Erinnere dich …
… an das, was dich trägt
Impuls zum 11. Sonntag im Jahreskreis – A –
Das nachfolgende Lied von Peter Maffay und Noa erzählt von einem Menschen, der sich wie in einer inneren Wüste fühlt: erschöpft, ausgetrocknet, orientierungslos.
Er ruft Gott als seinen Retter an — den, der sich zu ihm verströmt und ihn trägt.
Und mitten in dieser Leere spricht Gott ein einziges Wort: „Erinnere dich.“
Erinnere dich an das Heilige, an die Quelle, die bleibt, auch wenn alles andere versiegt.
Die Worte aus der heutigen Lesung sind eine solche Erinnerung.
Gott lässt durch Mose sein Volk zurückschauen: auf den Weg, den es gegangen ist, auf die Katastrophen, die es überstanden hat, und auf den, der es durch all das hindurchgeführt hat.
Gott hat einen Plan, und er weiß, was er will.
Er will dieses Volk als sein auserwähltes Volk, als einen heiligen Priesterstamm, damit ER in seiner Nähe lebt.

Doch dieses Auserwähltsein, diese besondere Stellung in den Augen Gottes, kann im Alltag leicht verblassen.
Wenn Sorgen uns in Anspruch nehmen, wenn Ablenkungen uns zerstreuen, wenn wir uns selbst dabei ertappen, wie wir Zeit verlieren an Dinge, die uns eigentlich gar nicht guttun.
Ich kenne das aus meinem eigenen Leben.
Ich nutze das Internet viel – beruflich, aber auch zur Unterhaltung.
Und nicht alles, was da aufploppt, ist harmlos.
Manches ist banal, manches nur darauf ausgelegt, mich festzuhalten, meine Aufmerksamkeit zu binden, um daraus Profit zu schlagen.
Und manchmal erschrecke ich richtig, wie schnell ich wieder hineingeraten bin.
Aber es gibt diese Ablenkungen nicht nur digital.
Auch im analogen Leben gibt es genug, was uns wegzieht von dem, was wirklich zählt.
Und manchmal, so empfinde ich es, ist es wie ein kleiner Stoß des Heiligen Geistes, wenn ich plötzlich merke, womit ich gerade wieder meine Lebenszeit vergeude.
Ich bin sicher, dass das früher nicht anders war.
Auch das Volk Israel war in Gefahr, Gott aus dem Blick zu verlieren – nicht nur wegen der widrigen Umstände, sondern auch wegen all der kleinen Dinge, die sich zwischen Gott und das Herz schieben können.
Und so wird Mose zum Erinnernden, fast wie eine Stimme, die ruft:
„Hallo… ich bin auch noch da! Ich war immer da. Und ich möchte nicht nur helfen und retten, sondern eine Beziehung mit euch leben.“
Gott hat es nicht leicht mit uns.
Immer wieder wirbt er um uns, um unser Vertrauen, um unser Herz.
Und wir?
Mitten im Alltag, mitten in unseren Beschäftigungen und Zerstreuungen – nehmen wir dieses Werben wahr?
Auch Jesus spürt später, dass die Menschen seiner Zeit Gott aus dem Blick verlieren.
Er verurteilt sie nicht.
Er sieht ihre Müdigkeit, ihre Erschöpfung, ihre Lasten.
Und er sieht auch ihre Sehnsucht.
Denn sonst wären sie nicht in solcher Zahl zu ihm gekommen, um ihn zu hören, um etwas von Gott zu spüren.
Und heute?
Wir kennen diese Müdigkeit.
Wir kennen die Erschöpfung.
Wir kennen die Ablenkungen, die uns wegziehen von dem, was uns eigentlich trägt.
Und wir sehen sie auch bei anderen.
Doch Jesus bleibt nicht bei der Diagnose stehen.
Er sendet seine Jüngerinnen und Jünger in genau diese Welt hinein – in die Müdigkeit, in die Erschöpfung, in die Zerstreuung.
Nicht als Moralapostel, nicht als Besserwisser, sondern als Menschen, die etwas von Gottes Nähe spürbar machen.
Als Menschen, die die Sehnsucht nach Gott wahrnehmen und behutsam wachhalten.
Dafür braucht es nicht zuerst Hauptamtliche.
Dafür braucht es uns alle, die wir glauben.
Menschen, die sich selbst und andere daran erinnern, was Gott schon getan hat, wo er Halt war, wo er uns durchgetragen hat.
Menschen, die erzählen können, dass dieses Angebot Gottes allen gilt.
Und wenn wir im Evangelium hören, dass Jesus seine Jüngerinnen und Jünger zunächst nur „zu den verlorenen Schafen Israels“ sendet, dann wissen wir zugleich:
Er hat später erkannt, dass Gottes Liebe größer ist als jede Grenze.
Dass sie allen Menschen gilt.
Auch denen, die damals „Heiden“ genannt wurden.
Wäre das nicht so, säßen wir heute nicht hier.
Das ist die eigentliche Erinnerung dieses Sonntags:
dass Gott uns nicht aus den Augen verliert – auch dann nicht, wenn wir ihn aus den Augen verlieren.
Und dass er uns immer wieder anrührt, damit wir uns erinnern können.



