„Unser Status: ‚heilig‘!

Impuls zum 2. Sonntag im Jahreskreis – A – 2026
Fühlen Sie sich „heilig“?
Würden Sie von sich selbst sagen, dass Sie „heilig“ sind?
Für viele klingt diese Frage zunächst fremd oder sogar anmaßend.
Denn der Begriff „heilig“ ist in unserer katholischen Kirche stark besetzt. Wir verbinden ihn vor allem mit den großen Heiligen: mit Menschen, die als Glaubenszeugen verehrt werden und die uns durch ihre Heiligsprechung als Vorbilder empfohlen sind.
Und doch hören wir heute in der Lesung etwas Überraschendes.
Der Apostel Paulus spricht nicht einzelne herausragende Personen an, sondern die ganze Gemeinde von Korinth.
Er nennt sie „die Geheiligten in Christus Jesus, die berufenen Heiligen“.
Paulus macht also keinen Unterschied.
Für ihn sind alle Christinnen und Christen in Korinth heilig.
Das wirft Fragen auf.
• Gab es in dieser Gemeinde wirklich nur vorbildliche Menschen?
• Waren dort keine, die egoistisch lebten oder skrupellos handelten?
• Gab es keine Christinnen und Christen, deren Leben – auch nach damaligen Maßstäben – Anlass zur Kritik gegeben hätte?
Doch, davon dürfen wir ausgehen.
Und genau hier wird deutlich, was Paulus mit „heilig“ meint.
Heilig zu sein bedeutet für ihn nicht, tadellos zu sein.
Es heißt nicht, ohne Fehler, ohne Brüche oder ohne dunkle Seiten zu leben.
Das gilt übrigens auch für die Heiligen unserer Kirche.
Auch ihre Lebensgeschichten sind nicht makellos.
Sie sind nicht deshalb Vorbilder, weil sie perfekt gewesen wären, sondern weil sie in aller Menschlichkeit versucht haben, den Glauben zu leben: weil sie gerungen haben, weil sie gescheitert und wieder aufgestanden sind, weil sie im Glauben geblieben oder zu ihm zurückgekehrt sind, wenn er ins Wanken geraten war.
Mit diesem Verständnis von Heiligkeit steht Paulus ganz in der Tradition des Alten Testaments.
Schon dort wird das Volk Israel als „heilig“ bezeichnet.
Und das, obwohl die Bibel sehr offen auch von den dunklen Seiten dieses Volkes erzählt: von Untreue, von Abkehr von Gott, sogar von der Verehrung anderer Götter.
Mehr Bruch im Glauben geht kaum.
Und dennoch bleibt Israel heilig. Warum?
Nicht wegen seines Verhaltens, sondern weil Gott selbst heilig ist.
Israel ist heilig, weil es von Gott erwählt ist – und diese Erwählung ist unwiderruflich. Darum ist auch seine Heiligkeit nicht aufkündbar.
Ganz ähnlich verhält es sich mit uns Christinnen und Christen.
Durch die Taufe sind wir mit Christus verbunden. Paulus sagt: Wir haben Christus in der Taufe „angezogen“.
Dieses Bild ist wichtig.
Christus ist kein Kleid, das man irgendwann ablegt, weil es nicht mehr passt oder weil es alt geworden ist.
Durch die Taufe ist dieses „Kleid Christi“ so etwas wie eine zweite Haut geworden.
Man kann sie verdecken, man kann sie überlagern mit vielem, was von außen schöner aussieht – aber man kann sie nicht abstreifen.
Vielleicht ist das ein gutes Bild für die Gnade der Taufe.
Sie lässt sich nicht rückgängig machen.
Getauft bleibt man Christ – unabhängig davon, wie nah oder fern man sich der Kirche oder der Glaubensgemeinschaft fühlt.
Eine Formulierung aus dem heutigen Evangelium unterstreicht diese Beständigkeit. Johannes der Täufer berichtet von einer Vision, die Gott ihm geschenkt hat. In dieser Vision sagt Gott zu Johannes über Jesus:
„Auf wen du den Geist herabkommen und auf ihm bleiben siehst, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft.“
Mir ist dabei ein Wort besonders wichtig: „und auf ihm bleiben“.
An anderer Stelle heißt es: „Der Geist ruhte auf ihm.“
Der Heilige Geist ist keine vorübergehende Erscheinung.
Er kommt nicht nur für einen Moment und verschwindet dann wieder.
Er bleibt.
Er ruht.
Einmal gesandt, lässt sich der Heilige Geist nicht abschütteln.
Er macht es sich bei uns gewissermaßen bequem – so, dass man wirklich sagen kann: Er ruht auf uns.
In einem neuen geistlichen Lied meiner Kindheit heißt es:
„Du Herr, gabst uns dein festes Wort.
Gib uns allen deinen Geist.
Du gehst nie wieder von uns fort.
Gib uns allen deinen Geist.“
zitiert nach: https://active-words.livejournal.com/51992.html
Der Gedanke dahinter ist schön, aber streng genommen ist er theologisch nicht ganz präzise.
Denn wir müssen Gott nicht immer neu um seinen Geist bitten, als könnte er sich verflüchtigen wie Alkohol, der an der Luft verdunstet.
Der Heilige Geist bleibt.
Auch dann, wenn wir ihn ignorieren.
Auch dann, wenn unser Glaube oberflächlich geworden ist oder vernachlässigt wird.
Vielleicht sollten wir deshalb anders beten:
„Herr, lass deinen Geist in uns weiter wirken.
Schenke uns die Bereitschaft, uns auf sein Wirken einzulassen.
Hilf uns, nicht gegen ihn zu leben – im Denken, im Reden und im Tun.“
( Gerd A. Wittka, 2026)
Wenn wir so aus dem Geist leben, dann wird unsere Heiligkeit sichtbar. Nicht als etwas Glänzendes oder Überhöhtes, sondern als ein Licht, das das Leben anderer Menschen heller macht.
Ein Licht, das Orientierung geben kann.
Ein Licht, das hilft, Leben gelingen zu lassen.
Das meint Heiligkeit – mitten im Alltag.
Segen: – (aus Psalm 121)
Der Herr ist dein Hüter, der Herr gibt dir Schatten;
er steht dir zur Seite.
Bei Tag wird dir die Sonne nicht schaden
noch der Mond in der Nacht.
Der Herr behüte dich vor allem Bösen,
er behüte dein Leben.
Der Herr behüte dich,
wenn du fortgehst und wiederkommst,
von nun an bis in Ewigkeit.