An den Orten, wo wir stehen und wirken müssen wir uns die Frage stellen, wie wir glaubwürdig unseren christlichen Glauben leben und verkündigen.
Gerade in diesen Zeiten, in der sich Populismus, Rassismus, Antidiskriminierung und Hetze ausbreiten wie die Pest des Mittelalters, ist diese Frage um so virulenter.
Eine Frau hat es in diesen Tagen deutlich erkannt und ist ihrer Verantwortung gerecht geworden. Sie hat ihr Christsein und ihr bischöfliches Amt wahrgenommen, glaubwürdig und mutig.
Die Bischöfin der Episkopalkirche in Washington, Rev. Mariann Budde, predigte während eines interreligiösen Gebetsgottesdienstes am 21. Januar eine Botschaft der Einheit und forderte Präsident Donald Trump auf, christliche Barmherzigkeit zu zeigen.
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Auch nach diesem Gottesdienst reagierte Trump erwartungsgemäß. Er bleibt sich treu mit seinen unqualifizierten Reaktionen. So berichtet t-online, das Trump sie als ‚linksradikale Trumphasserin‘ bezeichnet habe, die keine gute Arbeit machen würde. Andere waren sich nicht zu schade, Trump beizuspringen und der Bischöfin das Recht und die Fähigkeit absprechen wollten, aktuelle politische Themen im Licht des christlichen Glaubens zu behandeln. Wenn der Senator Bernie Moreno (natürlich Republikaner!) meint, dass die Bischöfin nicht das Recht habe, den Präsidenten zu belehren, dann muss ich dem Senator erwidern, dass sie als Theologin und Bischöfin sogar die Pflicht hat, den Präsidenten, der selbst immer wieder von seiner religiösen Sendung schwafelt, mit dem Gehalt der christlichen Botschaft zu konfrontieren. Quelle: Trump verhöhnt Bischöfin nach kritischer Predigt im Gottesdienst
Trump wird nie ein weiser Präsident sein oder werden
Gerade die Reaktionen des Präsidenten zeigen, dass er menschlich nicht in der Lage ist, Kritik zu hören, zu verarbeiten und ggfs. auch anzunehmen und das er zur Selbstkritik erst recht nicht fähig ist. Trump geht es immer und allein nur darum, dass er im guten Licht steht. Damit fehlt ihm mindestens eine wichtige Voraussetzung und menschliche Reife, um jetzt oder auch nur später als ein weiser Präsident in die Geschichte eingehen zu können. Ich fürchte, es wird sogar eher genau das Gegenteil sein.
Das heutige Evangelium ist uns, die wir regelmäßig die Gottesdienste besuchen vertraut. Da sind die Jünger hinter verschlossenen Türen, plötzlich kommt der Auferstandene in ihre Mitte, sagt ihnen zwei mal den Frieden zu und dazwischen empfangen sie auch noch den Heiligen Geist.
Thomas, der nicht dabei war, bekommt von seinen Kollegen erzählt, dass sie dem Auferstandenen begegnet seien; dass ER bei ihnen war. Doch Thomas scheinen sie so leicht nicht überzeugen zu können. Er, der der ‚Zweifler‘ genannt wird, fordert Beweise! „Beweise, Watson, Beweise!“ – wie der Meisterdetektiv Sherlock Holmes immer zu sagen pflegte.
Eigentlich ist er doch sehr vernünftig, dieser Thomas! Wie oft schon haben wir gehört, dass Menschen Opfer von Fake-News geworden sind, weil sie ‚leichtgläubig‘ anderen auf dem Leim gegangen sind und Lügen als vermeintliche Wahrheiten verkauft wurden.
Ich persönliche halte es da doch lieber mit dem Thomas und begegne solchen Aussagen auch kritisch.
Später, als Thomas dabei ist und der Auferstandene sich ihnen wieder offenbart bekommt Thomas die ‚Beweise‘ und er erkennt den Auferstandenen. Was für ein Glück! – Das haben wir nicht heute! Und dann das mittlerweile „geflügelte Wort“ Jesu: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“
Auch dieses Wort Jesu dürfen wir etwas kritischer unter die Lupe nehmen, nämlich dann, wenn wir auf die Gotteserfahrungen heutiger Menschen schauen. Nein, ich will jetzt hier nicht die pauschale Klage über den vermeintlichen Unglauben heutiger Zeit erheben oder darin mit einstimmen. Und nein, ich will jene nicht tadeln, die sich – vielleicht nur augenscheinlich – nicht um ihren Glauben kümmern.
Wenn man nicht sieht und gerne glauben würde …
Ich möchte jene Menschen unter uns in den Blick nehmen, denen solche Sätze aus dem Mund Jesu heute noch wie ein Schlag ins Gesicht vorkommen können! Dabei denke ich an die Menschen, die von schweren Schicksalsschlägen getroffen wurden, die viel persönliche Not erfahren haben und bis dahin sich immer als Menschen verstanden haben, die – wenn auch irgendwie – an Gott glauben, für die Gott keine Randgestalt ihres Lebens ist – oder muss ich besser sagen: ‚war‘!
Denn Schicksalsschläge fechten nicht selten auch den Glauben an. Selbst Jesus schreit am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“?! Die Erfahrung von Gottesferne teilen seit Jesus unzählige Menschen nach ihm. Er, an den sie bislang geglaubt und an dem sie bislang festgehalten haben, hält sie scheinbar nicht mehr fest. Ihr Vertrauen in dem, dem sie sich bisher anvertraut haben, scheint ihnen nun so fern. Massenhaft machen Menschen heute noch diese Erfahrungen! „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ steht der Erfahrung derer gegenüber, die sagen: „Ich sehe Gott nicht, will an ihn glauben, gerade jetzt in dieser Zeit, aber ich kann es einfach nicht!“
Was ist mit denen? Gilt denen die Seligpreisung Jesu aus dem heutigen Evangelium nicht! Sind sie auch hier ‚Loser‘, die Verlierer?!
Die Qual, Gottes Hilfe zu brauchen, sie aber nicht zu spüren, nicht zu erfahren, ist das Schlimmste, was sonst gläubige Menschen erfahren können. Denn das, was ihnen Fundament sein und Halt geben sollte, worauf sie viele Jahre gehofft haben, dass gerade in Zeiten der Krise sie auf Gott vertrauen können, wird nicht in ihrem Leben erfahrbar.
Wenn wir solchen Menschen begegnen, sollten wir tunlichst solche wohlfeilen Worte, wie dieses aus dem heutigen Evangelium unterlassen.
Das heißt nicht, dass dieses Wort Jesu theologisch falsch ist – im Gegenteil. Aber Theologie deckt sich oft nicht mit den subjektiven Wahrnehmen der Menschen. Wenn wir solche Situationen bei anderen oder sogar vielleicht selber bei uns erleben, dann tut eines als Erstes Not: Diese Wahrnehmung ernst zu nehmen und nicht floskelhaft beschwichtigen zu wollen. Denn der nahe Gott, der immer zugleich auch als der ferne Gott erfahren wird, ist schon seit der Bibel bekannt. Welche Perspektiven haben dann jene, die ihn zur Zeit nicht erkennen, die den Auferstanden nicht erkennen, der auch sie zu einem neuen Leben führen will?!
Es mag abgedroschen klingen, aber ich finde, solche Menschen werden für uns zur Aufgabe.
Wenn wir immer noch das feste Vertrauen haben, dass der Auferstandene auch uns zum neuen Leben ruft und SEIN Frieden uns mit einschließt, dann können wir diesen Auferstanden nur selber durch unser eigene Nähe zu diesen Menschen zum Ausdruck bringen. Die Geistessendung, von der wir heute im Evangelium gehört haben, kommt nämlich nicht von ungefähr. Geist-Sendung macht uns selber zu Geist-Sender:innen!
Durch seine Jünger, beziehungsweise durch uns selber, will der Auferstandene erfahrbar werden, auch für jene, die nicht sehen, damit sie glauben und auch (weiterhin) glauben können.
„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“
Ich kann das so nicht allein stehen lassen!
Ich ergänze:
Selig sind , die nicht sehen und nicht glauben können, obwohl sie es gerne möchten und dennoch an Gott nicht irre werden, sondern auch in Zeiten der Wüste an IHM festhalten können! Denn ihr Vertrauen ist ein ‚blindes Vertrauen‘ in Gott!
(Gerd Wittka, 15.4.2023)
Fünf Brote und zwei Fische
Ansprache zum 17. Sonntag im Jahreskreis – 25.07.2021
Schrifststelle: Joh 6, 1- 15
Quelle: www.pixabay.com
Manchmal ist es so wertvoll, wenn Kinder uns fragen. So ist es mir an der ersten Kaplanstelle in Bochum ergangen, als ich für zwei Jahre an einer Grundschule im 3. und 4. Schuljahr Schwangerschaftsvertretung im Religionsunterricht wahr genommen habe.
Einmal war auch das heutige Evangelium dran. Kinder sind erst einmal aufgeschlossen für Wundergeschichten. In ihrer kindlichen Phantasie – und das will ich gar nicht negativ verstanden wissen – glauben sie manchmal direkt, was sie hören. Die klare Trennung zwischen Realität und Fiktion, zwischen Dichtung und Tatsachen sind bei ihnen fließend. Da kann es auch sein, dass sie dieses Wunder der Brotvermehrung wörtlich nehmen und für ihren Glauben spielt es dann auch keine große Rolle. Sie verstehen unmittelbar: da ist Jesus, der Sohn Gottes; und der sorgt und kümmert sich um die Menschen, er kümmert sich darum, dass sie genügend zu essen haben, nicht hungern müssen.
Interessant wird es dann, wenn sie aber weiter fragen. So ist es mir ergangen in diesem Religionsunterricht. Hanna, eine Schülerin, damals noch ungetauft (sieh wollte dann später selber getauft werden) und mit sehr wachem Verstand, fragte dann: Wie soll das denn gehen? Irgendwo her muss das Brot doch gekommen sein, dass dann noch so viel übrig blieb?
Jetzt war ich gefordert, denn ich wusste ja, dass diese Wundererzählungen keine historischen Tatsachenberichte waren.
Wie jetzt damit umgehen? Einfach den Kindern sagen, dass es keine Tatsachenberichte, sondern lediglich symbolische Erzählungen sind, die eine bestimmte theologische Aussage machen wollen?
Das kam mir dann doch zu schwierig vor; ich würde die Kinder damit überlasten.
Und mir kam ein Geistesblitz. Ich fragte einfach zurück in die Klasse: „Hannah fragt, wie auf einmal so viel Brot herkommen konnte. Hat jemand eine Idee?“
Schweigen in der Klasse, die Kinder überlegten. Dann brach ein Kind das Schweigen und erzählte von einer Tagesfahrt mit mehreren Kindern. Es hatte von zuhause ein Lunchpaket mitbekommen. Die Eltern hatten es sehr großzügig gehalten und am Ende des Tages hätte das Kind sicherlich noch ein paar „Hasenbrote“ mit zurück gebracht. Dieses Kind erzählt von einem anderen Kind, das irgendwie vergessen hatte, sein Lunchpaket mitzunehmen; kann ja vorkommen, wir kennen sowas ja auch.
Was nun? Das eine Kind mit dem Lunchpaket konnte es nicht ertragen, dass das andere Kind nichts hatte. Und so erzählt es, dass es einfach von seinem Lunchpaket mit dem anderen Kind geteilt hatte. Und weil die Eltern es so gut mit es gemeint hatten, reichte es für beide … und etwas blieb sogar noch übrig.
Ich war baff!
Das eine Kind mit dem Lunchpaket hatte sich ansprechen lassen von der Not des anderen und in seiner Herzlichkeit teilt es, was es hatte. Und es reichte für beide.
Das erinnerte mich an das Lied: „Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt.“
Damit war aber noch nicht beantwortet, was das Wunderbare dann an dem Evangelium ist.
Doch auch da kann uns die Schülererzählung helfen. Bei dem Kind mit dem Lunchpaket war es dessen Herzlichkeit, sein Mitgefühl, sein Mitleid mit dem anderen Kind. Mitleid und Mitgefühl kommen aber aus der Quelle der Liebe, unserem Herzen. Und die Liebe ist eine Gabe Gottes, die gute Gabe des Heiligen Geistes.
Als Glaubende könnten wir von dieser Geschichte auch sagen: da war Gottes Heiliger Geist am Werk. Und wenn wir dieses sagen, dann sagen wir damit, dass diese heilsame Situation etwas mit Gott zu tun hat.
Dort ist der springende Punkt zu den Wundererzählungen: In alltäglichen Begebenheiten erkennen glaubende Menschen Gott am Werk. Bestimmte Situationen, die wir als heilsam erfahren, bringen wir mit Gott in Verbindung und verweisen auf ihn.
Das nennt die Bibel klassischerweise „Wunder“ – Geschehnisse, die mit dem glaubenden Herzen als Werk Gottes erkannt werden und auf ihn in unserem Leben hinweisen wollen.
So hatten wir in der dritten Klasse eine plausible Lösung gefunden für etwas, wofür es keine historischen Tatsachenberichte gibt, aber dennoch von den Menschen als wundersam erfahren wurden.
Die Rede Jesu könnte die Herzen der damaligen Menschen bewegt haben, so dass alle bereit waren, zu teilen und zu geben, was sie hatten. Und am Ende war sogar noch etwas übrig.
See von Galiläa, Tabgha, Quelle: www.pixabay.com
Es ist Zufall, aber dieses Evangelium erreicht uns heute, gut eine Woche nach er Flutkatastrophe in Deutschland und den Anrainerstaaten.
Viele Menschen geht die Not zu Herzen, sie spenden, helfen aktiv mit. Dadurch ist in den letzten Tagen schon so viel erreicht worden. Aber es wird noch weitere Solidarität nötig sein.
Wenn manche dann durch diese Solidität das Wirken des Heiligen Geistes erkennen und dass Gott da selber am Werke ist und die Menschen zu diesen Taten der Nächstenliebe bewegt, dann werden sicherlich einige darunter sein, die später mal sagen werden: Es ist ein Wunder, dass wir die Katastrophe so gut überwunden haben.l
„Glauben heißt: die Unbegreiflichkeit Gottes aushalten – ein Leben lang.“ (Karl Rahner SJ)
Dieses Wort stand über den Freitag, 20. Mai 1994, als fünf Männer aus dem Bistum Essen durch Bischof Hubert Luthe zu Priestern geweiht wurden; einer von ihnen war ich.
Dieser Tag war ein warmer Mai-Frühlingstag. Bis zum Frühstück waren wir noch bei den Benediktinerinnen von Köln-Raderberg. Bei Sr. Otgera Kremer OSB hatten wir unsere einwöchigen Weiheexterzitien.
Der Weihespruch, das obige Wort von Karl Rahner SJ, begleitete uns dabei.
Ich erinnere mich daran, dass Sr. Otgera dieses Wort aufgriff und sinngemäß fragte: „Wisst ihr eigentlich, was für ein Wort ihr da für euch und eure Weihe ausgesucht habt? … Ihr werdet lernen, es mit eurem Leben zu bezeugen…“
Als wir uns im Weihekurs dieses Wort ausgesucht hatten, fiel es uns relativ leicht. Heute denke ich, dass wir unbewusst schon etwas von der ‚Wahrheit‘ dieses Wortes erahnt haben, ohne uns aber der konkreten Herausforderungen dieses Wortes gegenwärtig zu gewesen zu sein.
Vielleicht lag genau darin das besondere in diesem Wort: eine Ahnung von der ‚Richtigkeit‘ zu haben, ohne zu wissen, was auf uns zukommen wird.
Für mich war das die Situation in meiner ersten Gemeinde als Kaplan: eine sehr bürgerlich geprägte Pfarrei. Mein Pfarrer hatte es nicht leicht, weil der ‚Geist‘ seines Vorgängers immer noch – nach Jahren – über der Pfarrei schwebte; ständig wurde er und ich daran erinnert: „Damals, bei Pfarrer X.Y….“ – Das Wort „damals“ schien irgendwie prägend gewesen zu sein: die Pfarrei war lebendig, ohne Zweifel. Aber es war vieles festgefahren. Uns wurde gesagt, wie man es „schon immer“ gemacht habe (… und wir auch gefälligst weiter so zu machen haben…“). Doch diese Zeiten waren vorbei; sie waren deshalb schon allein vorbei, weil ich von Bischof Luthe gesagt bekommen hatte, dass ich in dieser Pfarrei der letzte Kaplan sein würde und es gut wäre, wenn ich meinen Arbeitsbereich dafür fit machen würde. (Schon damals war klar, dass es Veränderungen und Umstrukturierungen geben würde.) Doch alteingesessenen Pfarreimitgliedern stieß das sauer auf. Das merkte ich z.B. daran, als ich dran ging, die beiden großen Jugendverbände, die dort waren, eigenständiger werden zu lassen. Die Frage nach der geistlichen Leitung ohne einen Kaplan stand an. Es ist schon irgendwie komisch, wenn man an eine Stelle versetzt wird mit dem „Auftrag“ sich überflüssig zu machen. Ich hörte Gerüchte, dass ich zu faul sei und mich nicht mehr um die Jugend kümmern würde. Irgendwann gab es auch mal heftige Auseinandersetzungen im Pfarrgemeinderat (PGR).
Ich erinnere mich nicht mehr an Einzelheiten, aber der Krach war so groß, dass sich bei der nächsten PGR-Wahl einige „alteingesessene“ nicht mehr zu Wahl stellten.
Das war belastend, aber im Nachhinein habe ich das als große Chance wahrgenommen. Denn bei der nächsten Wahl kamen engagierte Christ:innen in den Pfarrgemeinderat, die vorher überhaupt dazu keine Chance hatten. Und nach der Wahl spürte ich eine merkliche positive Veränderung: den Geist der Wandlung und kleinen Erneuerungen. Auch die Jugendlichen, die sich darauf eingelassen haben, haben mich dabei unterstützt. Dabei sorgten diese Veränderungen auch bei ihnen für zeitweise großen Stress. Durch Personalveränderungen im Vorstand eines Verbandes kam es zu einem buchstäblichen „Machtvakuum“; und wer sich mit gruppendynamischen Prozessen auskennt, weiß, dass dann Prozesse beginnen, wo versucht wird, dieses Vakuum wieder zu füllen. Und das geht nicht ohne Konflikte. Ich erinnere mich sehr gut an einer Sitzung, wo wir bis früh morgens fast um 3 Uhr getagt haben, weil eine Lösung gefunden werden musste (und sie wurde dann auch gefunden).
Nach einigen Monaten gelang es uns aber, die Strukturen so zu verändern, dass nun Menschen in Verantwortung in beiden Jugendverbänden kamen, die es mir möglich erscheinen ließen, dass sie später auch ohne einen Kaplan auskommen konnten. Das empfinde ich im Nachhinein als einen großen Erfolg. (btw: Zum ersten Mal übernahm eine geistlich erfahrene Frau und Mutter dort die Aufgabe der ‚Kuratin‘ bei der dortigen DPSG.)
Wenn man heute auf die Seite der Pfarrei geht (die zwischenzeitlich mit früheren anderen Pfarreien zusammengelegt wurde), dann sieht man, dass es die beiden großen Jugendverbände noch immer gibt und diese ziemlich aktiv sind. Das freut mich immer noch, weil es zeigt, dass ich nichts ‚kaputt‘ gemacht habe. (Heute würde mich interessieren, was so aus der geistlichen Leitung geworden ist und welche Akzente und Impulse es dort noch gibt?)
Doch dieser ‚Erfolg‘ hatte seinen Preis: in dieser Zeit erkrankte ich an eine psychovegetative Funktionsstörung des Dames (Reizdarm), unter dem ich heute noch leide. Heute werte ich geistlich dieses Phase meines Dienstes im Geiste der Erfahrung des Jakob an der Furt zu Jabbok. Schon nach drei Jahren musste ich die Pfarrei aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig verlassen, weil ich durch meine Erkrankung so eingeschränkt war, dass ich meinem Pfarrer keine große und verlässliche Hilfe mehr sein konnte. Die Unerklärlichkeit Gottes auszuhalten hieß in diesem Fall für mich, sich zu engagieren, dabei persönlich die eigenen Grenzen vor Augen geführt zu bekommen … um dann einige Jahre später zu entdecken, dass dieser Weg ein guter für mich war, auch wenn ich es damals schwer annehmen konnte.
Wenige Jahre später erkrankte mein Kurskollege Kaplan Johannes Breining so schwer, dass er im Januar 2000 mit noch nicht mal 40 Jahren starb. Seine Leidenszeit und auch sein viel zu früher Tod haben uns alle sehr zugesetzt. Mit wieviel Elan sind wir alle in unseren Dienst gegangen; wir hatten Vorstellungen darüber, wie unsere Zukunft mal aussehen könnte, wie wir z.B. als Pfarrer später mal eine eigene Pfarrei leiten würden? Wir machten uns Gedanken über unsere Zukunft und auch die Zukunft unserer Kirche. Doch der Tod von Johannes Breining hat mich mit der Nase darauf gestoßen, nicht zu weit nach vorne zu denken und zu planen, sondern vielmehr das „Hier und Jetzt“ in den Blick zu nehmen. Das Lied: „Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde. Heute wird getan oder auch vertan, worauf es ankommt…“ wurde da auf einmal sehr konkret und buchstäblich erfahrbar. … und die Unerklärlichkeit Gottes auszuhalten heißt dann, trotz aller Visionen und Planungen damit klar zu kommen, dass Gottes Wege oftmals andere sind als jene, die unseren Vorstellungen entspringen.
Anfang der 2000er Jahre war ich für sechs Jahre Seelsorger im Strafvollzug (Justizvollzugsanstalt Gelsenkirchen und Jugendarrestanstalt Essen-Werden). Eher zufällig wurde ich dort Seelsorger, weil für die Eucharistiefeiern ein Priester fehlte, wurde ich angefragt, ob ich mir diesen Dienst vorstellen könnte. Ja, ich konnte, aber nur unter der Bedingung, dass ich nicht einmal in der Woche dort zur Zelebration ‚eingeflogen‘ komme und sonst nichts mit den Inhaftierten und den Mitarbeitenden zu tun habe. Ich wollte auch seelsorgliche Aufgaben übernehmen. Denn: es wäre für mich ein Widerspruch, Gottesdienste dort anzubieten, ohne an deren Alltag und Sorgen und Themen Anteil zu haben. So bot ich Dienstag abends auch eine Gesprächsgruppe an. Dort trafen sich inhaftierte Männer, die wegen unterschiedlichen Delikten ‚einsaßen‘. In Gelsenkirchen hatten wir von einfachen Straftaten z.B. Diebstahl, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz (Drogenhandel und -konsum), aber auch Betrug, Raub und Totschlag. So komisch es klingen mag, aber ich bot diese Gruppe gerne an, denn es gab dort viele gute Gespräche und auch Begegnungen. In der Gruppe und auch in der Begleitung hatte ich auch Männer, die wegen eines schweren Gewaltverbrechens inhaftiert waren. In meiner Arbeit durfte und musste ich oft in Abgründe menschlicher Existenz schauen. Ich habe erfahren, wie viele von ihnen für schlimme Taten verantwortlich waren. Ich habe aber auch erfahren, wie viele von ihnen selber Opfer von Gewalt und Missbrauch geworden sind. Ich lerne zu erkennen, dass der Mensch ein großes Geheimnis ist und dass wie niemals Menschen ganz kennenlernen oder gar durchschauen können. Ich habe erfahren, dass Menschen mit schwerer Schuld sich zugleich suchend und fragend auf den Weg gemacht haben. Ich habe gelernt, dass sich hinter einer harten Schale oft ein weicher Kern verbirgt. Wie sehr leiden inhaftierte Frauen und Männer, wenn ihre Beziehung unter der Haft Schaden nimmt, sie Angst davor haben, noch die Menschen ‚draußen‘ zu verlieren, die ihnen eigentlich am nächsten sein sollen.
Oft konnte ich erleben, dass wir sehr gute Begegnungen und Gespräche hatten, mit viel gegenseitigem Respekt und Achtung und auch mit viel Freude; und bei manchen entdeckte ich sehr viel Liebenswürdigkeit.
Das hat mich anfangs sehr überrascht und berührt. Ich musste lernen, dass der Mensch nicht von Grund auf böse und schlecht ist und dass Menschen, die größte Schuld auf sich geladen haben, zugleich einen liebens-würdigen Kern besitzen können.
Anfangs hatte ich mich oft sehr unwohl gefühlt, wenn ich in eine Zelle zum Gespräch ging, wo jemand war, der schwere Verbrechen begangen hatte. Ja, natürlich hatte ich auch etwas Angst. Und wir wussten auch, dass in der Vergangenheit Seelsorger:innen schon mal als Geiseln genutzt wurden, damit Inhaftierte in die Freiheit kommen konnten.
Doch mit der Zeit, wurde diese Sorge immer kleiner; mit der zunehmenden Erfahrung wurde ich freier, von meiner berechtigten Sorge abzusehen und besser in die Begegnung gehen zu können.
Die Unbegreiflichkeit Gottes lag hier für mich darin, erkennen zu müssen, dass schwere Straftaten zwar das ganze Leben prägen werden, aber dass der Mensch dennoch nicht verworfen ist, von Gott.
Seit Oktober 2010 arbeite ich als Krankenhaus-Seelsorger, in einem Krankenhaus der sogenannten „Maximalversorgung“. Dort gibt es drei somatische Kliniken (Urologie, Nephrologie und Lungen- und Bronchialheilkunde) sowie eine große psychiatische Klinik mit mittlerweile sechs Stationen, einer Tagesklinik sowie einer Psychiatrischen Institutsambulanz (PIA). Hier nehme ich das Thema unseres Weihespruches besonders deutlich wahr. Und vielleicht ist es auch gut, dass ich erst peu a peu und langsam steigernd in diesen Seelsorgebereich hineingekommen bin, gewappnet mit Erfahrungen der vorherigen knapp 16 Jahren. Ich erlebe Patient:innen, die plötzlich, manchmal von heute auf morgen, mit schweren Erkrankungen konfrontiert werden, wo das Leben völlig aus den Fugen gerät, Zukunftspläne zerstört werden und schlimmstenfalls sogar Sorgen und Ängste um das eigene Leben den Alltag bestimmen. Ich erlebe psychiatrische Patient:innen, die wochen- oder gar monate- und jahrelang unter einer schweren psychischen Erkrankung leiden, zwischendurch mut- und hoffnungslos sind, aber sich immer wieder neu aufraffen. So oft höre ich Sätze wie: „Ich will mein altes Leben zurück!“ Das sind für mich Schreie der Hilflosigkeit und der Verzweifelung. Manche sind sogar überzeugt, dass das Ende ihres Lebens besser wäre, als so weiterzuleben.
Als Seelsorger versuche ich, die Menschen zu begleiten, damit sie ihre Situation besser ertragen oder bestensfalls sogar weiterhin einen Sinn in ihrem Leben sehen können, der ihnen die Kraft gibt, durch diese schwere Zeit zu gehen. Aber zugleich spüre ich oft eine Sprachlosigkeit; Antworten aus meinem Munde wirken dann hohl und fern; Plattitüden verbieten sich und ich brauche selber Mut, um eingestehen zu können: auch ich habe keine Antworten.
Hier ist die Unbegreiflichkeit Gottes für mich am deutlichsten zu spüren.
Doch wenn ich dann zugleich auch eine Kraft in mir spüre, bei den Menschen zu bleiben, mit ihnen zu sein, dann spüre ich etwas vom Glauben, der da ist, obwohl ich zugleich die Unbegreiflichkeit Gottes spüre und auch aushalten kann.
Dass das nicht ohne Blessuren geht und es für mich eine Herausforderung und Zu-mutung ist, ist dabei natürlich selbstverständlich.