Meine Wünsche dir zu deinen Lebzeiten: glückliches Leben gute Gesundheit Zufriedenheit … und ein langes Leben
und uns eine lange weitere Freundschaft mit vielen erfüllenden Begegnungen, Gesprächen, mit deinem Humor, deinem Fein- und Tiefsinn … und so vieles mehr …
Und jetzt?
Jetzt wünsche ich dir, dass dein Weg rund war, dass du im Frieden und Einklang mit dir selbst durch deine Tage gegangen bist.
Ich wünsche dir, dass die letzten Stunden nicht dunkel waren, dass keine Angst an deiner Seite stand, keine Schmerzen deinen Atem schwer machten.
Du warst allein, als du gegangen bist — möge dennoch Nähe bei dir gewesen sein.…
Und möge es einen Ort geben, an dem wir uns wiederfinden und das Ungesagte Worte bekommt …
So tauchen wir ein, in die Szene, die uns heute in diesem Impuls beschäftigt.
Philippus spricht diesen Satz – und mit ihm sprechen wir alle, die wir uns fragen: Wie können, dürfen, sollen wir uns Gott vorstellen?
Manche Religionen verbieten Bilder von Gott, weil sie die Versuchung fürchten, Gott zu vergegenständlichen.
Auch das Christentum kennt die Auseinandersetzung um Bilderkult und Bilderverbot.
Und doch bleibt die Sehnsucht:
Wir wollen Gott sehen, wir wollen ihn finden, wir wollen eine persönliche Beziehung zu ihm.
Das ist kein abstraktes Problem.
Viele Menschen heute ringen damit: Gott als „Vater“, und zugleich betonen immer mehr Menschen die mütterliche Seite Gottes – „sorgender Vater und liebende Mutter“.
Gott als Schöpfer, als personaler Gott, und doch so unbegreiflich.
Manche tun sich schwer, eine persönliche Beziehung zu einem Gott aufzubauen, der zugleich so groß und so fern erscheint.
Genau diese Spannung steckt in Philippus’ Bitte: Zeig uns den Vater.
Mach ihn sichtbar, mach ihn erfahrbar.
Jesus antwortet nicht mit einer theologischen Definition, sondern mit einer überraschend konkreten Aussage: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“
Das ist nicht nur ein Hinweis auf ein historisches Gesicht, das man einst gesehen hat.
Es ist eine Einladung, Jesus zu erkennen – seine Haltung, seine Lebensweise, seine Zuwendung.
Wer Jesus versteht, wer seine Art zu leben und zu handeln erkennt, der erkennt etwas vom Wesen Gottes.
Wenn wir das genauer bedenken, wird klar:
Jesus ist kein Bild, das man an die Wand hängt.
Er ist das lebendige Abbild Gottes.
In ihm sehen wir den Menschen, wie Gott ihn gedacht hat: frei, zugewandt, barmherzig, und doch nicht bloß ein Spiegel unserer Wünsche.
In Jesus begegnet uns Gottes Zuwendung, Gottes Erbarmen, seine Souveränität gegenüber unseren Projektionen.
Jesus zeigt, wie Gott handelt – nicht als Idee, sondern als gelebte Wirklichkeit.
In Jesus sehen wir den Menschen, wie ihn Gott gedacht hat.
Das heißt nicht, dass Jesus ein Idealbild ist, das wir nur bewundern sollen. Es heißt: In seinem Leben wird sichtbar, was möglich ist, wenn ein Mensch in Freiheit und in Liebe lebt, ohne sich von Gott zu lösen.
Und das ist zugleich ein Bild davon, wie Gott ist: zugewandt, heilend, herausfordernd, und doch unabhängig von unseren Wunschträumen.
Jesus geht noch einen Schritt weiter: Er verspricht, dass die, die an ihn glauben, die Werke vollbringen werden, die er vollbringt – und sogar größere.
Das klingt groß und kann leicht überfordern.
Vielleicht ist es hilfreich, das nicht als Leistungsauftrag zu lesen, sondern als Verheißung:
Wenn wir in Beziehung zu Jesus treten, wenn wir seine Worte und Werke in unser Leben lassen, dann wirkt Gottes Kraft durch uns.
Nicht weil wir stärker sind, sondern weil wir verbunden sind.
Was heißt das konkret für unser Leben heute?
Ich möchte drei einfache Wege vorschlagen, die aus deiner Überlegung folgen:
– Schau auf Jesus. Nicht als historische Figur, die weit weg ist, sondern als Mensch, dessen Worte und Taten uns heute ansprechen. Lies seine Worte, hör auf seine Art zu handeln, achte auf seine Nähe zu den Ausgegrenzten, seine Geduld, seine Klarheit.
– Übe die Freundschaft mit Christus. Freundschaft wächst durch Zeit, durch kleine Gesten, durch Vertrauen. Das kann im Gebet sein, im Hören auf die Schrift, im Gespräch mit anderen, im Tun, das seinem Geist entspricht.
– Lass dich von seinen Werken prägen. Wenn Jesus heilt, versöhnt, tröstet, dann sind das keine abgeschlossenen Taten der Vergangenheit. Sie sind Muster, nach denen wir unser Handeln ausrichten können – nicht um zu beweisen, dass wir gut sind, sondern um Raum zu schaffen, in dem Gottes Liebe sichtbar wird.
All das ist keine Garantie für einfache Antworten.
Es bleibt ein Suchen, ein Fragen, ein Tasten, ein Ringen.
Aber gerade dieses Suchen ist Teil des Glaubenslebens.
Philippus’ Frage ist eine ehrliche Frage – und Jesus’ Antwort ist eine Einladung: Komm näher, schau hin, erkenne mich – und du wirst den Vater erkennen.
So können wir Schritt für Schritt in eine tiefere, vertrautere Beziehung zu Christus hineinwachsen – und dadurch auch in die Beziehung zu dem Gott, der für Jesus „sorgender Vater und liebende Mutter“ ist.
Es ist ein Weg, der Zeit braucht, der Geduld verlangt und der immer wieder neu beginnt.
Mit dem heutigen Fest „Taufe des Herrn“ endet die Weihnachtszeit. Wir blicken ein letztes Mal auf die Krippe, aber unser Blick geht vor allem nach vorne: auf den Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu.
Dieses Fest stellt uns eine ganz persönliche Frage, die uns ein Leben lang begleitet:
Was bedeutet es eigentlich für mich, getauft zu sein?
Die meisten von uns haben diese Entscheidung nicht selbst getroffen. Damals waren wir klein; unsere Eltern haben stellvertretend „Ja“ gesagt, weil sie sich für uns den Segen und die Gemeinschaft der Kirche wünschten. Seitdem sind Jahrzehnte vergangen. Wir sind mit diesem Glauben durch das Leben gegangen und haben dabei eigene Erfahrungen gemacht.
Da gab es die hellen Momente: Augenblicke, in denen der Glaube uns Hoffnung gab und uns durch schwere Zeiten trug. Wir haben Gemeinschaft erlebt – in Jugendgruppen, Chören oder im Ehrenamt – und gespürt, wie gut Solidarität tut.
Aber zur Wahrheit gehört auch: Viele von uns haben die Schattenseiten erlebt. Vielleicht standen Sie vor Herausforderungen, bei denen Ihr Glaube an seine Grenzen stieß. Vielleicht ließen schwere Schicksalsschläge Sie an Gottes Güte zweifeln. Und vielleicht haben Sie Enttäuschung in der Kirche erlebt und sich gerade dann allein gelassen gefühlt, als Sie Beistand am nötigsten hatten. Es ist kein Wunder, dass sich heute viele abwenden und sagen: „Der Glaube hält nicht, was er verspricht.“
Ich möchte heute niemanden schelten, der geht oder zweifelt. Aber wir müssen ehrlich sein: Der christliche Glaube hat uns nie einen „Rosengarten“ versprochen, in dem alles mühelos blüht. Schon das Neue Testament berichtet von harten Anfechtungen. Sogar die ersten Apostel wie Paulus und Barnabas hatten so heftige Differenzen, dass sich ihre Wege trennten.
Wenn wir unser Christsein allein auf die Institution oder nur auf die zwischenmenschliche Gemeinschaft stützen, werden wir früher oder später enttäuscht. Menschen sind fehlbar. Gemeinschaften können versagen.
Was also ist das Tragende?
Was ist der Urgrund, auf dem wir heute – als Erwachsene – unser „Ja“ zur Taufe erneuern können?
Die Antwort finden wir bei Johannes dem Täufer. Er schaute nie auf sich selbst, sondern wies immer auf Jesus Christus hin. Er wusste: Das Fundament ist die eigene, ganz persönliche Christus-Hinwendung.
Im Johannesevangelium sagt Jesus einen Satz, der alles verändert:
„Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern Freunde.“ (Joh 15,15)
Das ist der Dreh- und Angelpunkt: Christsein ist zuallererst Beziehung. Eine Freundschaft zu Gott, der uns in Jesus ein menschliches Gesicht geschenkt hat. Vielen ist Gott oft zu abstrakt oder fern. Doch Jesus lädt uns ein, ihm einen konkreten Platz als Freund in unserem Leben zu geben.
Diese Freundschaft können wir auf zwei Wegen pflegen:
Im Mitmenschen: Wie der heilige Martin, der im Bettler Christus erkannte. Solidarität ist gelebte Christus-Beziehung.
In der Stille: Im Gebet oder im vertrauten „Du“, mit dem wir Gott ansprechen.
Ich werbe heute für diese persönliche Beziehung, weil sie das Einzige ist, was wirklich trägt.
Vielleicht kennen Sie das Gefühl: Die schlechten Nachrichten nehmen kein Ende – ein Anruf vom Arzt, ein Streit, der alles infrage stellt, oder die Erkenntnis, dass man sich in der eigenen Gemeinde fremd fühlt. Man fühlt sich dann wie Petrus auf dem See Gennesaret: Der sicher geglaubte Boden gibt nach. Das Wasser ist kalt, und die Wellen der Angst schlagen über einem zusammen. In solchen Momenten nützen kluge Bücher oder theologische Erklärungen gar nichts. Auch die anderen im Boot sind weit weg – sie kämpfen mit ihren eigenen Stürmen.
In dieser absoluten Einsamkeit des Sturms gibt es nur noch zwei Dinge: mich und IHN.
Petrus hält keine lange Rede. Er betet keinen formelhaften Text. Er schreit nur: „Herr, rette mich!“
Genau das ist der Kern der Christusfreundschaft: Es ist die Hand, die im Dunkeln zupackt, noch bevor wir wissen, ob wir schwimmen können. Es ist das Wissen: Da ist jemand, der mich nicht untergehen lässt, selbst wenn ich an mir selbst zweifle. Dieser „Rettungsring“ ist kein theoretisches Konzept – es ist das Vertrauen, dass am Ende des Schreiens nicht die Leere kommt, sondern ein Gegenüber, das mich hält.
Um uns so sehr auf diesen Jesus von Nazareth einzulassen, braucht es eine aktive Christushinwendung.
diese innere Traurigkeit, die emotionale Entwurzelung, das innere Zittern und eisige Kälte, die meine Herzwand berührt und den Schmerz verursacht, des Abschieds, des endgültigen….
Fast 50 Jahre war ich mit Rainer befreundet, wir lernten uns in unserer Berufausbildung 1978 kennen. Er war Auszubildender bei der Handwerkskammer Münster, ich bei der Kreishandwerkschaft Gelsenkirchen. Im Januar 1981 machten wir beide vorzeitig unsere Abschlussprüfung. Später arbeiteten wir oft zusammen und daraus entstand eine sehr persönliche Freundschaft, die bis zu seinem Tod Bestand hatte. Wir trafen uns, bis zum Beginn meines Long-Covid, mindestens ein Mal im Jahr, manchmal auch zwei Mal. Alle drei bis vier Monate führten wir lange, ausführliche Telefonat (selten unter 90 Minuten!). Rainer las auch regelmäßig meine Blog-Beiträge und teilte mir dazu auch seine Gedanken.
Obwohl in der (relativen) Ferne, waren wir uns persönlich immer sehr nah. Sein Tod erschüttert mich, denn ich hätte nie gedacht, dass er so früh stirbt. Er war sportlich, lief seit Jahren Marathon, in Münster, anderorts aber auch im Ausland. Er reiste gerne und liebte die Stadt Wien. In den letzten Jahren wuchs auch seine Liebe für Osteuropa, besonders auch für Polen. Mit ihm starb ein Teil meines eigenen Lebens und meiner Biographie. Ich bin unendlich traurig und bin zugleich so dankbar für das große Geschenk dieser langjährigen, sehr persönlichen Freundschaft.
Rainer war – wie ich ihm häufiger persönlich bekannte – eine durch und durch „treue Seele“.
Nun ist er Ende August von uns gegangen.
Lieber Rainer, ich werde dich nie vergessen, die gemeinsamen Unternehmungen, die vielen tiefgehenden Gespräche und die ellenlangen Telefonate, die wir mehrmals im Jahr geführt haben.
Mir bleibt nur ein stilles und schmerzlich-trauriges: „Adieu!“
Du, treue Seele, guter Freund, fast fünfzig Jahre lang …! Dein Lebensbuch schloss sich zu früh! Adieu! Ich weine um dich!
Ein Tag in einer Stadt voll Hitze. Menschen strömen durch die Straßen Jerusalems, und Jesus, der auf einem Esel sitzt, wird von Jubel und Anerkennung getragen. Kleider und Zweige liegen auf dem Pflaster – eine einfache Einladung, ein stiller Applaus für den, der anders ist.
Gründonnerstag –
Am Tisch, der mehr als nur Essen teilt, versammelt sich eine Gruppe, die noch nicht weiß, dass dies ein einmaliger Moment ist. Brot, Wein und leise Worte werden zum Abschied, das letzte gemeinsame Mahl mit den Vertrauten, ohne zu ahnen, wie sehr sich alles verändern wird.
Karfreitag –
Dann kommt der Augenblick, der alles in Bewegung setzt. Ein Verrat, der in den Gesichtern ein falsches Lächeln trägt, und Jesus geht einen Weg, den er längst vorhergesehen hat – einen Weg voller Schmerzen und Momenten voller Hohn Leugnung und Tränen.
Unter den kritischen Blicken, inmitten von Spott und Ablehnung, sind da auch leise Akte der Menschlichkeit: Frauen, die am Straßenrand weinen, und Veronica, die ihm ein Schweißtuch reicht, als stumme Geste, als Versuch, den Schmerz erträglicher zu machen.
Zum Schluss stehen nur die ganz Treuen: Maria, die mütterlich schweigend aushält, Maria von Magdala, die mehr sieht als nur den Moment, und Johannes, dessen stille Nähe mehr sagt als Worte. Und während das Leben an IHM zu zerbrechen scheint, hallt leise ein Satz durch die Menge – ein Soldat, der erkennt: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn!“
Doch hier endet die Geschichte nicht.
Karsamstag –
der Tag der Grabesruhe, ist kein leiser, endgültiger Abschied, sondern das Versprechen eines neuen Anfangs. Denn am Ende hat das Leben das letzte Wort – eine Auferstehung, die alle Schatten vertreibt, ein Beweis, dass das Licht immer über den Dunkelheit triumphiert.
Ich gehöre zu der Generation, die mit Liedern von Daliah Lavi aufgewachsen sind. Eines dieser Lieder trägt den Titel: „Willst du mit mir gehn…?“ Dieses Lied kam mir am heutigen Palmsonntag wieder in den Sinn. Aber wohl auch deshalb, weil das Thema dieses Liedes ein häufiges Thema in meiner Arbeit als Krankenhaus-Seelsorger ist.
In dem Lied bewegt mich, dass Daliah Lavi davon singt, dass es Situationen gibt, wo man kaum noch Worte findet; wo man weiß, dass Worte manchmal sehr wichtig sind, aber Worte zugleich auch nicht alles sind, weil Worte an ihre Grenzen kommen, etwas Tieferes auszudrücken.
Sie merken, wie ich schon jetzt hier in der Kürze um Formulierungen ringe.
Es geht hier nämlich um existentielle und prägende Situationen in Leben von Menschen, die wie Wegmarken sind oder – noch besser – Wegekreuzungen sind, wo das Leben plötzlich eine ganz andere Wendung nimmt.
Solche Situationen können Krankheiten, zumal schwere Krankheiten sein.
Immer wieder erkenne ich, dass Menschen, die einem kranken Menschen nahestehen, ganz plötzlich verunsichert sind:
Wie verhalte ich mich jetzt?
Woran muss ich denken?
Muss ich die erkrankte Person nicht eher in Ruhe lassen?
Kann ich noch so unbefangen Witze machen, wie wir sie sonst immer gemacht haben?
…
Und nicht selten kommt dann noch die eigene Angst dazu, sich selber mit der Krankheit und ihren möglichen Folgen konfrontieren zu lassen.
Spontan schießt mir dabei ein Gedanken in den Kopf: ‚Kranke, auch Schwerstkranke oder sogar Sterbenskranke sind krank und nicht tot!‘ – Deshalb kann es wichtig sein, den Fokus auf das LEBEN zu richten. Das Leben von Kranken ist manchmal schon eingeschränkt genug; muss ich es da ‚künstlich‘ noch weiter einschränken? Das hat nichts mit Rücksichtslosigkeit zu tun. Natürlich wird man unter den geänderten Bedingungen auch Rücksicht nehmen müssen: auf körperliche oder geistige Belastungen oder Einschränkungen; nicht jedes Thema wäre in der Krankheit ein passendes Thema; …
Die Spur, die ich legen möchte ist: Achtet auf das Leben! Achtet darauf, dass kranke Menschen nicht noch mehr vom Leben abgeschnitten werden, als sowieso schon durch die Krankheit.
Exkurs:
Ich erinnere mich daran, als mein Vater (ich war ca. 14 Jahre alt) schwer krank war. Seine Krankheit ging mit massiven Persönlichkeitsveränderungen einher und er war sehr sensibel geworden, was vor allem auch 'Lautstärke' angeht und das ganz normal alltägliche Leben. So stellte sich bei uns die Frage, inwieweit wir unser Leben (mit Schule, Ausbildung, Freizeit, ...) vor ihm 'filtern' müssten, um ihn 'zu schonen'...? Nach einiger Überlegung sagte uns dann unsere Mutter, dass wir so weiterleben sollen, wie bisher und dass unser Papa nicht von unserem Leben ausgeschlossen werden soll. Er möge weiterhin mitbekommen, was wir so treiben. Ich habe keine Ahnung, ob dieses die beste Entscheidung gewesen ist? Aber ich weiß, dass wir Papa nicht von unserem Leben ausschließen wollten; denn er war weiterhin unser Papa, auch als kranker und hilfsbedürftiger Vater.
Nicht ausweichen
Der Krankheit nicht auszuweichen und der kranken Person nicht auszuweichen, kann das Wichtigstes und zugleich das Schwerste sein, was wir als Familienangehörige, Freunde, Kollegen und Bekannte tun können. Dabei dürfen wir uns auch gewahr sein, dass es uns Einiges abverlangt und auch eine Herausforderung werden kann. Wer aber kranken Menschen menschlich zugetan ist, sollte diesen Gedanken mit einbeziehen. [Zugleich, und das ist mir an dieser Stelle auch ganz wichtig, müssen wir immer auch für uns selber klären, was wir aushalten und er-tragen können? Es nutzt uns und auch der erkrankten Person wenig, wenn uns das Schicksal anderer Menschen so schwer belastet, dass wir keine Hilfe sein können, keine Weggefährt:innen mehr. Besonders problematisch wird, wenn erkrankte Personen neben ihrer eigenen Krankheit dann auch noch den Eindruck bekommen, sie müssten sich um uns kümmern, weil wir mit deren Situation nicht klar kommen. – Das sollte man vermeiden; und falls das passiert, sich als Zugehöriger woanders Hilfe holen, die es auch gibt.]
Und was hat das mit Palmsonntag zu tun?
Der Palmsonntag führt uns durch eine Zeit in der Kirche, die mit den Worten „Himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt“ sehr gut umschrieben werden kann.
Heute der glorreiche, fast schon triumphale Einzug Jesu in Jerusalem und in wenigen Tagen der Karfreitag mit dem Prozess und der Hinrichtung Jesu. Schon heute ‚wissen‘ wir, wohin der Weg Jesu führen wird bis zum Karsamstag. Und heute dürfen wir diesen Feiertag feiern, aber es wäre blauäugig, wenn wir das nicht auch im Hinblick auf die folgenden Tage tun würden. Und ich finde: die großartige Bedeutung des Osterfestes werden wir nur dann erahnen können, wenn wir den Blick für die Zeit zwischen Palmsonntag und Karsamstag nicht verlieren, auch wenn es unbehaglich wird.
Wie wir den Palmsonntag und die nachfolgenden Tage begehen, kann uns auch helfen, unsere Form des Umgangs mit kranken Menschen zu suchen und zu finden, auch und gerade dann, wenn es sich um Schwerstkranke handelt, deren Krankheit unter dem Vorzeichen des nahenden Todes steht.
Mit diesen Worten eines Liedes von Daliah Lavi habe ich meine Gedanken als Krankenhaus-Seelsorger zum Palmsonntag begonnen.
Ich möchte enden mit einem Text der Benediktinerin Sr. Charis Doepgen OSB:
Auf dem Weg nach Jerusalem
mitlaufen oder nachfolgen – Hosianna-Rufe genügen nicht auf dem Weg nach Jerusalem scheiden sich die Geister
Triumph oder Passion – wer ist morgen noch da wer noch am Karfreitag wenn die Richtung eindeutig wird
auch die Getreuen sind angefochten und schwach – wer IHM die Stange hält wird heute einsam
Wo ist mein Platz? Wo möchte ich heute stehen?
mit freundlicher Genehmigung: Sr. Charis Doepgen OSB, in: TE DEUM, April 2022, S. 105
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Palmsonntag und eine gute ‚heilige Woche‘. Wenn Sie auf diesen Beitrag reagieren möchten, dann melden Sie sich gerne. Meine Emailadresse finden Sie hier unter „Kontakt“.