Gaudete

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Besinnliche Texte zum dritten Adventssonntag – Lesejahr A –

Wo die Wüste zu singen beginnt – Zur Lesung von Jesaja 35, 1-6b.10

Die Wüste atmet auf.
Dort, wo Staub die Sonne schluckte
und Stille schwer auf dem Horizont lag,
regt sich ein erstes Grün –
zart wie ein Flüstern,
das noch nicht weiß,
dass es ein Lied werden wird.

Vertrocknete Hände heben sich,
müde Knie richten sich auf.
Ein Mut wächst,
der längst vergessen schien.
Denn einer spricht: „Fürchtet euch nicht.“
Und dieses Wort geht wie Wasser
über dürre-rissige Erde.

Dann kommt es –
wie ein Licht, das niemand festhalten kann:
Augen öffnen sich,
Ohren hören wieder,
Zungen lösen sich
und finden den Ton der Freude.
Die Lahmen tanzen
und tragen die Hoffnung vor sich her
wie ein frisch entzündetes Feuer.

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Die Steppe blüht,
als hätte sie auf diesen Moment gewartet
seit Anbeginn der Welt.

Und die Heimkehrenden gehen los –
auf einem Weg, der heilig genannt wird,
weil er zurückführt
in das Herz Gottes.

Kein Räuber hält sie auf,
kein Schatten legt sich ihnen in den Weg.
Freude holt sie ein,
und Schmerz und Seufzen
fallen von ihnen ab
wie altes Laub.

Am Ende ist nur noch Jubel,
der Himmel und Erde füllt –
und eine Wüste,
die endlich weiß,
dass auch sie
für die Blumen geschaffen ist.

© Gerd Wittka, Dezember 2025


Zum ‚Gaudete‘-Sonntag

Foto: Gerd Wittka, 2024

Der dritte Advent trägt eine andere Farbe als die Tage zuvor:
ein zartes Rosa, das wir hier wirklich nur an der Farbe der Hintergrundbeleuchtung und an dieser rosafarbenen Kerze auf dem Altar erkennen und das
aufscheint wie das erste Licht des Morgens
am Rand einer langen Nacht, wie wir es auch am vergangenen Montag und Dienstag draußen erleben konnten.

„Gaudete – Freuet euch!“
So klingt es an diesem Sonntag im Advent –

und doch scheint die Welt ringsum es eher lauter zu übertönen:
volle Straßen, eilende Schritte,
Listen, Termine, Erwartungen;
als müssten wir Weihnachten herbeischaffen,
anstatt es zu empfangen.

Doch gerade hier,
mitten in der Geschäftigkeit,
beginnt die Freude,
von der die kirchliche Verkündigung heute spricht.

Es ist keine laute Freude,
keine, die übertönt oder überstrahlt.

Es ist die Freude der leisen Töne, die dort wächst,
wo wir still werden, wo wir uns Auszeiten nehmen,
zum Innehalten in diesen dunklen Tagen und wir darüber nachdenken, was es für uns heißen kann, dass Gott in Christus zu uns kommt und uns für seine frohe Botschaft begeistern möchte.

Diese leise Freude kann dort aufbrechen, wo ein Mensch für einen Augenblick in sich hinein horcht und die Worte meditiert:
„ER kommt.“

Der Verheißene,
der Retter,
der unser Herz berühren und bewegen wird
wie eine Hand, die sanft Türen öffnet.

„Machet die Tore weit“,
singt der Psalm,
„und die Türen in der Welt hoch, damit der König einziehe …“

Das ist keine praktische Bauanleitung, jetzt in der kalten Jahreszeit tatsächlich Türen und Tore zu öffnen.
Das wäre energetisch auch ziemlich widersinnig!

Und die wir diese Zeilen aus dem Psalm lesen und beten, wissen das selbstverständlich und verstehen darin die Bild-Sprache, die eine Einladung an unsere Seele ist:

• Schaffe Raum in dir und um dich herum, der dir Befreiung und Weite schenkt, 
• Leere in deinem Leben, was vollgestopft ist.
• Verliere dich nicht in dem,

was angeblich jetzt so wichtig ist.

Denn der König, oder besser: dein Erlöser, der kommen will,
tritt nicht ein
durch geschmückte Eingangshallen,
sondern durch die stille Kammer deines Herzens.

Er findet Wege,
wo du ihm Wege freigibst,
durch Ruhe,
durch Einkehr,
durch das stille Hoffen auf seine Wohltaten,
die er der „aufgescheuchten Seele schenken möchte, für das Heil, das er uns bereitet hat“, wie Dietrich Bonhoeffer in seinem bekannten Lied schrieb.

Gaudete –
Freut euch!

Weil die Freude nicht das Ziel,
sondern die Frucht des Wartens ist.
Weil Gott selbst im Kommen begriffen ist,
auch wenn wir es noch nicht sehen.

Weil ein leises, unscheinbares Licht
bereits den Horizont berührt
und uns zuflüstert:
Die Nähe Gottes wächst –
und mit ihr
die wahre Freude.




Gaudete 2024

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„Freut euch!“ sagt Paulus.
Das klingt schön, aber was, wenn man sich gar nicht danach fühlt?
Wenn man trauert, gemobbt wird, krank ist oder Weihnachten vor der Tür steht, man aber keine Freude empfinden kann?
Freude kann man doch nicht einfach befehlen oder erzwingen!
Was meint Paulus also damit?

Paulus sitzt im Gefängnis, als er diese Worte schreibt.
Er rechnet mit Folter oder sogar dem Tod.
Trotzdem ermutigt er die Menschen in Philippi: „Freut euch dennoch!“
Er spricht von einer tiefen inneren Haltung, nicht von oberflächlicher Fröhlichkeit.
Paulus meint: Seht nicht nur das Negative, bleibt gelassen und lasst euch nicht unterkriegen – trotz aller Schwierigkeiten.

Paulus sagt: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit!“
Diese Freude entsteht aus dem Vertrauen, dass wir zu Gott gehören und in ihm geborgen sind – wie ein Kind im Mutterleib.
Egal, was passiert, Gott ist bei uns.
Paulus erinnert uns: Ob wir leben oder sterben, wir gehören Gott.

Es gibt Menschen, die keine Freude mehr empfinden können.
Ihr Leben scheint nur aus Mühe und Sorgen zu bestehen.
Ihre Gesichter sind voller Falten, sie klagen und auch der Glaube wirkt wie eine Last.
Solchen Menschen zu sagen: „Freut euch!“ klingt sinnlos, aber genau sie brauchen diese Botschaft am meisten.

Andere Menschen strahlen Freude aus, auch wenn sie schwere Zeiten durchgemacht haben.
Diese Freude kommt von innen und zeigt sich in einer positiven Lebenseinstellung.
Genau diese Haltung meint Paulus.
Freude lässt sich nicht erzwingen, aber man kann sie lernen.

Freude ist wie ein Licht, das wir schützen müssen.
Viele Dinge können sie zerstören: Neid, Streit, Sorgen oder Unzufriedenheit.
Diese negativen Einflüsse sind wie ein Glas, das Licht erstickt, oder wie Steine, die auf die Flamme drücken.

Um Freude zu bewahren, können wir versuchen, folgende Impulse in unserem Leben umzusetzen:

  1. Lerne, dich selbst zu mögen und dir etwas zuzutrauen.
    Wir sollten genießen können – wer nicht genießen kann, wird ungenießbar. Gut zu denken, zu handeln und andere gelten zu lassen, schenkt innere Zufriedenheit.
  2. Sorgen gehören zum Leben, aber sie dürfen uns nicht beherrschen.
    Denken wir an den großartigen Satz Jesu: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch Ruhe verschaffen.“ (Mt 11,28).
    Wer seine Sorgen Gott hinhält, der lässt sie los und gibt damit der Freude Platz und Luft.

Wer Freude sich trägt, wird auch Frieden finden – mit sich selbst, mit anderen und mit Gott. Paulus verspricht: „Der Friede Christi, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und Gedanken bewahren.“

Ich wünsche uns allen Mut und Kraft, diese Freude im Alltag zu leben. Sie hat die Macht, alles Schwere zu verbannen und das Wertvolle hervorzubringen. Vielleicht können wir so auch Weihnachten mit neuen Augen betrachten.




Sich stärken

Impuls zu den Lesungstexten des 3. Adventssonntages – Lesejahr A – 2022

Lesungstexte:

  1. Lesung: Jes 35,1-6b.10
  2. Lesung: Jak 5,7–10
Quelle: www.pixabay.de

Kennen Sie die Aktion „Kinder stark machen“? –
Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) hat diese Aktion vor mehr als 25 Jahren gestartet und sie läuft immer noch. Ziel ist es, schon im frühen Alter Kinder für Suchtgefahren zu sensibilisieren, damit sie später sich vor Suchtgefahren schützen können. —-



Kennen Sie die Aktion „Macht Menschen stark!“? —
Sie läuft schon seit über 2500 Jahren. Eines der frühesten Zeugnisse diese Aktion haben wir heute in der ersten Lesung des Propheten Jesaja gehört: „Stärkt die schlaffen Hände und festigt die wankenden Knie! Sagt den Verzagten: Seid stark, fürchtet euch nicht! Seht, euer Gott! (…) Er selbst kommt und wird euch retten.“

„Stärkt die schlaffen Hände…!“ – Quelle: www.pixabay.com

In der zweiten Lesung greift Jakobus diese Aktion auf, in dem er schreibt: „… macht eure Herzen stark, denn die Ankunft des Herrn steht nahe bevor…“

Und im Psalm 118,14 betet der Psalmist: „Meine Stärke und mein Lied ist der Herr; er ist für mich zum Retter geworden.“

Den Menschen stark zu machen, damit er dem Bösen (in sich) widerstehen kann; den Menschen stark zu machen, damit er fähig wird, das Gute zu tun und mit ganzem Herzen zu lieben, das ist auch die Botschaft und die Absicht Jesu.

Er selber bezieht im Matthäus-Evangelium 12,20 das Wort des Propheten Jesaja auf sich (Jes. 42,3): „Das geknickte Rohr zerbricht er nicht / und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; / ja, er bringt wirklich das Recht.“

Immer da, wo wir alle als Christ:innen leben und Zeugnis abgeben wollen, sind wir Teil der Aktion „Macht Menschen stark!“

Dabei zielt diese Aktion in zwei Richtungen.

Sie gilt einmal im Hinblick auf uns selber. Das Wort des Propheten Jesaja „Stärkt die schlaffen Hände und festigt die wankenden Knie…“ können und dürfen wir auf uns selber beziehen. Wir selber dürfen für uns sorgen, damit wir ‚wieder auf die Beine kommen‘, buchstäblich und auch im übertragenen Sinne. Wir selber dürfen und sollten in christlicher Selbstfürsorge darauf achten, stark zu werden.

„Festigt die wankenden Knie…!“ – Quelle: www.pixabay.com

Zugleich gilt das Wort des Propheten Jesaja aber auch für die Menschen, denen wir begegnen. Wenn wir es vermögen, sollen auch wir unseren Beitrag leisten, dass deren erschlafften Hände wieder stark und ihre wankenden Knie wieder gefestigt werden. Da, wo wir andere stärken können, sollen wir auch darauf achten.

Deshalb stand dieses Wort aus dem Propheten Jesaja auch als eines der wichtigsten Leitgedanken über meinen Dienst als Gefängnis-Seelsorger Anfang der 2000er Jahre.

Das ist übrigens auch ein wichtiges therapeutisches Prinzip, zumal in der Psychiatrie.
Die Patient:innen in unserem Johanniter-Krankenhaus sollen nicht allein ‚von außen therapiert werden‘, sondern sind selbst wesentliche Akteure ihrer eigenen Therapie. Sie sind als Patient:innen aktiv eingebunden in der Therapie, z. B. durch Ergotherapie und Sport, aber auch durch andere therapeutische Maßnahmen für Körper und Seele.

Je länger ich in der Psychiatrie als Seelsorger arbeite, um so mehr entdecke ich die therapeutische Dimension der Botschaft Christi.

Die Stärke, die heute in den Lesungen erwähnt wird, kann sicherlich einerseits durch uns selber geprägt und unterstützt werden. Diese Stärkung ist also ein aktives Geschehen.
Zugleich erfahren wir von außen Stärkung: durch Mitmenschen und durch Gott.

So sieht es der Psalmist, wenn er betet: Meine Stärke und mein Lied ist der Herr; ER ist für mich zum Retter geworden.

Heute, am Gaudete-Sonntag dürfen wir uns freuen, wenn wir uns einmal mehr bewusst werden, dass Gott kein Duckmäusertum möchte, sondern dass er – zu unserem eigenen Heil – uns stärken will und uns stark machen und haben möchte.

Heute dürfen wir uns freuen, weil wir als Christ:innen mit dabei sind bei der göttlichen Aktion: „Macht Menschen stark!“