Ich bin heute auf einen Song gestoßen, der mich echt bewegt hat. Er bewegt mich, weil das Thema (nicht nur) mich betrifft. Es betrifft so viele Menschen, vor allem jene, die grundweg nicht so akzeptiert werden, wie sie sind
… und sich deshalb nur auf ihre Selbstliebe verlassen können und diese stärken müssen.
Und es ist auch was Wahres dran. Alles hat zwei Seiten: mit einer dünnen Haut erlebt man Vieles viel intensiver.
Eine sprichwörtliche ‚Elefantenhaut‘ macht vieles nur vordergründig leichter. Sie verhindert auch Vieles, besonders die Intensität des Lebens an sich.
So tauchen wir ein, in die Szene, die uns heute in diesem Impuls beschäftigt.
Philippus spricht diesen Satz – und mit ihm sprechen wir alle, die wir uns fragen: Wie können, dürfen, sollen wir uns Gott vorstellen?
Manche Religionen verbieten Bilder von Gott, weil sie die Versuchung fürchten, Gott zu vergegenständlichen.
Auch das Christentum kennt die Auseinandersetzung um Bilderkult und Bilderverbot.
Und doch bleibt die Sehnsucht:
Wir wollen Gott sehen, wir wollen ihn finden, wir wollen eine persönliche Beziehung zu ihm.
Das ist kein abstraktes Problem.
Viele Menschen heute ringen damit: Gott als „Vater“, und zugleich betonen immer mehr Menschen die mütterliche Seite Gottes – „sorgender Vater und liebende Mutter“.
Gott als Schöpfer, als personaler Gott, und doch so unbegreiflich.
Manche tun sich schwer, eine persönliche Beziehung zu einem Gott aufzubauen, der zugleich so groß und so fern erscheint.
Genau diese Spannung steckt in Philippus’ Bitte: Zeig uns den Vater.
Mach ihn sichtbar, mach ihn erfahrbar.
Jesus antwortet nicht mit einer theologischen Definition, sondern mit einer überraschend konkreten Aussage: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“
Das ist nicht nur ein Hinweis auf ein historisches Gesicht, das man einst gesehen hat.
Es ist eine Einladung, Jesus zu erkennen – seine Haltung, seine Lebensweise, seine Zuwendung.
Wer Jesus versteht, wer seine Art zu leben und zu handeln erkennt, der erkennt etwas vom Wesen Gottes.
Wenn wir das genauer bedenken, wird klar:
Jesus ist kein Bild, das man an die Wand hängt.
Er ist das lebendige Abbild Gottes.
In ihm sehen wir den Menschen, wie Gott ihn gedacht hat: frei, zugewandt, barmherzig, und doch nicht bloß ein Spiegel unserer Wünsche.
In Jesus begegnet uns Gottes Zuwendung, Gottes Erbarmen, seine Souveränität gegenüber unseren Projektionen.
Jesus zeigt, wie Gott handelt – nicht als Idee, sondern als gelebte Wirklichkeit.
In Jesus sehen wir den Menschen, wie ihn Gott gedacht hat.
Das heißt nicht, dass Jesus ein Idealbild ist, das wir nur bewundern sollen. Es heißt: In seinem Leben wird sichtbar, was möglich ist, wenn ein Mensch in Freiheit und in Liebe lebt, ohne sich von Gott zu lösen.
Und das ist zugleich ein Bild davon, wie Gott ist: zugewandt, heilend, herausfordernd, und doch unabhängig von unseren Wunschträumen.
Jesus geht noch einen Schritt weiter: Er verspricht, dass die, die an ihn glauben, die Werke vollbringen werden, die er vollbringt – und sogar größere.
Das klingt groß und kann leicht überfordern.
Vielleicht ist es hilfreich, das nicht als Leistungsauftrag zu lesen, sondern als Verheißung:
Wenn wir in Beziehung zu Jesus treten, wenn wir seine Worte und Werke in unser Leben lassen, dann wirkt Gottes Kraft durch uns.
Nicht weil wir stärker sind, sondern weil wir verbunden sind.
Was heißt das konkret für unser Leben heute?
Ich möchte drei einfache Wege vorschlagen, die aus deiner Überlegung folgen:
– Schau auf Jesus. Nicht als historische Figur, die weit weg ist, sondern als Mensch, dessen Worte und Taten uns heute ansprechen. Lies seine Worte, hör auf seine Art zu handeln, achte auf seine Nähe zu den Ausgegrenzten, seine Geduld, seine Klarheit.
– Übe die Freundschaft mit Christus. Freundschaft wächst durch Zeit, durch kleine Gesten, durch Vertrauen. Das kann im Gebet sein, im Hören auf die Schrift, im Gespräch mit anderen, im Tun, das seinem Geist entspricht.
– Lass dich von seinen Werken prägen. Wenn Jesus heilt, versöhnt, tröstet, dann sind das keine abgeschlossenen Taten der Vergangenheit. Sie sind Muster, nach denen wir unser Handeln ausrichten können – nicht um zu beweisen, dass wir gut sind, sondern um Raum zu schaffen, in dem Gottes Liebe sichtbar wird.
All das ist keine Garantie für einfache Antworten.
Es bleibt ein Suchen, ein Fragen, ein Tasten, ein Ringen.
Aber gerade dieses Suchen ist Teil des Glaubenslebens.
Philippus’ Frage ist eine ehrliche Frage – und Jesus’ Antwort ist eine Einladung: Komm näher, schau hin, erkenne mich – und du wirst den Vater erkennen.
So können wir Schritt für Schritt in eine tiefere, vertrautere Beziehung zu Christus hineinwachsen – und dadurch auch in die Beziehung zu dem Gott, der für Jesus „sorgender Vater und liebende Mutter“ ist.
Es ist ein Weg, der Zeit braucht, der Geduld verlangt und der immer wieder neu beginnt.
Zwischen Selbsthingabe und Selbstaufgabe
Bild: Gerd A. Wittka, 2026, erstellt mittels KI/AI
Wenn Hingabe an ihre Grenzen kommt
Manchmal stolpert man über einen Satz, der sich im Kopf festsetzt wie ein Stein im Schuh. So ging es mir gestern mit einer Zeile über die Biographie Katharina von Siena: „In ihrem Kampf für die eine Kirche und das Papsttum zehrte sich Katharina auf, sodass sie, erst 33‑jährig, in Rom starb.“ (Te Deum beten, April 2026, S. 361)
Solche Sätze lassen mich oft innehalten und mich fragen: Wie weit würde ich selbst gehen? Was ist mir so wichtig, dass ich dafür Kraft, Zeit, vielleicht sogar Gesundheit einsetze? Und wo beginnt der Punkt, an dem Hingabe in Selbstverlust kippt?
Ein altes Bild, das in die Gegenwart hineinragt
Katharina ist dafür nur der Auslöser, nicht die ganze Geschichte. Ihr Leben steht wie ein altes Gemälde im Museum: eindrucksvoll, intensiv, aber aus einer anderen Zeit. Man kann davorstehen und staunen — und gleichzeitig spüren, dass dieses Bild nicht eins zu eins in unser heutiges Leben passt.
Nur: die Frage, die sich dahinter verbirgt, ist zeitlos! Ist es wirklich ein geistliches Ideal, sich selbst zu verzehren? Oder ist es vielmehr ein Missverständnis des Glaubens, wenn Hingabe mit Selbstvernichtung verwechselt wird?
Zwischen Feuer und Flamme
Es gibt Menschen, die brennen für etwas. Und es gibt Menschen, die daran verbrennen. Der Unterschied ist oft fließend, kaum sichtbar.
Hingabe kann leuchten, wärmen, inspirieren. Sie kann Menschen zusammenbringen, Mut schenken, Veränderung anstoßen. Aber sie kann auch fordern, ziehen, auslaugen — bis man sich selbst kaum noch spürt.
Vielleicht ist das die eigentliche Spannung: Wie bleibt das Feuer ein Feuer — und wird nicht zur Flamme, die alles verzehrt, auch mich selbst?
Das Leben als Gabe
In vielen spirituellen Traditionen klingt ein anderer Ton mit: Das Leben ist nicht nur Aufgabe, sondern auch Geschenk. Nicht nur Einsatz, sondern auch Empfang.
Wenn man das ernst nimmt, entsteht ein anderes Bild von Spiritualität: Eines, das nicht nur fragt, wofür ich mich hingebe, sondern auch, woher ich lebe. Eines, das nicht nur Opfer sieht, sondern auch Würde. Eines, das nicht nur fordert, sondern auch schützt.
Vielleicht ist das die tiefere Einladung: Das eigene Leben nicht zu verschwenden — weder in Selbstsucht noch in Selbstaufgabe.
Ein Blick nach innen
Dieser Gedanke führt nicht zu schnellen Antworten. Er führt eher zu einer Art innerem Gespräch:
Was trägt mich wirklich? Was ist mir so wichtig, dass ich dafür etwas von mir gebe? Und was ist mir so heilig, dass ich es nicht verlieren möchte — auch nicht im Namen einer guten Sache?
Es sind Fragen, die nicht vor aller Welt beantwortet werden müssen und die Fragen bleiben dürfen, ohne eine endgültige Antwort. Sie wirken im Hintergrund, während man weitergeht, weiterlebt, weiter sucht.
Am Ende bleibt eine Einladung
Die Geschichten der Heiligen — und auch die der Überforderten, der Erschöpften, der Mutigen — können uns berühren. Aber sie müssen uns nicht fesseln.
Vielleicht geht es heute weniger darum, sich aufzureiben, und mehr darum, wach zu bleiben für das, was das eigene Leben kostbar macht.
Nicht aus Bequemlichkeit. Nicht aus Angst. Sondern aus einer tiefen Ahnung heraus, dass Gott nicht nur unseren Einsatz will, sondern auch unser Leben.
Wenn Menschen – direkt oder indirekt – Leid erfahren, dann schreien sie diese Frage manchmal förmlich heraus: Warum?!
Diese Frage enthält eigentlich zwei Fragen: Erstens: Woher kommt das Leid? Und zweitens: Welchen Sinn hat das Leid?
Die zweite Frage ist wohl die schwierigere. Sie ist so komplex, dass sie den Rahmen einer Predigt sprengen würde.
Darum wage ich mich heute nur vorsichtig an die erste Frage heran: nach dem Ursprung des Leids. Nicht mit fertigen Antworten, sondern mit Gedankenanstößen.
Solche Gedanken können helfen, eigenes Leid besser einzuordnen, es vielleicht eher anzunehmen – oder zumindest zu erkennen, was wir dem Leid entgegensetzen können.
Ein erster Grund des Leidens liegt in unserer Geschöpflichkeit, also darin, dass wir vergänglich sind. Alles, was geschaffen ist, ist dem Werden und Vergehen unterworfen. Das können wir überall beobachten. Leben ohne Leid gibt es nicht.
Schon am Anfang des Lebens steht Schmerz: bei der Geburt. Neues Leben entsteht – ganz natürlich – nicht ohne Schmerzen.
Und auch jetzt, wo der Frühling langsam vor der Tür steht, sehen wir es wieder: Was im Herbst und Winter abgestorben ist, beginnt neu zu wachsen. Ohne Sterben kein neues Leben.
Doch genau in dieser Vergänglichkeit liegt auch ein Grund des Leidens der ganzen Schöpfung. Darum sehnt sich unser Glaube nach Vollendung: nach einer Wirklichkeit, in der es kein Werden und Vergehen mehr gibt, sondern nur noch die Ewigkeit, dieses große „Jetzt“, in dem das Leid aufgehoben sein wird.
Ein zweiter, ganz entscheidender Grund des Leidens begegnet uns in der heutigen Lesung – und er betrifft etwas, das ganz wesentlich zum Menschsein gehört: die Freiheit.
Menschliche Freiheit gibt es nicht ohne Risiko. Wo Menschen frei handeln können, da besteht immer auch die Möglichkeit von Leid und Not. Überall dort, wo wir menschengemachtes Leid sehen, hat es seinen Ursprung in dieser Freiheit.
Und diese Freiheit ist ein Geschenk Gottes.
Wenn wir also angesichts von Leid, das Menschen verursachen, Gott fragen: „Warum lässt du das zu?“, dann sollten wir bedenken: Wir klagen damit auch über das Geschenk der Freiheit selbst.
Freiheit ist nicht zu haben ohne die Möglichkeit, sie missbräuchlich zu nutzen.
Darum kann es hilfreich sein, bei erfahrenem Leid zuerst zu fragen: • Welchen Anteil hat der Mensch daran? • Und hätte es eine Möglichkeit gegeben, anders zu handeln?
Wo das der Fall ist, stehen wir vor dem Problem – oder besser: vor dem Wagnis – der Freiheit.
Der Preis der Freiheit ist hoch. Sie ist nicht zum Nulltarif zu haben. Das zu erkennen, kann uns auch wachsam machen, wenn Freiheit bedroht oder eingeschränkt wird – sei es offen oder schleichend.
Freiheit hat das Potential, zerstörerisch zu sein. Sie kann Ursache von Leid und Tod werden. Aber sie schenkt uns zugleich die Möglichkeit, für das Gute einzustehen.
Sie gibt dem Guten überhaupt erst eine Chance.
Darum ist die menschliche Freiheit für den einen Fluch, für den anderen Segen. In jedem Fall aber eröffnet sie uns allen die Möglichkeit, immer wieder neu nach dem Guten zu streben und der Liebe zum Durchbruch zu verhelfen.
Das bringt die heutige Lesung sehr ermutigend auf den Punkt:
„Wenn du willst, wirst du die Gebote bewahren. Er hat dir Feuer und Wasser vorgelegt – wonach du greifst, das wird dir gehören. Vor den Menschen liegen Leben und Tod. (…) Keinem befahl Gott, gottlos zu sein, und keinem erlaubte er zu sündigen.“
Auch das gehört zur Erzählung von der Erbsünde: Erst durch die Freiheit des Menschen war es möglich, dass Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis aßen. Mit dieser Erkenntnis erhielt der Mensch die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden – und damit auch das Werkzeug für Leid und Not oder für Heil und Segen in die Hand.
Die Frage bleibt also offen – und sie richtet sich an uns selbst:
Wonach wollen wir in unserem Leben greifen, damit Leid und Not in dieser Welt zumindest weniger werden?
„Wen der Herr liebt, …“
Über eine echt problematische Lesung am 21. Sonntag im Lesejahr C
Ich erinnere mich: Als ich als Kind einmal meine Oma besuchte, fand ich in ihrem Schrank einen Stock mit Lederriemen. Ich fragte sie, was das ist. Sie sagte: „Eine Kopppeitsche.“ Damit hatte mein Opa früher seine Kinder geschlagen.
Da wurde ich traurig. Auch mein Vater war als Kind so behandelt worden. Anfangs, als Familienvater, hielt er es auch für normal, uns Söhne durch Schläge zu erziehen und zu bestrafen.
Dabei war unser Vater war eigentlich liebevoll. Er war selbständiger Handwerker, aber sonntags nahm er sich Zeit für uns Kinder, da war er für uns da.
Wir liebten ihn sehr, vielleicht auch deshalb, weil er bald von solchen ’schlagkräftigen Erziehungsmethoden‘ Abstand nahm. Meine Eltern lernten gemeinsam: Liebe hat nichts mit Gewalt zu tun. Ich finde diese Entwicklung, die sie gemeinsam zugelassen haben, großartig!
Und obwohl sie uns später nicht mit körperlicher Gewalt erzogen, sind wir, ihre sechs Söhne, alle gut durchs Leben gegangen. Wer hat denn nun Recht: die heutige Lesung oder meine Eltern mit ihrem Erziehungsstil?!
Gerade wegen dieser persönlichen Erfahrung empfinde ich die heutige Bibellesung als schwierig und äußerst problematisch. Sie ist eine Herausforderung, darüber zu predigen – und trotzdem will ich mich ihr stellen.
Denn ich finde darin einen wichtigen Gedanken, der es wert ist, im Mittelpunkt zu stehen. Um das zu verstehen, müssen wir uns die Absicht des Apostels Paulus anschauen. Sein Brief sollte den Glauben von verunsicherten Christen stärken, die Verfolgung, Zweifel und Enttäuschungen erlebt hatten. Paulus wollte ihnen Mut machen, damit sie im Alltag mit ihrem Glauben standhalten konnten.
Bild einer künstlichen Besamung einer Bienenkönigin, Bild von xiSerge auf Pixabay
Er spricht von „Züchtigung“; wir kennen das damit verwandte Wort „Zucht“, die eine gezielte und geplante Erziehung und Prägung meint, z.B. in der Pflanzen- oder Tierzucht. Dafür benutzte Paulus aber Bilder aus seiner Zeit – Bilder, die uns heute fremd erscheinen. Denn diese Bilder greifen eine zentrale Frage auf, die schon im Alten Testament eine große Rolle spielte: „Welchen Sinn hat Leid?“ Die damalige Antwort lautete: Leid kann den Menschen erziehen.
Für mich ist das ein sehr schwer erträglicher Gedanke – zumindest auf den ersten Blick.
Doch wenn Menschen leiden oder mit anderen mitleiden, passiert tatsächlich etwas mit ihnen. Im besten Fall setzen sie sich mit dem Leid auseinander und suchen Wege, damit umzugehen – allein oder mit Hilfe von Familie, Freunden, Therapeuten, Seelsorgern und anderen. Dabei kann ein tieferes Verständnis für das eigene Leben entstehen, vielleicht sogar ein neuer Blick auf den Sinn des eigenen Lebens. Auch ich habe so etwas erlebt.
Mein Vater starb mit 45 Jahren, ich war damals 17. Als er krank wurde, war ich gerade 10 Jahre alt. Er hatte einen Hirntumor und litt fast acht Jahre lang daran. Das war für ihn und unsere ganze Familie eine schwere Zeit – auch finanziell. Aber wir hielten zusammen. Als Kinder begleiteten wir unseren Vater auf Spaziergängen, betreuten ihn in unserer Freizeit in gewisser Weise, später halfen wir bei seiner Pflege zu Hause. Das waren Erfahrungen, die eigentlich kein Kind machen sollte. Aber wir wurden nicht davor bewahrt. Und gerade in dieser schweren Zeit haben wir eine besondere Nähe und Verbundenheit in unserer Familie erlebt, die es ohne das Leid vielleicht nie gegeben hätte. Diese Erlebnisse haben mich sehr geprägt. Sie machten mich sensibel für den Umgang mit Leid – bei mir selbst und bei anderen. Vielleicht war das auch ein Grund, warum ich später Seelsorger geworden bin. Natürlich hatte diese Zeit auch ihren Preis: Unsere Jugend war nicht unbeschwert. Ich war noch nicht einmal 18 Jahre alt, als ich schon meine erste Ausbildung abgeschlossen hatte, nur damit ich mehr Geld verdienen und die Familie mit unterstützen konnte. Auch meine Brüder haben ihren Teil dazu beigetragen. Nein, es war keine gute Zeit. Aber sie hat mich stärker gemacht und mir Sicherheit im Umgang mit Leid gegeben – im Blick auf andere und hoffentlich auch für mein eigenes Leben, falls mich einmal schweres Leid trifft.
Wenn Paulus also davon spricht, dass das Leid den Menschen erziehen kann, dann kann ich ihm aus meiner eigenen Erfahrung heraus zustimmen. Das Leben bringt uns manchmal harte Prüfungen, die uns für das zurüsten können, was noch kommt. Heute spielt das auch eine wichtige Rolle für die persönliche Resilienz.
(Anm.: Die Resilienz bezeichnet die psychische Widerstandskraft; Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen.)
Aber – und das ist mir wichtig – das kann auch ganz anders ausgehen. In meiner Arbeit in der Psychiatrie sehe ich oft, dass Menschen an diesen „Züchtigungen des Lebens“ zerbrechen.
Darum glaube ich: Leid ist weder ein gutes Erziehungsmittel noch ein Weg, den man sich wünschen sollte. Ich selbst könnte gut darauf verzichten. Nur: das Leben lässt es nicht zu, Leid einfach zu vermeiden.
Also versuche ich, damit umzugehen, damit es mich nicht zerstört, sondern ich – durch den bewussten Umgang damit – vielleicht sogar in meinem Leben gestärkt werde, und so besser gewappnet bin für die Herausforderungen meines Lebens und meines Glaubens.
Heute stehen wir am See von Tiberias. Hier treffen menschliches Bemühen und Gottes Kraft auf besondere Weise zusammen.
Die Jünger sind nach einer langen, anstrengenden Nacht aufs Wasser hinausgefahren. Sie haben gefischt – und nichts gefangen. Ihre Netze bleiben leer. Ihre Hände sind müde, ihre Hoffnungen enttäuscht.
Am Ufer aber steht Jesus. Er sagt nur: „Werft das Netz auf der rechten Seite aus!“ (Joh 21,6) Dieses eine Wort ändert alles. Die Jünger folgen, und plötzlich ziehen sie so viele Fische ins Boot, dass das Netz fast reißt. Aus Leere wird Fülle, aus Mühe Überfluss.
Ähnlich geht es uns oft: Wir arbeiten hart und sehen keinen Erfolg. Dann kann ein einziger Hinweis von außen uns eine neue Perspektive geben. Wir merken, dass wir nicht allein kämpfen. Das Netz, das wir auswerfen, ist ein Bild dafür, wie wir mit Jesus zusammenarbeiten – auch wenn es uns seltsam vorkommt.
Nach diesem reichen Fang wendet sich Jesus an Simon Petrus. Er fragt ihn dreimal: „Liebst du mich?“ (Joh 21,15–17) Dreimal erklingt die Frage – fast wie ein Echo auf Petrus’ dreimaliges Verleugnen.
Doch hier geht es nicht um Schuld, sondern um Heilung und Nähe.
So auch in dem Film „Die zwei Päpste“ aus dem Jahr 2019 mit Anthony Hopkins als Papst Benedikt und Jonathan Pryce als Kardinal Bergoglio, dem späteren Papst Franziskus. Dort begegnen sich Papst Benedikt XVI. und Kardinal Bergoglio. In einem eindrücklichen Gespräch sprechen sie über Schuld, Sünde und Vergebung – vor dem Hintergrund des Versagens der Kirche auch im Umgang mit sexuellem Missbrauch. Besonders bewegend ist Bergoglios Einsicht, dass Sünde mehr ist als ein Fleck, der sich einfach abwischen lässt. Er sagt:
„Sünden sind keine Flecken, die man einfach entfernt, sondern Wunden; sie müssen geheilt werden.“
Diese Worte führen uns mitten in das Herz unseres Glaubens: Wahre Heilung beginnt dort, wo wir Schuld nicht verdrängen, sondern sie ansehen, anerkennen – und heilen lassen.
Dies geschieht heute im Evangelium mit Petrus.
Diese Szene im heutigen Evangelium zeigt uns noch ein anderes:
Nachfolge ist keine einmalige Entscheidung.
Jedes „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe“ lässt Petrus sein Herz neu entdecken. In jeder Wiederholung spürt er, wie seine Liebe zu Jesus wächst. Und immer wieder hört er den Auftrag: „Weide meine Schafe.“
Unser Weg führt immer wieder ans Ufer – zu unseren leeren Netzen: wir sehen keinen Erfolg, in unserem Bemühen der Nachfolge. Aber jedes Mal, wenn wir auf Jesus hören und unser Netz ein zweites, drittes Mal auswerfen, kann unser Leben neuen Sinn und neue Fülle bekommen.
Auch wir haben Phasen, in denen unsere Netze leer bleiben: in Freundschaften, in Projekten, in unserem Glauben. Vielleicht erinnert uns dann eine kleine Stimme daran, wie Gott uns schon einmal geholfen hat. Vielleicht war es ein Wort, das uns neuen Mut gab, oder ein Moment, in dem wir Trost spürten.
Wenn wir ohne großen Plan aber mit offenem Herzen unser Netz erneut auswerfen, merken wir oft: Gehorsam im Glauben ist manchmal schwer, kann aber auch befreiend sein.
Die gute Nachricht durchdringt unser Leben. Sie füllt unsere leeren Räume und schenkt Überfluss.
So lädt uns die Geschichte am See und das Gespräch zwischen Jesus und Petrus ein, nicht an unserem Scheitern festzuhalten. Vielmehr dürfen wir offen sein für Jesu behutsames Fragen und seine sanfte Führung. In dieser Offenheit liegt Lebendigkeit. Sie verbindet uns mit Christus – und untereinander. Gemeinsam werfen wir unser Netz aus – um den Reichtum Gottes immer wieder neu zu entdecken.