Warum Tadeln ohne Vergeben nicht funktioniert
– und Vergeben ohne Liebe nicht bleibt
Impuls zum 24. Sonntag – A – 2026
Bezugsschriftstellen: Jesus Sirach 27,30-28,7 sowie Matthäus 18, 21-35

Manchmal passen zwei Evangelien wie zwei Teile einer Geschichte. Letzten Sonntag ging es darum, wie man jemanden, der sich verrannt hat, wieder auf einen guten Weg begleiten kann. Ein sensibles Thema – denn im Alltag spüren wir sofort diese innere Bremse:
„Wer bin ich, dass ich andere zurechtweisen darf?“
Eine gesunde, selbstkritische Frage. Sie schützt vor Überheblichkeit.
Aber sie wirft auch eine andere Frage auf:
Dürfen wir überhaupt noch etwas ansprechen, wenn uns etwas auffällt?
Ein alter Gedanke, der heute überraschend aktuell ist
Im Evangelium dieses Sonntags taucht ein anderes Thema auf: Vergebung.
Und plötzlich wird klar, wie eng beides zusammenhängt.
Schon in der Antike gab es die Haltung:
Nur wer selbst bereit ist zu vergeben und nicht nachtragend ist, darf Kritik üben.
Die Stoiker sagten:
Wer einen anderen tadelt, muss sich selbst als fehlbar begreifen – und bereit sein, später zu vergeben.
Selbst Herrscher sollten sich daran messen lassen.
Das ist erstaunlich modern.
Denn es bedeutet: Kritik ohne Vergebungsbereitschaft ist keine Hilfe, sondern ein Schlag.
Vergebung ohne Limit – und die ehrliche Überforderung dahinter
Jesus spricht von einer Vergebung „ohne Grenze“. Nicht als mathematische Formel, sondern als Haltung.
Und wir hören innerlich Petrus seufzen – und vielleicht uns selbst:
„Das schaffe ich nie.“
Denn Vergebung ist selten ein klarer Schnitt.
Oft ist sie ein Prozess.
Der Dichter Arno Holz (1863 – 1929) hat das in seinem Gedicht ‚Vergeben? … Ich? …dir? …‘ so beschrieben:
Man vergibt – manchmal ohne es bewusst zu merken.
Die Last fällt ab.
Und dann, mitten im hellsten Alltag, taucht plötzlich eine Erinnerung auf. Ein alter Schmerz sitzt da wie eine „Kröte“ am Wegesrand.
Und die Traurigkeit kehrt zurück.
Viele kennen das.
Wir haben vergeben.
Und trotzdem meldet sich die Wunde wieder.
Das ist kein Scheitern.
Das ist menschlich.
Wenn Vergebung zur Liebe wird – und Liebe zur Treue
Vergebung bleibt nur lebendig, wenn sie mit Liebe verbunden ist – mit echter Nächstenliebe, die nicht romantisiert, sondern trägt.
Ein Beispiel, das mich immer wieder bewegt, ist Janusz Korczak.
Er blieb im Warschauer Ghetto bei seinen Waisenkindern, obwohl man ihm Flucht anbot. Er wirkte beruhigend auf ‚seine Kinder‘ und ging mit ihnen den letzten Weg bis in die Gaskammer des KZ Treblinka.
Seine Haltung zeigt:
Liebe ohne Verzeihen gibt es nicht.
Und Verzeihen ist etwas, das man immer wieder einüben muss … und vielleicht kommt man ja bis zu seinem letzten Atemzug an kein Ende ….!
Menschen wie Korczak, die Unvorstellbares erlebt haben und dennoch vergeben wollen, machen Vergebung glaubwürdig.
Sie zeigen:
Vergebung ist ein Weg.
Kein Sprint.
Kein einmaliger Akt.
Ein Weg, den man immer wieder beginnt.
Zum Schluss das Gedicht „Zyklus der Liebe“ von Christian Amann.



