Pfingsten 2026

Fresco s.X. Iglesia de San Jakobus en Urschalling, Alta Baviera Alemania -Unbekannter Autor – Unknown author, Public domain, via Wikimedia Commons

Impuls: (Bezug – 2. Lesung vom Pfingstsonntag, 1 Kor 12ff)

Wir schreiben das Jahr 1 der Großpfarrei St. Clemens Oberhausen.
Heute feiern wir Pfingsten, das Fest, das oft als Geburtsfest der Kirche bezeichnet wird. Die Lesung, die wir gehört haben, macht deutlich, was Kirche im Kern ausmacht. Ohne diese Wesenszüge, so möchte ich behaupten, gibt es keine Kirche.

Christus als Mitte

Paulus nennt zuerst das Bekenntnis zu Jesus als dem Herrn.
Kirche entsteht dort, wo Menschen an Jesus Christus glauben und ihn als Herrn ihres Lebens bekennen.

Das heißt nicht nur, ein Gedanke oder eine Theorie zu teilen, sondern Christus den Mittelpunkt von Denken, Reden und Handeln werden zu lassen. Christus soll in unserem Leben groß werden dürfen.

Für uns hier in Oberhausen heißt das konkret: Bei allen Fragen, wie wir als Kirche vor Ort sichtbar sein wollen, müssen wir uns immer wieder vergewissern, ob Christus wirklich das Zentrum bleibt?

Diese Frage ist die wichtigste:
Was bedeutet es für uns hier in Oberhausen, an Christus zu glauben und allein ihn zu verkündigen?
Alles andere ist mindestens zweitrangig.

Kirche ist Vielfalt

Bild: Gerd Altmann auf www.pixabay.com

Paulus spricht von verschiedenen Gnadengaben, verschiedenen Diensten, verschiedenen Kräften. Vielfalt ist kein bloßes Schlagwort; sie fordert uns heraus.
Sind wir bereit, diese Vielfalt in unserem Gemeindeleben zu akzeptieren?
Oder lassen wir zu oft bestimmte Vorstellungen, Vorlieben einzelner Gruppen oder Gremien bestimmen, wie Gemeinde zu sein hat?

Ich erlebe, dass in manchen Zirkeln intensiv darüber nachgedacht wird, was in unserer Pfarrei geschehen kann und sollte. Gleichzeitig gibt es schon viele Initiativen und Formen des Glaubenslebens, die oft nicht ausreichend wahrgenommen oder gewürdigt werden. Vielfalt möglich zu machen, bedeutet Mut: den Mut, das Fremde zuzulassen und ihm eine Daseinsberechtigung zu geben.

Vielfalt heißt nicht Beliebigkeit. Ein zentrales Kriterium bleibt das Glaubensbekenntnis zu Jesus Christus. Alles, was wir tun, muss an diesem Maßstab gemessen werden.

Nutzen und Auferbauung der Gemeinde

unbekannter Autor – www.pixabay.com

Ein weiteres, für mich sehr wichtiges Kriterium ist: Alles, was die Gemeinde tut, muss anderen nützen. Diese Einsicht hat mich in meiner Studienzeit tief geprägt. Paulus betont, dass besonders Gottesdienste und alles Gemeindliche der Auferbauung der Gemeinde dienen sollen.
(vgl. 1.Korinther 14,12)

Das ist ein klares Prüfmaß: Dient eine Initiative, ein Angebot, ein Projekt dem Nutzen der anderen und der Stärkung unserer Gemeinschaft?
Wenn nicht, dann ist es nicht im Sinne des Paulus und nicht im Sinne des Heiligen Geistes. Der Geist weht, wo er will — nicht dort, wo wir ihn gerne hätten.

Für Oberhausen bedeutet das: Wir brauchen Kriterien, an denen wir messen, was wir fördern und was wir lassen.
Und wir brauchen den Mut, Neues wachsen zu lassen und seine Früchte abzuwarten.

Mut zur Förderung guter Früchte

Es reicht nicht, Initiativen nur zu dulden.
Wenn wir erkennen, dass etwas gute Früchte trägt, dann sind wir gefordert, diese Initiativen aktiv zu unterstützen und wertzuschätzen.
Das heißt: Entscheidungen treffen, die den Fortbestand fördern.
Nicht aus Besitzstandswahrung, sondern aus Sorge um das Gemeinwohl.

(vgl. Matthäus 7,16-20, https://www.bibleserver.com/EU/Matth%C3%A4us7%2C16-20 )

Gleichzeitig gilt:
Nichts in der Kirche ist für alle Ewigkeit unverändert festgeschrieben; das Zweite Vatikanische Konzil hat dies mit dem Grundsatz ‚ecclesia semper reformanda‚ bekräftigt: Die Kirche muss sich fortwährend an der Botschaft des Evangeliums messen und sich erneuern.
Erneuerung heißt auch, Vergangenes loszulassen, das seine Zeit gehabt hat; Reform ist kein passives Geschehen und darf nicht zum Selbstzweck werden.
Reformieren bedeutet nicht, Neues um des Neuen willen einzuführen, sondern dort lebendig Neues zu wagen, wo das Alte dem Leben nicht mehr dient, sondern nur noch sich selbst erhält — und solche Selbstzwecke gibt es in der Kirche noch genug.

Praktische Konsequenzen für Oberhausen

Was folgt daraus konkret für uns?

  • Zentrum klären: Immer wieder neu fragen, ob Christus das Zentrum unseres Handelns ist.
  • Vielfalt ermöglichen: Räume schaffen, in denen unterschiedliche Gaben und Dienste wachsen können.
  • Nützlichkeit prüfen: Angebote daran messen, ob sie der Auferbauung der Gemeinde dienen.
  • Fördern statt nur dulden: Gute Initiativen nicht nur zulassen, sondern aktiv unterstützen.
  • Bereit sein zu verändern: Altes loslassen, wenn es dem Evangelium nicht mehr dient.

Diese Schritte verlangen Entscheidungen, manchmal auch Unbequemes. Sie verlangen Mut, Geduld und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Ein persönliches Wort

Ich habe in meinem Leben oft erlebt, wie zarte Pflänzchen des Glaubens erst Zeit und Raum brauchten, um Früchte zu tragen. Manchmal genügte ein ermutigendes Wort, eine kleine finanzielle Unterstützung oder die Zusage, einen Raum zur Verfügung zu stellen. Solche Gesten sind keine großen politischen Manöver — sie sind Ausdruck der Sorge füreinander und der Bereitschaft, das Reich Gottes konkret werden zu lassen.

Wenn wir in Oberhausen Kirche sein wollen, dann nicht als Festung des Bewahrens, sondern als Feld, auf dem der Heilige Geist weht und Leben hervorbringt. Das verlangt, dass wir uns immer wieder fragen: Wem nützt das, was wir tun? Baut es die Gemeinde auf? Ehrt es Christus?

Schluss

Pfingsten erinnert uns daran: Kirche lebt vom Geist, von der Mitte in Christus, von der Vielfalt der Gaben und vom Dienst am Nächsten. Wenn wir diese Grundwahrheiten beherzigen, dann können wir mit Zuversicht in die Zukunft unserer Großpfarrei gehen.

Lassen wir den Heiligen Geist wehen.
Lassen wir Christus wachsen.
Und lassen wir die guten Früchte reifen, damit wir als Gemeinde in Oberhausen sichtbar und lebendig Zeugnis geben können.




Zwischen Selbsthingabe und Selbstaufgabe

Bild: Gerd A. Wittka, 2026, erstellt mittels KI/AI

Wenn Hingabe an ihre Grenzen kommt

Manchmal stolpert man über einen Satz, der sich im Kopf festsetzt wie ein Stein im Schuh. So ging es mir gestern mit einer Zeile über die Biographie Katharina von Siena:
„In ihrem Kampf für die eine Kirche und das Papsttum zehrte sich Katharina auf, sodass sie, erst 33‑jährig, in Rom starb.“ (Te Deum beten, April 2026, S. 361)

Solche Sätze lassen mich oft innehalten und mich fragen:
Wie weit würde ich selbst gehen?
Was ist mir so wichtig, dass ich dafür Kraft, Zeit, vielleicht sogar Gesundheit einsetze?
Und wo beginnt der Punkt, an dem Hingabe in Selbstverlust kippt?


Ein altes Bild, das in die Gegenwart hineinragt

Katharina ist dafür nur der Auslöser, nicht die ganze Geschichte. Ihr Leben steht wie ein altes Gemälde im Museum: eindrucksvoll, intensiv, aber aus einer anderen Zeit. Man kann davorstehen und staunen — und gleichzeitig spüren, dass dieses Bild nicht eins zu eins in unser heutiges Leben passt.

Nur: die Frage, die sich dahinter verbirgt, ist zeitlos!
Ist es wirklich ein geistliches Ideal, sich selbst zu verzehren?
Oder ist es vielmehr ein Missverständnis des Glaubens, wenn Hingabe mit Selbstvernichtung verwechselt wird?


Zwischen Feuer und Flamme

Es gibt Menschen, die brennen für etwas. Und es gibt Menschen, die daran verbrennen.
Der Unterschied ist oft fließend, kaum sichtbar.

Hingabe kann leuchten, wärmen, inspirieren. Sie kann Menschen zusammenbringen, Mut schenken, Veränderung anstoßen.
Aber sie kann auch fordern, ziehen, auslaugen — bis man sich selbst kaum noch spürt.

Vielleicht ist das die eigentliche Spannung:
Wie bleibt das Feuer ein Feuer — und wird nicht zur Flamme, die alles verzehrt, auch mich selbst?


Das Leben als Gabe

In vielen spirituellen Traditionen klingt ein anderer Ton mit:
Das Leben ist nicht nur Aufgabe, sondern auch Geschenk.
Nicht nur Einsatz, sondern auch Empfang.

Wenn man das ernst nimmt, entsteht ein anderes Bild von Spiritualität:
Eines, das nicht nur fragt, wofür ich mich hingebe, sondern auch, woher ich lebe.
Eines, das nicht nur Opfer sieht, sondern auch Würde.
Eines, das nicht nur fordert, sondern auch schützt.

Vielleicht ist das die tiefere Einladung:
Das eigene Leben nicht zu verschwenden — weder in Selbstsucht noch in Selbstaufgabe.


Ein Blick nach innen

Dieser Gedanke führt nicht zu schnellen Antworten.
Er führt eher zu einer Art innerem Gespräch:

Was trägt mich wirklich?
Was ist mir so wichtig, dass ich dafür etwas von mir gebe?
Und was ist mir so heilig, dass ich es nicht verlieren möchte — auch nicht im Namen einer guten Sache?

Es sind Fragen, die nicht vor aller Welt beantwortet werden müssen und die Fragen bleiben dürfen, ohne eine endgültige Antwort.
Sie wirken im Hintergrund, während man weitergeht, weiterlebt, weiter sucht.


Am Ende bleibt eine Einladung

Die Geschichten der Heiligen — und auch die der Überforderten, der Erschöpften, der Mutigen — können uns berühren.
Aber sie müssen uns nicht fesseln.

Vielleicht geht es heute weniger darum, sich aufzureiben,
und mehr darum, wach zu bleiben für das, was das eigene Leben kostbar macht.

Nicht aus Bequemlichkeit.
Nicht aus Angst.
Sondern aus einer tiefen Ahnung heraus,
dass Gott nicht nur unseren Einsatz will,
sondern auch unser Leben.

Ein Leben, das brennt —
aber nicht verbrennt.

Ein Leben in Fülle!




Osterimpuls 2026

Manchmal hat ein Tag einen eigenen Klang.
Der Karsamstag zum Beispiel – der klingt wie ein leerer Raum.
Fast nichts ist zu hören. Nur dieses Schweigen, wenn man nicht weiß, wie es weitergeht.

Und dann kommt die Osternacht.
Ganz leise zuerst.
Und plötzlich ist da ein anderer Ton:
Leben. Licht. Hoffnung.
Und – erstaunlich genug – Lachen.

Das Osterlachen – ein alter Brauch
Früher erzählten Prediger in der Osternacht einen Witz.
Nicht zur Unterhaltung, sondern als mutiges Zeichen:
Wir lachen dem Tod ins Gesicht.

Der Brauchtumsforscher Manfred Becker-Huberti sagt:
Lachen heißt nicht, den Tod zu leugnen.
Es heißt: Du, Tod, hast nicht das letzte Wort.

Darum heute ein kleiner Osterwitz:

Zwei Theologen stehen am Ostermorgen vor dem leeren Grab.
Sagt der eine: „Der Tod hat wirklich nicht das letzte Wort.“
Der andere: „Eigentlich logisch. Das letzte Wort hat immer der, der wieder aufsteht.“

Ostern macht uns nicht unverwundbar

Wir wissen: Der Glaube schützt uns nicht vor Krankheit, Angst oder Verlust.
Und manchmal fragt man sich: Wo ist Gott jetzt? Warum fühlt sich Hoffnung so weit weg an?

Gerade dann ist dieses Osterlachen wichtig.
Es ist kein Weglaufen.
Es ist ein Dagegenhalten.
Ein kleines Aufatmen mitten im Ernst.
Ein Moment, der sagt: Ich bin dem Dunkel nicht ausgeliefert.

Vielleicht kennen Sie das nach einem Begräbnis:
Man sitzt zusammen, das Herz schwer –
und plötzlich erzählt jemand eine liebevolle, schräge Erinnerung.
Und auf einmal lacht der ganze Tisch.
Nicht, weil die Trauer weg wäre.
Sondern weil das Leben sich meldet und sagt: Ich bin auch noch da.

Das ist für mich eine österliche Haltung:
mit Tränen in den Augen lachen zu können.
mit Wunden am Herzen trotzdem aufzustehen.
dem Tod nicht das letzte Wort zu geben – im Großen wie im Kleinen.

Vielleicht klingt Ostern genau so:
„Ich bin traurig – aber ich gebe die Hoffnung nicht her.“
„Ich habe Angst – aber ich lasse mir das Lachen nicht nehmen.“
„Ich bin gefallen – aber ich will nicht liegen bleiben.“

Nicht, weil wir so stark wären.
Sondern weil Gott das Leben gewählt hat.
Und dieses Leben findet seinen Weg –
durch verschlossene Türen, durch schwere Tage,
manchmal sogar durch unser Schweigen hindurch.

Bild von Pexels auf Pixabay

Deshalb ist es heute Nacht gut und richtig,
dass wir uns das Lachen erlauben – gerade im Ostergottesdienst.
Einfühlsam und sensibel, aber echt.
Ein Lachen, das sagt: Es geht weiter.
Das Leben hat noch etwas vor mit uns.

Frohe und gesegnete Ostern uns allen.




christlich.leben.mittendrin – 2

Impuls zum 5. Sonntag – A – 2026

Christlich leben – mittendrin.

Dieses Leitwort begleitet die Veränderungen in unserer Kirche hier in Oberhausen und im ganzen Bistum Essen.
Es ist ein schönes Wort. Und zugleich ein anspruchsvolles.

Denn „mittendrin“ heißt: nicht am Rand stehen.
Nicht zuschauen.
Sondern leben – in einer Welt, die sich spürbar verändert.

Vieles, was früher selbstverständlich war, trägt nicht mehr.
Sicherheiten bröckeln.
Routinen lösen sich auf.
Das gilt für die große Weltpolitik ebenso wie für das Leben vor Ort – hier bei uns im Pott.
Alles ist in Bewegung.
Und wir sind es auch.

Alles Leben ist Veränderung.
Und wir stehen nicht außerhalb davon.
Wir stehen mittendrin.

Da stellt sich ganz automatisch eine Frage:
Was ist meine Berufung – heute?

Paulus hat uns am letzten Sonntag eingeladen, auf unsere Berufung zu schauen.
Nicht im Sinne eines einmaligen Moments, der irgendwann abgeschlossen wäre.
Sondern als etwas Lebendiges.
Als etwas, das sich mit unserem Leben mitentwickelt.

Ich merke das sehr deutlich in meinem eigenen priesterlichen Dienst.
Als ich mich Ende der 1980er Jahre entschied, Theologie zu studieren und Priester zu werden, hatte ich ein Bild vor Augen.
Ein Bild davon, wie meine Berufung aussehen könnte.
Wie Kirche für mich war und wie ich mir meinen Dienst in ihr vorgestellt habe.
Heute, viele Jahre später, schaue ich auf mein damaliges Bild zurück, mit der Erkenntnis, dass Berufung wachsen darf und sich mit dem Leben verändert.

Heute weiß ich:
Berufung erschöpft sich nicht in einer Entscheidung von damals.
Ich musste und muss immer wieder neu hinschauen.
Immer wieder neu fragen:
Was hat Gott jetzt mit mir vor?
In dieser Zeit.
Mit diesen Erfahrungen.
Mit diesen Grenzen.


[Heute, am 10.02.2026, möchte ich noch eine Ergänzung hinzufügen:
Mir sind heute noch mal wieder Menschen in Erinnerung gekommen, die eine frühere Entscheidung zu einer bestimmten Form der Berufung im kirchlichen Dienst revidiert haben.
Manchmal denke ich auch bei mir: es hätte so viele Stellen gegeben in meiner Biographie, wo meine frühere Berufungsentscheidung angefragt wurde, wo ich selber mich gefragt habe:
‚Kannst du noch bleiben? – Ist das System Kirche wirklich dein Ort, wo du deinen Dienst glaubwürdig verrichten kannst?‘ –
Das meine ich damit, wenn ich oben geschrieben habe, dass ich immer wieder neu „Ja“ sagen können muss, auch wenn es manche Gründe dagegen gibt.
Und ich kann es immer nur wiederholen, was mir hilft, zu dieser gewählten Entscheidung auch heute noch ‚Ja‘ sagen zu können:
Es ist der HERR und meine tiefste Überzeugung, dass ER mich ruft.
Und so, wie damals die Berufung seiner Jünger nicht an einem Ort stattgefunden hat, an dem die Jünger verweilt haben, gleichsam eine ’stabilitas loci‘ aufgebaut haben, sondern mit dem Herrn mit gezogen sind, unterwegs waren und später auch allein oder zu zweit unterwegs waren, so ist auch mein Weg der Berufung und Nachfolge geprägt von dem ständigen Unterwegssein.
Ich spüre für mich: ich kann nicht Berufen sein, ohne zugleich auch immer wieder unterwegs zu sein.
Dazu gehört, mich ständig an neuen Orten oder in neuen Umständen meines Dienstes zu sehen und auch den Mut und die Bereitschaft zu haben, mich darauf einzulassen – auch wenn es oft Kraft und Nerven kostet.
Doch: ER ist es mir wert!]


Paulus bringt es in der heutigen Lesung auf den Punkt.
In aller Klarheit.
Fast schon ernüchternd einfach.
„Ich hatte mich entschlossen, nichts zu wissen außer Jesus Christus – und zwar den Gekreuzigten.“

Das ist der Kern jeder Berufung:
Jesus Christus immer im Blick.
Verwundbar.
Hingebend.
Ganz auf den Menschen hin.

Das Evangelium greift diesen Gedanken auf und führt ihn weiter.
„Ihr seid das Salz der Erde.“
„Ihr seid das Licht der Welt.“

Oder mit Angelus Silesius:
„Mensch, werde wesentlich.“

„Wesentlich“ hat im Deutschen zwei Bedeutungsebenen
Zum einen meint es das, was zum Wesen einer Sache gehört.
Das Unverzichtbare.
Das, ohne das alles andere seinen Sinn verliert.

Zum anderen ist es eine Steigerung:
Etwas ist „wesentlich“ spürbarer, wirksamer, bedeutsamer.

Beides passt gut zu diesem Evangelium.

Eine Kerze zum Beispiel.
Sie kann wunderschön sein.
Kunstvoll gestaltet.
Aber sie erfüllt ihren Sinn erst, wenn sie angezündet wird.
Wenn sie Licht gibt.
Wenn sie sich ein Stück weit verzehrt.
Bleibt sie nicht entzündet, bleibt sie un-wesentlich.

Oder denken wir an Salz.
Niemand isst es pur.
Es drängt sich nicht in den Vordergrund.
Aber fehlt es, merkt man es sofort.
Es macht den Unterschied – behutsam dosiert.

Dazu ein paar ganz konkrete Beispiel aus unserem möglichen Alltag:

Christen sind wesentlich,
wenn sie im Krankenhaus, im Pflegeheim oder zu Hause
Zeit schenken, wo Zeit knapp ist.
Nicht nur medizinisch korrekt.
Sondern menschlich, herzlich, aufmerksam.
Ein Blick.
Ein Name.
Ein: „Ich bin später noch einmal bei Ihnen.“

Christinnen und Christen sind wesentlich,
wenn sie im Verein, in der Schule oder im Stadtteil
nicht fragen: Was habe ich davon?
Sondern: Was wird hier gerade gebraucht?
Wenn jemand Verantwortung übernimmt,
obwohl es mühsam ist
und niemand dafür applaudiert.

Christen sind wesentlich,
wenn sie bei all den großen Krisen unserer Zeit
– Krieg, Klimawandel, soziale Spaltung –
nicht abstumpfen.
Wenn sie spenden, teilen, verzichten.
Nicht aus schlechtem Gewissen.
Sondern aus Überzeugung.

Und Christen sind wesentlich,
wenn sie in ihrer eigenen Verletzlichkeit ehrlich bleiben.
Wenn sie nicht so tun, als hätten sie alles im Griff.
Sondern sagen können:
Ich weiß es gerade auch nicht. Aber im Vertrauen auf Gott, mache ich weiter.

Das ist Salz.
Das ist Licht.
Das ist wesentliches Leben.

Christlich leben heißt nicht, alles im Griff zu haben.
Sondern sich immer wieder neu senden zu lassen.
Mitten in eine Welt im Wandel.
Mitten ins eigene Leben.

christlich.leben.mittendrin




Wenn andere schweigen …

Foto: www.pixabay.com

Heute habe ich im Tagesevangelium gelesen:

Jesus wandte sich an die Gesetzeslehrer und die Pharisäer und fragte:
Ist es am Sabbat erlaubt zu heilen, oder nicht?
Sie schwiegen.
Da berührte er den Mann, heilte ihn und ließ ihn gehen.

(Lukas 14, 3–4)

Diese wenigen Sätze haben mich heute tief getroffen.
Ich merke, wie sie in mir nachhallen – weil sie so viel mit dem zu tun haben, was ich in letzter Zeit selbst erlebe und beobachte.

Da sind Menschen in meinem Umfeld, die hart getroffen werden.
Ohne Feingefühl, ohne Anteilnahme werden ihnen Dinge angetan, die ihr ganzes Leben verändern.
Kein Blick, kein Wort der Wertschätzung.
Einfach nur: Das ist jetzt so.

Und ich sehe, wie unterschiedlich Menschen damit umgehen.
Manche schweigen.
Sie nehmen das hin, lassen alles über sich ergehen – auch dann, wenn es ihnen weh tut.
Sie funktionieren weiter, so wie immer.
Vielleicht auch, weil sie meinen, dass es ‚das System so verlangt‘?


Und dann sind da die anderen.
Die, die nicht schweigen.
Die sagen, was sie empfinden.
Die das Unrecht benennen, das ihnen widerfährt.
Die ihren Schmerz zeigen, ihre Wut, ihre Enttäuschung.

Sie lassen zu, dass man sieht, wie sehr sie etwas trifft – und genau dadurch beginnen sie, sich zu verändern.
Sie folgen nicht ‚dem System‘ sondern folgen ‚dem Leben‘.
Sie bleiben nicht stehen.
Sie fangen an, etwas zu tun.
Sie ziehen Konsequenzen, gehen neue Wege, suchen nach dem, was ihnen guttut.

Foto: www.pixabay.com

Vielleicht ändert sich ihre äußere Situation kaum.
Aber sie selbst ändern sich.
Sie ergeben sich nicht ihrem Schicksal, sondern spüren wieder, dass in ihnen Lebenskraft ist – selbst dann, wenn diese Kraft aus Wut oder Empörung kommt.
Und sie handeln.
Nicht immer nur für andere – manchmal einfach für sich selbst.

Und das ist okay.
Das ist Selbstliebe.

Diese Menschen machen mir Mut.
Und auch Jesus macht mir Mut.
Er hätte damals ebenfalls schweigen können.
Aber er tat es nicht.
Er handelte.
Er heilte – einfach, weil es richtig war.

Das erinnert mich daran:
Wenn andere schweigen, kann ich immer noch handeln.
Ich kann mich, oder auch andere, zurück ins Leben bringen.

Das lerne ich heute – aus diesen wenigen Versen.
Und aus dem Leben selbst.

Wenn andere schweigen …
werde ich handeln ?(!)




Marta und Maria

Impuls zu Lukas 10,38–42

Bedienen, Quelle: www.pixabay.com

In dieser kurzen Erzählung begegnen wir zwei Schwestern, Marta und Maria.
Marta ist emsig und sorgt sich um eine gute Bewirtung:
Sie eilt hin und her, bereitet alles vor und möchte, dass es Jesus an nichts fehlt.
Maria hingegen setzt sich neben Jesus, hört ihm aufmerksam zu und nimmt die Worte in sich auf.
Als Marta das irritiert, bittet sie Jesus um Hilfe – scheinbar, weil Maria ihre Pflichten vernachlässigt.
Doch Jesus ergreift nicht Partei für Marta, sondern stellt ruhig fest:

„Marta, Marta, du hast dir viele Sorgen gemacht und bist unruhig. Nur eines ist wichtig, und Maria hat den guten Teil gewählt, das niemand ihr nehmen wird.“

Er kritisiert Marta nicht, sondern zeigt nur, was er wahrnimmt:
Marta ist so sehr mit äußeren Aufgaben beschäftigt, dass sie das Wesentliche – das Zuhören – verpasst.
Oft fragen wir uns:
War Martas Gastfreundschaft nicht ebenso wertvoll?
Ist es falsch, sich um liebevolle Bewirtung zu kümmern?

Jesus spricht nicht grundsätzlich gegen Einsatz und Dienst, sondern gegen eine Haltung, die uns so sehr einspannt, dass wir die direkten Begegnungen aus den Augen verlieren.
Vielleicht entdecken wir hinter Martas Unmut sogar einen leisen Neid.
Maria nimmt sich die Freiheit, ganz bei Jesus zu sein, während Marta sich von Regeln und Erwartungen leiten lässt.
Marta wünscht sich insgeheim auch, genau wie Maria einfach sitzen bleiben und zuhören zu dürfen, doch ihr eigener Perfektionismus hält sie zurück.

Quelle: www.pixabay.com

Jesus lädt Marta – und uns – ein, diese inneren Zwänge zu erkennen und zu hinterfragen.
Er provoziert bewusst:

In dieser Szene schenkt uns Jesus die Freiheit zur Selbstermächtigung.
Er will, dass wir uns nicht länger blind von Konventionen beherrschen lassen, sondern das Leben in seiner Tiefe leben und genießen – mit allem, was für uns bedeutungsvoll ist.