oder: wenn jemand die Religion für seine Macht missbraucht
Manche erinnern sich an das – für mich verstörende – Bild, wie Donald Trump sich vor der Kamera von über einen Dutzend evangelikaler AmtsträgerInnen ’segnen‘ ließ. Wenige Tage später zieht Trump in den Krieg gegen den Iran, eigenmächtig, ohne sich mit Verbündeten aus EU und NATO zu besprechen, geschweige denn zu beraten. Denn: nein, ein Donald Trump, selbstherrlich und egomanisch wie er nun mal zu sein scheint, hat das ja offenbar nicht nötig.
Weiß er eigentlich, dass er selbst das heutige Bespiel für ein Gleichnis ist, das Jesus – zwar in einem anderen Kontext – gebraucht hat?! Aber es passt sehr gut zu Trump. Es passt sehr gut zu einem Präsidenten der USA, der sich selber als religiös bezeichnet und sich gerne eine religiöse Aura gibt, aber wohl nicht wirklich die Botschaft des Neuen Testaments verinnerlicht oder gar verstanden hat oder vielleicht sogar gar nicht kennt?! Denn hätte er das Neue Testament gekannt oder ernst genommen, dann wäre für ihn die Textstelle aus dem Lukas-Evangelium 14, 28-31 eine Warnung gewesen!
Dort heißt es in den Versen 28 und 29:
„Denn wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und berechnet die Kosten, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen? 29 Sonst könnte es geschehen, dass er das Fundament gelegt hat, dann aber den Bau nicht fertigstellen kann. Und alle, die es sehen, würden ihn verspotten“
Und anschließend bezieht Jesus diesen Vergleich explizit auch auf die Absicht, in einen Krieg ziehen zu wollen.
Jetzt ist genau das geschehen: zwar hinter vorgehaltener Hand, lacht man über Donald Trump, man verspottet ihn und nimmt ihn jetzt erst recht nicht mehr ernst.
Besonders profitiert dabei z.B. Putin über diesen irrsinnigen Krieg Trumps gegen den Iran. Putin kann sich genüsslich zurück lehnen: Die Ukraine und sein völkerrechtwidriger Angriff gegen die Ukraine ist von den Schlagzeilen etwas verdrängt worden. Die Ölpreise steigen und Putin kann noch mehr Geld in seine Kriegskasse scheffeln. Putin muss Trump nur machen lassen, denn Trump unterstützt – gewollt oder ungewollt – offensichtlich das miese Geschäft anderer Kriegstreiber und Verbrecher.
Erst gestern sprach ich mit ganz normalen Menschen, wie du und ich. Sagte eine Frau zu mir: „Als ich von dem Angriff gegen den Iran hörte, schoss es mir gleich durch den Kopf: ‚die Straße von Hormus'“ Ganz normale Menschen wissen um die strategische immens wichtige Bedeutung der Straße von Hormus für den Iran. Sollte der Präsident der USA nicht einmal um dieses strategische Basiswissen verfügen? Wenn ja, dann ist er es nicht wert, Präsident einer solch großen Nation zu sein! Und wenn er es weiß, dann stellt sich doch die Frage, ob nicht ganz andere persönliche Absichten hinter diesem irrwitzigen Tun stecken?
Auch seine vermeintliche ‚Kritik an NATO-Staaten‘:
Ist Trump wirklich so dumm, dass er nicht verstanden hat, was die NATO von ihrem Wesen her ist: Ein VERTEIDIGUNGSBÜNDNIS ?! Die NATO ist keine Gemeinschaft von Staaten, die Angriffskriege unterstützen!
Sollte Trump wirklich so dumm sein, das nicht zu wissen oder zumindest so dumm sein, das zu ignorieren?! Ist Trump wirklich nicht bewusst, dass sein Angriff auf den Iran völkerrechtlich mindestens fragwürdig, wenn nicht sogar völkerrechtswidrig ist? Und wenn dieser Angriff völkerrechtswidrig ist, ist dann Trump nicht besser als Putin?
Man kann es drehen und wenden wie man will: der derzeitige Präsident der USA wird wohl in die Geschichte eingehen, als der unfähigste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Und seine Unfähigkeit und seine Fehler werden sich noch lange auf die Geschichte der USA, vielleicht auch vieler anderer Regionen der Erde auswirken.
Womit hat die Welt das verdient? Und vor allem:
Warum lässt man diesen Präsidenten weiter gewähren? Wo sind die vernünftigen und anständigen Menschen, auch unter den Republikanern in den USA?!
Ich denke: Alle, die die Macht und den Einfluss haben, sich gegen Trump zu positionieren, es aber nicht tun, sind mitschuldig an dieser gegenwärtigen gefährlichen Situation, die vom Präsidenten der USA noch geschürt wird.
Christliche Tugend: Barmherzigkeit
Was ist Barmherzigkeit?
Vorbemerkungen zum besseren Verständnis der nachfolgenden Gedanken:
Alles, was ich hier schreibe, bezieht sich nicht auf eine konkrete Person (auch wenn ein konkreter Anlass diese Zeilen begründet), sondern auf den Umgang mit einer Thematik, die immer noch in Kirche und Gesellschaft tabuisiert und in der Breite nicht ernst genug genommen wird.
Und noch etwas Entscheidendes muss ich voran schicken, damit die nachfolgenden Ausführungen besser eingeordnet und verstanden werden können:
Grenzüberschreitungen sind niemals eine Bagatelle!
„Keinen Zutritt!“ – www.pixabay.com
Sie sind nicht harmlos, erst recht, wenn eine bestimmte Vertrauensbasis vorliegt oder sie sogar mit Machtmissbrauch verbunden ist, wie es zum Beispiel oft bei Schutzbefohlenen, Kindern und Jugendlichen der Fall ist. Sie sind insbesondere dann noch gefährlicher, wenn sie mit körperlichen oder sexualisierten Grenzüberschreitungen einhergehen.
Denn so stellen sie zudem einen massiven Angriff auf die sexuelle Integrität eines Menschen dar, die dann ganz besonders brisant ist, wenn diese Menschen sich in einer Entwicklungsphase der eigenen sexuellen Identitätsfindung befinden, wie bei heranwachsenden Kindern und Jugendlichen rund um oder in der Phase ihrer Pubertät.
Die Suche zum ‚Ich‘ braucht umfassenden Schutz!
Seit Ende der 1990er Jahre beschäftige ich mich zwangsläufig, eher unfreiwillig und notwendigerweise, mit diesem ganzen Themenkomplex, der mir schon Ende der 1990er Jahre in einer kirchlichen Beratungsstelle für sexuell übertragbare Krankheiten begegnet ist. Später wurde ich massiv als Gefängnisseelsorger mit der Thematik konfrontiert und bis zum heutigen Tage als Krankenhaus-Seelsorger in einer Psychiatrie.
Dazu kommt, dass ich selber – als heranwachsender Jugendlicher und sogar später als Priester – Opfer sexueller Grenzverletzung und Übergriffigkeit geworden bin. Selbst mit Anfang meiner 40er Jahre habe ich in einer früheren Pfarrei durch eine deutlich älteren Frau in einer völlig unverfänglichen gottesdienstlichen Situation (Wohnungseinsegungsfeier!) körperlich-sexuelle Übergriffigkeit erfahren. Für mich als erwachsener Mann, der seine sexuelle Integrität gefunden hat, war dies trotz allem sehr irritierend, verstörend und hat eine Flut unterschiedlichster Gefühle in mir ausgelöst wie Wut, Ohnmacht, Ekel und Abscheu. (Mein Gedanke damals: am liebsten hätte ich der Frau eine kräftige Ohrfeige geben! – Im Pott würde man sagen: „Eins in die Fresse gehauen!“)
Wenn ich mich dann frage, was solche oder ähnliche Erfahrungen bei Menschen auslösen kann, die ihre sexuelle Integrität noch finden müssen, liegt die berechtigte Vermutung nicht fern, dass bei ihnen massiver Schaden entstehen kann.
Ich kann somit für mich in Anspruch nehmen, in dieser Thematik ‚bewandert‘ zu sein.
Und ich sage auch: Mir behagt es nicht, mich auch selber als Betroffener sexueller Übergriffigkeit zu outen. Aber ich halte es im Hinblick auf andere mögliche Opfer für meine moralische Verantwortung, dieses jetzt und hier zu tun. Zumal ich in den Diskussionen immer wieder erfahre, dass betroffene Menschen nicht ernst genommen werden, so als wäre das lediglich ein kleines Randthema. Doch die Statistiken sprechen eine ganz andere Sprache. Und ich habe immer wieder erfahren, dass Menschen, die in solchen Thematiken ihre berechtigten Sorgen und Ängste formulieren und in Protest ausdrücken, ebenfalls nicht ernst genommen werden. Mitunter unterstellt man ihnen sogar niedere Beweggründe.
Und wenn der Umstand, von meiner eigenen persönlichen Lebensgeschichte zu erzählen, die Sensibilität für dieses Thema erhöht und dadurch mehr Menschen vor solchen Taten bewahrt werden können, dann hat sich mein Outing schon gelohnt!
Komme ich aber nun zum eigentlichen Anlass dieses Beitrags.
Vor einigen Wochen konnten wir in unserer Pfarrei eine Situation erleben, die sich mit der Frage konfrontiert sah, ob ein Seelsorger – der in der Vergangenheit wegen zwischenmenschlichen Grenzüberschreitungen seine frühere Aufgabe in einer anderen Stadt aufgeben musste – nun in unserer Pfarrei als Priester und Seelsorger eingesetzt werden solle?
Wenn Schutzmauern zerbrechen oder zerbrochen werden – www.pixabay.com
Ohne näher auf diese Angelegenheit eingehen zu wollen, will ich kurz zwei „Lager“ skizzieren, wie ich sie persönlich wahrgenommen habe.
Die eine Seite bewegte berechtigte Sorgen und Ängste, ob bei einem neuerlichen Einsatz solche Grenzüberschreitungen sicher vermeidbar wären? Sie hatte berechtigte Fragen, auf der sie keine zufriedenstellenden Antworten bekommen haben. Deshalb irritierte sie auch sehr stark der Prozess dieser Personalentscheidung. Sie hatte die Courage und den Mut, diese offenen Fragen, ihre Sorgen, Ängste und Verunsicherungen zu artikulieren. Nach allem, was wir über Grenzüberschreitungen und Missbrauch empirisch wissen, sind diese offenen Fragen und Sorgen berechtigt.
Da ist zum Beispiel die immens wichtige Frage, ob die damaligen Grenzverletzungen nicht auch eine Vorstufe zu weiteren Handlungen hätten sein können? Wir wissen aus der wissenschaftlichen Forschung rund um Missbrauchsbiographien, dass Täter:innen mitunter – wenn auch nicht geplant – austesten, ‚wie weit sie ohne Widerstand gehen können‘. Da ist die Frage erlaubt: Wer ‚garantiert‘ keine Wiederholungsfälle? Wer übernimmt persönlich die Verantwortung dafür, wenn sich ’so etwas wiederholt‘? Und dann sind da die nicht unerheblichen Fragen und Unsicherheiten von Eltern und Erzieher:innen: „Woher bekommen wir die Sicherheit, unsere Kinder und Jugendlich der ‚Kirche‘ anvertrauen zu können, die – nach ihrer eigenen Wahrnehmung – nur so unzureichend auf den vorhersehbaren Widerstand vorbereitet war?“
Diese Fragen stehen im Raum und sie zu leugnen oder zu bagatellisieren, hieße, die Sorgen derer, die diese berechtigten Fragen stellen, nicht ernst zu nehmen.
Weil so viele essentielle Fragen und Anmerkungen unbefriedigend beantwortet wurden, deshalb war der Widerstand gegen diese Personalie – nach meinem Dafürhalten – auch so heftig.
Meine persönliche Meinung zu den Anfragen und Protesten: sie waren berechtigt, gut begründet und deshalb nötig!
Wir sind verpflichtet zu der widerständigen Menschlichkeit, die wir an Jesus Christus selbst und somit an Gott, der für uns da ist, sehen und von ihm lernen können. Dabei bleiben wir aber auch Suchende nach mehr Frieden und nach mehr Früchten der Gerechtigkeit und Liebe (vgl. Jes 32,17).
Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen, in: TE DEUM, März 2024, S. 84
Und dann ist da die andere Seite. Sie war geleitet von dem Gedanken, diesem Seelsorger ’noch einmal eine Chance zu geben‘.
Dies wurde mitunter damit begründet, dass ja weder ein strafrechtliches noch ein kirchenrechtliches Verfahren zu der Schlussfolgerung kam, dass hier strafbares Handeln vorläge. Diese Seite zieht damit einen rein formaljuristischen Umstand als Begründung heran. Dem entgegnete aber jemand, dass mit einem schärferen Strafrecht (wie es es in anderen Ländern gibt) diese Beurteilung auch ganz anders hätte aussehen können. Insofern sei dieses ‚Argument‘ nicht objektiv hinsichtlich dessen, wie solche Taten bewertet werden können.
Diese ‚andere Seite‘ schien häufig über den konkreten Sachverhalt nicht hinreichend informiert zu sein. Auf die kritische Nachfrage, ob sie sich mit der IPP-Studie des Bistums Essen beschäftigt hätten, wo dieser Sachverhalt auch explizit benannt wird, bekam man oft die Antwort, dass sie diese Studien und insbesondere den betreffenden Abschnitt gar nicht gelesen hätten.
Jemandem eine Chance geben zu wollen, wurde übrigens auch von Menschen gefordert, die im nächsten Satz zugaben, dass sie ‚ihr Kind aber nicht als Messdiener:in in die Kirche schicken würden, wenn besagter Priester bei ihnen eine Messe feiern würde‘.
Und dann tauchte auch das ‚Argument‘ „Barmherzigkeit“ auf.
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Es sei schließlich christliche Überzeugung, Barmherzigkeit zu üben. Und in solchen Situationen würde sich zeigen, inwieweit wir es mit der christlichen Barmherzigkeit ernst nehmen würden.
Es waren übrigens zum Teil dieselben Personen, die Barmherzigkeit einforderten, die mit denen, die gegen diese Personalentscheidung aus den oben ausgeführten Gründen protestierten, recht unbarmherzig umgingen. Man warf ihnen „Hexenjagd“ vor oder dass sie andere Menschen aufwiegeln würden, sich diesem Protest anzuschließen.
Gerade an diesem Punkt musste ich für mich erkennen, dass es bei der eingeforderten Barmherzigkeit also nicht um eine christliche Grundhaltung ging, sondern diese vermeintliche Forderung nach Barmherzigkeit eher zu einem populistischen Kampfbegriff verkam.
Und das ist für mich die unchristlichste Form mit Barmherzigkeit umzugehen. Barmherzigkeit im christlichen Sinne ist nicht einseitig; Barmherzigkeit dürfen alle Seiten für sich einfordern.
Es scheint so, als lohne es sich, anhand des oben genannten Sachverhalts das Gebot der Barmherzigkeit genauer zu beleuchten. Dabei wird es sicherlich auch notwendig sein, andere Aspekte in den Blick zu nehmen, die zeigen werden, das Barmherzigkeit unter verschiedensten Blickwinkel betrachtet werden muss.
Da wäre die Barmherzigkeit gegenüber jenen Menschen die Fehler begangen haben. Barmherzigkeit ist hier durchaus im umfassenden Sinne gemeint. Welches Verhalten ist ihnen gegenüber wirklich barmherzig? Kann es nicht auch ein Akt der Barmherzigkeit sein, Menschen, die Fehler begangen haben und neue Wege gehen wollen, nicht immer dem kritischen Blick auszuliefern, der da mit Argusaugen schaut, ob dieser Mensch nicht schon wieder denselben Fehler macht? Was macht den Unterschied zwischen „Barmherzigkeit“ und ‚Schwamm drüber!‘?
Dann müssen wir auch die Barmherzigkeit in den Blick nehmen, die die Betroffenen im Hinblick auf ihre eigenen Erfahrungen von Grenzüberschreitungen und Missbrauch erwarten dürfen. Ferner geht es um die vor- und fürsorgliche Barmherzigkeit potentieller Betroffenen und Opfern gegenüber. Es gibt also auch eine präventive Barmherzigkeit.
Und nicht zuletzt geht es auch um Barmherzigkeit denen gegenüber, die ihre Ängste, Sorgen, offenen Fragen beherzt in einem öffentlichen Protest zum Ausdruck gebracht haben.
Folgende Fragen bewegen mich in diesem Zusammenhang:
Was ist (mit) Empathie?
Welche Zuordnungen gibt es zwischen Empathie (für Täter und Opfer/Betroffene) und Barmherzigkeit (gegenüber Tätern und zugleich gegenüber – potentiellen – Opfern/Betroffenen)?
Welches Maß an Barmherzigkeit ist zumutbar?
Gibt es auch Grenzen von Barmherzigkeit?
In welcher Zuordnung stehen Barmherzigkeit, Vergebungsbereitschaft und Gottes-, Selbst- und Nächstenliebe sowie der Schutz und die Anwaltschaft für Opfer, Betroffene und Schutzbedürftige?
Indem ich diese Zeilen schreibe, merke ich, dass diese Fragen nicht alle auf einmal beantwortet werden können. Ein Blogbeitrag und ein Tag reichen nicht aus, um diesem Thema gerecht zu werden, weil es einfach zu komplex wird und sich ‚einfache‘ Antworten bei einem so sensiblen Thema geradezu verbieten?!
Ich werde mich also in einem späteren Beitrag mich mit diesen oben genannten Fragen beschäftigen und meine Gedanken dazu niederschreiben.
Über konstruktive Kommentare, die bereit sind, auch in der Tiefe eine Begründung zu liefern würde ich mich sehr freuen! Destruktive Kommentare oder gar Beschimpfungen werde ich nicht freigeben!
2. Advent – Tröstet!
„Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott!“
Dieser Text aus dem Buch Jesaja fordert uns heute ebenfalls heraus, wenn ich ihn richtig deute!
Vom Trost ist im Advent viel die Rede: „Wo bleibst du Trost der ganzen Welt…?“ heißt es in einem Adventslied.
Das Wort ‚Trost‘ weckt in uns ein Gefühl, das wir alle kennen. Viele Texte und Aphorismen beschäftigen sich mit diesem Thema. Trost scheint ein wertvolles Wort zu sein. Aber als Wort allein ist es bedeutungslos.
Was bedeutet Trost, was spendet Trost?
Ich grüble schon den ganzen Tag über diese Frage nach, aber ich finde nur Begriffe, Gedankensplitter, Bilder, Vermutungen … aber nichts davon kann ich richtig erfassen, verstehen und ausdrücken, zumindest nicht vollständig.
Über den Trost nachzudenken bleibt wohl nur bruchstückhaft. Aber vielleicht liegt darin das Geheimnis vom Trost. Eine universelle Definition von Trost gibt es nicht. Ebenso wenig gibt es eine verbindliche Regel, wie man richtig tröstet.
Trost hängt von der Situation und der Beziehung ab, in der er gesucht und gegeben wird. Er ist nicht allgemein oder abstrakt, sondern konkret und individuell. Er richtet sich nach dem, was jemand erlebt hat und mit wem er verbunden ist.
Und Trost ist gefährlich, für jene, die Trost spenden wollen allemal. Denn nur wer wirklich trösten will, braucht den Mut, bei den Menschen zu bleiben und mit ihnen zu sein; sich von ihrem Schicksal bewegen und berühren zu lassen. Trost geben zu wollen, heißt auch, bereit zu sein, in gewisser Weise mitzuleiden.
So drückte es der Publizist Peter E. Schumacher aus:
Trost
…und bisweilen kommen da Worte, die dich gleichsam starker Hände nehmen, dich halten und behutsam führen, deren sanfter Druck dir Trost schenkt und die nicht scheuen die Nässe
Die Herausforderung und die Pflicht ist es, in dieser Nähe respektvoll zu bleiben und keine Grenzen zu überschreiten. (Wohin das führen kann, erfahren wir seit Jahren sehr leidvoll in den vielen Aufdeckungen spirituellen Missbrauchs oder sexualisierter Gewalt.)
Dieser Mut zur Nähe ist ein Mut zur emotionalen Nähe, ohne dabei selbst in den Sog von Unglück und Leid herunter gezogen zu werden.
Trost braucht Empathie, ich übersetze es gerne mit Einfühlsamkeit!
Diese Einfühlsamkeit ist es übrigens, die Gott uns zeigt und diese göttliche Einfühlsamkeit ist der Ursprung, warum Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist.
Gott ist an unserer Seite, Gott steht hinter uns, Gott steht uns bei. Das ist der „Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt“, wie es im Adventslied heißt.
Wenn es ein Unternehmen gäbe, das „Trost“ anbietet – es wäre heute sehr gefragt! Denn: Viele Menschen sehnen sich nach Trost! … Echter Trost ist mehr als nur eine Vertröstung. Echter Trost schenkt Mut und Kraft für den nächsten Schritt. Denn ich fühle: Ich bin nicht allein gelassen.
Manchmal kommt der Trost unerwartet und leise, nicht durch Worte, sondern durch Gesten und Zeichen von Güte und Wertschätzung: eine Nachricht – egal in welcher Form in diesen modernen Zeiten -, ein freundliches Gesicht, eine ehrliche Nachfrage, ein aufmerksames Zuhören oder ein stilles Beisein bei Menschen, die jetzt nicht allein sein wollen, …. Das kann Mut machen und Trost spenden.
Man erkennt oft den Trost nicht an den Handlungen des Tröstenden, sondern an der Wirkung, die der Trost auf den anderen Menschen hat.
Der österreichische Priester Martin Gutl hat das in seinem Buch: „Der tanzende Hiob“ – Styria Verlag 1975, mal so beschrieben:
Karl May schreibt über den Trost: Siehst du ein Menschenkind in Tränen, verhalt’nes Schluchzen in der Brust, so wolle ja nicht, ja nicht wähnen, dass du mit Worten trösten musst.
Vermeide es, ihn zu beraten; geh weiter, aber sende dann die Liebe, die in stillen Taten ihm heimlich, heimlich helfen kann.
Berührt ein kalter Schall die Wunde, so schmerzt er nur und heilt sie nicht; der Trost wohnt nicht im leeren Munde, er ist des Herzens tiefste Pflicht.
Vor einem Wort am rechten Orte kehrt wohl der Harm beruhigt um, doch wahrer Schmerz hat keine Worte, und auch der wahre Trost ist stumm. Karl May (1842 – 1912), zitiert nach: https://www.aphorismen.de/gedicht/98868
Ich formuliere meine Erkenntnis mit meinen eigenen Worten.
„Nicht plausibel“, so lautete das Urteil das sie über deine Klage sprachen und das dir verwehrte gehört zu werden und dein Leiden anzuerkennen.
„Nicht plausibel“, so der Vorwand, den Blick abzuwenden von vergangenem Unrecht und dem Verbrechen das man dir tat.
„Nicht plausibel“ – die kirchliche Morallehre, die deine Würde nicht genau so penibel ernst nahm wie ihren kleinkarierten und sklavischen Verhaltenskodex, an dem sich jene selbst nicht dran hielten die das Urteil über dich sprachen:
„Nicht plausibel“
„Nicht plausibel“, wenn wir jetzt nicht endlich aufbrechen, eingestehen, zugestehen
das unser Verhalten dir gegenüber „nicht plausibel“ war.
„Nicht plausibel“ wenn wir jetzt nicht ablegen jeglichen unchristlichen Obrigkeitswahn und Personenkult der so schnell „sancto subito“ ruft in unheiliger Allianz.
„Nicht plausibel“, so lautet heute dein Urteil über uns
und das ist plausibel.
(c) Gerd Wittka, 23.09.2023
Erschütternder Verdacht
Erster Bischof von Essen soll sich des Missbrauchs schuldig gemacht haben
Am 19. September informierte der derzeitige Bischof von Essen, Dr. Franz-Josef Overbeck, die Öffentlichkeit darüber, dass es ernst zu nehmende Hinweise gibt, dass Bischof Dr. Franz Hengsbach sexuellen Missbrauch begangen hat.
Diese Meldungen erschüttern nicht nur unser Bistum. Auch mich erschüttern sie. Viele Gedanken und Fragen gehen mir durch den Kopf. Sie haben auch etwas damit zu tun, weil ich selber Bischof Hengsbach noch zu meinen Studienzeiten erlebt habe. Er persönlich hatte mich damals ermutigt, das Abendgymnasium zu besuchen, um an einer Universität ein ordentliches Theologie-Studium zu absolvieren. Ich müsste seinen Brief an mich noch in meinen Dokumenten vorliegen haben.
Meine eigene persönliche und berufliche Biographie ist also in bestimmter Weise auch mit der Person von Bischof Hengsbach verbunden.
Deswegen lassen diese Nachrichten auch mich überhaupt nicht kalt.
Ich werde dazu vielleicht noch ausführlicher hier schreiben. – Ich will dieses Thema aber hier schon jetzt auch in meinem persönlichen Blog aufgreifen.
Denn:
Wir dürfen nicht schweigen!
Um der Opfer willen möchte ich auch hier diesem Thema Raum geben, denn ich selber habe immer noch das Gefühl, dass in unserer Kirche, auch in unseren Pfarreien, das Thema „sexualisierte Gewalt“ und „geistlicher Missbrauch“ noch lange nicht den Stellenwert erfährt, den diese Themen haben müssen!
Deshalb möchte ich zu guter Letzt auch die Opfer-Seite zu Wort kommen lassen, mit einem Beitrag der am 24.09.2023 im WDR ausgestrahlt wird:
Joseph Ratzinger, vorm. Papst Benedikt XVI. ist tot
Möge er Gottes übergroße Barmherzigkeit erfahren; eine Barmherzigkeit, die auch unter seinem Pontifikat, durch die Kirche in der Welt zu wenig gelebt wurde.
Ich kann in diesem Augenblick nicht die Opfer und Verletzten seines Pontifikats vergessen: die Ökumene, die jüdischen Geschwister, die Opfer von sexualisiertem und geistlichem Missbrauch, die Frauen in der Kirche und die Laien und auch die Queer-People!