Politik abspalten?

Bild von Idrissa Sow auf Pixabay

Innerhalb meines persönlichen Beziehungsnetzes oder in Gruppen gemeinschaftlicher Aktivitäten:
Immer wieder werde ich mit der Forderung konfrontiert, doch „bitte die Politik rauszuhalten“.

Mir fällt es schwer, diese Haltung zu verstehen.
In einer Demokratie, wie hier bei uns in Deutschland ist es wesentlich, dass die Menschen in diesem Land auch politisch sind, denn sonst wären wir nur ‚Stimmvieh‘, das in regelmäßigen Abständen zur Wahl aufgefordert wird und dann ruhig zu sein hat.

Aber nein. Das stimmt ja auch nicht!
Denn landein und landaus gibt es ja vielfältige Möglichkeiten, sich politisch zu äußern.
Doch da bleibt es dann meistens bei der Kritik an Politik, Parteien und Politiker:innen, sei es qualifiziert oder unqualifiziert.
Letztes ist leider häufiger anzutreffen!

Inhaltlich findet jedoch selten eine ausführliche und differenzierte Auseinandersetzung statt, es sei denn in dafür ausgewählten und exklusiven ‚Zirkeln‘, wie politischen Organisationen, sei es Gewerkschaften, Parteien, Bürger:innen-Initiativen oder vielleicht noch Religionen.

Doch in unserem alltäglichen Umgang scheinen politische Themen und der Austausch politischer Ansichten nicht ‚en vogue‘, ja sogar manchmal ein Tabu zu sein.

Dazu gesellt sich dann mein Eindruck, als würden manche meinen, der politische Diskurs würde ‚die Stimmung versauen‘.

Dabei sind es doch jene, die immer wieder über Politik und Politiker:innen mäkeln, die die Stimmung in unserem Land versauen!

Ich kann mir nicht vorstellen, dass der respektvolle und wertschätzende Dialog über politische Themen die Stimmung, geschweige denn menschliche Beziehungen versauen oder gefährden kann.
Es sei denn, man kann die Beziehungsebene von der inhaltlichen Ebene nicht trennen.

Gerade in diesen Tagen, wo unsere Demokratie vor großen Herausforderungen steht und wir uns die Frage stellen müssen, ob wir eine freie und offene Gesellschaft bleiben wollen und können, finde ich es nicht nebensächlich, sich auch in alltäglichen Begegnungen über politische Themen auszutauschen.

Aber vielleicht kannst du mir deine Meinung und deine Überlegungen dazu mitteilen?




Held:innen des Alltags

Oder: im Hintergrund Großartiges leisten

Bild von Photo Mix auf Pixabay

Vor einigen Tagen kam ich mit einem Menschen ins Gespräch, der in einer Pflegeeinrichtung arbeitet.
Seine Aufgabe ist es, verschiedene ‚Springerdienste‘ zu übernehmen: Essen austeilen, Botengänge machen oder Besucher:innen in Corona-Zeiten am Eingang in Empfang nehmen und dort die Einlassvoraussetzungen (Corona-Schnelltest, Maske, etc.) zu prüfen.

Diese Person erzählte mir, dass sie schon seit 7.00 Uhr morgens Dienst getan hat und der Arbeitstag 10 Stunden dauere.
Ich sagte – recht unbedarft -: „Dann haben Sie aber doch einiges an Überstundenausgleich!“ – Sie aber lächelte mich sympathisch an und sagte: „Nein! Ich arbeite sieben Tage in der Woche. Im Juli werde ich 27 Arbeitstage haben.“



Bild von Andi Graf auf Pixabay

Ich wurde recht kleinlaut.
Natürlich habe ich auch keinen sieben oder acht-Stunden-Tag, aber ich schaffe es immer wieder, mir auch Freiräume für meine Erholung zu nehmen.

Dieser Mensch aber tat sieben Tage in der Woche und im Juli nur mit vier Tagen frei seinen Dienst.

Bild von Christian Dorn auf Pixabay

Doch das erstaunlichste für mich war: er beschwerte sich gar nicht. Freundlich und sympathisch erklärte er mir, dass es zwar manchmal anstrengend sei, wenn beim Einlass die Menschen nicht verstünden, warum es die Einlasskontrollen und -kriterien gibt. Aber ansonsten habe er einen guten Job, der auch körperlich nicht sehr anstrengend sei, und er sei zufrieden.

BTW:
Natürlich habe ich weiterhin Bedenken, dass Menschen ohne großen Freizeitausgleich ihre Arbeit machen und das auch noch bei dünner Personaldecke (Die Person erklärte mir, dass diese Situation durch den hohen Krankenstand bei anderen Kolleg:innen entstanden sei.).
Und natürlich weiß ich auch, dass die Arbeitnehmerschutzbestimmungen in Gesetzen und/oder Tarifverträgen was anderes vorsehen.
Ich halte die Situation – trotz aller sympathischen Reaktion dieser Person – für äußerst bedenklich und ich erwarte, dass Politik und Unternehmen zügig etwas gegen solche Zustände tun. Solche Zustände dürfen weder ein Dauerzustand sein noch zur Normalität werden!

Aber dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – sind solche Menschen für mich Held:innen des Alltags.

Sie zeigen, was Menschen zu leisten bereit sind.
An den Verantwortlichen liegt es: dieses auch wirklich und glaubhaft zu würdigen.

Und mir nötigen solche Menschen für ihre Dienstleistungsbereitschaft den höchsten Respekt ab.