Glaube – Würde oder Bürde?

Kurzpredigt zum 17. Sonntag im Jahreskreis – A – 2026
Lesungstext: Römerbrief 8,28-30

Der deutsch-italienische Theologe Romano Guardini war ein wichtiger Vordenker der Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil.
Er hat einmal gesagt, dass er – wenn er vor Gott stehen werde – ihn etwas fragen möchte.
Nämlich, warum er selbst die Gnade des Glaubens bekommen habe, aber manche seiner Freunde nicht?
Diese Frage klingt auch im heutigen Römerbrief an.
Warum glauben manche – und andere nicht.

Eine schnelle Antwort gibt es nicht.
Aber Paulus deutet etwas an, das uns weiterhelfen kann.

Er sagt: Gott hat Menschen berufen, „damit sie an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilhaben“.
Das heißt: Glaube ist nicht zuerst ein persönlicher Vorteil und kein spiritueller Besitz.

Glaube ist Teilhabe.
Teilnahme.
Mitgehen mit Christus.

Thomas von Kempen nannte das die Imitatio Christi: ein Leben, das sich an Jesus orientiert – im Denken, Reden, Handeln und Beten.

‚ICH habe keine anderen Hände,
als die euren!‘

– Bild: www.pixabay.com

Wenn man das ernst nimmt, wird klar:
Glaube ist nicht nur Würde, sondern auch Bürde.
Nicht nur Geschenk, sondern auch Aufgabe.
Nicht nur Trost, sondern auch Verantwortung.

Vielleicht zeigt sich darin, warum nicht alle Menschen berufen sind, diesen Weg zu gehen.
Nicht jeder kann diese Nachfolge tragen, und nicht jeder möchte es.
Aber wer glaubt, dem traut Gott zu, ein Stück Christus in die Welt zu bringen.

Jesus benutzt dafür ein ganz einfaches Bild:
Sauerteig.
Oder Salz.
Beides braucht man nur in kleinen Mengen.
Ein wenig genügt, damit etwas Größeres entstehen kann.

Bild von Thomas Bock auf Pixabay

Vielleicht liegt darin der tiefste Sinn von Berufung:
Nicht alle müssen glauben.

Aber einige sollen so glauben und leben, dass andere durch sie spüren, wie gut es tut, wenn Liebe und Güte Raum bekommen.

Darum ist es auch irreführend, wenn manche Menschen den Glauben zur reinen Privatangelegenheit erklären wollen.
Glaube hat immer eine Wirkung nach außen.
Er ist Verantwortung gegenüber der Welt und den Menschen – und deshalb nie nur „privat“.

Und damit sind wir bei einer kleinen Geschichte:

Ein Bäcker in einem kleinen Dorf hatte die Angewohnheit, jeden Morgen ein Stück Sauerteig an seine Nachbarn zu verschenken.
„Damit euer Brot gelingt“, sagte er.
Manche nahmen es dankbar an, manche winkten ab, manche vergaßen es auf der Fensterbank.
Aber in fast jedem Haus gab es irgendwann ein Brot, das ein wenig von diesem Sauerteig in sich trug – und die Menschen sagten:
„Es schmeckt anders. Irgendwie wärmer und heimeliger.“

Der Bäcker lächelte nur.
Er wusste: Der Sauerteig war nicht für ihn allein.
Er war dafür da, dass das Dorf ein wenig mehr nach Heimat schmeckte.

So gesehen ist mein Glaube, unser Glaube etwas Kleines, das Größeres möglich macht.
Er ist nicht, was uns in erster Linie zu Ehre gereicht.
Sondern: Ein bisschen wie ein Stück Sauerteig, das Gott uns zutraut – und das die Welt ein wenig freundlicher werden lässt.




Weiß

Manchmal hängen die besten Predigtimpulse tatsächlich im eigenen Kleiderschrank.
Bei mir sind es ein paar weiße Kleidungsstücke – Hemden, T‑Shirts, Sommerhosen.
Ich trage sie gern, besonders wenn es warm ist.
Weiß fühlt sich leicht an, frisch, frei.

Und jedes Mal, wenn ich eines dieser Stücke in die Hand nehme, erinnere ich mich an einen besonderen Moment: Als unser Chor bei einem Konzert in Gladbeck sang (s. Bild unten!) .
Wir standen alle in Weiß auf der Bühne.
Unter den bunten Lichtern der Bühnenbeleuchtung und in Kombination mit dem Schwarzlicht begann dieses Weiß fast zu leuchten – als hätte es ein eigenes Strahlen.
Es fiel auf. Es wirkte.
Es hatte etwas Heiteres und zugleich etwas Magisches.

Quelle: Fotos | Junger Chor

Aber wir wissen auch: Weiß ist empfindlich.
Ein kleiner Fleck – und schon ist die Reinheit dahin.
Und das verändert unser Verhalten:
Man setzt sich vorsichtiger hin, man passt besser auf, wohin man geht. Weiß lädt ein zur mehr Achtsamkeit.

Heute, am Weißen Sonntag, ist mir diese Alltagserfahrung wieder in den Sinn gekommen.

In der frühen Kirche haben die erwachsenen Taufbewerber nach ihrer Taufe in der Osternacht ein weißes Gewand empfangen – und eine Woche später wieder abgelegt.
Eine ganze Woche lang trugen die Neugetauften dieses Gewand.
Und ich frage mich: Wie mag es nach sieben Tagen ausgesehen haben?

Sicher nicht mehr so makellos wie in der Osternacht.
Und doch war es ein Zeichen.
Ein Zeichen dafür, dass die Getauften – wie Paulus sagt – „Christus angezogen haben“.

Können wir diese Symbolik auf uns und unseren Glauben heute übertragen?

Bild von WikimediaImages auf Pixabay

Vielleicht zuerst: Weiß steht für Reinheit – aber nicht für Perfektion.
Durch die Taufe sind wir hineingenommen in Gottes Liebe, die uns rein macht, nicht im chemischen Sinn, sondern im Herzen.
Wir sind nicht makellos und nicht fehlerfrei, aber geliebt.

Weiß steht auch für Würde.
Wir tragen – unsichtbar, aber real – ein königliches Gewand.
Gott traut uns zu, Licht zu sein und Anteil zu haben an Christus: an seinem Königtum, seinem Priesterdienst, seinem Prophetenamt.
Das ist keine Last, sondern eine Würde, die aufrichtet.

Und Weiß steht für Leichtigkeit.
Glaube kann schwer sein, ja.
Aber er kann auch leicht sein.
Leicht wie Sommerstoff, der sich im Wind wiegt.
Leicht wie der Gedanke: ‚Ich muss nicht alles allein tragen‘.
Leicht wie die Erfahrung: ‚Ich bin erlöst – nicht durch meine Leistung, sondern durch Gottes Liebe.‘

Und schließlich: Weiß fällt auf.
Ein überzeugtes Christsein kann leuchten.
Es kann neugierig machen – nicht auf uns, sondern auf Christus.
Es kann Menschen anziehen, weil es etwas ausstrahlt, das nicht von uns selbst kommt.

Und doch kennen wir die Flecken.
Wir kennen die Momente, in denen unser inneres Weiß dunkler wird: wenn wir lieblos sind, wenn Sorgen uns die Leichtigkeit rauben, wenn wir griesgrämig werden statt erlöst zu wirken, wenn wir uns mehr um das kümmern, was uns belastet, als um das, was uns befreit.

Aber der christliche Glaube ist kein Wettbewerb um das leuchtenste Gewand.
Er ist kein Schönheitswettbewerb der Seelen.
Er ist ein Weg.

Bild von friday2022 auf Pixabay

Auf diesem Weg gibt es Staub.
Es gibt Stolpern.
Es gibt Flecken.
Das Entscheidende ist nicht die Fleckenfreiheit – sondern die Haltung, wie wir damit umgehen.

So wie wir mit weißer Kleidung achtsamer umgehen, so dürfen wir auch mit unserem Glauben achtsam sein und mit dem, was er ausstrahlt:

Nicht ängstlich, nicht verkrampft, sondern wach.
Wach für das, was uns gut tut.
Wach für das, was uns schadet.
Wach für das, was uns wieder aufrichtet.

Dabei dürfen wir immer im Hinterkopf behalten:
Wir müssen diese Reinheit nicht aus eigener Kraft bewahren.
Wir dürfen sie uns schenken lassen.
Immer wieder neu.

Dieser Sonntag will uns daran erinnern, wie schön es ist, Christus „anzuziehen“
nicht als Pflicht, sondern als Geschenk.
Nicht als Last, sondern als Leichtigkeit.
Nicht als steife Uniform, sondern als ein Gewand der Würde und der wieder erlangten Freiheit.




Weihnachten 2024

Gott sieht uns an und schenkt uns (S)ein Ansehen

Quelle: www.pixabay.com

Aus meiner Weihnachtsansprache (Gottesdienstteilnehmenden erhalten einen Bildabzug):


Diese Krippendarstellung im Kirchenfenster ist farbenprächtig und naiv gestaltet.
Bunte Farben dominieren, ohne die dunkle, kalte Nacht, in der das Kind in Betlehem geboren wurde.

Die Szene wird von Blau und Grün bestimmt: Blau symbolisiert Himmlisches, Göttlichkeit, Harmonie und Hoffnung; Grün steht ebenfalls für Hoffnung sowie für Ruhe, Gelassenheit und Fruchtbarkeit.

Es gibt keinen Hinweis auf die Schwierigkeiten, die Maria und Josef bei der Suche nach einer Unterkunft für die Geburt hatten.
Stattdessen wirken ihre Gesichtszüge entspannt, fast meditativ.

Die Farben Blau und Grün verleihen dem Bild eine Atmosphäre von Ruhe und Gelassenheit.
Ebenso steht Blau für die Hoffnung; sie spiegelt sich in zweierlei Hinsicht wider: zum einen die weltliche Hoffnung auf eine gute Zukunft für das Kind, zum anderen die göttliche Hoffnung auf Erlösung, die in diesem Kind Fleisch geworden ist.

Gelb, das für Wärme und Licht steht, umgibt das Kind und rückt es ins Zentrum.
Rot, die Farbe von Leben und Liebe, ist dezent im Bild verteilt, jedoch allgegenwärtig und symbolisiert die allumfassende Liebe.

Der Fokus liegt auf dem neugeborenen Christus.

Die Darstellung ist bewusst unrealistisch: Kein Neugeborenes kommt mit offenen Augen zur Welt, kann gezielt seine Hände bewegen oder den Kopf heben.

Dies deutet die zukünftige Bestimmung des Kindes an.
Der Zeigefinger Christi verweist weder auf Maria noch auf Josef, sondern durch sie hindurch in den Himmel – auf Gott, von dem das Heil und die Rettung kommt.

Besonders hervorzuheben ist der Blick des Kindes, der den Betrachter direkt trifft. Während Kinder normalerweise ihr Umfeld mit den Augen erkunden, ist es hier der Blick Jesu, der die persönliche Beziehung zu jedem Betrachter betont. Christus sieht uns an.

(…)

An Weihnachten, mit der Geburt des Mensch gewordenen Gottessohnes, erfahren wir, dass wir in Gottes Augen wichtig sind.
In dem Weihnachtslied ‚Ich steh an deiner Krippe hier‘ heißt es an einer Stelle: „Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht sattsehen.“

Hier wird eine Szene gebildet, wo wir Christus anschauen und er uns.
In diesem Moment kommen wir ihm ganz nahe und dürfen ihn mit unseren Augen sehen.
In dieser Begegnung mit dem Kind dürfen wir einfach „sein“ – ohne uns verstellen zu müssen.
In den Augen dieses göttlichen Kindes schaut uns Gott mit seiner ganzen Liebe an und zeigt uns: Du bist in meinen Augen ganz wichtig!

Ich glaube, dass das genau das Weihnachtsgeheimnis ist: Gott schenkt uns Ansehen.
Auch wenn wir oft das Gefühl haben, im Alltag nicht wahrgenommen oder übersehen zu werden, an Weihnachten erfahren wir, dass Gott uns liebt und uns wertschätzt.
Weihnachten will für uns das Bewusstsein wecken, dass Gott die ganze Menschheit und jede und jeden Einzelnen von uns als geliebte Kinder annimmt, ohne dass wir etwas tun oder leisten müssen.

In dieser Nacht wird deutlich: wir sind nicht nur irgendeine Person, sondern jemand, den Gott liebt und wertschätzt.
Er schaut uns mit einem Blick der Güte und Liebe an.

Selbst wenn wir uns wieder in unseren Alltag stürzen, dürfen wir wissen, dass Gottes Blick uns begleitet und uns tief in unserem Innersten erreicht.

Papst Franziskus sagte einmal: „Wir alle wurden mit göttlichem Erbarmen angeschaut.“

An Weihnachten dürfen wir spüren, dass Gott uns mit seinem Blick in sein göttliches Erbarmen hüllt.
Dieser Blick ist ein Geschenk, das uns auch in den Tagen nach Weihnachten begleiten soll.
Denn vor Gott sind wir nicht nur ein Gesicht in der Menge – bei IHM sind wir einzig-artige geliebt und wertvoll.




würde

unser menschsein
zeigt sich darin
dass
würde
nicht nur
ein konjunktiv
ist

Gerd A. Wittka, 02.07.2023




Die Schande aus Mashhad

oder: wie Frauen heute verfolgt werden, weil sie Frau sind

Frauen werden im Iran gedemütigt und verfolgt. Frauen, die das Recht für sich in Anspruch nehmen, sich so zu kleiden, wie sie es wollen.
Frauen, die sich nicht in ein frauenfeindliches ideologisches islamistisches Korsett zwingen lassen wollen. Frauen, die sich ihrer Würde als Frau und Mensch bewusst sind und diese Würde in Anspruch nehmen.

Bild von PicElysium auf Pixabay



Sie werden verfolgt von Männern, die Frauen missachten und ihnen Gewalt antun: physisch und psychisch. Männer, die sich zu willfährigen Helfershelfern eines Regimes machen, das die Verachtung und Verfolgung freiheitsliebender Frauen auch noch als ‚zivilisatorische Leistung‘ ansehen!

Dieses Video zeigt eine solche Verfolgung von Frauen im Iran. Es zeigt, dass die Attentäter sogar meinen, fremdes Eigentum stehlen zu können, um die Frauen zu misshandeln.

Doch der Ladenbesitzer schreitet ein. Er verteidigt die Würde der Frauen und vielleicht auch sein Eigentum.

Dieser aufrichtige Ehrenmann wird sogar noch von den Behörden ‚verwarnt‘, also auch bedroht!

https://twitter.com/i/status/1642479090631340034

Ich teile dieses Video, weil ich dafür werben möchte, es weiter zu teilen.
Ich teile dieses Video, weil wir diesem Regime und allen menschenverachtenden Regimen zeigen müssen, dass die ganze Welt zuschaut und solches Verhalten nicht akzeptieren wird.
Ich teile dieses Video, damit es eine große Solidarität mit den Frauen gibt, die als Frauen und Menschen behandelt werden wollen.
Ich teile dieses Video, um anzuklagen, wie im Namen von Religionen Unrecht ausgeübt wird.
Ich teile dieses Video, weil ich mehr und mehr meine, dass Menschen, die anderen Menschen solches Leid antun, das Recht verwirkt haben, sich als ‚zivilisierte‘ Menschen zu sehen!




Reerdigung – Eine neue Art der Bestattung

Pietätvoll – Nachhaltig – Schön

Bild von Gabriela Piwowarska auf Pixabay

Eine neue Art der Bestattung ist seit einem Jahr in Deutschland möglich, die meines Erachtens zukunftsträchtig ist.
Sie ist pietätvoll, ökologisch nachhaltig und auch in ihrer Symbolkraft schön und friedvoll.

Diese Form der Bestattung heißt: „Reerdigung“



Die Gründer dieser Bestattungsform haben nun ein Jahr lang Erfahrungen gesammelt. Und jetzt stellen sie uns ein pietätvolles Video vor, das uns mit dieser neuen Form der Bestattung vertraut machen kann.

Ich empfehle sehr dieses Video und ich überlege selber, auch für mich persönlich diese Bestattungsform zu wählen!

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