Weiß
Manchmal hängen die besten Predigtimpulse tatsächlich im eigenen Kleiderschrank.
Bei mir sind es ein paar weiße Kleidungsstücke – Hemden, T‑Shirts, Sommerhosen.
Ich trage sie gern, besonders wenn es warm ist.
Weiß fühlt sich leicht an, frisch, frei.
Und jedes Mal, wenn ich eines dieser Stücke in die Hand nehme, erinnere ich mich an einen besonderen Moment: Als unser Chor bei einem Konzert in Gladbeck sang (s. Bild unten!) .
Wir standen alle in Weiß auf der Bühne.
Unter den bunten Lichtern der Bühnenbeleuchtung und in Kombination mit dem Schwarzlicht begann dieses Weiß fast zu leuchten – als hätte es ein eigenes Strahlen.
Es fiel auf. Es wirkte.
Es hatte etwas Heiteres und zugleich etwas Magisches.

Aber wir wissen auch: Weiß ist empfindlich.
Ein kleiner Fleck – und schon ist die Reinheit dahin.
Und das verändert unser Verhalten:
Man setzt sich vorsichtiger hin, man passt besser auf, wohin man geht. Weiß lädt ein zur mehr Achtsamkeit.
Heute, am Weißen Sonntag, ist mir diese Alltagserfahrung wieder in den Sinn gekommen.
In der frühen Kirche haben die erwachsenen Taufbewerber nach ihrer Taufe in der Osternacht ein weißes Gewand empfangen – und eine Woche später wieder abgelegt.
Eine ganze Woche lang trugen die Neugetauften dieses Gewand.
Und ich frage mich: ‚Wie mag es nach sieben Tagen ausgesehen haben?‚
Sicher nicht mehr so makellos wie in der Osternacht.
Und doch war es ein Zeichen.
Ein Zeichen dafür, dass die Getauften – wie Paulus sagt – „Christus angezogen haben“.
Können wir diese Symbolik auf uns und unseren Glauben heute übertragen?

Vielleicht zuerst: Weiß steht für Reinheit – aber nicht für Perfektion.
Durch die Taufe sind wir hineingenommen in Gottes Liebe, die uns rein macht, nicht im chemischen Sinn, sondern im Herzen.
Wir sind nicht makellos und nicht fehlerfrei, aber geliebt.
Weiß steht auch für Würde.
Wir tragen – unsichtbar, aber real – ein königliches Gewand.
Gott traut uns zu, Licht zu sein und Anteil zu haben an Christus: an seinem Königtum, seinem Priesterdienst, seinem Prophetenamt.
Das ist keine Last, sondern eine Würde, die aufrichtet.
Und Weiß steht für Leichtigkeit.
Glaube kann schwer sein, ja.
Aber er kann auch leicht sein.
Leicht wie Sommerstoff, der sich im Wind wiegt.
Leicht wie der Gedanke: ‚Ich muss nicht alles allein tragen‘.
Leicht wie die Erfahrung: ‚Ich bin erlöst – nicht durch meine Leistung, sondern durch Gottes Liebe.‘
Und schließlich: Weiß fällt auf.
Ein überzeugtes Christsein kann leuchten.
Es kann neugierig machen – nicht auf uns, sondern auf Christus.
Es kann Menschen anziehen, weil es etwas ausstrahlt, das nicht von uns selbst kommt.
Und doch kennen wir die Flecken.
Wir kennen die Momente, in denen unser inneres Weiß dunkler wird: wenn wir lieblos sind, wenn Sorgen uns die Leichtigkeit rauben, wenn wir griesgrämig werden statt erlöst zu wirken, wenn wir uns mehr um das kümmern, was uns belastet, als um das, was uns befreit.
Aber der christliche Glaube ist kein Wettbewerb um das leuchtenste Gewand.
Er ist kein Schönheitswettbewerb der Seelen.
Er ist ein Weg.

Auf diesem Weg gibt es Staub.
Es gibt Stolpern.
Es gibt Flecken.
Das Entscheidende ist nicht die Fleckenfreiheit – sondern die Haltung, wie wir damit umgehen.
So wie wir mit weißer Kleidung achtsamer umgehen, so dürfen wir auch mit unserem Glauben achtsam sein und mit dem, was er ausstrahlt:
Nicht ängstlich, nicht verkrampft, sondern wach.
Wach für das, was uns gut tut.
Wach für das, was uns schadet.
Wach für das, was uns wieder aufrichtet.
Dabei dürfen wir immer im Hinterkopf behalten:
Wir müssen diese Reinheit nicht aus eigener Kraft bewahren.
Wir dürfen sie uns schenken lassen.
Immer wieder neu.
Dieser Sonntag will uns daran erinnern, wie schön es ist, Christus „anzuziehen“ –
nicht als Pflicht, sondern als Geschenk.
Nicht als Last, sondern als Leichtigkeit.
Nicht als steife Uniform, sondern als ein Gewand der Würde und der wieder erlangten Freiheit.


