gehen – mitgehen – zurückgehen

Impuls zum 3. Sonntag der Osterzeit – A – 2026

Schriftstelle: Lukas-Evangelium 24, 13-25

Bild von Silvia auf Pixabay

Manchmal zerbrechen Träume wie Glas. Hoffnungen platzen wie Seifenblasen. Pläne, an denen wir festgehalten haben, verbrennen plötzlich wie Papier in der Glut. Viele kennen das: eine Diagnose, eine Nachricht, ein Abschied — und plötzlich ist nichts mehr so, wie es war. Dann bleibt oft nur der Gedanke: „Jetzt ist alles aus.“

Auf dem Weg nach Emmaus

Die beiden Jünger sind müde, enttäuscht, verängstigt. Alles, was sie mit Jesus verbunden hatte, scheint verloren. Sie wollen nur noch weg. Dieses Weggehen ist kein Abenteuer, es ist ein Rückzug: weg von dem Ort, der schmerzt; weg von den Erinnerungen, die zu schwer sind.
Und doch gehen sie nicht schweigend. Sie reden miteinander. Sie teilen Frust, Enttäuschung und Angst. Das Reden ändert nicht sofort die Welt, aber es verändert die Last: sie wird teilbar, weniger erdrückend.

Ein Dritter, der bleibt

In ihre Unterhaltung tritt ein Fremder.
Er hört zu, ohne zu urteilen.
Er nimmt ihre Not ernst.
Er kommt nicht mit schnellen Antworten, sondern bleibt bei ihnen, fragt nach, erklärt behutsam.
Diese Art des Zuhörens nimmt nicht die Ohnmacht, aber sie befreit davon, allein gegen das Unabänderliche ankämpfen zu müssen.

Wenn wir unsere Sorgen aussprechen dürfen und jemand wirklich zuhört, verändert das etwas — nicht weil die Umstände sofort besser werden, sondern weil das Leid nicht mehr nur in uns liegt.

Genau das habe ich vor wenigen Tagen erlebt:
Angehörige eines sterbenden Menschen suchten das Gespräch.
Ich hörte ihnen zu, ließ sie erzählen von der Situation, von den Aussichten und Prognosen und von den noch ungeklärten Fragen, die sie belasteten. Ich hörte zu, versuchte behutsam, dass sie ihre Lage und ihre Gefühle ins Wort bringen konnten, damit sie Antworten für sich finden konnten.
Mehr als zuhören und Impulse geben konnte ich nicht.

Und doch geschah etwas Konkretes:

indem sie selber ihre Anliegen und Belastungen aussprachen, konnten sie der Wahrheit der belastenden Situation ins Auge sehen und mit ihr umgehen.
Sie gewannen mehr Selbstsicherheit und konnten auf einmal viel besser mit der schweren Situation umgehen.
In meinem Da‑und‑Mit‑Sein entstand ein Feld, auf dem sie selbst Orientierung und Klarheit finden konnten.

Das Brot als Erinnerung und Verbindung

Bild zeigt ein Gobelin, dass die beiden Emmaus-Jünger zusammen mit dem auferstandenen Christus bei Tisch. Jesus segnet das Brot und gibt es ihnen - da erkennen sie IHN als den Auferstandenen.
Bild von Robert Cheaib auf Pixabay

Die Jünger erkennen Jesus erst beim gemeinsamen Brotbrechen. Dieses einfache, vertraute Zeichen öffnet ihnen die Augen:
Er ist da. Er lebt.
Wichtig ist hier ein weiterer Gedanke:
Das Brotbrechen knüpft an das an, was sie schon einmal erlebt hatten — an das Abendmahl im Saal, bevor alles in Passion und Tod mündete.
Dort, beim letzten gemeinsamen Mahl, war Gemeinschaft schon einmal erfahrbar, als Jesus noch unter ihnen war.
Das Brot erinnert an diese Gemeinschaft und macht sie wieder gegenwärtig.
Es ist kein großes Spektakel, sondern eine alltägliche Geste, die Verbindung stiftet.

Vielleicht ist das ein Hinweis für uns:
Gottes Gegenwart zeigt sich oft nicht in großen Wundern, sondern in kleinen, geteilten Momenten — beim Teilen einer Mahlzeit, beim Händedruck, beim stillen Nebeneinandersitzen.
Solche alltäglichen Zeichen können Augen öffnen und Herzen wärmen, weil sie an frühere Erfahrungen von Nähe und Verbundenheit anknüpfen.

Kleine Gesten, konkrete Formen des Da‑Seins

Manchmal reicht eine einfache Geste, damit etwas ins Rollen kommt.
Eine Tasse Kaffee zusammen trinken, fünf Minuten still nebeneinandersitzen, eine kurze Nachricht mit den Worten
„Ich denke an dich“ — das sind keine großen Lösungen, aber oft die ersten Schritte, damit Leben wieder weitergehen kann. Ein offenes Ohr, ein behutsames Nachfragen, das Aushalten von Schweigen: das sind konkrete Formen des Da‑Seins, die einen Raum schaffen, in dem Menschen ihre Lage anschauen, benennen und neu ordnen können. Ein Wort, das sagt: „Ich bleibe bei dir“, kann mehr bedeuten als jede Erklärung.

Zurückgehen statt Fliehen

Die Begegnung verändert die Jünger.
Sie bleiben nicht in Trauer und Angst stehen.
Sie finden Kraft, weiterzugehen — und sogar die Kraft, zurückzugehen an den Ort, der ihnen Angst gemacht hat.
Dieses Zurückkehren ist kein Rückfall in alte Sicherheit, sondern ein mutiger Schritt.
Die Erfahrung, getragen zu sein, macht handlungsfähig; sie macht uns nicht unverwundbar, aber sie lässt uns Dinge tun, die wir vorher nicht für möglich gehalten hätten.
Die Jünger werden zu Menschen, die erzählen, die berichten, die anderen von dem erzählen, was ihnen geschenkt wurde.

Ein Gedanke zum Mitnehmen

Im Alten Testament heißt Gott
JHWHIch bin der: ich‑bin‑da.
Manchmal zeigt sich dieses Da‑Sein nicht in großen Worten, sondern in einem Lächeln, einem ehrlichen „Dankeschön“, einer rücksichtsvollen Geste im Alltag.
Solche kleinen Zeichen können genügen, damit Hoffnung und Lebensfreude wieder spürbar werden.




Verwurzelt im Jetzt …

… der Verheißung entgegen (33. Sonntag im Jahreskreis – C – 2025)

Bild von Brigitte Werner auf Pixabay

Impuls zu 2 Thess 3, 7-12

Ich möchte Sie mit einer Frage beginnen – antworten Sie ruhig still für sich selbst:
„Was bedeutet für Sie ein unordentliches Leben?“

Vielleicht fallen Ihnen sofort Bilder ein:
Menschen, deren Alltag chaotisch ist.
Termine vergessen, die Wohnung unaufgeräumt.
Menschen, die unzuverlässig sind, ziellos durchs Leben gehen.
Menschen, die sich selbst und ihre Gesundheit vernachlässigen.
Menschen, deren Beziehungen zerbrechen, oder die mit Geld und Pflichten nicht klarkommen.

Ein Leben so kann oft Perspektivlosigkeit zeigen.
Perspektivlosigkeit heißt:

  • Man sieht keinen Weg nach vorn.
  • Alles wirkt sinnlos, ohne Ziel.
  • Hoffnung oder Pläne für die Zukunft fehlen.

Ich erlebe das oft in der Seelsorge, besonders in der psychiatrischen Klinik. Dort versucht man, den Menschen wieder eine Orientierung zu geben: Ein fester Tagesablauf, kleine Aufgaben, klare Strukturen – das kann Schritt für Schritt wieder Perspektiven eröffnen.

Und man sieht schnell den Unterschied:
Wer einen geregelten Alltag hat, übernimmt Verantwortung – für sich selbst, für andere.
Wer Ordnung findet – in Wohnung, Kleidung, Geld, Beziehungen – der gewinnt langsam wieder Sinn und Richtung. Sein Leben bekommt Orientierung und Stabilität.

Aber Paulus spricht hier nicht über solche alltäglichen Ordnungen.
Nein.
Die Menschen, an die er schreibt, hatten bereits ein klares Ziel.
Und doch wirkte ihr Leben auf Außenstehende oft „unordentlich“.

Warum?
Die Christinnen und Christen damals erwarteten die baldige Wiederkunft des Herrn.
Ihr Ziel war klar.
Ihr Blick war ganz darauf gerichtet.

Das hatte Folgen:
Die alltäglichen Dinge, die Arbeit, die Pflichten – alles rückte in den Hintergrund.
Warum noch schuften, Termine einhalten, sich mit weltlichen Sorgen beschäftigen, wenn alles bald endet?
Stattdessen widmeten sie sich der geistlichen Vorbereitung, der Vorbereitung auf das Kommen des Herrn.

Bild von PIRO auf Pixabay

Paulus erkennt die Gefahr:
Wer nur auf das Jenseits schaut, verliert leicht die Gegenwart aus den Augen.
Niemand weiß, wann die Wiederkunft geschieht.
Deshalb warnt er: Seid wachsam – und vergesst nicht das Hier und Jetzt.

So erinnert Paulus an das, was im Matthäus-Evangelium niedergeschrieben ist:
„Deshalb seid wachsam und haltet euch bereit! Denn ihr wisst weder an welchem Tag noch zu welchem Zeitpunkt der Menschensohn kommen wird.“ (vgl. Mt 25,13)

Und in der Apostelgeschichte lesen wir vor der Himmelfahrt Christi:
„ … Als sie nun beisammen waren, fragten sie ihn: Herr, stellst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her? Er sagte zu ihnen: Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat.“ (Apg 1,6-7)

Die Botschaft ist klar: Glaube lebt mitten in der Welt.

Hoffnung auf das Kommende soll uns nicht von der Gegenwart ablenken.
Wir sollen weiter unser Leben gestalten, in christlicher Verantwortung für uns, die anderen Menschen und die ganze Schöpfung.
Die Hoffnung auf unsere gewisse Zukunft entbindet uns nicht von den Pflichten und den Verantwortungen der Gegenwart.
Denn so lange das Reich Gottes mit der Wiederkunft des Herrn nicht vollendet ist, bauen wir im Hier und Jetzt weiter an diesem Reich, mitten in den Irrungen und Wirrungen der hiesigen Welt.

Ein „ordentliches Leben“ bedeutet daher für Paulus mehr als Sauberkeit oder Pünktlichkeit.
Es bedeutet: Verantwortung, Struktur, Zielgerichtetheit – für sich selbst, für andere, im Blick auf Gott.
Es bedeutet, dass wir unsere Hoffnung nicht verlieren, aber unser Leben bewusst gestalten, hier und jetzt.

Paulus zeigt uns einen Weg:
Ein Leben, das nicht nur auf das verheißungsvolle Ende wartet, sondern mitten in dieser Welt gelebt wird, mit Sinn, Richtung und Hoffnung.