Zwischen Selbsthingabe und Selbstaufgabe

Bild: Gerd A. Wittka, 2026, erstellt mittels KI/AI

Wenn Hingabe an ihre Grenzen kommt

Manchmal stolpert man über einen Satz, der sich im Kopf festsetzt wie ein Stein im Schuh. So ging es mir gestern mit einer Zeile über die Biographie Katharina von Siena:
„In ihrem Kampf für die eine Kirche und das Papsttum zehrte sich Katharina auf, sodass sie, erst 33‑jährig, in Rom starb.“ (Te Deum beten, April 2026, S. 361)

Solche Sätze lassen mich oft innehalten und mich fragen:
Wie weit würde ich selbst gehen?
Was ist mir so wichtig, dass ich dafür Kraft, Zeit, vielleicht sogar Gesundheit einsetze?
Und wo beginnt der Punkt, an dem Hingabe in Selbstverlust kippt?


Ein altes Bild, das in die Gegenwart hineinragt

Katharina ist dafür nur der Auslöser, nicht die ganze Geschichte. Ihr Leben steht wie ein altes Gemälde im Museum: eindrucksvoll, intensiv, aber aus einer anderen Zeit. Man kann davorstehen und staunen — und gleichzeitig spüren, dass dieses Bild nicht eins zu eins in unser heutiges Leben passt.

Nur: die Frage, die sich dahinter verbirgt, ist zeitlos!
Ist es wirklich ein geistliches Ideal, sich selbst zu verzehren?
Oder ist es vielmehr ein Missverständnis des Glaubens, wenn Hingabe mit Selbstvernichtung verwechselt wird?


Zwischen Feuer und Flamme

Es gibt Menschen, die brennen für etwas. Und es gibt Menschen, die daran verbrennen.
Der Unterschied ist oft fließend, kaum sichtbar.

Hingabe kann leuchten, wärmen, inspirieren. Sie kann Menschen zusammenbringen, Mut schenken, Veränderung anstoßen.
Aber sie kann auch fordern, ziehen, auslaugen — bis man sich selbst kaum noch spürt.

Vielleicht ist das die eigentliche Spannung:
Wie bleibt das Feuer ein Feuer — und wird nicht zur Flamme, die alles verzehrt, auch mich selbst?


Das Leben als Gabe

In vielen spirituellen Traditionen klingt ein anderer Ton mit:
Das Leben ist nicht nur Aufgabe, sondern auch Geschenk.
Nicht nur Einsatz, sondern auch Empfang.

Wenn man das ernst nimmt, entsteht ein anderes Bild von Spiritualität:
Eines, das nicht nur fragt, wofür ich mich hingebe, sondern auch, woher ich lebe.
Eines, das nicht nur Opfer sieht, sondern auch Würde.
Eines, das nicht nur fordert, sondern auch schützt.

Vielleicht ist das die tiefere Einladung:
Das eigene Leben nicht zu verschwenden — weder in Selbstsucht noch in Selbstaufgabe.


Ein Blick nach innen

Dieser Gedanke führt nicht zu schnellen Antworten.
Er führt eher zu einer Art innerem Gespräch:

Was trägt mich wirklich?
Was ist mir so wichtig, dass ich dafür etwas von mir gebe?
Und was ist mir so heilig, dass ich es nicht verlieren möchte — auch nicht im Namen einer guten Sache?

Es sind Fragen, die nicht vor aller Welt beantwortet werden müssen und die Fragen bleiben dürfen, ohne eine endgültige Antwort.
Sie wirken im Hintergrund, während man weitergeht, weiterlebt, weiter sucht.


Am Ende bleibt eine Einladung

Die Geschichten der Heiligen — und auch die der Überforderten, der Erschöpften, der Mutigen — können uns berühren.
Aber sie müssen uns nicht fesseln.

Vielleicht geht es heute weniger darum, sich aufzureiben,
und mehr darum, wach zu bleiben für das, was das eigene Leben kostbar macht.

Nicht aus Bequemlichkeit.
Nicht aus Angst.
Sondern aus einer tiefen Ahnung heraus,
dass Gott nicht nur unseren Einsatz will,
sondern auch unser Leben.

Ein Leben, das brennt —
aber nicht verbrennt.

Ein Leben in Fülle!




Nutze deine Fähigkeiten

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Schriftlesung: Mt 25, 14-30

Das Talent war eine ursprünglich altbabylonische Maßeinheit der Masse. Dieses Talent sowie davon abgeleitete kleinere Talente waren in der Antike gebräuchlich.
Wie andere antike Maßeinheiten wurde das Talent durch Aufwiegen von Silber (seltener Gold oder Kupfer) als Währung benutzt.
Ein Talent ist also eine Währungseinheit zu biblischer Zeit.

Heute benutzen wir diesen Begriff eigentlich nur noch, wenn es darum geht, Fähigkeiten oder gute Eigenschaften eines Menschen zu beschreiben: „Der oder die hat ziemlich viel Talent!“

Zum Verständnis des heutigen Evangeliums dürfen wir deshalb sehr gerne beide Bedeutungen des Begriffes heranziehen: das Talent als einen „Geld“-Betrag aber auch das oder die Talente als gute Eigenschaften des Menschen.

Eine Grundaussage dieses Evangeliums ist:
Talente können dann nur ihre vollen Möglichkeiten entfalten, wenn sie genutzt werden; wenn sie eingesetzt werden. Anderenfalls bewirken sie nichts. Sie sind zwar vielleicht (noch) da, aber sie werden buchstäblich nicht umgesetzt. Aus ihnen geschieht nichts Neues; es wächst nichts daraus, materiell aber auch immateriell.



Nicht aus *Furcht* nichts tun

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Und die Rolle, liebe Schwestern und Brüder, in der sich die Zuhörenden befinden, ist klar:
Wir sind die Dienenden, denen der Herr sein Vermögen anvertraut.
Ob da nun mehr oder weniger ist, ist gar nicht so entscheidend.
Das zeigen die beiden ersten der hier agierenden Diener.
Entscheidend ist, wie man mit den Talenten umgeht, egal wie viele es sind.
Arbeit ist angesagt für jede und jeden von uns.
Arbeit mit dem, was uns anvertraut wurde.
Dienende sein ohne einen Dienst zu tun, das geht nicht und das ist auch keine Möglichkeit.
Inaktive Mitgliedschaft in einem Verein ist hier nicht möglich.
Ein Lippenbekenntnis zur Botschaft Jesu ist kein gangbarer Weg, es braucht das Engagement in der Wirklichkeit, in der ich lebe.

Und so hält das heutige Evangelium für uns alle eine Botschaft bereit: als einzelne Person aber auch als kirchliche Gemeinschaft, als Mitglieder der Kirche aber auch als Mitarbeitende in der Kirche, insbesondere auch im seelsorglichen Dienst.

Gerade die Corona-Pandemie lädt uns ein, zu schauen, was und wo unsere Talente sind. Und diese Talente ermöglichen uns neue und ungewohnte Wege einzuschlagen.

In dieser Zeit können wir nicht so weitermachen wie bisher.
Gerade auch für die Seelsorge gilt: wir können uns nicht wegducken, die Decke über den Kopf ziehen oder gar den Kopf in den Sand stecken und meinen, wir bräuchten untätig nur auf das Ende der Pandemie zu warten.

„Skills“ (engl. = Fähigkeiten, Begabungen, Talente), Quelle: www.pixabay.com

Genau das Gegenteil ist nötig.
Die Pandemie fordert uns gerade zu heraus, eingetretene Pfade zu verlassen, andere Wege zu gehen und damit qualitative und professionelle Seelsorge zu betreiben, die angepasst ist auf die derzeitige Situation und unsere Antwort mit unseren Talenten auf diese Situation.

Aber es gilt auch für jeden Christenmenschen.
Wo kann ich mich neu engagieren? Wo kann ich Brücken bauen zu Menschen, die in dieser Zeit besonders einsam sind?
Wo kann ich – auch mit kleinen Mitteln – Unternehmen helfen, dass sie weiter arbeiten können?

Wo kann ich auch neue technische Möglichkeiten nutzen, die Generationen vor uns noch nicht einmal zur Verfügung gestanden haben?

Wenn wir das nicht tun, dann könnte uns das passieren, was im Gleichnis jenem widerfahren ist, der aus Furcht seine Talente einfach nur verbuddelt hat.
Dies ist keine Drohung! Sondern genau das Gegenteil:
Jesus sagt uns: Egal, wie streng Gott auch sei. Er wird niemals unberücksichtigt lassen, was wir mit dem angefangen haben, das uns von ihm als Begabungen und Fähigkeiten geschenkt worden ist.
Dies ist eine Ermutigung, nicht aus vermeintlicher Furcht untätig zu bleiben, sondern darauf zu vertrauen, dass Gott das Gute nicht übersehen wird, was wir tatsächlich erbracht haben, auch wenn es noch so wenig sein sollte.

Ich möchte mit einem ermutigenden Gedanken von Roger Schutz, dem Gründer und ersten Prior der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé enden, der einmal schrieb:

„Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast.
Und wenn es noch so wenig ist.
Aber lebe es.“