Impuls zum 14. Sonntag – Lesejahr A – 2026 in Verbindung mit Röm 8, 9.11-13
Die heutige Lesung aus dem Römerbrief spricht eine große Zusage aus: Der Geist Gottes, der Jesus von den Toten auferweckt hat, wohnt in uns. Und dieser Geist schafft Leben – nicht erst am Ende der Zeiten, sondern schon jetzt.
Paulus beschreibt damit eine Hoffnung, die das Herz des christlichen Glaubens bildet: • Gott lässt das Leben nicht im Tod enden. • Er führt es zur Vollendung. • Und er beginnt damit bereits hier, mitten im Alltag.
Diese Hoffnung kann man nicht einfach voraussetzen. Viele Menschen stellen sich – bewusst oder leise – die Frage: Was wäre, wenn es das Ewige Leben nicht gäbe? Was bliebe dann vom Glauben?
Diese Frage ist kein Ausdruck von Unglauben. Sie ist ein ehrlicher Versuch, den Glauben von innen her zu prüfen. Der Theologe Hans Küng hat das einmal so formuliert: „Selbst wenn ich die Wette, dass es Gott gibt, im Tod verlöre, hätte ich für mein Leben nichts verloren.“
Dieser Gedanke zeigt: Der christliche Glaube ist nicht nur eine Hoffnung für das Jenseits. Er ist eine Lebensform, die schon jetzt trägt.
Was schenkt dieser Glaube? Er lehrt die Liebe – zu sich selbst und zum Nächsten. Er erinnert daran, dass jeder Mensch Würde hat, unabhängig von Leistung. Er eröffnet die Möglichkeit des Neubeginns, weil Fehler nicht das letzte Wort haben. Er schafft Frieden durch Vergebung. Er ruft zur Freiheit, die aus der inneren Würde kommt. Und er verbindet uns mit der ganzen Schöpfung und weckt Verantwortung für sie.
All das ist Ausdruck des Geistes Gottes, der in uns wohnt. Dieser Geist macht lebendig – auch in Situationen, die schwer sind, auch in Zeiten der Unsicherheit.
Darum ist die christliche Hoffnung mehr als eine Wette auf das Ewige Leben. Sie ist eine Kraft, die das Leben verwandelt.
Und wer die Frage „Was wäre, wenn…?“ zulässt, kann entdecken: Der Glaube ist sinnvoll. Er trägt. Er macht das Leben menschlicher. Er öffnet Wege, die ohne ihn vielleicht verschlossen blieben.
Paulus sagt: Gottes Geist macht lebendig. Das ist die Zusage, die uns heute geschenkt wird. Sie gilt für das Leben nach dem Tod – und sie gilt für das Leben davor.
Darum halten wir fest: Dieser Glaube ist Hoffnung für die Zukunft und Kraft für die Gegenwart. Er führt in die Freiheit der Kinder Gottes.
Wenn Menschen – direkt oder indirekt – Leid erfahren, dann schreien sie diese Frage manchmal förmlich heraus: Warum?!
Diese Frage enthält eigentlich zwei Fragen: Erstens: Woher kommt das Leid? Und zweitens: Welchen Sinn hat das Leid?
Die zweite Frage ist wohl die schwierigere. Sie ist so komplex, dass sie den Rahmen einer Predigt sprengen würde.
Darum wage ich mich heute nur vorsichtig an die erste Frage heran: nach dem Ursprung des Leids. Nicht mit fertigen Antworten, sondern mit Gedankenanstößen.
Solche Gedanken können helfen, eigenes Leid besser einzuordnen, es vielleicht eher anzunehmen – oder zumindest zu erkennen, was wir dem Leid entgegensetzen können.
Ein erster Grund des Leidens liegt in unserer Geschöpflichkeit, also darin, dass wir vergänglich sind. Alles, was geschaffen ist, ist dem Werden und Vergehen unterworfen. Das können wir überall beobachten. Leben ohne Leid gibt es nicht.
Schon am Anfang des Lebens steht Schmerz: bei der Geburt. Neues Leben entsteht – ganz natürlich – nicht ohne Schmerzen.
Und auch jetzt, wo der Frühling langsam vor der Tür steht, sehen wir es wieder: Was im Herbst und Winter abgestorben ist, beginnt neu zu wachsen. Ohne Sterben kein neues Leben.
Doch genau in dieser Vergänglichkeit liegt auch ein Grund des Leidens der ganzen Schöpfung. Darum sehnt sich unser Glaube nach Vollendung: nach einer Wirklichkeit, in der es kein Werden und Vergehen mehr gibt, sondern nur noch die Ewigkeit, dieses große „Jetzt“, in dem das Leid aufgehoben sein wird.
Ein zweiter, ganz entscheidender Grund des Leidens begegnet uns in der heutigen Lesung – und er betrifft etwas, das ganz wesentlich zum Menschsein gehört: die Freiheit.
Menschliche Freiheit gibt es nicht ohne Risiko. Wo Menschen frei handeln können, da besteht immer auch die Möglichkeit von Leid und Not. Überall dort, wo wir menschengemachtes Leid sehen, hat es seinen Ursprung in dieser Freiheit.
Und diese Freiheit ist ein Geschenk Gottes.
Wenn wir also angesichts von Leid, das Menschen verursachen, Gott fragen: „Warum lässt du das zu?“, dann sollten wir bedenken: Wir klagen damit auch über das Geschenk der Freiheit selbst.
Freiheit ist nicht zu haben ohne die Möglichkeit, sie missbräuchlich zu nutzen.
Darum kann es hilfreich sein, bei erfahrenem Leid zuerst zu fragen: • Welchen Anteil hat der Mensch daran? • Und hätte es eine Möglichkeit gegeben, anders zu handeln?
Wo das der Fall ist, stehen wir vor dem Problem – oder besser: vor dem Wagnis – der Freiheit.
Der Preis der Freiheit ist hoch. Sie ist nicht zum Nulltarif zu haben. Das zu erkennen, kann uns auch wachsam machen, wenn Freiheit bedroht oder eingeschränkt wird – sei es offen oder schleichend.
Freiheit hat das Potential, zerstörerisch zu sein. Sie kann Ursache von Leid und Tod werden. Aber sie schenkt uns zugleich die Möglichkeit, für das Gute einzustehen.
Sie gibt dem Guten überhaupt erst eine Chance.
Darum ist die menschliche Freiheit für den einen Fluch, für den anderen Segen. In jedem Fall aber eröffnet sie uns allen die Möglichkeit, immer wieder neu nach dem Guten zu streben und der Liebe zum Durchbruch zu verhelfen.
Das bringt die heutige Lesung sehr ermutigend auf den Punkt:
„Wenn du willst, wirst du die Gebote bewahren. Er hat dir Feuer und Wasser vorgelegt – wonach du greifst, das wird dir gehören. Vor den Menschen liegen Leben und Tod. (…) Keinem befahl Gott, gottlos zu sein, und keinem erlaubte er zu sündigen.“
Auch das gehört zur Erzählung von der Erbsünde: Erst durch die Freiheit des Menschen war es möglich, dass Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis aßen. Mit dieser Erkenntnis erhielt der Mensch die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden – und damit auch das Werkzeug für Leid und Not oder für Heil und Segen in die Hand.
Die Frage bleibt also offen – und sie richtet sich an uns selbst:
Wonach wollen wir in unserem Leben greifen, damit Leid und Not in dieser Welt zumindest weniger werden?
Christ König …
… neu interpretiert
Bild: www.pixabay.com
Wie man es auch dreht und wendet: Der heutige Sonntag ist so ein sogenanntes „Ideen-Fest“, ähnlich wie das Herz-Jesu- oder das Herz-Mariä-Fest. Das Problem bei diesen Festen sind die Bilder, mit denen sie arbeiten. Die stammen aus einer anderen Zeit, in der solche Symbole noch leicht zu verstehen waren. Heute versteht das kaum noch jemand — und wenn man Missverständnisse vermeiden will, taugen sie oft nicht viel.
Besonders sichtbar wird es beim heutigen Christ-Königs-Fest.
Denn echte Könige gibt es kaum noch, und wo von Herrschaft die Rede ist, denken wir bestenfalls an Demokratien oder – dort, wo es sie nicht gibt – an Diktaturen, Autokratien und Komitees, die nur vorgeben, demokratisch zu sein.
Gerade deshalb wirkt das Bild des Königs heute missverständlich.
Es ruft Bilder von Machtstrukturen auf, die für den christlichen Glauben problematisch sind.
Und selbst wenn das im politischen Alltag nicht so wäre: Auch innerhalb der Kirche hat die dunkle Seite der Macht in den letzten Jahren eine bedrückende Klarheit bekommen.
Ich denke an vielfältigen Machtmissbrauch – geistliche und an sexualisierte Gewalt –, der endlich stärker ins Bewusstsein gerückt ist und deshalb bekämpft werden kann.
All das zeigt: Das Christ-Königs-Fest lässt sich heute nicht einfach als frohe Botschaft von einer heilsamen Herrschaft Christi hören.
Zumal das Verhalten Jesu, wie es die Evangelien zeigen, dem Königtumsbild radikal widerspricht:
Sein Weg war geprägt von Hingabe, Liebe, Dienen, Heilen und der Bereitschaft zur Aufopferung bis ans Kreuz.
Johannes fasst das zusammen mit Jesu Wort an Pilatus: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“
Es gibt also Momente, in denen alte Bilder nicht mehr selbsterklärend sind.
Das Wort „König“ weckt in unserer Zeit Macht- und Herrschaftsvorstellungen, die weder zu Jesus passen noch unserem Glauben dienen.
Deshalb sage ich es deutlich:
Für unsere Zeit taugt dieses Bild nicht mehr viel, wenn wir ausdrücken wollen, wer Christus für uns ist und wie er wirkt.
Doch wie dann sprechen?
Welches Sprechen kann das Unvergleichliche ausdrücken, wenn wir gerade unverständliche Vergleiche vermeiden wollen?
In meiner Suche bin ich bei einem abstrakten, vielleicht sperrigen Begriff gelandet – aber einem, der das Wesentliche meinem Glauben nach – deutlicher macht:
Wirkmächtigkeit.
Dieses Wort sagt:
Christus herrscht nicht – aber er wirkt.
Er regiert nicht – aber er verwandelt.
Er steht nicht über der Welt – und doch bringt er eine Kraft in sie hinein, die aus keiner Weltordnung stammt. Sein Reich ist nicht von dieser Welt, aber sein Wirken ist für diese Welt.
Wie wirkt Christus?
Nicht wie ein König auf einem Thron, sondern wie ein Licht, das Wege sichtbar macht.
Wie ein Mittelpunkt, der verbindet.
Wie eine Quelle, an der erschöpfte Menschen sich laben und erfrischen können.
Wie ein Resonanzraum eines Musikinstruments, der das Gute im Menschen zum Klingen bringt.
Christus ist kein Herrscher.
Er ist eine Gegenwart, die Wirklichkeit verändert – eine Kraft, die nichts erzwingt und dennoch vieles möglich macht.
Eine Wirkmacht, die Menschen aufrichtet, Versöhnung schenkt, Hoffnung nährt und die Liebe ins Leben ruft.
Vielleicht ist das „Reich Christi“ genau das:
kein Gebiet, kein System, kein Thron,
sondern eine Dynamik, die Menschen neu sehen lässt und neu glauben lässt, dass Heil möglich ist, Gerechtigkeit wachsen kann und aus Brüchen Neues entstehen darf.
Und überall dort, wo das geschieht, wirkt Christus.
Nicht als König über uns, sondern als Kraft in uns und als Licht unter uns.
So wird dieser Festtag, ohne Herrschaftssprache, zu einem Bekenntnis:
Christus ist da. ER lebt und wirkt – in uns!
Er wirkt – leise, aber wirkmächtig; unsichtbar, und doch unübersehbar.
Und wer sich dieser Wirkmächtigkeit öffnet, findet Wege, die er vorher nicht sah, und eine Hoffnung, die stärker ist als die Welt.
Verwurzelt im Jetzt …
… der Verheißung entgegen (33. Sonntag im Jahreskreis – C – 2025)
Bevor wir in den heutigen Lesungstext einsteigen, ein kurzes Wort vorweg: Die heutige Lesung ist nicht dazu da, über Bürgergeld oder soziale Pflichten zu diskutieren. Wer sie so benutzt, würde diese Textstelle missbrauchen!
Ich möchte Sie mit einer Frage beginnen – antworten Sie ruhig still für sich selbst: „Was bedeutet für Sie ein unordentliches Leben?“
Vielleicht fallen Ihnen sofort Bilder ein: Menschen, deren Alltag chaotisch ist. Termine vergessen, die Wohnung unaufgeräumt. Menschen, die unzuverlässig sind, ziellos durchs Leben gehen. Menschen, die sich selbst und ihre Gesundheit vernachlässigen. Menschen, deren Beziehungen zerbrechen, oder die mit Geld und Pflichten nicht klarkommen.
Ein Leben so kann oft Perspektivlosigkeit zeigen. Perspektivlosigkeit heißt:
Man sieht keinen Weg nach vorn.
Alles wirkt sinnlos, ohne Ziel.
Hoffnung oder Pläne für die Zukunft fehlen.
Ich erlebe das oft in der Seelsorge, besonders in der psychiatrischen Klinik. Dort versucht man, den Menschen wieder eine Orientierung zu geben: Ein fester Tagesablauf, kleine Aufgaben, klare Strukturen – das kann Schritt für Schritt wieder Perspektiven eröffnen.
Und man sieht schnell den Unterschied: Wer einen geregelten Alltag hat, übernimmt Verantwortung – für sich selbst, für andere. Wer Ordnung findet – in Wohnung, Kleidung, Geld, Beziehungen – der gewinnt langsam wieder Sinn und Richtung. Sein Leben bekommt Orientierung und Stabilität.
Aber Paulus spricht hier nicht über solche alltäglichen Ordnungen. Nein. Die Menschen, an die er schreibt, hatten bereits ein klares Ziel. Und doch wirkte ihr Leben auf Außenstehende oft „unordentlich“.
Warum? Die Christinnen und Christen damals erwarteten die baldige Wiederkunft des Herrn. Ihr Ziel war klar. Ihr Blick war ganz darauf gerichtet.
Das hatte Folgen: Die alltäglichen Dinge, die Arbeit, die Pflichten – alles rückte in den Hintergrund. Warum noch schuften, Termine einhalten, sich mit weltlichen Sorgen beschäftigen, wenn alles bald endet? Stattdessen widmeten sie sich der geistlichen Vorbereitung, der Vorbereitung auf das Kommen des Herrn.
Paulus erkennt die Gefahr: Wer nur auf das Jenseits schaut, verliert leicht die Gegenwart aus den Augen. Niemand weiß, wann die Wiederkunft geschieht. Deshalb warnt er: Seid wachsam – und vergesst nicht das Hier und Jetzt.
So erinnert Paulus an das, was im Matthäus-Evangelium niedergeschrieben ist: „Deshalb seid wachsam und haltet euch bereit! Denn ihr wisst weder an welchem Tag noch zu welchem Zeitpunkt der Menschensohn kommen wird.“ (vgl. Mt 25,13)
Und in der Apostelgeschichte lesen wir vor der Himmelfahrt Christi: „ … Als sie nun beisammen waren, fragten sie ihn: Herr, stellst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her? Er sagte zu ihnen: Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat.“ (Apg 1,6-7)
Die Botschaft ist klar: Glaube lebt mitten in der Welt.
Hoffnung auf das Kommende soll uns nicht von der Gegenwart ablenken. Wir sollen weiter unser Leben gestalten, in christlicher Verantwortung für uns, die anderen Menschen und die ganze Schöpfung. Die Hoffnung auf unsere gewisse Zukunft entbindet uns nicht von den Pflichten und den Verantwortungen der Gegenwart. Denn so lange das Reich Gottes mit der Wiederkunft des Herrn nicht vollendet ist, bauen wir im Hier und Jetzt weiter an diesem Reich, mitten in den Irrungen und Wirrungen der hiesigen Welt.
Ein „ordentliches Leben“ bedeutet daher für Paulus mehr als Sauberkeit oder Pünktlichkeit. Es bedeutet: Verantwortung, Struktur, Zielgerichtetheit – für sich selbst, für andere, im Blick auf Gott. Es bedeutet, dass wir unsere Hoffnung nicht verlieren, aber unser Leben bewusst gestalten, hier und jetzt.
Paulus zeigt uns einen Weg: Ein Leben, das nicht nur auf das verheißungsvolle Ende wartet, sondern mitten in dieser Welt gelebt wird, mit Sinn, Richtung und Hoffnung.
Versöhnung mit dem Kreuz
Impuls zum „Fest Kreuzerhöhung“ am 14.09.2025
Kreuz im Altarraum, Kapelle AMEOS-Klinikum St. Clemens, Oberhausen, Foto: Gerd A. Wittka, 13.09.2025
Wenn Sie von Ihrem Platz aus auf das Kreuz im Altarraum schauen, wirkt es freundlich: helles Holz, eine Bronzefigur, ästhetisch und eher neutral. Es zeigt keinen Leib voller Schmerzen und Wunden, wie beim Isenheimer Altar von Matthias Grünewald. Es zeigt auch keinen triumphalen Christus als König, wie wir ihn aus der Romanik kennen.
Aber was ist eigentlich das Kreuz, das uns so vertraut ist? Es bleibt eine brutale Hinrichtungsform: die Kreuzigung.
Müsste uns das nicht eigentlich abstoßen oder Angst machen? Für die meisten von uns ist das nicht so. Wir haben uns daran gewöhnt. Für uns ist das Kreuz vor allem ein christliches Zeichen – und dadurch ist es für uns „entschärft“.
Trotzdem hören wir in den Gebeten oft von „Kreuzigungsopfer“ oder „Opfertod Christi“. Und es kommen Fragen auf:
• Warum musste Jesus von Nazareth so grausam sterben, um uns zu retten?
• Wenn Gott allmächtig ist, hätte er uns nicht auch anders erlösen können?
• Braucht Gott wirklich Opfer, um uns zu vergeben, obwohl er den Menschen doch liebt?
Das bleibt schwer zu verstehen.
Die Lesung von heute kann helfen, ein besseres Verständnis zu bekommen, was unser Glaube ist:
„Jesus Christus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich.“ (Phil 2,6)
In einfacheren Worten: Jesus war von Natur aus Gott gleich.
Dieses Bekenntnis ist wichtig! Schon die frühe Kirche hat darum gerungen, ob Jesus wirklich „wesensgleich“ mit Gott ist.
Wenn wir das glauben, können wir verstehen, dass Gott selbst in Jesus Christus den Kreuzestod erlitten hat, um Versöhnung zu schenken.
Was steckt dahinter?
Die Beziehung zwischen Gott und den Menschen war von Seiten der Menschen so gestört und zerbrochen, dass Gott selber handeln musste. Und er wollte den Menschen nicht mit irgendwelchen Maßnahmen zur Gemeinschaft mit ihm zwingen. Unsere Freiheit und Würde sollten bleiben! Aber gleichzeitig ist es Gott wichtig, dass der Mensch in einer lebendigen und liebenden Beziehung mit Gott bleibt. Wie konnte das also geschehen, ohne uns zu zwingen?
Der ‚Trick‘: Gott selber also musste Mensch werden, um diese Beziehung wiederherzustellen. Und es musste ein Mensch sein, der diese Beziehung für alle Menschen retten konnte, für alle Zeit, für früher, für heute, für die Zukunft…
Das war nur möglich, indem GOTT ganz Mensch wurde – ein Mensch, der zugleich durch seine göttliche Natur ohne Sünde war. Dieser Mensch war Jesus von Nazareth, unser Christus.
Jesus Christus, „eines Wesens mit dem Vater“ (wie es im Großen Glaubensbekenntnis heißt), ging konsequent und unverbrüchlich den Weg mit Gott, bis in den Tod. Gott hat also nicht irgendeinen Menschen am Kreuz leiden lassen. Er selbst ging in Jesus Christus in den Tod.
Damit wir uns mit diesem grausamen Tod versöhnen können, dürfen wir glauben: Gott ging es nicht in erster Linie um die Art und Weise dieses Todes, sondern um das, was er bewirkte.
Es musst jemand sein, der Gott so innig verbunden ist, dass nichts und niemand ihn davon abbringt, ihn von Gott zu trennen, nicht einmal die Sünde.
Er musste der sein, der im Johannes-Evangelium von sich sagt: „Glaubst du (Anm. von mir: „Philippus“) nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke. Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, dann glaubt aufgrund eben dieser Werke!“(Joh 14,10f.)
Und im Johannes-Evangelium, Kapitel 14, Vers 19 wird dieser Zusammenhang noch mal bekräftigt und betont, dass wir einst in diese göttliche Einheit einbezogen sein werden: „Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch….“
Durch Jesus gab es also DEN Menschen, der selbst keine Erlösung brauchte, weil er ohne Schuld war, der aber für uns und ein für alle Mal die nie mehr endende Versöhnung mit Gott brachte.
Der, der für uns am Kreuz starb, ist wirklich Mensch, Jesus von Nazareth – und zugleich Gott selbst. Gott selbst hat sich selbst und persönlich eingebracht, um die Beziehung Gottes mit uns Menschen unauflöslich zu sichern, damit die Beziehung zwischen ihm und uns nie mehr zerbricht. Insofern können wir von einem ‚Opfer‘ sprechen.
Seitdem muss kein Mensch mehr ein solches ‚Opfer‘ für sich oder andere erbringen!
Was wir Menschen seit Christus brauchen, ist allein der Glaube daran, dass wir durch Jesus von Nazareth und in Jesus Christus, ein für alle Mal mit Gott versöhnt sind! Das bestätigt auch Paulus in seinem Epheserbrief wenn er dort schreibt: „…Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft – Gott hat es geschenkt -,nicht aus Werken, damit keiner sich rühmen kann….“(Epheser 2,8f)
Wir brauchen seitdem nur noch den Mut, unsere Schuld einzugestehen. Wenn wir Gott um Vergebung bitten, schenkt er sie uns. Kein Opfer der Welt ist dafür mehr nötig! Das ist doch so unfassbar großartig!
Hilft uns dieser Gedanke, uns dem Kreuz anzunähern? Hilft es uns zu glauben, dass Jesus nicht im Tod bleiben konnte, weil er Gott ist und dass auch wir als Mensch Anteil an seiner Auferstehung haben? Denn Gott liebt uns so sehr, dass er uns auf immer und ewig bei sich haben will – in diesem und im ewigen Leben!
Kreuzerhöhung
Nicht: das Kreuz überhöhen. Denn Kreuze, überhöht, haben schon Menschen zerdrückt, sie unter Lasten begraben, sie zu Boden geworfen, ohne Hoffnung, je wieder aufzustehen.
Unter solchen Kreuzen versinkt der Leidende, verstummt das Leid, das uns doch täglich begegnet, uns anrührt, uns nicht loslässt.
Kreuzerhöhung – das Kreuz erheben, damit es sichtbar wird: das Kreuz Christi, das Kreuz ungezählter Menschen, auch heute, mitten unter uns.
Das Kreuz erhöhen heißt, das Leid nicht zu verschweigen, es nicht aus der Welt zu reden, sondern ihm standzuhalten, den Blick auf es zu wagen, auf unser eigenes Leid, getragen, erlitten, noch kommend.
Vor dem erhöhten Kreuz brauchen wir nicht zu kriechen. Es lädt uns ein, uns zu erheben, aufrecht zu stehen – zu unserem Leid, zu den Leiden dieser Zeit, zu einer Welt, die befreit werden will, die Erlösung ersehnt.
Das Kreuz, hoch erhoben, weist uns den Weg: durch das Leid hindurch, hin zum Leben.
Stärker als jeder absolutistischer Herrscher: Christus König
Impuls zum Christ-König-Sonntag 2022
Erinnern Sie sich an die Staatstrauer und an die Beisetzung von Queen Elizabeth II. vor einigen Wochen? Ich war da gerade in Urlaub und ich wollte eigentlich nicht viel davon sehen. Aber irgendwie kommt man dann doch nicht ganz daran vorbei. In den Medien sah man Bilder der Queen, von ihren jungen Jahren, von ihrer Krönung, in anderen festlichen Roben, geschmückt mit Diademen, Kronen und Juwelen. Und auch während der Staatstrauer: ihre Krone, der Reichsapfel und das Zepter auf ihrem Sarg. Am Ende der Trauerfeier, bevor der Sarg von ihr herabgelassen wurde, entfernte man feierlich diese Insignien ihrer Königinnenschaft.
Das waren Bilder vom Tod einer Königin in heutiger Zeit.
Wie man sich zu mancher Zeit „Christ-König“ vorgestellt hat. Aber welches Bild gibt ER von sich selber? Quelle: Bild von AJ jaanko auf Pixabay
Ganz anders das Bild des Mannes, den wir heute als Christ-König feiern: Jesus Christus. Geschunden, gemartert, verhöhnt, entehrt, bestialisch hingerichtet ziert sein Haupt keine Krone aus Edelmetall und Edelsteinen, sondern eine Dornenkrone, deren langen Dornen sich in die Kopfhaut eingebohrt haben.
Die Bilder aus London waren schön, voller Pracht – für viele eine Augenweide. Die Bilder aus Jerusalem, das Bild des getöteten Christus: wer mag das ansehen wollen?
Gegenbild: Gekreuzigter Christus des Isenheimer Altars
Der Maler Matthias Grünewald hat mit dem Isenheimer-Altar die Kreuzigungszene für den Bettensaal eines mittelalterlichen Krankenhospiz gemalt, die wir heute noch verstörend empfinden können. Matthias Grünewald hat versucht, den leidenden Menschen seiner Zeit einen durch und durch ebenbürtigen mitleidenden Christus buchstäblich gegenüberzustellen.
Aber dies tat er nicht, um die Kranken noch mehr zu belasten, sondern aus einem anderen Grund:
Wie oft höre ich von ziemlich kranken Menschen Worte wie: „Aber ich kann ja nicht klagen. Anderen Menschen geht es noch schlechter!“
Solche Sätze sagen mir: im eigenen Leid blicken manche Menschen auf das Leid anderer und setzen ihr eigenes Leid im Verhältnis zum Leid der anderen. Das ist kein Tipp, den ich als Außenstehender geben würde und kann. Aber für jene Kranke, die das tun, kann sich die Sicht auf das eigene Leid verändern.
Bitte: Niemals als Ratschlag!
Auf das Leid der anderen zu blicken im eigenen Leid, kann das eigene Leid erträglicher machen.
Ich sage das nicht, als Ratschlag oder als Tipp. Ich sage das nur als Wahrnehmung.
Denn als Außenstehende müssen wir uns davor hüten, kranken und leidenden Menschen zu sagen: „Schau mal, anderen geht es doch viel schlechter als dir!“ Relativierung des Leids steht jenen, die leidende Menschen begleiten, nicht an und es ist nicht hilfreich, sondern oft genau das Gegenteil. Der leidende Mensch kann das so verstehen, dass ein eigenes Leid nicht ernst genommen wird. Nur der Leidende selbst kann für sich den Vergleich mit anderen leidenden Personen anstellen und das in aller Freiheit.
Dann aber kann es passieren, dass das eigene Leid als nicht mehr so arg wahrgenommen wird.
Das ist eine Art Solidarisierung der Leidenden unter einander, auch wenn sie gegenseitig davon nichts wissen.
Solidarität II
Der Isenheimer Altar thematisiert aber noch eine andere Solidarisierung: die göttliche Solidarisierung!
Den kranken Menschen wird mit dem Altarbild ein Bild von leidenden Jesus Christus, dem Sohn Gottes, der ganz und gar in der Geburt in Betlehem Mensch wurde, gezeigt.
Damit will dieses Bild den kranken und leidenden Menschen sagen: Dein Gott, an dem du auch in deinem Leid glaubst und dem du vertrauen willst, hat sich als Mensch selber dem menschlichen Leiden ausgeliefert. Auch wenn sein Leid und dein Leid immer getrennt voneinander sein werden, so möchte dies ein Zeichen sein:
Gott liebt dich so sehr und möchte so sehr um die liebende Beziehung mit dir werben, dass er sich selber nicht verschont hat, sondern wie es bei Paulus heißt: Jesus Christus
„… war Gott gleich, / hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich / und wurde wie ein Sklave / und den Menschen gleich. / Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich / und war gehorsam bis zum Tod, / bis zum Tod am Kreuz….“
(Phil 2,5-8)
Der Schächer, der neben Jesus Christus am Kreuz hing, hat das erkannt und sich in einem letzten Augenblick seines eigenen Lebens dazu bekannt. So wurde für ihn das Bekenntnis zum leidenden Gott, zum mit-leidenden Gott die Quelle der eigenen Erlösung.
Für mich ist das ein Bild, ein Vor-Bild, damit ich lernen kann, dass er auch mich im Leiden und im Tod nicht fallen lässt.
Die Monarchie in Großbritannien und viele andere Monarchien sind Monarchien mit viel Glanz und Pomp, aber ohne wirkliche Macht.
Die Monarchie des Christus unseres Königs ist genau das Gegenteil davon: eine Monarchie ohne Glanz und Pomp, aber mit viel Macht, wenn auch nicht irdischer Macht; aber mit der Macht uns von dem zu befreien, was für Viele oft das Ende des eigenen Lebens zu sein scheint: der Macht, uns vom Tode zu befreien.