Zärtliche Gefühle?!

Impuls zum 23. Sonntag – A – 2026, Schriftstelle: Röm 13, 8-10

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„Ich hab ein zärtliches Gefühl
Für jede Frau, für jeden Mann
Für jeden Menschen,
wenn er nur vollkommen wehrlos lieben kann.“

Quelle: https://www.songtexte.com/songtext/herman-van-veen/ich-hab-ein-zartliches-gefuhl-5bc7cb08.ht

Das ganze Lied: https://youtu.be/ccE5CgL50LU?si=hBz_Dqzsj_e5RI2T

Kennen Sie diese Zeilen noch?
Dieses Lied, das so mutig von einer Haltung spricht, die Menschen mit Wärme betrachtet?

Mir kommt dieses Lied oft in den Sinn, wenn ich mich frage, wie manche Menschen so sensibel über andere sprechen oder singen können, die sie gar nicht kennen.
Sie müssen doch eine zutiefst liebevolle Grundhaltung haben, denke ich dann.
Menschen, die mit sich und der Welt im Einklang sind.

Und unweigerlich frage ich mich:
„Und? Wie sieht es bei dir aus?“
Könnte ich solche Worte benutzen wie Herman van Veen?

Wie sähe unsere Welt aus, wenn wir – oder wenigstens viele von uns – mit einer solchen Grundhaltung aufeinander zugingen?
Vielleicht würden wir andere Worte wählen, aber es geht um die innere Bewegung: ob wir es „zärtliches Gefühl“ nennen oder „jedermann herzlich zugetan sein“.
Christlich gesprochen: Nächstenliebe.

Bild: www.pixabay.com

Doch es ist schwer, jedem Menschen so zu begegnen.
Wir sind „verbranntes Kind“, haben Verletzungen erlebt oder Angstbilder übernommen, die sich tief festgesetzt haben.

Ein kleines Beispiel:
Mit welcher Haltung gehen wir an Menschen vorbei, die bettelnd am Straßenrand sitzen?
Spüren wir zuerst die mögliche Not?
Oder denken wir zuerst an Bandenkriminalität und Ausbeutung?

Ich gestehe: Je nach Tagesform denke ich manchmal zuerst Letzteres.
Und es tut mir leid, weil ich den Menschen übersehe und nur ein System sehe.
Vielleicht meldet sich dann das Gewissen, weil wir – bewusst oder unbewusst – die Worte des Paulus kennen:
„Niemandem bleibt etwas schuldig, außer der gegenseitigen Liebe.“

Eigentlich ist es ein Glück, wenn sich das Gewissen meldet.
Und wir finden viele Situationen, in denen wir im zweiten Atemzug erschrecken, dass wir kein gutes Wort oder keinen guten Gedanken für jemanden hatten.

Ich kann es niemandem unterstellen, aber ich gestehe: Bei manchen Menschen kommen mir sofort schlechte Gedanken – im nahen Umfeld wie auch bei fernen Despoten und Kriegstreibern.

Vielleicht deshalb greift Paulus die Worte Jesu auf:

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Wir wissen:
Manche „Nächsten“ machen es uns nicht leicht.
Doch die Lösung beginnt immer bei mir selbst.
Wenn ich mich nicht liebe, wie soll ich andere lieben?

Bild: www.pixabay.com

Das Leben ist unsere Lehrmeisterin, vor allem dort, wo wir echte, bedingungslose Zuneigung erfahren haben.
Unser größter Lehrer ist Jesus Christus.
Er war fest in Gott verwurzelt und hat sich selbst als geliebtes Kind angenommen gespürt – daraus erwuchs seine Fähigkeit, andere zu lieben, auch uns, die so viel später leben.

Verstehen wir diese Aufforderung nicht als Mahnung, sondern als liebevolle Erinnerung:
Jesus und Paulus wussten, wie schwer dieses Gebot ist.

Ich persönlich möchte mich jedenfalls von der Bosheit der Welt nicht abbringen lassen, die Nächstenliebe zu suchen und zu leben – auch wenn es immer wieder schwer fällt.

Ich bin sicher:

Wir werden erleben, wie das Leben in uns und um uns herum wärmer wird – vielleicht nicht dauerhaft, aber immer wieder.
Und wir wissen:

Unsere Liebe wird nie ausreichen, um die Welt insgesamt zu verwandeln.

Aber sie reicht, um einen Blick zu erhellen, einer Begegnung Herzlichkeit einzuhauchen, ein Stück Glück und Liebe zu teilen.




Jeden Tag …

ein bisschen mehr!

Ich bin heute auf einen Song gestoßen, der mich echt bewegt hat.
Er bewegt mich, weil das Thema (nicht nur) mich betrifft.
Es betrifft so viele Menschen,
vor allem jene,
die grundweg
nicht so akzeptiert werden,
wie sie sind

…
und sich deshalb
nur auf ihre Selbstliebe verlassen können
und diese stärken müssen.

Und es ist auch was Wahres dran.
Alles hat zwei Seiten:
mit einer dünnen Haut
erlebt man Vieles
viel intensiver.

Eine sprichwörtliche ‚Elefantenhaut‘
macht vieles nur vordergründig
leichter.
Sie verhindert auch Vieles,
besonders
die Intensität des Lebens an sich.

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Wenn andere schweigen …

Foto: www.pixabay.com

Heute habe ich im Tagesevangelium gelesen:

Jesus wandte sich an die Gesetzeslehrer und die Pharisäer und fragte:
Ist es am Sabbat erlaubt zu heilen, oder nicht?
Sie schwiegen.
Da berührte er den Mann, heilte ihn und ließ ihn gehen.

(Lukas 14, 3–4)

Diese wenigen Sätze haben mich heute tief getroffen.
Ich merke, wie sie in mir nachhallen – weil sie so viel mit dem zu tun haben, was ich in letzter Zeit selbst erlebe und beobachte.

Da sind Menschen in meinem Umfeld, die hart getroffen werden.
Ohne Feingefühl, ohne Anteilnahme werden ihnen Dinge angetan, die ihr ganzes Leben verändern.
Kein Blick, kein Wort der Wertschätzung.
Einfach nur: Das ist jetzt so.

Und ich sehe, wie unterschiedlich Menschen damit umgehen.
Manche schweigen.
Sie nehmen das hin, lassen alles über sich ergehen – auch dann, wenn es ihnen weh tut.
Sie funktionieren weiter, so wie immer.
Vielleicht auch, weil sie meinen, dass es ‚das System so verlangt‘?


Und dann sind da die anderen.
Die, die nicht schweigen.
Die sagen, was sie empfinden.
Die das Unrecht benennen, das ihnen widerfährt.
Die ihren Schmerz zeigen, ihre Wut, ihre Enttäuschung.

Sie lassen zu, dass man sieht, wie sehr sie etwas trifft – und genau dadurch beginnen sie, sich zu verändern.
Sie folgen nicht ‚dem System‘ sondern folgen ‚dem Leben‘.
Sie bleiben nicht stehen.
Sie fangen an, etwas zu tun.
Sie ziehen Konsequenzen, gehen neue Wege, suchen nach dem, was ihnen guttut.

Foto: www.pixabay.com

Vielleicht ändert sich ihre äußere Situation kaum.
Aber sie selbst ändern sich.
Sie ergeben sich nicht ihrem Schicksal, sondern spüren wieder, dass in ihnen Lebenskraft ist – selbst dann, wenn diese Kraft aus Wut oder Empörung kommt.
Und sie handeln.
Nicht immer nur für andere – manchmal einfach für sich selbst.

Und das ist okay.
Das ist Selbstliebe.

Diese Menschen machen mir Mut.
Und auch Jesus macht mir Mut.
Er hätte damals ebenfalls schweigen können.
Aber er tat es nicht.
Er handelte.
Er heilte – einfach, weil es richtig war.

Das erinnert mich daran:
Wenn andere schweigen, kann ich immer noch handeln.
Ich kann mich, oder auch andere, zurück ins Leben bringen.

Das lerne ich heute – aus diesen wenigen Versen.
Und aus dem Leben selbst.

Wenn andere schweigen …
werde ich handeln ?(!)




Von ‚unsichtbaren‘ Krankheiten (1)

Seit über 25 Jahren leide ich am Reizdarm-Syndrom und seit über sieben Monaten am Post-Covid-Syndrom: zwei unsichtbare Krankheiten …



Bild von PublicDomainPictures auf Pixabay

… die für viele unsichtbar sind, aber mein Leben dominieren können.


„Nur, wem man die Krankheit ansieht, ist auch krank!“

Dieser provokante Satz ist nicht meine Überzeugung, sondern – leider – eher meine Einsicht, zu der ich in den letzten Jahren gelangt bin und die sich durch mein momentanes Post-Covid noch verstärkt hat.
Deshalb will ich darüber schreiben.

Hier konkrete Beispiele:

Foto: Gerd Wittka, September 2013

Als ich 2013 im September einen schweren Unfall hatte, mir einen Trümmerbruch im Wadenbein und einen Spiralbruch im Unterschenkel zuzog, ich daran operiert wurde, drei Wochen im Krankenhaus lag und noch einige Monate brauchte, um durch Physiotherapie buchstäblich wieder auf die Beine zu kommen, da wurde diese ‚Krankheit‘ in meinem Umfeld akzeptiert. Ich bekam viele Rückmeldungen und auch gute Genesungswünsche.

Symbolbild, Bild von PublicDomainPictures auf Pixabay

Als ich Ende 2019/Anfang 2020 an einer depressiven Episode erkrankte und fast sieben Monate arbeitsunfähig war, sah es ganz anders aus.
Es gab nur wenige Menschen, die nach mir fragten, die mir gute Besserung gewünscht haben.
Selbst aus dem beruflichem Umfeld gab es nur wenige Kolleg:innen, die sich nach mir erkundigten und mich ermutigten.
Besonders enttäuschend war, dass sich mein damaliger ‚Dienstvorgesetzter‘ nie von sich selber aus nach mir erkundigt hatte. Und wenn ich ihm über meine Verlängerung der AU per Email informierte kam von ihm allenfalls eine knappe Email mit „Gute Besserung!“ oder ähnlichen Plattitüden zurück.
Heute bin ich froh und dem Himmel dankbar, dass er seinen Platz als ‚Dienstvorgesetzter‘ geräumt hat; sonst hätte ich meinen Platz verlassen und unseren Bischof um Versetzung gebeten.

Dabei denke ich: wenn jemand so viele Monate ausfällt und nicht arbeitsfähig ist, ist dieser Menschen dann weniger schwer krank, als wenn er sich Gliedmaßen gebrochen hat?!

Aus diesem Grund habe ich den provokanten Satz am Anfang dieses Absatzes gewählt.

Und diese ‚Erkenntnis‘ deckt sich mit den Erfahrungen vieler Menschen, die ich in den letzten vierzehn Jahren in einer psychiatrischen Klinik seelsorglich begleiten durfte.

Psychisch krank zu sein, dass müsse irgendetwas mit einer schwachen Persönlichkeit zu tun haben.
Oder sie wird als mangelnde ‚Belastbarkeit‘ verstanden, die als negative Persönlichkeitseigenschaft gewertet wird. Aber psychisch krank zu sein, sei doch keine ‚richtige‘ Krankheit, die ebenso viel Empathie, Fürsorge und menschlichen Beistand erfordert, wie wenn man körperlich krank ist.

„Da reißt man sich eben halt mehr zusammen!“, denn: „Es ist ja nicht nur alles schwarz-weiß, man muss nicht alles so negativ sehen!“ und „Man muss sich nur mal einen Ruck geben!“, weil „… andere es ja auch schwer haben ….!“ –

Von solchen oder ähnlichen – wenig hilfreichen – Sätzen wissen gerade psychisch erkrankte Menschen zuhauf zu berichten!

Für Manche sind psychische Erkrankungen halt eher eine Charakterschwäche als eine ‚echte Krankheit‘!

Das bringt psychisch erkrankten Menschen noch zusätzliche Belastungen und Leiden!

Phasenweise – sichtbar – krank

Zu diesen Krankheiten, die wenig sichtbar sind und deshalb auch weniger wahr- und ernstgenommen werden, sind Erkrankungen, wo die Krankheit nur phasenweise ’sichtbar‘ wird.

Mittlerweile darf ich mit zwei unterschiedlichen Erkrankungen diese Erfahrung machen.

Das eine ist meine Reizdarmerkrankung, die ich schon seit über 25 Jahren habe und die meinen Alltag massiv prägt.
Ich weiß nie, ob und wann ich wieder diese fürchterlichen Darmkrämpfe bekomme, die mich noch vor einigen Jahren teilweise einen halben Tag ins Bett getrieben haben, verbunden mit unkontrollierbaren Stuhlgängen, die ich unter Schmerzen auf dem WC erleben musste.
Und dann diese Angst, irgendwo unterwegs zu sein und dann dringend ‚Müssen‘ zu müssen, aber kein WC in der Nähe zu haben.
Die Angst, sich buchstäblich ‚in die Hose zu machen‘ und der psychische Stress, der daraus entsteht.
Damit verbunden, immer wieder Einladungen, Begegnungen oder Unternehmungen nicht wahrzunehmen, weil da immer diese Angst vor irgendwelchen ‚Zwischenfällen‘ mitschwingt.

Da nutzt es dann wenig, wenn ich zu denen gehöre, die immer sehr früh wissen, wo es ein ‚öffentliches WC‘ gibt oder der sogar schon Apps auf seinem Smartphone hat, die öffentliche WC’s anzeigen und der dann – selber bei solchen Toiletten angekommen und sie auch benutzt – ‚Erfahrungsberichte‘ in diesen Apps postet, damit andere Leidensgenoss:innen auch immer auf dem aktuellen Stand sind und ggfs. nicht vor verschlossenen Türen stehen.

Wenn andere von diesem Leiden etwas mitbekommen, dann belastet mich das maximal.
Denn dann sehen sie es meinem Gesicht an, wie ich versuche, mit den Schmerzen zurecht zu kommen; oder wie ich durch die Krämpfe gekrümmt auf einem Stuhl oder im Sessel sitze; manchmal kann ich dann nur noch liegen, mit einer Bauchwickel gewappnet.
Oder wenn ich wimmernd vor Schmerzen auf dem Klo sitze und fürchte, dass jemand mein Wimmern mitbekommt.
Dann ist es für mich besonders schlimm.
Mit meinen RDS leide ich lieber allein, ungesehen und unbemerkt!

Beschwerdefrei hingegen, sieht man es mir nicht an:
Ich führe dann hochkonzentriert seelsorgliche Begleitungsgespräche, sitze in Sitzungen und protokolliere vielleicht sogar recht professionell die Sitzung oder stehe sehr souverän vor Menschen, wenn ich einen Gottesdienst leite.
Dann ist da keine Spur von dem sichtbar, was ich im Verborgenen erleide.

‚Kann dieser Mensch, der da so souverän auftritt und so zuverlässig und empathisch seine Arbeit machen kann, gleichzeitig gesundheitlich so eingeschränkt sein?!‘, werden sich manche fragen.

Deshalb wundert es mich nicht, dass Außenstehende meine Belastungen nicht immer gut nachvollziehen können.

Neu im Portfolio: Post-Covid

‚Fatigue‘ – Symbolbild, www.pixabay.com

Und jetzt habe ich seit über sieben Monaten eine neue solche ‚unsichtbare‘ Krankheit in meinem persönlichen Portfolio: Post-Covid!

Bei der Post-Covid-Diagnose handelt es sich – genau so wie beim Reizdarmsyndrom – um eine sogenannte ‚Ausschlussdiagnose‚.
Das bedeutet, dass die Symptome wie „Brainfog“, Konzentrations- und Sprechstörungen, Erschöpfung, Müdigkeit, Schwindel, Schlafstörungen oder -losigkeit, Fatigue, Atembeschwerden und viele andere Symptome, nicht von einer anderen Krankheit herrühren dürfen.
Dementsprechend musste ich verschiedene Fachärzte aufsuchen, von Pneumologen über Kardiologen, etc.!
Nun habe ich die Diagnose und bin damit aber nicht besser dran, weil es keine zuverlässigen Behandlungsmethoden und Therapien gibt, die empirisch eine signifikante Verbesserung oder gar Heilung in Aussicht stellen.
Die Forschung von Post-Covid und der Behandlung steckt noch in den ‚Kinderschuhen‘.

Nachdem ich mich sieben Monate mit den Beschwerden durch meinen beruflichen und privaten Alltag laviert habe und oft nur drei Stunden aktiv sein konnte, weil ich dann unter totaler Erschöpfung litt, musste nun die ‚Reißleine gezogen werden‘ und mein Arzt hat mich aus dem Verkehr gezogen.

Und so erlebe ich weiter die Höhen und Tiefen von Post-Covid.

Für mich habe ich entschieden, erst einmal nur noch meinen Gottesdienst samstags im Krankenhaus zu feiern, denn auch während der AU würde ich ja an einem Gottesdienst teilnehmen wollen.
Mit der Gottesdienstgemeinschaft habe ich den Deal gemacht, dass ich keinen großen Aufwand mit Predigtvorbereitungen etc. leisten könnte, ich aber den Gottesdienst anbieten würde, wenn sie damit einverstanden sind. Sie sind damit einverstanden und so gibt es dann schlichtere Gottesdienste, als man es von mir gewohnt ist.
In dieser Zeit während des Gottesdienstes merkt man mir mein Post-Covid auch wohl kaum an; manchmal verspreche ich mich etwas, weil mir die Konzentration schwer fällt, aber sonst?

Damit das so läuft, habe ich ja auch was dafür getan:
Vor dem Gottesdienst lege ich mich gut eine Stunde ins Bett, um für den Gottesdienst Kräfte zu sammeln.
Und wenn ich dann nach gut zweieinhalb Stunden wieder zuhause bin (mit Vor- und Nachbereitungszeit vor Ort!), dann bin ich wieder reif fürs Bett. Also lege ich mich dann wieder hin, manchmal auch nur auf die Couch.


PPP

… nein, ich habe mich nicht vertippt!
Die drei ‚P‘s, stehen für eine therapeutische Methode, mit der Menschen, die von Post-Covid betroffen sind, einen erträglichen Alltag ermöglichen könnte.

P(acing), P(lanning) und P(riority)

Bild von Nicolae Baltatescu auf Pixabay

Pacing

meint die sensible Wahrnehmung der eigenen Belastungsgrenzen. Wer seine Belastungsgrenzen kennt, kann mit dem ihn eigenem Tempo und Intensität an Aufgaben des Alltags herangehen.
Dabei sind die Belastungsgrenzen nicht statisch und deren Entwicklung geht auch nicht immer nur in eine Richtung -> aufwärts.
Belastungsgrenzen verändern sich in beide Richtungen, und was gestern noch meine Belastungsgrenze war, kann ich heute schon eine deutliche Überschreitung der gestrigen Grenze werden.
Die Folge ist, dass ich jeden Tag neu sensibel auf meine Kräfte schauen muss und nur ausprobieren kann, was gehen könnte.

Ein Beispiel von gestern und heute (19./20. Juni 2024)

Aus meinem Gesundheitstagebuch vom 19. Juni:

Von meinen Brüdern und anderen lieben Menschen, die mir nahestehen, bekam ich ermutigende Rückmeldung, die mich bestärkten.
Doch heute, am 20.06.2024 sieht mein Tagebucheintrag um 13.30 Uhr schon anders aus:

Das ist eine Pacing-Erfahrung, die mich vorsichtig machen kann, aber die mich auch ermutigt, situativ angepasst mit meinem Alltag umzugehen.

Planning

Bild von Pexels auf Pixabay

Aus den Erfahrungen anderer Tage und dem sensiblen Hinschauen der momentanen Verfassung kann ich dann gezielt meinen Alltag planen.
Ja, ich muss vorher mehr als sonst überlegen, was will ich an diesem Tag tun?
Wofür werden mir die Kräfte reichen?

Und wenn ich dann einen Wust von Aufgaben sehe, die ich eigentlich noch zu erledigen haben, muss ich den dritten Aspekt der „3-P’s“ berücksichtigen.

Priority

Foto von Brett Jordan auf Unsplash

Ich muss einfach Prioritäten setzen!
Habe ich in den letzten sieben Monaten die Priorität gesetzt, fit für meine Arbeit sein zu wollen, um dann am Tag drei maximal vier Stunden arbeiten zu können, bin ich nach sieben Monaten nun zu einer anderen Priorisierung gekommen:

Mein Leben – mein Leben und mein persönlicher Alltag mit all den Aufgaben, die ich auch bei mir privat zuhause zu erledigen habe -, kann nicht allein zugunsten der Priorität „Dienst“ hinten anstehen!
Mein Leben besteht nicht nur aus meinem Dienst, sondern auch aus anderen Erfordernissen und Aufgaben, die ich entweder erledigen muss (Haushaltsführung, wirtschaftliche Aktivitäten) oder dem dringenden Bedürfnis, zu einer ‚work-life-balance‘ zu kommen.

Das Wort: „Liebe deinen Nächsten, wie DICH selbst!“ ist gerade in solchen Situationen auch eine persönliche Herausforderung an mich als Seelsorger.
Ich kann nicht immer nur versuchen, diese christliche Sichtweise anderen näher zu bringen. Dieses Gebot gilt auch für mich selber!

Wenn ich davon überzeugt bin, muss ich versuchen, es in meinem eigenen Leben zu beherzigen.

…


Für heute möchte ich mit diesen Zeilen erst einmal Schluss machen, weil ich spüre, dass ich wieder Grenzen erreiche.

Ich möchte mit diesen Zeilen auf das Thema: ‚unsichtbare Krankheiten‘ hinweisen, die zwar schon medizinisch erkannt und diagnostiziert, aber vom Umfeld der Erkrankten nicht oder nur kaum wahr- und ernst genommen werden.

Später mehr dazu …!




So einfach wie möglich …

Predigt zum 31. Sonntag – 2021

Schriftstelle: Mk 12, 28-34

Mezuzah mit dem Schema Jisrael (hebräisch שְׁמַע יִשְׂרָאֵל šma‘ yiśra’el; deutsch ‚Höre, Israel!‘) – www.pixabay.com

Liebe Schwestern und Brüder,

unser Leben und unsere Welt ist ganz schön kompliziert geworden – so jedenfalls erfahren es viele Menschen in unserer Zeit.

So viel Neues wirkt auf uns ein: unterschiedliche Themen, die in Staat, Kirche und Gesellschaft diskutiert werden, wie Klimawandel, Corona-Pandemie, soziale Gerechtigkeit, Digitalisierung, …

Manchen ist das einfach zu viel und sie drängen auf einfache Anworten.



Jeder würde zustimmen, dass es sinnvoll ist, es den Menschen so einfach wie eben möglich zu machen.

Doch die Sehnsucht, es immer besonders einfach und mundgerecht zu bekommen, birgt auch eine Gefahr in sich.
Wir können das insbesondere im politischen Alltag sehen.

Vereinfachung kann zu einer mangelnden Unterscheidung führen.
Vereinfachungen machen aus einer bunten, vielfältigen Welt eine eintönige Schwarz-Weiß-Landschaft.

Eine solche Haltung birgt die Gefahr einer Ideologisierung und messerscharfen Abgrenzung; es gibt starre Grenzen und keine fließenden Übergänge mehr.

Von Albert Einstein soll der kluge Satz stammen:

„Mache die Dinge so einfach wie möglich, aber nicht einfacher“.

Gilt dieses Anliegen auch in religiösen Dingen?

Ich denke, in gewisser Weise schon.

Im Laufe der beiden letzten Jahrtausende haben sich im Christentum, und hier insbesondere in der römisch-katholischen Kirche eine Fülle von Regelungen und Vorschriften eingeschlichen.
Ursprünglich entstanden aus sehr konkreten Alltagsfragen, wurden Antworten niedergeschrieben, Konzilien abgehalten, Dekrete erlassen und nicht zuletzt auch verschiedene Katechismen bis hin zum sogenannten Lasterkatalog.

Die Menschen – so meinte man – bräuchten eher klare Ansagen, als irgendwelche grundlegenden Aussagen, die sie dann mit ihrem Verstand und dem Wirken des Heiligen Geistes in ihr konkretes Leben übersetzen können.

Nicht selten wurden und werden immer noch deshalb manche Katholik:innen zu Skrupulant:innen, in der Sorge, sich nicht ausreichend genug nach den vielen verschiedenen Regeln gehalten zu haben.

Es scheint einen Zusammenhang zu geben, zwischen der Komplexität unserer Umwelt, die wir tagtäglich erfahren und dem Wunsch nach klaren Regeln, damit man sich nicht länger als nötig mit bestimmten Fragen des Christseins auseinander setzen muss.

„Mache die Dinge so einfach wie möglich, aber nicht einfacher“, so könnte man das vielleicht umschreiben, wir Jesus sich im heutigen Evangelium verhält.

Als Jesus heute von einem Schriftgelehrten nach dem ersten Gebot gefragt wurde, antwortet Jesus – ganz aus jüdischer Tradition heraus – mit dem „schema Israel“: „Höre, Israels, der Herr, unser Gott ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele…“.
Und dann fügt er hinzu:
„Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst.“

Quelle: www.pixabay.com

Wenn wir diese Aussage Jesu vergleichen mit den Traktaten von Vorschriften und Verordnungen aus der Kirche, dann erkennen wir einen gravierenden Unterschied.

Nicht die bis ins kleinste Detail erörterten Fragen und deren Antworten sind es, worauf es beim Christsein ankommt.
Das wäre so einfach: aufschlagen, lesen, verinnerlichen und danach handeln.

Mit seiner Antwort liegt Jesus eigentlich ganz im Gedankengang von Albert Einstein.
Seine Antwort ist so einfach; aber zugleich ist es sie auch nicht.

Denn seine Antwort muss von den Menschen mit gläubigen Herzen aufgenommen und verstanden werden.
Nur dann kann eine solche allgemeine Aussage auf unseren Lebensalltag herunter gebrochen werden. Nur dann müssen wir uns selber immer wieder mit konkreten und neuen Sachverhalten auseinander setzen und dort auch eine christliche Position einnehmen.

Dies geht aber nur, wenn wir uns immer wieder neugierig und staunend mit den Fragen beschäftigen: wie konkret wird Gottesliebe und Nächstenliebe in meinem Leben umgesetzt?
Genau so wichtig ist auch die Beantwortung der Frage: In wieweit liebe ich mich selber so, dass ich andere Menschen lieben kann?

„Mache die Dinge so einfach wie möglich, aber nicht einfacher“.

Ich denke, das ist ein Gedanke, den wir aus dem heutigen Evangelium mitnehmen können:

Wenn das Leben um uns herum zu kompliziert und vielschichtig wird, können wir uns auf das Wesentliche besinnen, um dann davon unser Christsein und Handeln abzuleiten.




Impfen – Ein Gebot der Nächstenliebe

Was vor einem Jahr noch undenkbar war, nun ist es Realität: Deutschland verfügt über genügend Impfstoffe, damit alle, die geimpft werden können auch eine Impfung erhalten können.
Doch die Impfbereitschaft stagniert.
Erstgeimpfte nehmen ihre zweite Impfung nicht wahr. Manche sagen den Termin noch nicht einmal ab, so dass Gefahr besteht, den bereitstehenden Impfstoff vernichten zu müssen, weil er so kurzfristig nicht verimpft werden kann.

Quelle: www.pixabay.com

Das ist ein großer Skandal und zeugt von einer Verantwortungslosigkeit, die nicht entschuldbar ist, wenn es keine gravierenden Gründe gibt, die zweite Impfung nicht wahrzunehmen und den Termin nicht abzusagen.

Jene, die sich impfen lassen können, aber noch nicht geimpft sind, erinnere ich gerne daran, dass das Gebot der Nächstenliebe kein theoretisches Gebot ist, sondern sich in aktivem, verantwortlichen Tun zeigt.

Ich habe deshalb eine ganz klare Meinung dazu: wer sich impfen lässt, lebt das Gebot der Nächstenliebe ganz aktiv.

Und es gibt kaum eine leichtere Möglichkeit, dieses Gebot zu leben und zugleich selber davon zu profitieren.