25.01.2026: Beistand

Gestern durfte ich erleben, wie eine dritte Person mir zur Seite sprang, als es wieder um meinen Umgang mit Long-Covid ging.

Landläufig gilt ja die Regel, dass man Leistungsfähigkeit antrainieren kann, und zwar durch regelmäßige Belastung, die man bewusst allmählich steigert.
Das ist bei gesunden Menschen so.

Nur:
Mein Problem ist, dass die meisten Menschen meinen, ich könnte mir mit meinem Long-Covid bessere Leistungsfähigkeit antrainieren. Das funktioniert bei Long-Covid mit dem Erschöpfungssyndrom aber nicht.
Ich kann nur hoffen, dass ich, wenn ich bis zu meinen Grenzen gehe und sie nicht permanent überschreite, allmählich so gesunden kann, dass ich peu a peu wieder mehr leisten kann.

‚Pacing‘, um das es hier geht, bedeutet: nicht zu wenig zu tun, aber auch nicht zu viel!
Und ich muss – wirklich – jeden neuen Tag in mich hineinspüren und abzuschätzen versuchen, welche Ressourcen ich jeweils am Tagesanfang zur Verfügung habe.
Diese Ressourcen muss ich mit meinen dienstlichen und privaten Verpflichtungen abgleichen und dann daraufhin meinen Tag gestalten.
Habe ich einen Fehlgriff getan und mich falsch eingeschätzt folgt die Reaktion meines Körpers auf dem Fuße und erleide einen ‚crash‘.
Erst über Wochen und Monate bekam ich ein besseres Gespür für die richtige Einschätzung.

Es ist gut, dass das Wissen um Long-Covid und Pacing auch bei nicht betroffenen Menschen mehr und mehr zunimmt.

Und wer sich dafür interessiert, aber sich damit noch nicht so auskennt, der/dem empfehle ich sehr dieses leicht lesbare und verständliche Buch von Maria A. Sinning: Peer’s Körperfabrik!




12. Januar 2026

Crash – the day after

These: Crashes bei Long-Covid weisen mich fast immer darauf hin, dass ich zu wenig für mich gesorgt und eingestanden bin

Die vergangene Nacht war von massiven Albträumen geprägt.
Gegen 02.00 Uhr wachte ich auf, mit unkontrollierten Muskelzuckungen am ganzen Körper.
Ein untrügliches Zeichen, dass ich mich total übernommen hatte.

Müde und erschöpft, fand ich dann erst wieder nach 04.00 Uhr in den Schlaf (‚tired and wired‘).

‚Nachher ist man immer schlauer‘ – das Wort gilt auch in diesem Fall

Am Tag vorher hatte ich mich übernommen und überfordert. Aber das wollte ich erst zu spät wahr haben.
Da waren Aktivitäten, die über das Maß hinaus gingen, was ich erfahrungsgemäß gut leisten kann, ohne mich zu überfordern.
Da war Freude und auch Ehrgeiz an Aktivitäten, die mir viel bedeuten und in meinem Leben wichtig sind.
Sie machen mein Leben freundlich, hell und lassen meine kreative Seite zur Geltung kommen. (Sowas nennt man gemeinhin auch *Eu-Stress*, wobei das ebenfalls Stress in dem Sinne ist, dass dabei Energie verbraucht wird.
Dazu kamen aber auch Reizüberflutungen und Energieverbrauch durch Menschenansammlungen, durch auditive und visuelle Reize.
Ich mag nicht einfach von ‚Lärm‘ schreiben, denn das klingt so negativ.

[Exkurs:

Es gibt auch auditive Reize, die man durchaus als angenehm oder im Normalfall sogar als wünschenswert betrachtet.
Ein Beispiel: Abgesehen von Diskotheken für Menschen mit Hörbehinderungen würde wohl niemand in eine Diskothek gehen, wo nicht ‚ordentlich aufgedreht‘ wird, damit man bei toller Musik abtanzen kann.
Oder niemand würde viel Geld für ein Konzertbesuch ausgeben, dann aber kaum was hören können.
Es gibt also bestimmten Lärm, der erwünscht ist.

„Wo kann ich übermäßigen ‚Energieverbrauch‘ einsparen?!“ – Bild von Alexandra_Koch auf Pixabay

Nur: bei Long-Covid-PatientInnen wirkt sich auch der Lärm, der von anderen gewünscht oder zumindest nicht als belastend empfunden wird, negativ aus.
Denn Reize jedweder Art zehren an der Kraft und sind auch Energiefresser. Nur merken Menschen mit Long-Covid das deutlicher als ‚gesunde‘ Menschen.]


Die Herausforderung: Crashes zu vermeiden, erfordert eine hohes Maß an Konsequenz und Ich-Stärke

Die alltäglichen Arbeiten, ob im Beruf oder im eigenen Haushalt, die Aktivitäten in Freizeit und Hobby,
alles, was ein normales und gesundes Leben ausmacht und was einem selber nicht nur Pflicht, sondern auch Kür ist, all das wirkt sich auf die Energiebilanz eines Menschen aus.
Besonders gravierend ist die Beachtung dieser Energiebilanz bei Menschen mit Long-Covid und jenen die an ME/CFS erkrankt sind.
Denn sie verfügen erstens nur über ein reduziertes Maß an täglichem Energievorrat und dieser wird meist auch noch viel schneller aufgebraucht.

Ein Bild – ein Beispiel:
Mir scheint es so, als würde ich einen Lebensmotor betreiben, der eher 10-12 Ltr. Sprit auf 100 Kilometer verbraucht, als ein sparsamerer Motor, der mit 3-5 Liter auf 100 Kilometer hinkommt.
Dabei ist mein Motor nicht unbedingt älter.
Aber mein Motor scheint sich durch meine Corona-Erkrankung 2022 verändert zu haben, nämlich der Art, dass ‚mein Motor‘ nun deutlich mehr Sprit verbraucht als früher, aber die Ursache ist nicht zu finden!

Wie gut man selber aber für sich sorgen kann, hängt wesentlich auch von der sogenannten ‚Ich-Stärke‘ ab. Das meint die Fähigkeit, stringent und konsequent den eigenen Weg zu gehen und auch die Fähigkeit gut für sich selber sorgen zu können.

Doch hier beginnen oft andere Herausforderungen.
Da werden wir mit Erwartungen konfrontiert, mit Erwartungen von außen (vermeintlichen oder tatsächlichen Erwartungen), aber auch Erwartungen von innen, also durch uns selbst, die wiederum doch anerzogene Konventionen oder aber auch durch Selbstansprüche gesteuert werden.

„Wie stehe ich da, wenn ich mich jetzt so anders verhalte, als es (von mir selber) erwartet wird?“
„Wenn ich mein Ding durchziehe (von dem ich weiß, dass es für mich gut ist), dann falle ich wieder auf und bin vielleicht jemand mit seiner eigenen Choreographie, die als ‚da tanzt er wieder aus der Reihe‘ wahrgenommen wird.“

Solche oder ähnliche Gedanken machen es einem dann noch schwerer, manchmal sogar unmöglich, wirklich gut für sich zu sorgen.

Und da ist jetzt nicht einmal ‚guter Rat teuer‘, denn meistens wissen meinesgleichen schon selber sehr gut, welcher Rat nun befolgt werden sollte.
An guten Ratschlägen mangelt es nicht, beileibe nicht!

‚Wer gut für sich selber sorgt, fällt auf, wie ein unangepasst wirkender Mensch! – Aber die Richtung ist eigentlich ganz klar!“
– Bild von Cord Allman auf Pixabay

Nein, es mangelt oft an ausreichend Selbstbewusstsein und Ich-Stärke auch sein eigenes Ding durchzuziehen, das für mich selber heilsam und gut ist.

In solchen Situationen brauchen wir als Umgebungen, in denen es uns leicht(er) fällt, gut für uns zu sorgen.

Und dass bringt mich zur einer weiteren erschreckenden Beobachtung:
gestern gab es sogar bei mir diese ‚gute Umfeld‘.
Dort ist meine Erkrankung bekannt und ich weiß definitiv, dass man für mich Verständnis hat, wenn ich gut für mich sorge.

Deshalb bin ich um so bestürzter über mein eigenes Verhalten.

Es macht mir deutlich, dass ich gut beraten bin, bei mir an einem stärkeren Selbstbewusstsein zu arbeiten!
Diese Einsicht mag einige meiner LeserInnen überraschen, die mich sonst ganz anders kennen, besonders auch aus beruflichen Zusammenhängen und die mich vielleicht dort als selbstbewusst, stringent und konsequent erleben.
Doch im Kern wütet manchmal eine kritische Selbstreflexion, die auch das Potential hat, die Ich-Stärke anzugreifen.

Das ist ein weiteres Leiden, dass zu der Komplexität von Long-Covid bei mir dazu kommt.


Nun mag man sich fragen, warum ich damit hier so offen umgehe?
Weil ich glaube und fest davon überzeugt bin, dass ich nicht der einzige Mensch auf der Welt und unter denen bin, die an Long-Covid erkrankt sind.
Auch den anderen Leidensgenossinnen möchte ich dadurch ermutigen, sich auf dieser Seite der eigenen Persönlichkeit zu stellen, weil sie kein Makel ist, aber wohl eine Herausforderung, die wir – vielleicht auch gemeinsam in unseren Selbsthilfegruppen – bearbeiten können.




05.10.2025

Unberechenbar

Ich muss meinem Herzen Luft machen. Ich bin völlig deprimiert und den Tränen nahe. Heute habe ich wieder einen Crash – obwohl ich so vorsichtig war und meine Pacing-Strategie eingehalten habe.

Bild von StockSnap auf Pixabay

Ich wusste, dass der gestrige Tag anstrengend sein würde und habe mich gut vorbereitet. Trotzdem war er kräftezehrend.

Gestern standen zwei schöne, aber fordernde Termine an: um 14 Uhr eine Taufe, um 16 Uhr die hl. Messe im Krankenhaus.
Schon mittags besorgte ich Blumen und bereitete die Kapelle vor.
Auf die Taufe hatte ich mich gefreut – die Familie war sehr nett –, doch solche Feiern verlangen viel Energie.
Man leitet, moderiert, muss flexibel reagieren und zugleich sensibel bleiben, vor allem bei Kindern und unvorhersehbaren Situationen.

Nach der Taufe wieder alles aufräumen, durchlüften, kurz ausruhen und die Predigt für die Messe vorbereiten.
Schon da fühlte ich Müdigkeit und schwere Beine.
Bei der Messe dann erste Wortfindungsstörungen, am Ende sogar ein Fauxpas, weil mir mitten im Satz die Worte fehlten – Brainfog in seiner reinsten Form.
Peinlich und für alle sichtbar.

Zu Hause nur noch Abendessen, Vesper beten und früh ins Bett – selbst eine empfohlene Serie konnte ich nicht mehr anschauen.

Heute dann der nächste Schlag:
Unser Chor sollte in der Gemeindemesse singen.
Ich war früh wach, aber völlig erschöpft, bleiern müde und kraftlos.
Tränen, Ohnmacht, das Gefühl zu versagen – obwohl ich weiß, dass es nicht meine Schuld ist.
Ich musste absagen.

Bild von Ron Solo auf Pixabay

Nun will ich nur noch halbwegs gut durch diesen Tag kommen und hoffe, dass es mir morgen körperlich und seelisch wieder besser geht.

Post-Covid ist unberechenbar.





07.02.2025

Seit dem 5.2. habe ich wieder einen ‚crash‘, weil ich mich bei einem Studientag als Proband völlig übernommen habe.
Das Thema hat mich angesprochen und wie Adrenalin in meinem Körper gewirkt.
Ich war extrem wachsam und fokussiert, mit einem Energieschub, der mir half, schnell und effektiv zu reagieren.
Dabei habe ich leider meine Grenzen an dem Tag nicht wahrgenommen, konnte auf sie nicht hören und nicht entsprechend reagieren.
Nachmittags zuhause dann der Zusammenbruch: ‚crash‘ genannt.

Das dauerte bis zum gestrigen Tage an.

Eine Chorprobe, zu der ich mich aufgerafft hatte, lag dazwischen.
Doch auch das war nicht gut für mich.
Daraus entstanden folgende Zeilen:


Bild von plBrYK auf Pixabay

Crash –
ein stummer Knall im Nichts,
ein Zerreißen des Gewohnten.

Ich sehe einen Text,
Buchstaben tanzen auf dem Rand des Verstehens,
doch ihr Sinn entgleitet
wie Nebel in einer mondlosen Nacht.

In meinem Kopf
kommt nichts an –
nur ein endloses Echo von Leere,
wo Worte sich verlieren
und Bedeutungen verhallen.

Lieder ohne Melodie,
Noten,
zu stumm,
schwarze Zeichen auf kaltem, weißem Grund,
die mein Hirn nicht fassen kann,
wie Schatten,
die sich weigern,
Form zu geben.

Ein Gespräch,
ein flüchtiges Flüstern
der Erinnerung an vorgestern,
doch der Zugang zu dem, was war,
ist versiegelt im Labyrinth der Zeit –
keine Worte finden den Weg heraus.

Ich weiß, was war,
doch das Blatt bleibt leer:
der Kopf verharrt in Schweigen,
der Mund schweigt –
und all die Zeichen,
unsichtbare Botschaften,
verweben sich im geheimnisvollen Dunkel
einer unentdeckten Melodie.

(Gerd A. Wittka, 07.02.205)




04.09.2024

Chronisch krank, aber niemand glaubt dir …!



In der letzten Sendung zdf magazin royal hat sich Jan Böhmermann mit dem Thema „Long Covid“ und der schwersten Form davon, ME/CFS, beschäftigt.
Comedy-like hat er sich dennoch mit aller Ernsthaftigkeit diesem Thema gewidmet und auch die Dummschwätzer, selbst unter renommierten Medizinern, entlarvt.

Da ich es immer so schwer erklären kann, was mit mir ist, empfehle ich sehr diesen Beitrag der Sendung, der auch als Gesamtausschnitt bei youtube verfügbar ist.

Hier der youtube-Beitrag:

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Post-Covid: Crash

‚Crash‘, so nennt man es, wenn man sich während Post-Covid überfordert und dann die Quittung erhält.



Das habe ich wohl gestern erlebt, als ich mir vorgenommen habe, zum „Tag der pastoralen Dienste“ des Bistums Essen zu fahren.

Ja, ich hatte mir schon die Option freigehalten, früher von dort wieder weg zu gehen, was ich auch getan habe. Doch leider bin ich nicht früh genug gegangen.

Der Grund liegt auf der Hand:
Dieser „Tag der pastoralen Dienste“ war einfach zu interessant.
Ausgehend vom „Haus der Veränderungen“ haben wir uns ausgetauscht über die vielen Fragen und Phänomene, die uns bei Veränderungsprozessen begegnen können.
Die Begegnung mit Kolleginnen und Kollegen fand ich so inspirierend, dass ich mich dazu durchgerungen haben, auch noch bei der zweiten Arbeitsgruppe zu bleiben.
Danach ging es wieder ins Plenum. Doch bevor es anfing, merkte ich, wie meine Konzentration schlechter wurde, der ganze Körper müde und irgendwie schwerer wurde. So entschied ich, doch schon zu fahren, denn es lag ja noch der Heimweg mit dem Auto vor mir und das während der ‚rush hour‘.
Bevor ich zum Auto ging, noch kurz zur Toilette. Dafür ein paar Treppen in das Untergeschoss. Da merkte ich schon leichte Schwindelanfälle.
Für mich ein klares Zeichen: jetzt wird es höchste Zeit, zu gehen.

Einmal im Auto gesessen, ging es mit der Autofahrt. Ich hatte mir vorgenommen, es entspannt angehen zu lassen, mich nicht treiben oder stressen zu lassen: ‚Du hast keine Eile!‘, schoss es mir durch den Kopf.
So ging die Autofahrt noch recht gut und ich konnte noch einen Zwischenstopp beim Johanniter-Krankenhaus einrichten, um dort Unterlagen für heute zu sichten.
Als ich dann gegen 17.00 Uhr zuhause war, ging gar nichts mehr.
Ich war erschöpft und kraftlos, konnte mich kaum auf den Beinen halten.

Also legte ich mich ins Bett, fühlte mich schwer wie Blei; doch einschlafen konnte ich nicht. Ich bleib eine Stunde lang liegen, quälte mich dann aus dem Bett.
Aber ich war bis ich dann gegen 22.00 Uhr ins Bett ging, nicht fähig, irgendetwas Produktives zu tun.

Heute, am Mittwoch Morgen, fühle ich mich zwar nicht schlapp, aber ausgepowert und habe nur den Wunsch, diesen Tage irgendwie gut zu überstehen!


Alle Bilder: Gerd Wittka mit Hilfe von KI