Gestern habe ich mir wieder einmal selbst ein Bein gestellt. Der Tag fing eigentlich gut an: Arbeit im Krankenhaus mit Krankensalbung und zwei Gesprächen, ein bisschen Arbeit für den diesjährigen Ostergruß, die Planung der Bestellung von Osterkerzen – alles in einem Rahmen, der sich gut anfühlte.
Doch dann kam der Moment, in dem ich dachte: Ach, eine kleine Aufgabe geht noch.
Also habe ich mich noch an ein paar organisatorische unverzichtbare private Aufgaben gesetzt, die schon länger darauf warteten, erledigt zu werden. Es dauerte nur etwas über eine Stunde, aber die hat den Ausschlag gegeben.
Das Ergebnis kenne ich inzwischen nur zu gut.
Erst wurde mir schwindelig, dann war der Kopf wie Watte. Ich sage dann immer: „Ich habe Matsche im Kopp!“
Am Ende des Tages ging gar nichts mehr – nicht einmal fernsehen oder Musik hören.
Die Nacht war entsprechend unruhig.
Es ist frustrierend, weil ich eigentlich weiß, wie gut Pacing funktioniert, wenn ich mich konsequent daran halte.
Aber die Versuchung, „nur noch schnell“ etwas wegzuarbeiten, ist manchmal größer als die Vernunft.
Die Quittung kam prompt.
Heute steht deshalb ein Ruhetag an.
Hoffentlich reicht das, damit morgen zwei Gottesdienste möglich sind.
Jetzt heißt es erst einmal: langsam in den Tag kommen, zuhause bleiben, Kräfte sammeln.
Später reicht die Energie vielleicht für ein Telefonat – mehr aber auch nicht.
Long Covid bleibt ein strenger Lehrmeister. Und ich lerne immer noch.
25.01.2026: Beistand
Gestern durfte ich erleben, wie eine dritte Person mir zur Seite sprang, als es wieder um meinen Umgang mit Long-Covid ging.
Landläufig gilt ja die Regel, dass man Leistungsfähigkeit antrainieren kann, und zwar durch regelmäßige Belastung, die man bewusst allmählich steigert. Das ist bei gesunden Menschen so.
Nur: Mein Problem ist, dass die meisten Menschen meinen, ich könnte mir mit meinem Long-Covid bessere Leistungsfähigkeit antrainieren. Das funktioniert bei Long-Covid mit dem Erschöpfungssyndrom aber nicht. Ich kann nur hoffen, dass ich, wenn ich bis zu meinen Grenzen gehe und sie nicht permanent überschreite, allmählich so gesunden kann, dass ich peu a peu wieder mehr leisten kann.
‚Pacing‘, um das es hier geht, bedeutet: nicht zu wenig zu tun, aber auch nicht zu viel! Und ich muss – wirklich – jeden neuen Tag in mich hineinspüren und abzuschätzen versuchen, welche Ressourcen ich jeweils am Tagesanfang zur Verfügung habe. Diese Ressourcen muss ich mit meinen dienstlichen und privaten Verpflichtungen abgleichen und dann daraufhin meinen Tag gestalten. Habe ich einen Fehlgriff getan und mich falsch eingeschätzt folgt die Reaktion meines Körpers auf dem Fuße und erleide einen ‚crash‘. Erst über Wochen und Monate bekam ich ein besseres Gespür für die richtige Einschätzung.
Es ist gut, dass das Wissen um Long-Covid und Pacing auch bei nicht betroffenen Menschen mehr und mehr zunimmt.
Und wer sich dafür interessiert, aber sich damit noch nicht so auskennt, der/dem empfehle ich sehr dieses leicht lesbare und verständliche Buch von Maria A. Sinning: Peer’s Körperfabrik!
16.01.2026
Laudes gebetet Gottesdienst final beendet und ausgedruckt Einige dienstliche Emails und Anfragen beantwortet Etwas in der Küche ‚klar Schiff gemacht‘ Spülmaschine angestellt runter in den Keller: Wäschetrockner angestellt neue Ladung in die Waschmaschine etwas ausgeruht dann weiter in der Küche etwas gemacht wieder geruht aber weiter hoch motiviert ab in den Keller: Wäsche erledigen. wieder hoch und
k a p u t t!
Es ist 14.30 Uhr und mein Tagespensum habe ich schon erreicht.
Das frustriert, weil ich noch wollte
Wollen, aber nicht können! Long-Covid
12. Januar 2026
Crash – the day after
These: Crashes bei Long-Covid weisen mich fast immer darauf hin, dass ich zu wenig für mich gesorgt und eingestanden bin
Die vergangene Nacht war von massiven Albträumen geprägt. Gegen 02.00 Uhr wachte ich auf, mit unkontrollierten Muskelzuckungen am ganzen Körper. Ein untrügliches Zeichen, dass ich mich total übernommen hatte.
Müde und erschöpft, fand ich dann erst wieder nach 04.00 Uhr in den Schlaf (‚tired and wired‘).
‚Nachher ist man immer schlauer‘ – das Wort gilt auch in diesem Fall
Am Tag vorher hatte ich mich übernommen und überfordert. Aber das wollte ich erst zu spät wahr haben. Da waren Aktivitäten, die über das Maß hinaus gingen, was ich erfahrungsgemäß gut leisten kann, ohne mich zu überfordern. Da war Freude und auch Ehrgeiz an Aktivitäten, die mir viel bedeuten und in meinem Leben wichtig sind. Sie machen mein Leben freundlich, hell und lassen meine kreative Seite zur Geltung kommen. (Sowas nennt man gemeinhin auch *Eu-Stress*, wobei das ebenfalls Stress in dem Sinne ist, dass dabei Energie verbraucht wird. Dazu kamen aber auch Reizüberflutungen und Energieverbrauch durch Menschenansammlungen, durch auditive und visuelle Reize. Ich mag nicht einfach von ‚Lärm‘ schreiben, denn das klingt so negativ.
[Exkurs:
Es gibt auch auditive Reize, die man durchaus als angenehm oder im Normalfall sogar als wünschenswert betrachtet. Ein Beispiel: Abgesehen von Diskotheken für Menschen mit Hörbehinderungen würde wohl niemand in eine Diskothek gehen, wo nicht ‚ordentlich aufgedreht‘ wird, damit man bei toller Musik abtanzen kann. Oder niemand würde viel Geld für ein Konzertbesuch ausgeben, dann aber kaum was hören können. Es gibt also bestimmten Lärm, der erwünscht ist.
„Wo kann ich übermäßigen ‚Energieverbrauch‘ einsparen?!“ – Bild von Alexandra_Koch auf Pixabay
Nur: bei Long-Covid-PatientInnen wirkt sich auch der Lärm, der von anderen gewünscht oder zumindest nicht als belastend empfunden wird, negativ aus. Denn Reize jedweder Art zehren an der Kraft und sind auch Energiefresser. Nur merken Menschen mit Long-Covid das deutlicher als ‚gesunde‘ Menschen.]
Die Herausforderung: Crashes zu vermeiden, erfordert eine hohes Maß an Konsequenz und Ich-Stärke
Die alltäglichen Arbeiten, ob im Beruf oder im eigenen Haushalt, die Aktivitäten in Freizeit und Hobby, alles, was ein normales und gesundes Leben ausmacht und was einem selber nicht nur Pflicht, sondern auch Kür ist, all das wirkt sich auf die Energiebilanz eines Menschen aus. Besonders gravierend ist die Beachtung dieser Energiebilanz bei Menschen mit Long-Covid und jenen die an ME/CFS erkrankt sind. Denn sie verfügen erstens nur über ein reduziertes Maß an täglichem Energievorrat und dieser wird meist auch noch viel schneller aufgebraucht.
Ein Bild – ein Beispiel: Mir scheint es so, als würde ich einen Lebensmotor betreiben, der eher 10-12 Ltr. Sprit auf 100 Kilometer verbraucht, als ein sparsamerer Motor, der mit 3-5 Liter auf 100 Kilometer hinkommt. Dabei ist mein Motor nicht unbedingt älter. Aber mein Motor scheint sich durch meine Corona-Erkrankung 2022 verändert zu haben, nämlich der Art, dass ‚mein Motor‘ nun deutlich mehr Sprit verbraucht als früher, aber die Ursache ist nicht zu finden!
Wie gut man selber aber für sich sorgen kann, hängt wesentlich auch von der sogenannten ‚Ich-Stärke‘ ab. Das meint die Fähigkeit, stringent und konsequent den eigenen Weg zu gehen und auch die Fähigkeit gut für sich selber sorgen zu können.
Doch hier beginnen oft andere Herausforderungen. Da werden wir mit Erwartungen konfrontiert, mit Erwartungen von außen (vermeintlichen oder tatsächlichen Erwartungen), aber auch Erwartungen von innen, also durch uns selbst, die wiederum doch anerzogene Konventionen oder aber auch durch Selbstansprüche gesteuert werden.
„Wie stehe ich da, wenn ich mich jetzt so anders verhalte, als es (von mir selber) erwartet wird?“ – „Wenn ich mein Ding durchziehe (von dem ich weiß, dass es für mich gut ist), dann falle ich wieder auf und bin vielleicht jemand mit seiner eigenen Choreographie, die als ‚da tanzt er wieder aus der Reihe‘ wahrgenommen wird.“
Solche oder ähnliche Gedanken machen es einem dann noch schwerer, manchmal sogar unmöglich, wirklich gut für sich zu sorgen.
Und da ist jetzt nicht einmal ‚guter Rat teuer‘, denn meistens wissen meinesgleichen schon selber sehr gut, welcher Rat nun befolgt werden sollte. An guten Ratschlägen mangelt es nicht, beileibe nicht!
‚Wer gut für sich selber sorgt, fällt auf, wie ein unangepasst wirkender Mensch! – Aber die Richtung ist eigentlich ganz klar!“ – Bild von Cord Allman auf Pixabay
Nein, es mangelt oft an ausreichend Selbstbewusstsein und Ich-Stärke auch sein eigenes Ding durchzuziehen, das für mich selber heilsam und gut ist.
In solchen Situationen brauchen wir als Umgebungen, in denen es uns leicht(er) fällt, gut für uns zu sorgen.
Und dass bringt mich zur einer weiteren erschreckenden Beobachtung: gestern gab es sogar bei mir diese ‚gute Umfeld‘. Dort ist meine Erkrankung bekannt und ich weiß definitiv, dass man für mich Verständnis hat, wenn ich gut für mich sorge.
Deshalb bin ich um so bestürzter über mein eigenes Verhalten.
Es macht mir deutlich, dass ich gut beraten bin, bei mir an einem stärkeren Selbstbewusstsein zu arbeiten! Diese Einsicht mag einige meiner LeserInnen überraschen, die mich sonst ganz anders kennen, besonders auch aus beruflichen Zusammenhängen und die mich vielleicht dort als selbstbewusst, stringent und konsequent erleben. Doch im Kern wütet manchmal eine kritische Selbstreflexion, die auch das Potential hat, die Ich-Stärke anzugreifen.
Das ist ein weiteres Leiden, dass zu der Komplexität von Long-Covid bei mir dazu kommt.
Nun mag man sich fragen, warum ich damit hier so offen umgehe? Weil ich glaube und fest davon überzeugt bin, dass ich nicht der einzige Mensch auf der Welt und unter denen bin, die an Long-Covid erkrankt sind. Auch den anderen Leidensgenossinnen möchte ich dadurch ermutigen, sich auf dieser Seite der eigenen Persönlichkeit zu stellen, weil sie kein Makel ist, aber wohl eine Herausforderung, die wir – vielleicht auch gemeinsam in unseren Selbsthilfegruppen – bearbeiten können.
Wachsamkeit und ‚guter Schlaf‘
Impuls zum 1. Advent 2025
Vielleicht erinnern Sie sich an einen der ersten Adventssonntage Ihrer Kindheit: Draußen war es noch dunkel, auf dem Esstisch brennt schon eine Kerze, und es duftet noch nach etwas Süßem, was am Vortag im Backofen buk. Man war noch müde, ein bisschen verschlafen – und trotzdem war da dieses Gefühl:
Heute beginnt etwas Besonderes.
Vielleicht gingen wir auch voller Spannung zum Adventskalender, der damals noch lediglich aus Papier bestand und bei dem sich hinter jedem Türchen ein neues Bildchen verbarg. Mehr war damals nicht.
Damals nannte es niemand „Wachsamkeit“. Und doch waren wir es: wachsam und aufmerksam für jedes Geräusch, für heimelige Düfte von Kerzen, Tannen und Backwerk, für jedes Licht, für jedes kleine Zeichen von Nähe und Wärme. Wir waren wach – nicht, weil wir nicht geschlafen hatten, sondern weil unser Herz und unsere Sinne offen und ganz neu sensibilisiert waren.
„Seid wachsam!“, ruft Jesu uns im heutigen Evangelium zu. Und der Prophet Jesaja lädt uns ein, sich eine Welt vorzustellen, in der Schwerter zu Pflugscharen werden – eine Zukunft, die Frieden möglich macht. Beides zusammen bildet den Herzschlag des Advents: wach sein für das, was werden kann.
Aber Wachsamkeit hat nichts mit Schlaflosigkeit zu tun. Seitdem ich seit drei Jahren unter Long-Covid leide, kenne ich das nur zu genüge.
Ich gehe abends hundemüde ins Bett, doch ich finde einfach keinen Schlaf. Wenn ich dann endlich eingeschlafen bin, endet die Nacht viel zu früh – oft schon gegen fünf Uhr bin ich wieder wach. In solchen Nächten liege ich lange wach, aber wachsam bin ich deswegen noch lange nicht. Im Gegenteil: Diese Schlaflosigkeit erschöpft mich, lässt mich müde bleiben und raubt mir die Kraft für echte Aufmerksamkeit, für Wachsamkeit.
Manchmal ist es gerade die Erschöpfung und Müdigkeit, die unsere Augen und unseren Geist trübt und unseren Blick verengt.
Ich bin mittlerweile mehr und mehr davon überzeugt:
guter Schlaf und und echte Wachsamkeit sind sich näher, als wir manchmal meinen – wie zwei Geschwister, die einander brauchen.
Wachsam wird, wer Raum schafft: weniger Lärm im Kopf, weniger Ablenkung, weniger dieses rastlose Hin-und-Her; dafür mehr Momente, in denen wir wirklich anwesend sind. Ein paar Minuten Stille am Morgen. Ein Gespräch, das nicht oberflächlich bleibt. Ein Gebet – allein oder gemeinsam -, das uns erdet; kleine geistliche Pausen, die uns wieder spüren lassen, was wirklich wichtig ist.
Und zugleich: Der Advent lebt auch von dem, was uns seit Kindertagen trägt: vom Ritual des Kerzenanzündens, von Liedern, die man auswendig kann, vom Plätzchengeruch, der sofort innere Bilder weckt.
Diese einfachen Dinge haben uns damals geholfen, die Zeit bis Weihnachten zu „spüren“, ohne dass wir vom Verstand her erfasst hätten, was die Menschwerdung Gottes bedeutet. Vielleicht dürfen wir sie heute wieder neu zulassen – nicht aus Nostalgie, sondern weil sie unser Herz empfänglich machen für das, was Gott sagen will.
Wenn wir beides verbinden – die bewusste Wachsamkeit der Erwachsenen und das staunende Herz unserer Kindheit –, dann kann dieser Advent mehr sein als nur Vorweihnachtstrubel.
Er kann eine Zeit werden, in der wir entdecken, wie Gott mitten in unserem Alltag leise Schritte macht. Eine Zeit, in der wir lernen, zu horchen, zu hoffen und uns berühren zu lassen. Eine Zeit, in der wir wach werden – für das Licht, das unterwegs ist zu uns.
Klare und frustrierenden Ansage heute von meinem Hausarzt zu meinem Long-Covid: Es gibt keine evidenzbasierte wirksame Therapie.
Es gibt auch keine wissenschaftlich gesicherte Ursache für Long-Covid.
Deshalb habe ich nur die Möglichkeit des Pacings und möglichst crashs zu vermeiden.
Ich habe gemerkt, dass es nichts davon hält irgendetwas ‚auszuprobieren‘, ohne wissenschaftliche Grundlage, ob bei bei der klassischen Schulmedizin oder auch bei der Naturheilkunde. ‚A und O‘ sind für ihn wissenschaftlich bewiesene Wirksamkeit. Das verstehe ich und dem stimme ich auch zu. Nur: So stehe ich nun ziemlich im Regen. Es ist frustrierend. Und ich muss überlegen, wie ich damit privat und beruflich weiter umgehen kann.