeitig öffentlich von religiösen Leitungsfiguren segnen lässt.

Das ist
eine Instrumentalisierung des Heiligen
für weltliche Machtspiele.
Und das steht diametral im Widerspruch zu dem,
was Ostern bedeutet.

Denn Ostern ist kein religiöses Dekor.
Kein spirituelles Feigenblatt.
Ostern ist Gottes Nein zur Gewalt.
Gottes Nein zur Machtgier.
Gottes Nein zur Instrumentalisierung des Glaubens.
Ostern ist Gottes Ja zum Leben – kompromisslos.

Ostern 2026

Vielleicht ist das unsere Aufgabe in diesem Jahr:
Nicht nur Eier zu bemalen, sondern Wunden zu benennen.
Nicht nur „Halleluja“ zu singen, sondern „Warum?“ zu rufen.
Nicht nur die Auferstehung zu feiern, sondern den Frieden zu suchen,
den Christus uns zumutet.
Wir dürfen – ja, wir müssen – darum bitten,
dass der Heilige Geist uns erfüllt
mit einer Sehnsucht nach Frieden,
die stärker ist als Resignation,
mutiger als Angst,
beharrlicher als die Logik der Gewalt.

Eine Sehnsucht, die ihren Ursprung hat
in jenem Satz, der durch verschlossene Türen drang
und bis heute durch die Welt hallt:
„Der Friede sei mit euch.“

Auferstehung Christi, by: Gerd A. Wittka 2026, erstellt mit ‚gemini‘



vor.ostern.auferweckt

Impuls zum Evangelium des 5. Fastensonntags: die Auferweckung des Lazarus

Ikone: Die Auferweckung des Lazarus
Bild von Dimitris Vetsikas auf Pixabay

Es gibt Evangelien, die brauchen keine große Auslegung. Sie sprechen für sich.
Das heutige gehört dazu.
Und vielleicht ist es gut, dass wir zwei Wochen vor Ostern einmal ganz bewusst mitten hineingeführt werden in das, was wir sonst gern wegschieben: Krankheit, Sterben, Tod – und die Frage, ob da wirklich noch etwas kommt.

Die Schwestern des Lazarus – und wir

Martha und Maria begegnen uns heute mit einer Mischung aus Hoffnung, Enttäuschung und einem leisen Vorwurf:
„Wärest du hier gewesen …“
Dieser Satz sitzt.
Er klingt nach: „Wir haben auf dich gesetzt – und du warst nicht da.“

Wie oft kennen wir das aus unserem eigenen Leben.
Wie oft aus der Seelsorge.
Wir können nicht überall sein.
Wir können nicht jede Erwartung erfüllen.
Und manchmal fühlen sich Menschen von uns im Stich gelassen – so wie die Schwestern sich von Jesus im Stich gelassen fühlten.

Vielleicht tut es gut zu sehen:
Selbst Jesus konnte nicht überall sein.
Selbst er musste enttäuschen.
Selbst er war nicht immer verfügbar.

Und doch bleibt er nicht draußen vor der Trauer stehen.
Er geht hinein.
Er lässt sich berühren.
Er weint.

Wenn die Fragen lauter werden

Ich finde mich selbst in dieser Geschichte wieder.
In den Schwestern.
In ihren Fragen.
In ihrem Ringen.
Ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich innerlich mit meinen Verstorbenen spreche – mit meinem Vater, meiner Mutter, einem sehr guten Freund, den ich im Sommer letzten Jahres verlor.
Und manchmal frage ich sie:
„Und? Hat sich eure Hoffnung auf Auferstehung erfüllt? Könntet ihr mir nicht ein Zeichen geben?“

Aber die Antworten bleiben aus.
Und dann bleibe ich zurück mit meinem Glauben – und mit meinen Unsicherheiten;
mit Gedanken, die ich mir als gläubiger Mensch, als Geistlicher, eigentlich nicht erlauben möchte.
Und doch kommen sie.
Und vielleicht müssen sie kommen.
Denn sie sind die Nagelprobe unseres Glaubens.

Auch Martha und Maria hielten die Auferstehung für undenkbar.
Sie hatten nur den „Vorteil“, dass sie Zeuginnen wurden.

Wir hingegen bleiben mit unseren offenen Fragen.
Mit unserem Vertrauen.
Mit unserer Hoffnung.

Ich finde es gut, dass wir heute – am Passionssonntag – eine Auferstehungsgeschichte hören.
Nicht, um das Leiden zu verdrängen.
Sondern um uns daran zu erinnern, dass der Weg durch das Leiden hindurchführt – nicht hinein und steckenbleibend.
Gerade jetzt, wo wir von Leid, Krieg, Unsicherheit und Überforderung umgeben sind, brauchen wir diese Perspektive. Leid, Not und Tod nehmen wir schon zu genüge wahr.

Deshalb brauchen wir diese Auferstehungsgeschichte.
Nicht als billigen Trost.
Sondern als Gegenkraft.
Als Korrektiv.
Als Licht, das uns hilft, den Wahnsinn dieser Zeit auszuhalten.

Vielleicht ist das Evangelium von Lazarus ein Vorgeschmack auf Ostern, weil es uns zeigt:
Gott führt uns nicht am Tod vorbei – aber hindurch.
Und auf der anderen Seite wartet Leben.
Nicht immer sichtbar.
Nicht immer sofort.
Aber verheißen.

Und getragen von einer Liebe, die stärker ist als alles, was uns Angst macht.

Wenn wir das heute mitnehmen, dann kann es uns durch die kommenden Tage tragen – hinein in die Karwoche und weiter bis zum Licht von Ostern.




Versöhnung mit dem Kreuz

Impuls zum „Fest Kreuzerhöhung“ am 14.09.2025

Kreuz im Altarraum, Kapelle AMEOS-Klinikum St. Clemens, Oberhausen, Foto: Gerd A. Wittka, 13.09.2025

Wenn Sie von Ihrem Platz aus auf das Kreuz im Altarraum schauen, wirkt es freundlich: helles Holz, eine Bronzefigur, ästhetisch und eher neutral.
Es zeigt keinen Leib voller Schmerzen und Wunden, wie beim Isenheimer Altar von Matthias Grünewald.
Es zeigt auch keinen triumphalen Christus als König, wie wir ihn aus der Romanik kennen.

Aber was ist eigentlich das Kreuz, das uns so vertraut ist?
Es bleibt eine brutale Hinrichtungsform: die Kreuzigung.

Müsste uns das nicht eigentlich abstoßen oder Angst machen?
Für die meisten von uns ist das nicht so. Wir haben uns daran gewöhnt. Für uns ist das Kreuz vor allem ein christliches Zeichen – und dadurch ist es für uns „entschärft“.

Trotzdem hören wir in den Gebeten oft von „Kreuzigungsopfer“ oder „Opfertod Christi“.
Und es kommen Fragen auf:

• Warum musste Jesus von Nazareth so grausam sterben, um uns zu retten?
• Wenn Gott allmächtig ist, hätte er uns nicht auch anders erlösen können?
• Braucht Gott wirklich Opfer, um uns zu vergeben, obwohl er den Menschen doch liebt?

Das bleibt schwer zu verstehen.

Die Lesung von heute kann helfen, ein besseres Verständnis zu bekommen, was unser Glaube ist:

„Jesus Christus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich.“ (Phil 2,6)

In einfacheren Worten:
Jesus war von Natur aus Gott gleich.

Dieses Bekenntnis ist wichtig!
Schon die frühe Kirche hat darum gerungen, ob Jesus wirklich „wesensgleich“ mit Gott ist.

Wenn wir das glauben, können wir verstehen, dass Gott selbst in Jesus Christus den Kreuzestod erlitten hat, um Versöhnung zu schenken.

Was steckt dahinter?

Die Beziehung zwischen Gott und den Menschen war von Seiten der Menschen so gestört und zerbrochen, dass Gott selber handeln musste.
Und er wollte den Menschen nicht mit irgendwelchen Maßnahmen zur Gemeinschaft mit ihm zwingen.
Unsere Freiheit und Würde sollten bleiben!
Aber gleichzeitig ist es Gott wichtig, dass der Mensch in einer lebendigen und liebenden Beziehung mit Gott bleibt.
Wie konnte das also geschehen, ohne uns zu zwingen?

Der ‚Trick‘:
Gott selber also musste Mensch werden, um diese Beziehung wiederherzustellen.
Und es musste ein Mensch sein, der diese Beziehung für alle Menschen retten konnte, für alle Zeit, für früher, für heute, für die Zukunft…

Das war nur möglich, indem GOTT ganz Mensch wurde – ein Mensch, der zugleich durch seine göttliche Natur ohne Sünde war.
Dieser Mensch war Jesus von Nazareth, unser Christus.

Jesus Christus, „eines Wesens mit dem Vater“ (wie es im Großen Glaubensbekenntnis heißt), ging konsequent und unverbrüchlich den Weg mit Gott, bis in den Tod.
Gott hat also nicht irgendeinen Menschen am Kreuz leiden lassen.
Er selbst ging in Jesus Christus in den Tod.

Damit wir uns mit diesem grausamen Tod versöhnen können, dürfen wir glauben: Gott ging es nicht in erster Linie um die Art und Weise dieses Todes, sondern um das, was er bewirkte.

Es musst jemand sein, der Gott so innig verbunden ist, dass nichts und niemand ihn davon abbringt, ihn von Gott zu trennen, nicht einmal die Sünde.

Er musste der sein, der im Johannes-Evangelium von sich sagt:
„Glaubst du (Anm. von mir: „Philippus“) nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke. Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, dann glaubt aufgrund eben dieser Werke!“ (Joh 14,10f.)

Und im Johannes-Evangelium, Kapitel 14, Vers 19 wird dieser Zusammenhang noch mal bekräftigt und betont, dass wir einst in diese göttliche Einheit einbezogen sein werden:
„Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch….“

Durch Jesus gab es also DEN Menschen, der selbst keine Erlösung brauchte, weil er ohne Schuld war, der aber für uns und ein für alle Mal die nie mehr endende Versöhnung mit Gott brachte.

Der, der für uns am Kreuz starb, ist wirklich Mensch, Jesus von Nazareth – und zugleich Gott selbst.
Gott selbst hat sich selbst und persönlich eingebracht, um die Beziehung Gottes mit uns Menschen unauflöslich zu sichern, damit die Beziehung zwischen ihm und uns nie mehr zerbricht.
Insofern können wir von einem ‚Opfer‘ sprechen.

Seitdem muss kein Mensch mehr ein solches ‚Opfer‘ für sich oder andere erbringen!

Was wir Menschen seit Christus brauchen, ist allein der Glaube daran, dass wir durch Jesus von Nazareth und in Jesus Christus, ein für alle Mal mit Gott versöhnt sind!
Das bestätigt auch Paulus in seinem Epheserbrief wenn er dort schreibt:
„…Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft – Gott hat es geschenkt -,nicht aus Werken, damit keiner sich rühmen kann….“ (Epheser 2,8f)

Wir brauchen seitdem nur noch den Mut, unsere Schuld einzugestehen. Wenn wir Gott um Vergebung bitten, schenkt er sie uns.
Kein Opfer der Welt ist dafür mehr nötig! Das ist doch so unfassbar großartig!

‚Corpus Christi‘ in der Kirche St. Johannes Bapt. in Hattingen-Blankenstein. Foto: © Gerd A. Wittka, 2025

Hilft uns dieser Gedanke, uns dem Kreuz anzunähern?
Hilft es uns zu glauben, dass Jesus nicht im Tod bleiben konnte, weil er Gott ist und dass auch wir als Mensch Anteil an seiner Auferstehung haben?
Denn Gott liebt uns so sehr, dass er uns auf immer und ewig bei sich haben will – in diesem und im ewigen Leben!


Kreuzerhöhung

Nicht: das Kreuz überhöhen.
Denn Kreuze, überhöht,
haben schon Menschen zerdrückt,
sie unter Lasten begraben,
sie zu Boden geworfen,
ohne Hoffnung, je wieder aufzustehen.

Unter solchen Kreuzen
versinkt der Leidende,
verstummt das Leid,
das uns doch täglich begegnet,
uns anrührt, uns nicht loslässt.

Kreuzerhöhung –
das Kreuz erheben,
damit es sichtbar wird:
das Kreuz Christi,
das Kreuz ungezählter Menschen,
auch heute, mitten unter uns.

Das Kreuz erhöhen heißt,
das Leid nicht zu verschweigen,
es nicht aus der Welt zu reden,
sondern ihm standzuhalten,
den Blick auf es zu wagen,
auf unser eigenes Leid,
getragen, erlitten,
noch kommend.

Vor dem erhöhten Kreuz
brauchen wir nicht zu kriechen.
Es lädt uns ein, uns zu erheben,
aufrecht zu stehen –
zu unserem Leid,
zu den Leiden dieser Zeit,
zu einer Welt, die befreit werden will,
die Erlösung ersehnt.

Das Kreuz, hoch erhoben,
weist uns den Weg:
durch das Leid hindurch,
hin zum Leben.

© Gerd A. Wittka, 07.09.2025




Barmherzigkeitssonntag – Weißer Sonntag

Ein expressionistisches Gemälde voller Leben:
Wir sehen eine moderne Großstadt im Frühling.
Es geht geschäftig und bunt zu.
Autos in leuchtenden Farben rollen durch die Straßen, Radfahrer flitzen dazwischen hindurch, und Menschen eilen zu Fuß – einige mit dem Blick fest auf ihr Handy geheftet.
Die Farben der Stadt sind intensiv, grell, fast überwältigend – als wolle das Bild uns sagen:
Hier passiert etwas.

Es ist Frühling.
Die Bäume entlang der Straßen blühen, einige in strahlenden Farben, andere tragen frisches, sattes Grün.
Es ist die Zeit des Neuanfangs, des Aufatmens, der Hoffnung.
Alles wirkt wie ein leiser Hinweis:
Hier beginnt neues Leben.
Doch erkennen wir es?
Oder ist es für uns schon zu alljährlich geworden, um es als etwas Besonderes zu empfinden?

Und da – mitten in diesem Trubel, ganz am Rand, steht jemand, der nicht ins Bild zu passen scheint: Jesus Christus, der Auferstandene.

Nicht wie aus einem alten Gemälde, sondern ganz heutig.
Er trägt eine kurze, moderne Jeanshose, seine Narben von der Kreuzigung sind deutlich zu sehen – an Händen, Füßen, an der Seite.
Ein stilles Zeichen für all das Leid, das er durchlebt hat.
Und doch: Er steht dort ganz ruhig.
Kein Schmerz in seinem Gesicht, sondern Frieden.
Er wirkt gelöst, als hätte er das Schwere hinter sich gelassen: er-löst!

Aber niemand bemerkt ihn.
Die Menschen gehen an ihm vorbei:
zu sehr mit sich selbst beschäftigt, mit Gedanken, Terminen, Sorgen.
Es scheint, als hätte niemand Zeit für das Wunderbare, mitten unter ihnen.

Und wir?! -Würden wir es glauben, wenn wir IHN sehen würden, dass ER – der Auferstandene – es wirklich ist, wenn Jesus plötzlich vor uns stünde – lebendig, gegenwärtig, echt?!

Das Bild verbindet die schnelle Welt unserer Zeit mit tiefer geistlicher Bedeutung.
Es erinnert an die Geschichte der Jünger auf dem Weg nach Emmaus: Auch sie sahen Jesus doch erkannten ihn nicht.
Erst als er mit ihnen sprach, ihre Fragen ernst nahm und das Brot mit ihnen brach, ging ihnen ein Licht auf.

Vielleicht ist es heute ähnlich.
Vielleicht braucht es Menschen, die wie Jesus zuhören, fragen, Gespräche möglich machen;
Menschen, die anderen helfen, ihre Sorgen und Zweifel auszusprechen; Menschen, die nicht gleich eine Antwort parat haben, sondern Raum schaffen für echte Begegnung.

Denn dann kann etwas in Bewegung kommen.
Dann kann Auferstehung ganz real erfahrbar werden – nicht nur als alte Geschichte, sondern als neues Leben, als neue Lebensmöglichkeiten und als neue Sichtweisen: hier und jetzt.

Wir Christinnen und Christen haben heute die Möglichkeit, anderen Jesus erfahrbar zu machen:
Indem wir Anteil nehmen.
Indem wir einladen, zuhören, mittragen.

Wenn wir das tun, können Menschen wieder aufatmen, neue Kraft finden, neuen Sinn entdecken.
Dann verwandelt sich vielleicht Ratlosigkeit in Hoffnung, Traurigkeit in Lebensfreude, Stillstand in Bewegung.

Das wäre heute Auferstehung mitten in unserem Alltag.


Bild: copyright by Gerd Wittka, 2025, erstellt mit KI




Frohe Botschaft spüren

Bild von Robert Simukonda auf Pixabay

Lesungstext: Lukas 15, 11-32


Wahrnehmungsübung:

Ich möchte Sie für einen kleinen Augenblick einladen, einmal kurz inne zu halten und in sich hinein zu spüren; Sie dürfen – wenn Sie mögen – auch einen Augenblick die Augen dabei schließen um ganz bei sich selber sein zu können.
Am Ende der kleinen Übung werde ich Sie anleiten, wie Sie gut diese kleine Übung beenden können.

Setzen Sie sich – wenn möglich – aufrecht auf Ihren Stuhl. Lehnen Sie sich mit dem Rücken gut an, damit Sie im Rücken guten Halt finden.
Mit beiden Füßen sollten Sie gut den Boden berühren. Die Hände können Sie auf den Oberschenkeln ablegen.
Spüren Sie, wie Sie vom Stuhl gut getragen werden.
Wenn Sie mögen, schließen Sie jetzt Ihre Augen und lassen sich etwas von mir durch diese Übung führen.

Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das Evangelium, das wir gerade gehört haben.
Erinnern Sie sich an Szenen, die Sie besonders angesprochen haben.
Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die handelnden Personen.
• Da ist der Vater, der sein Erbe auszahlt.
• Da ist der jüngere Sohn, der seinen Erbteil nimmt und sich von zu Hause löst.
• Da ist der ältere Sohn, der ortstreu bleibt und sich an die Familientradition gebunden fühlt.

Spüren Sie einen Augenblick mal bitte in sich hinein und fragen Sie sich, welche Person Sie in diesem Evangelium besonders angesprochen hat?
Und welche Person behagt Ihnen gar nicht?
In welcher Person haben Sie sich persönlich am ehesten entdeckt?
Welche Person würden Sie gerne sein?

Bewerten Sie diese Feststellung nicht.
Nehmen Sie nur war, mit welcher Person Sie sich leichter einfühlen können?

Und jetzt versuchen Sie, mit Ihren Gefühlen in Kontakt zu kommen.
Zu den Gefühlen rechnen wir Angst, Ärger, Wut, Zorn, aber auch Freude, Dankbarkeit, Liebe, sich-geliebt-fühlen, …

Bewerten Sie die Gefühl nicht. Sie sind da und haben ihre Berechtigung.
Welche Gefühle nehmen Sie bei sich wahr, wenn Sie das heutige Gleichnis hören?

Oder spüren Sie sogar körperliche Empfinden, Befindlichkeiten oder Missempfindungen, wie innere Unruhe, Wärme und Entspannung im Bauchraum, aber vielleicht auch Anspannung oder Verspannung.
Wo nehmen Sie diese Empfindungen wahr? Im Kopfbereich, in der Brust oder in der Bauchgegend?
Auch diese Empfindungen bitte nicht bewerten, nur wohlwollend wahrnehmen.

Vielleicht können Sie auch im Moment gar nichts wahrnehmen.
Dann ist es auch nicht schlimm. Versuchen Sie, auch das nicht zu bewerten.

Bleiben Sie einen kurzen Augenblick bei dem, was gerade bei Ihnen ist.
Gönnen wir uns einen Augenblick der Stille ….

….

Nun möchte ich Sie anleiten, mit Ihrer Aufmerksamkeit wieder in diesen Raum zurück zu kehren. Lassen Sie noch die Augen geschlossen, wenn Sie sie geschlossen hatten.

Ballen Sie nun Ihre Hände zu Fäusten zusammen, auch gerne etwas kräftiger, damit Ihr Kreislauf wieder in Schwung kommt.
Ziehen nun langsam und kräftig ihre Fäuste und Unterarme an die Oberarme heran und Sie dürfen sich jetzt auch räkeln, wie wenn Sie morgens erwachen.
Dann öffnen Sie langsam wieder Ihre Augen und finden sich hier in der Kapelle wieder…


Vielleicht fragen Sie sich:
Was soll das alles?!

Ich möchte Sie ermutigen, das Evangelium nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen zu erleben.
Oft nähern wir uns solchen Texten nur sachlich und theologisch.
Aber Jesus erzählte Gleichnisse, um direkt unsere Gefühle anzusprechen – er wollte, dass wir mit unserem Herzen, also mit unseren Emotionen, berührt werden.
Obwohl er Rabbi genannt wurde, sah er sich nicht als einen rein akademischen Lehrer. Es tut uns also gut, wenn wir uns heute den Evangelien so nähern wie Jesus es tat.

Haben Sie beim Hören des Evangeliums gute, positive Gefühle empfunden?
Dann: Glückwunsch! Das Evangelium – die Frohe Botschaft – hat bei Ihnen bereits seine Wirkung entfaltet.

Falls Sie aber eher unangenehme Gefühle hatten, etwa weil Sie den älteren Sohn und seine Empfindung von Ungerechtigkeit verstehen, machen Sie sich keine Sorgen.
Genau solche Menschen wollte Jesus mit seinem Gleichnis ansprechen.

Viele von uns, mich eingeschlossen, können sich in der Reaktion des älteren Sohnes wiedererkennen.
Er hielt sich immer an die Tradition, doch für ihn blieb das Fest der Freude aus. Das ist für ihn unverständlich! Wo bleibt da der Lohn der Treue und des Gehorsams?!

Nur: so geht es zu, auf dem Erlösungsweg Gottes!

Auch wenn wir den älteren Sohn verstehen, dürfen wir versuchen, uns zu freuen, denn Jesus hat dieses Gleichnis für uns gedacht.
Er möchte uns lehren, uns für die grenzenlose und bedingungslose Liebe und Fürsorge des Vaters zu öffnen.

Ich könnte noch viel mehr über das Evangelium sagen, aber eines möchte ich besonders betonen:

Erinnern Sie sich an die Worte des Vaters:
„… dieser, dein Bruder, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden…!“
Das ist der zentrale Satz dieses Evangeliums.

Heute feiern wir den Laetare-Sonntag – das bedeutet „Freue dich!“.
Der letzte Satz des heutigen Evangeliums gibt uns einen Hinweis auf Ostern, auf die Auferstehung.
In diesem Gleichnis hören wir von einer Auferstehungsgeschichte, die in den kommenden Wochen in anderen Formen immer wieder auftaucht.

Der Laetare-Sonntag ist der Übergang von dem Teil der Fastenzeit, in der wir über unsere Umkehr nachgedacht haben, zu den nächsten Wochen, in denen wir das Leiden Christi verstärkt betrachten.

Dieses Evangelium und dieser Sonntag erinnern uns daran:
Wenn in den nächsten Wochen viel über Leid gesprochen wird, ist das nur der Auftakt.
Christus blieb nicht am Kreuz – sein Leiden führte direkt zur Auferstehung.
In diesem Geist lade ich Sie ein, die kommenden Wochen in diesem Bewusstsein zu begehen, bis wir in großer Freude das Osterfest feiern können.